Mackie Messers Wahlerfolg

16. Juni 2024. Im Conferencier-Ton, mit Revue-Girls und grellen Kostümen geht Regisseur Christian Weise seine "Dreigroschenoper"-Inszenierung an. Den größten Gauner des Stücks spielt Annemarie Brüntjen, was in Übereinstimmung mit der Gegenwart steht. Was der Abend sonst noch will, wird erst spät deutlich.

Von Thomas Rothschild

Bertolt Brechts "Dreigroschenoper" von Christian Weise in Mannheim inszeniert © Christian Kleiner

16. Juni 2024. In Halle hat Annemarie Brüntjen vor einigen Jahren die Polly in der "Dreigroschenoper" gespielt. Mittlerweile Ensemblemitglied in Mannheim und Trägerin des Therese Giehse Preises, was im Zusammenhang mit Brecht als Hypothek gelten darf, hat sie offenbar verlangt: Lasst mich, nein, nicht den Löwen auch, aber immerhin Macheath spielen, und so kommt es zum Beleg, dass einer der größten Gauner der Theatergeschichte auch eine Frau sein kann. Was in schöner Übereinstimmung steht mit den jüngsten Wahlerfolgen von Giorgia Meloni, Marine Le Pen und Alice Weidel. Unterschieden lediglich dadurch, dass Macheath alias Mackie Messer vergleichsweise sympathisch ist.

Wie man sich von der Frau zum Mann und zurück verwandelt, durfte Brüntjen ja schon, in diesem Fall vom Autor so vorgesehen, vor etwas mehr als einem Jahr am gleichen Interimsort des Sanierungsfalls Nationaltheater, dem Alten Kino Franklin, im Guten Mensch von Sezuan demonstrieren.

Super-Klassiker 

Es gehört zu den ironischen Eigenschaften der Kunstgeschichte, dass Werke, deren Verfasser angetreten sind, die "Klassiker" des Genres der Lächerlichkeit preiszugeben, zu überwinden, auf den Misthaufen der Geschichte zu verweisen, entweder vergessen oder selbst zu "Klassikern" werden. "Die Dreigroschenoper" von Bertolt Brecht und Kurt Weill zählt zur zweiten Kategorie, in einem Ausmaß, dass große Teile des Publikums, nicht anders als bei "Wilhelm Tell" oder bei "Fidelio", genau zu wissen meinen, wie sie aufgeführt werden müsse.

Dreigroschenoper5 christian kleinerKein Revuegirl, sondern Mackie Messer: Annemarie Brüntjen in Christian Weises "Dreigroschenoper" © Christian Kleiner

Christian Weise in Mannheim schert sich nicht darum, ohne seinem Publikum allzu große Toleranz abzuverlangen. Es bekommt im Großen und Ganzem, was es sich wohl erwartet, und bedankt sich mit anhaltendem Applaus, besonders für Mackie Brüntjen. In Mannheim beginnt die "Dreigroschenoper" nicht als Oper, die "so prunkvoll gedacht war, wie nur Bettler sie erträumen", und so billig, "dass Bettler sie bezahlen können", und weder mit Macheath, noch mit dem Moritatensänger, sondern mit dem Conférencier aus "Cabaret": Willkommen, Bienvenue, Welcome. Der Ton der Inszenierung ist angeschlagen. Revuegirls belagern fortan die Bühne. Wenn der Jonathan Jeremiah Peachum von Gott singt, falten sie die Hände.

Pickelhauben und schwarzweiße Uniformen

Annemarie Brüntjen spielt den Macheath und auch den Moritatensänger mit zackigen Bewegungen, großsprecherischen Gesten, Gängen, die sie dem rosaroten Panther abgeschaut haben könnte, leicht zurückgelehnt, als wollte sie sagen: "Seht her, wer ich bin!" Peachums Frau ist ein Mann. Ob damit der Geschlechterproporz ausgeglichen werden sollte? Eine andere Bedeutung für diese Besetzung war nicht zu erkennen. Der Polizeichef "Tiger" Brown trägt eine Pickelhaube und eine schwarz-weiße Uniform wie Mussolini oder Göring. Als Gegenspieler und Kumpan von Mackie Messer in einer Person besticht Matthias Breitenbach durch unaufdringliche Präsenz.

