Warum redet eigentlich niemand laut darüber, dass Berlin den Diskurs über die inneren Wunden der Stadt noch immer braucht?

von Christian Rakow

Berlin, 24. April 2015. Am Ende ging es dann sehr schnell, fast schon Hals über Kopf. Gestern die Bestätigung der Personalie im Abgeordnetenhaus, heute die um eine Woche vorgezogene Pressekonferenz zur Vorstellung von Chris Dercon als Intendant der Berliner Volksbühne ab der Spielzeit 2017/2018. Es galt, einen Kandidaten, den man eigentlich mit Pauken und Trompeten inthronisieren wollte, noch einigermaßen rechtzeitig aus der Schusslinie zu ziehen, bevor er restlos durchlöchert ins neue Amt wie in ein Lazarett wanken würde.

Verkannte Debatte

Denn anders als noch bei der Besetzung der Gorki-Intendanz 2013 gab es dieses Mal kein blindes Herumstochern (Nicolas Stemann, Herbert Fritsch, Namen, die man auch für die Volksbühne auf der Rechnung gehabt hätte). Der erste Leak war gut, und er ließ entsprechend honorige Kombattanten hervortreten: Claus Peymann, Jürgen Flimm, Kusej/Khuon/Lux, das Who-is-Who der Metropolentheaterlandschaft. Ihr Tenor: Schützt das Ensemble- und Repertoiretheater an der Volksbühne, schützt die Tradition des Hauses, bewahrt Berlin vor einer weiteren Gastspielstätte vulgo "Event-Bude" Marke HAU, Marke Berliner Festspiele. Diese Aufrufe als das letzte Aufflackern eines Ancien Regime abzutun oder – wie man an der Volksbühne zu sagen pflegt – zu "narkotisieren", verkennt den Wert der Debatte, die nicht nur die Grundpfeiler der Berliner, sondern der gesamtdeutschen Theaterlandschaft betrifft. Und diese Debatte wird weiterzuführen sein; man kann sie von heute an auch adressieren: an Chris Dercon.

PK Dercon 560 chr uIm Focus: Tim Renner, Staatssekretär für Kultur und Chris Dercon, Volksbühnenchef in spe, heute Nachmittag auf der Pressekonferenz im Roten Rathaus. © chr

Freitagnachmittag,15 Uhr, Pressekonferenz im Roten Rathaus

Da sitzt er, der Mann, der das Haus der Kunst München aufgepäppelt hat (2003-2011) und aktuell an der Tate Modern in London reüssiert, also auf dem Olymp der Gegenwartskunst. Gut gebräunt, das graumelierte Haar ist locker gescheitelt, das schwarze Hemd knapp über Brusthöhe geöffnet. Chris Dercon navigiert sich souverän, mit wohl gesetzter Selbstironie, zwischen den Gräben hindurch, spendet das obligate Lob für das Erbe von Frank Castorf (und Max Reinhardt und Erwin Piscator) und erhebt seinen Anspruch auf Erneuerung, Kollaborationen und auf frische Versuche, die "Stadt als Bühne mitzuinszenieren". Die Andeutungen sind zwei Jahre vor einer Spielplanpräsentation notgedrungen vage. In "Theater und Internet" (Tim Renners Leib- und Magenthema) wolle man auch machen. In der eher behutsamen Fragerunde bleibt Dercon selbst dann noch freundlich, aber bestimmt, als ein Journalist ihm vorwirft, das neu berufene Team sei ja nun alles andere als "cutting edge" (zu Deutsch: nicht gerade der letzte Schrei).

Eine Entwarnung gibt's: Auch unter Chris Dercon und seinem medienübergreifend zusammengewürfelten Team soll es mit dem Ensembletheater am Rosa-Luxemburg-Platz weitergehen, genauer: mit einem "heterogenen Ensemble mit Leuten, die tanzen, singen und schauspielern" (womöglich sogar alles in einem). Gut so. Ein Haus braucht seine Köpfe. Martin Wuttke, Sophie Rois, Fabian Hinrichs, Lilith Stangenberg, Kathrin Angerer – in Scharen haben Kritikerkolleg*innen in den letzten Tagen nachgerechnet, dass unter den prägenden Gestalten der aktuellen Volksbühne kaum noch feste Ensemblemitglieder spielen. Bitte, fängt man jetzt schon an, der Personalverwaltung nachzueifern?!

