Später ist zu spät

19. Januar 2025. Erich Kästners "Fabian" hat weiter Konjunktur auf den Bühnen. Nun lässt Regisseur Georg Schmiedleitner die Titelfigur durch eine krisengeschüttelte Vorkriegszeit treiben. In einem Turbinen-Bühnenbild, in dem Fabian in Schräglage gerät. Und auch sonst kommt so einiges gelungen zusammen.

Von Verena Großkreutz

Erich Kästners "Fabian - Der Gang vor die Hunde" von Georg Schmiedleitner inszeniert am Theater Heilbronn © Candy Welz

19. Januar 2025. "Drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen, ehe sie die Macht übernommen haben", lautet die Lehre, die Erich Kästner aus den Geschehen des Jahres 1933 zog. "Es ist eine Angelegenheit des Terminkalenders, nicht des Heroismus", schrieb er in seinem Essay "Über das Verbrennen von Büchern": "Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät." Hört, hört, liebe Demokrat:innen, möchte man derzeit in die Welt schreien. Nehmt ernst, was einer, der den Untergang einer Demokratie miterlebt hat, euch zu sagen hat: "Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf. Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich begraben hat", so Kästner.

Der Mann stand am 10. Mai 1933 – mit der Faust in der Tasche – selbst dabei, als Nationalsozialisten seine Bücher auf dem Berliner Opernplatz verbrannten. Darunter auch sein Roman "Fabian – Der Gang vor die Hunde". Der erschien 2013 erstmals in ungekürzter Originalfassung. 2021 kam Dominik Grafs Verfilmung des Stoffs in die Kinos. Und auch die Theater spielen "Fabian" mittlerweile landauf, landab (zum Beispiel von Philipp Arnold am Münchner Volkstheater inszeniert oder von Frank Castorf am Berliner Ensemble). Schließlich verstand Kästner seinen Roman als Warnung. Wir sollen bloß nicht so passive Beobachter:innen wie der Werbetexter Jakob Fabian bleiben, der sich Anfang der 1930er Jahre durchs sensationslustige Berliner Nachtleben treiben lässt, durch Bordelle, Unterweltkneipen, Künstlerateliers, wo sich exzessive Lebenslust und sexuelle Freizügigkeit Bahn bricht, um vom Wesentlichen abzulenken.

Abtauchen ins Nachtleben

Klar, Fabian ist kein Mitläufer, er ist zudem empathisch. Reicht aber nicht. Werdet tätig, will Kästner uns vermutlich sagen: so früh wie möglich. Und diese Botschaft wird von Woche zu Woche dringlicher, macht "Fabian" immer noch aktueller, wie jetzt auch in einer bemerkenswerten Inszenierung von Georg Schmiedleitner am Theater Heilbronn zu erleben ist. Warum gelungen? Weil sie die perfekte Balance findet zwischen Abstraktion und Konkretisierung, zwischen Satire und Ernst, zudem viele eindrückliche Bilder findet für Kästners dichterisches Panoptikum präfaschistischer Zeiten – dank des trefflich miteinander agierenden neunköpfigen Ensembles.

In Balance zwischen abstrakter und konkreter Gefahr, zwischen Satire und Ernst: das Ensemble in "Fabian" © Candy Welz

Am Anfang sieht man nur Beine Charleston tanzen, ohne Musik, arhythmisch, stampfend.
Spaß wollen sie haben, die Getriebenen. Eine hitzig aufgeladene und nervöse Zeit ist das. Derweil drohen die Marschierenden. Die Kostüme von Cornelia Kraske, mal schwarz-weiß, mal bunt glitzernd, brechen den Twenties-Look mit Rüschen, Springerstiefeln und pinken Tutus – und auch mit windschiefem Bob oder Herrenwinker an männlicher Schläfe.

Schleudergang der Turbine

Im Mittelpunkt der Bühne von Stefan Brandtmayr steht eine weiße Riesenturbine, deren sechs Schaufeln genug Platz lassen, um dazwischen zu wohnen. Mit Durchgängen wie auf einem Raumschiff, mit Griffen und Wandsprossen zum Klettern wie in U-Booten. Die Turbine als Metapher für menschenfeindliche Technokratien, als Vorstufe des Faschismus? Fürs Sich-im-Kreis-drehen der Gesellschaft und für Fabians Passivität? Schließlich rotiert die Turbine ja nicht, bleibt starr. Egal. Bühnenbilder sind perfekt, wenn sie spielerische Bewegung erzwingen.

Fabian 2 CCandyWelz uFabian in Schräglage gebracht: Das Turbinen-Bühnenbild von Stefan Brandtmayr © Candy Welz

Also: Wie das Ensemble drinnen und drüber klettert, akrobatisch sich verdreht, wie die Schaufeln Fabian in Schräglage bringen: Toll! Felix Lydike, in blutrotem Anzug, spielt ihn mit jugendlicher Emotionalität, gibt sich zunächst erstaunt über die vielen grenzüberschreitenden Persönlichkeiten, die ihm an die Wäsche gehen, bis er sich verliebt. Tobias Loth als sein vermögender, über Lessing sich habilitierender bester Freund Labude wirkt dagegen schon fast ein bisschen altväterlich.

