Ein nacktes Ohr am Hasenbein der Liebe - Theater Neumarkt Zürich
Fette Möhre und Klotz am Bein
21. Oktober 2025. Frischer Wind am Zürcher Neumarkt Theater. Die neue Intendanz startet mit neuer Dramatik. Und zwar so richtig. Rebekka Kricheldorfs neues Stück surft auf den Spuren von Georges Feydeau. Uraufführungs-Regisseur Matthias Huser geht mit tollem Ensemble in die Vollen.
Von Andreas Klaeui
"Ein nacktes Ohr am Hasenbein" von Rebekka Kricheldorf (Regie: Matthias Huser) am Neumarkt Theater Zürich © Philip Frowein
21. Oktober 2021. Nicht nur das Zürcher Schauspielhaus, auch das benachbarte Theater Neumarkt startet diese Saison mit einer neuen Intendanz: nämlich dem Westschweizer Autor und Regisseur Mathieu Bertholet, der zuvor zehn Jahre in Genf das Theater Poche geleitet und zu einem Hotspot für zeitgenössische Dramatik gemacht hat.
Neue Stücke stehen nun auch im Neumarkt auf Bertholets Spielplan, dazu gibt’s neu einen basisdemokratischen Publikumsrat sowie einen basisdramaturgischen Leserat und ein aufgestocktes dreizehnköpfigen "Ensemblö" mit französischem Akzent. Wie Bertholet in Genf bereits immer auch auf die deutschsprachige Gegenwartsdramatik geschaut hat, wird er in Zürich den Blick nach Westen erweitern und mit seinen Kollektiv-Entscheidungswegen am Theater womöglich eine kleine französische Revolution anstiften.
Die Lächerlichkeit der Tragödie
Nach einem auffallend ruhigen, nachdenklichen Saisonstart mit dem französischen Autor Guillaume Poix und bevor sich Bertholet selbst als Regisseur einem Schweizer Nationalmythos widmet, der "Gastrodragonerin" Gilberte de Courgenay, kommt nun das französisierende Stück einer deutschen Autorin zur Premiere, "Ein nacktes Ohr am Hasenbein der Liebe oder Wie man wider Willen Klötze floht“ von Rebekka Kricheldorf.
In dem skurril verschobenen Titel klingen Stücke von Georges Feydeau an, dem Übervater des Pariser "Vaudeville". Ein Klotz am Bein, der Floh im Ohr, Monsieur Chasse und so weiter. Komödien, die ihren kaustischen Witz aus soziologisch präziser Beobachtung und absurdem Mutwillen beziehen und in denen eine banale Situation jeweils schon durch die leichteste Gewichtsverschiebung in die Katastrophe ausartet. Die Lächerlichkeit der Tragödie – das ist allerdings Rebekka Kricheldorfs Stilmittel seit je.
Hedonistischer Scherbenhaufen
Französischer Boulevard auf deutschsprachigen Bühnen ist ein rutschiges Pflaster. Sie tun sich oft schwer mit der geforderten Leichtigkeit und "Allégresse", einer Heiterkeit, deren Pointe eher im Anspiel liegt als in der Torte im Gesicht. Kricheldorf entgeht der Falle, indem sie sich gar nicht erst auf eine Feydeau-Überschreibung einlässt. Klar, sie bedient sich beim boshaften Meister, überformt ihn jedoch mit zeitgenössischem Biss. Wie im Stücktitel oder in einem irren Kaleidoskop purzeln die Feydeau-Motive und -Mechaniken durcheinander bis zur Unkenntlichkeit. Kenntlich wird der Scherbenhaufen einer hedonistischen Bubble von heute.
Verwirrte Hedonistin mit unsicherem Beziehungsstatus? © Philip Frowein
Sie sind um die Dreißig, hängen an ihrem jugendlichen Lebensgefühl und suchen die Liebe ihres Lebens beziehungsweise die "fette Möhre", wie es eine Figur subtil ausdrückt, auf dem Weg dazu ist auch ein verkaterter Crush okay: Louise und ihr Mitbewohner Momo, ihre Besties Claire und Rose oder auch Leonard, "Mamans Sohn". Maman selbst ist ein spätes Blumenkind und ortet das Selbst, für das alle immer geliebt werden wollen, am ehesten noch im Portemonnaie. Heiße Rollmops-Boten und Kellner im "Romantikhotel Rosenstolz“ sowie eine Horde Psychologen tun das Übrige, um Beziehungsstati und Liebessehnsüchte gehörig durcheinander zu wirbeln.
Fliegende Rollen- und Perückenwechsel
Zwischen "verlorsoffenen" Wohnungsschlüsseln und amourösen "Restschnapsideen" spannt Kricheldorf eine turbulente Freakshow des Eros auf, in der einer auch mal Rousseau, Sartre und Wittgenstein als Anturner braucht und eine andere dummerweise echtes Glück mit Eheglück verwechselt. Man muss da schon genau hinhören. Und wie sich das vermeintliche Art déco am Ende als Ikea entpuppt, erweist sich auch der Verlobungsring als Alufolie – mit dieser Diagnose ist Kricheldorf dann allerdings wieder ganz bei Feydeau.
Die vier Spieler:innen Chady Abou-Nijmeh, Anouk Barakat, Martin Butzke und Lisa Ursula Tschanz lassen das Einhorn-Psychogramm im fliegenden Rollen-, Kostüm- und Perückenwechsel aufs schönste eskalieren, mit einem umfassenden Sinn für Melodramatik und das menschliche Stolpern darüber. Wo ein Fehltritt sich am Horizont abzeichnet, liegen diese Figuren schon flach auf dem Bauch.
Harte Träume, keine Reue
Regisseur Matthias Huser bedient sich der nämlichen Methode wie Kricheldorf und mixt virtuos die Stilmittel des Boulevard – perfekt getimter Slapstick, rascher Schlagabtausch, schamlos überdrehte Situationen, nur keine klappenden Türen, die Wohnungstür ist von Anfang an eingetreten. Auch der Überfranzose fehlt nicht mit Akkordeon und Baguette unter dem Arm, "Non je ne regrette rien" auf den Lippen. Harte Beats vom Musiker Michael Sauter, harte Spirituosen auf dem Clubtisch, harte Träume ohne Reue. Naturgemäß endet alles im Chaos, respektive bei Meat Loafs "I'd Do Anything for Love". Ja, was tut mensch nicht alles für die Liebe!
Ein nacktes Ohr am Hasenbein der Liebe oder Wie man wider Willen Klötze floht
von Rebekka Kricheldorf
Inszenierung: Matthias Huser, Bühne: ortreport, Kostüme: Sophie Reble, Außenblick: Oliver Roth, Live-Musik: Michael Sauter.
Mit: Chady Abou-Nijmeh, Anouk Barakat, Martin Butzke, Lisa Ursula Tschanz.
Uraufführung am 20. Oktober 2025
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
www.theaterneumarkt.ch
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