Identitätsstiftende Präsenz

Ensembles entstehen in regelmäßigen Arbeitszusammenhängen. Dafür sind Festverträge ein guter Startpunkt, weil sie vom Marktdruck entlasten und Freiraum schaffen, einen gemeinsamen Geist aufzusaugen und mitzuprägen. Wenn's läuft, dann funktioniert ein Ensemblehaus für seine Protagonist*innen wie ein mächtiger Magnet: mit Spieler*innen, die da sind (Lilith Stangenberg), die kommen und gehen (Fabian Hinrichs), die manchmal auch wegbleiben (Henry Hübchen, für immer ein Volksbühnenspieler).

Dem suggestiven Bild meines Kollegen Matthias Weigel von Ensemblehäusern als Tankstellen in den Steppen der Prekarisierung darf man getrost den Klagegesang von den Nomaden der freien Szene entgegenhalten. Mit dem Unterschied, dass viele freie Künstler erst einmal von Antrag zu Antrag ziehen, und nicht schon von Bühne zu Bühne (Jens Roselt hat von dem Leid eindrucksvoll berichtet). Dass antragsbasierte Kunst im Ergebnis zumeist spontaner, unfertiger, in allem auch reaktiver und je von der neuesten Politsau im Dorfe umgetrieben ist (NSA, NSU, whatever), liegt in der Natur des kurzatmigen Geschäfts.

Mithin meint der derzeit so polemisch verwendete Begriff "Event" nicht, dass ein Ereignis strahlt (wie zurzeit die Oper von Pollesch und Dirk von Lowtzow oder die Werke Herbert Fritschs), sondern dass es leider nur kurzzeitig verfügbar ist. Als ich Freunden das famose Before Your Very Eyes von Gob Squad nach seiner Premiere am HAU 2011 empfahl, war das Stück erst einmal für Monate vom Spielplan verschwunden, weil längst auf Tour durch die halbe Welt. Deshalb sind Repertoire-Strukturen am Ort wichtig: Sie halten Zentralereignisse präsent, sie stiften Identität und erlauben überhaupt erst ein andauerndes Gespräch über Theater. "Ich liebe den römischen Kalender, ich will 365 Tage im Jahr Theater spielen", sagte Dercon auf der Pressekonferenz. Ein klares Bekenntnis zum echten Repertoiresystem war das noch nicht.

Mit dem Rücken zum Publikum

In einem Interview, das Chris Dercon 2012 als Leiter der Tate Modern dem Journalisten Max Dax (Electronic Beats Magazine) gegeben hat, berichtet er von einer seiner liebsten Fragen an ihn: Ob das Wort "Kurator" eigentlich von "curare" (lat. heilen) oder von "taking care" (sich kümmern) herrühre. In seiner Antwort wie im ganzen Interview stellt sich Dercon überzeugend als Kommunikator vor, als jemand, der mit seinen Besuchern einen Dialog auf Augenhöhe sucht. Das Bild hat er bei der Pressekonferenz mit Leben gefüllt. Und die Haltung ist aller Ehren wert. Es fragt sich nur, ob wir in Berlin nicht schon genug sympathische Kunstvermittler in leitenden Theaterpositionen haben.