Unter der Turbine läuft eine Rampe durch, die erst im Publikum endet. Wenn die Drehscheibe sich in Bewegung setzt, geht die Turbine mit. Sehr imposant. Auf der Rampe wird derweil virtuos von Episode zu Episode gehüpft. Wozu weiteres Bühnen-Interieur? Wozu Requisiten, wenn die handlungserklärende Prosa des dialogreichen Romans – gesprochen sowohl chorisch als auch solo – alles genau beschreibt?

Irgendwo, irgendwie, irgendwann

Dort begegnet Fabian Revue-Girls mit monströsem Federkopfschmuck, einem wichsenden alten Mann, der Frauen schlägt, wird mit einem tödlichen Straßenkampf zwischen Kommunisten und Nazis konfrontiert, mit Armut und Hunger, wird gekündigt. Mutter-Briefe werden rezitiert und Labudes Abschiedsbrief: Er brachte sich um, weil er einer gezielt gehässigen Falschinformation Glauben schenkte.

Ins Bühnenbild integriert ist auch ein Konzertflügel. Daran agiert Johannes Zimmermann als Stimmungsmacher, unterlegt das Geschehen ständig mit Klängen: mit zarten Glitzerarpeggi, finster-gewalttätigen Kakophonien, tritonusgetränkten Dauerschleifen, gezupften Tönen durch Griff in die Saiten. Und zuweilen switcht Zimmermann in die Hits der Twenties, die von Ensemblemitgliedern live gesungen werden. Ob "Kann denn Liebe Sünde sein?" oder "Ich bin von Kopf bis Fuß". Ein besonderes Highlight: Wenn das Ensemble den Comedian-Harmonists-Hit "Irgendwo auf der Welt" intoniert, sich die Phrasen mal aufteilt, sie mal chorisch singt, dann den Schlussrefrain frühzeitig beendet: "Irgendwo, irgendwie, irgend …" Das "… wann" bleibt als unausgesprochene, bange Frage im Raum stehen. Ab in die Pause.

Verlorenheit

Arbeit weg und die Liebe, Freund tot. Mit Fabians Ende trieb Kästner dessen Verlorenheit, Außenseitertum, Ignoranz gegenüber der eigenen Lage auf die ironische Spitze: Fabian will einen kleinen Jungen vor dem Ertrinken retten, springt in den Fluss und ertrinkt selbst – weil er nicht schwimmen kann. Auch das wird pointiert in Szene gesetzt: Felix Lydike im Rampenlicht kippt einfach nach hinten weg. Black.

Fabian – Der Gang vor die Hunde
von Erich Kästner
für die Bühne bearbeitet von Gero Vierhuff
Regie: Georg Schmiedleitner, Bühne: Stefan Brandtmayr, Kostüme: Cornelia Kraske, Musik: Johannes Zimmermann, Licht: Harald Emrich, Dramaturgie: Sophie Püschel.
Mit: Felix Lydike, Tobias Loth, Romy Klötzel, Juliane Schwabe, Oliver Firit, Tobias D. Weber, Sabine Unger, Gabriel Kemmether, Johannes Zimmermann.
Premiere am 18. Januar 2025
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause

www.theater-heilbronn.de

Kritikenrundschau

"In der so klugen wie unterhaltsamen und nachhallenden Inszenierung von Georg Schmiedleitner gelingt im Großen Haus des Heilbronner Theaters eine Produktion, bei der bis auf wenige Längen alles stimmt und die das Premierenpublikum nach zweidreiviertel Stunden (mit Pause) gebührend feiert", schreibt Claudia Ihlefeld in der Heilbronner Stimme (20.1.2025). 

Kommentare  
Fabian, Heilbronn: Aus einem Guss
Was für ein großartiger Abend. 100 Prozent Zustimmung zu dieser Nachkritik von Verena Großkreutz. Szenografisch, spielerisch, musikalisch ist dieser "Fabian" aus einem Guss. Mit einem starken, sehr homogenen Ensemble, dessen Spiel man die Dringlichkeit der Thematik anmerkt. Die Atemlosigkeit des Treibens auf der Bühne hält uns Zuschauer im Bann. Bei so manchem Satz des 95 Jahre alten Textes ist die Parallele zu unseren Tagen erschreckend deutlich. Die Inszenierung zeigt die Situation noch auf der Kippe, an einem Punkt, wo man das Ruder noch hätte herumreißen könnte. In so einem Moment befinden wir uns auch gerade! Deshalb, unbedingt anschauen!
Fabian, Heilbronn: Spaltung der Gesellschaft
Die Aufführung ist spannend und wird von engagierten Schauspielern getragen. Ein lohnender Besuch.
Was mir die Aufführung aber auch gezeigt hat ist, wir leben heute in einer anderen gesellschaftlichen Situation. Massenarbeitslosigkeit und Hunger haben wir nicht in dieser Form, es gibt keine SA Haufen, die durch die Straßen ziehen, es gibt keine kommunistischen Kolonnen, die sich mit Ihnen Straßenschlachten liefern. Der strukturelle Judenhass der Weimarer Zeit ist nicht mit der heutigen Diskussion zur Migrationspoltik vergleichbar und wir bilden auch nicht das Berliner Sittengemälde von damals wieder ab.
Das Einzige, das mir parallel erscheint, ist die Spaltung der Gesellschaft in zwei unversöhnlich sich gegenüberstehende Blöcke. Und es arbeiten alle poltischen Aktuere gemeinsam daran, dass sich diese Spaltung weiter vertieft.
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