Ich habe an der Volksbühne immer einen Gedanken bewundert, den René Pollesch der Lehrstücktheorie Bertolt Brechts abgelauscht hat: dass das Theater als Bühne ohne Publikum zu erfinden sei, dass eine radikale Bretterkunst gewissermaßen mit dem Rücken zu den Leuten gespielt werde. Diese Überzeugung steckt hinter den stundenlangen Totalkunstexerzitien von Frank Castorf bis Vinge/Müller, ebenso wie hinter den kurzen, amüsanten, aber in ihren Diskursschleifen noch immer maximal deutungsschweißtreibenden Stücken eines René Pollesch. Es ist dieser Geist kompromissloser künstlerischer Autonomie, der dem Haus den lebendigen Anschluss an die Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts erlaubte, der es von der Bühnentechnik bis in die Leitungsebene durchzieht. Dass Sperrigkeit und "Unverständlichkeit" ein unverzichtbarer Wert ästhetischer Erfahrung sind, weil allein das Widerständige zur akribischen Beschäftigung einlädt, lebt kein Theater wie die Volksbühne vor. Bis dato.

Kraftwerk des Gegendiskurses

Das Scheitern der letzten vergleichbaren Großunternehmung "Centraltheater Leipzig" hat bewiesen, dass außerhalb einer Metropole wie Berlin mit einem breiten Spektrum an Alternativangeboten kaum mehr solche ästhetischen Freiräume zu kreieren sind. Eben deshalb gehen alle Blicke zum Rosa-Luxemburg-Platz. Wie viel Volksbühne steckt drin, heißt es, wenn sich Repertoire-Theater auf dem Land mal einen vereinzelten verstiegenen Hartmann, Borgmann oder Laberenz gönnen. In Zeiten der Ökonomisierung und Standardisierung aller Bildungssysteme, der Bonsaischnippelung Bologneser Art, war und ist die Volksbühne das Kraftwerk des Gegendiskurses. In ökonomischen Begriffen: ein Luxus.

Soviel zur Ausstrahlung nach außen, um die es in der Volksbühnendebatte scheinbar ausschließlich geht ("Be Berlin" lautet das Signal; die Hauptstadt will mit London, New York, was auch immer auf Augenhöhe treten; "wir sind die europäische Metropole", wurde der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller auf der Pressekonferenz nicht müde zu betonen).

An den Crossroads

Eher verhuscht spricht man über die Rolle des Hauses innerhalb Berlins. "Ost" steht in riesigen Lettern über dem Portal der Volksbühne. Das Theater hat in seinem kruden Mix aus alter und neuer linker Theorie auch eine höchst integrative Funktion. An den Crossroads zwischen Marx und Zizek, zwischen Brecht und Judith Butler konnten sich Intellektuelle Ost wie West gut finden. Warum redet eigentlich niemand laut darüber, dass Berlin diesen Diskurs über die inneren Wunden der Stadt noch immer braucht?

Chris Dercon sagt, er wolle jetzt vor Ort viele Gespräch führen, wolle "lernen". Der gebürtige Belgier wird zusehen müssen, dass er sich nicht mit seiner Landsmännin Annemie Vanackere vom HAU gegenseitig das Wasser abgräbt. Wenn die Profile nicht scharf getrennt sind, stellt das über kurz oder lang eine der Bühnen infrage. Und schlimmer als alle heutigen Sorgenträger aus Presse und Kulturleben wäre allemal der Totengräber. Vielleicht kommt auch beizeiten ein regieführender Verrückter angesprungen und reißt den nächsten freiwerdenden Tanker an sich. Alle paar Dekaden ist ja ein Genie fällig.

 

rakow kleinChristian Rakow, geboren 1976 in Rostock, ist nachtkritik.de-Redakteur und Mitkurator der Konferenz "Theater & Netz". Er studierte Germanistik und Philosophie in Rostock, Sheffield und Berlin und promovierte in Literaturwissenschaft (Deutsche Philologie) in Münster. U.a. schreibt er auch für die Berliner Zeitung und Theater heute.

 

 

Alle wichtigen Meldungen, Interviews und Pressestimmen zur Diskussion um die Berliner Kulturpolitik, die Zukunft der Berliner Volksbühne, die Nachfolge Frank Castorfs und die Personalie Chris Dercon finden sich auch in unserer Chronik zum Berliner Theaterstreit.

Außerdem hier die Polemik von Matthias Weigel wider die Ensembletheater-Nostalgie.

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