Aus der kleinen Rolle der Lucy holt Shirin Ali nicht nur Komik, sondern so etwas wie eine Charakterzeichnung heraus. Das "Eifersuchtsduett", mit dem sie und Polly einander gegenüberstehen, gehört szenisch wie musikalisch zu den Höhepunkten der "Dreigroschenoper", nicht nur in Mannheim, aber auch hier. Mackie klemmt wie ein deutscher Buster Keaton gefesselt zwischen den beiden Rivalinnen. Mit der "Grabschrift", die bekanntlich von François Villon stammt, erreicht die Aufführung dann ihre höchste Intensität. Und die Girls fehlen überhaupt nicht.

Alles Groteske

Alles tendiert bei Christian Weise zur Groteske. Die Kostüme in Grautönen sind mal gestreift, seltener kariert. Dem Revuecharakter der Inszenierung entspricht es, dass einzelne Songs, etwa jener von der Seeräuberjenny oder der "Barbara-Song", als "Nummern" vorgetragen werden. Jessica Higgins als Polly Peachum singt sie herausragend, großteils im Falsett. Über diese Songs hinaus werden viele Szenen an der Rampe, mit Blick ins Publikum präsentiert – ein enges Verständnis von Verfremdung.

Dreigroschenoper 4 CChristianKleiner uJessica Higgins als Polly Peachum und Annemarie Brüntjen als Macheath © Christian Kleiner

Dem Sprachreinigungswahn sind die Verse "Und es begegnete Ihnen 'ne neue Rasse 'ne braune oder blasse" aus dem Kanonensong zum Opfer gefallen. Stattdessen singen Macheath und "Tiger" Brown: "Und es begegnet Ihnen 'ne neue Clique 'ne arme oder schicke". Das ist umso lächerlicher, als die beiden ehemaligen Militär-Kameraden durchaus glaubwürdig Rassisten sein dürften, die nicht daran zweifeln, dass es Rassen gibt.

Es gibt in Mannheim keine Kulisse, auch nicht den im Text erwähnten Pferdestall, bloß im Verlauf des Abends das aufgerissene Maul eines Riesenhaifischs, dessen Rückseite sich in die Gefängniszelle verwandelt, in der Macheath auf den Galgen wartet und aus der er von des Königs reitendem Boten gerettet wird.

Brechts Kapitalismuskritik

Zu den Pluspunkten der Aufführung zählt das Orchester in der Besetzung der Uraufführung mit Theo Mackeben unter der Leitung des (kostümierten) Jens Dohle vom Schlagzeug aus. Das ist mehr als nur eine Nebensache. Die Musik, auch ihre Instrumentierung, ist bei der "Dreigroschenoper" erheblicher als in irgendeinem anderen Theaterstück für die Sprechbühne. Der Titel ist mehr als bloß ironisch.

Kurz vor dem Ende wird in Mannheim eine unverhohlene Kapitalismuskritik angehängt, die Brecht nach der Uraufführung der "Dreigroschenoper" hinzugefügt hat, die aber in keine Bühnenfassung integriert wurde. Sie bringt die eigentliche Bedeutung dieses Stücks auf den Punkt und bleibt aktuell. Jedenfalls so lange der Kapitalismus besteht.

Die Dreigroschenoper
Ein Stück mit Musik in einem Vorspiel und acht Bildern von Bertolt Brecht nach John Gays "The Beggar's Opera" übersetzt aus dem Englischen von Elisabeth Hauptmann.
Musik von Kurt Weill
Regie: Christian Weise, Bühne und Kostüme: Joki Tewes/Jana Findeklee, Licht: Robby Schumann, Musik: Jens Dohle, Choreografie: Alan Barnes, Dramaturgie: Franziska Betz, Kunst und Vermittlung: Ronja Gerlach.
Mit: Patrick Schnicke, Sandro Šutalo, Jessica Higgins, Annemarie Brüntjen, Matthias Breitenbach, Shirin Ali, Omar Shaker, Maria Munkert.
Premiere am 15. Juni 2024
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

Kritikenrundschau

Christian Weises Inszenierung nähere sich "dem bald hundertjährigen Klassiker eher unaufgeregt", schreibt Dietrich Wappler in der Rheinpfalz (17.6.2024, €), entwickele "in der Beschäftigung mit der offenbar unkaputtbaren Vorlage allerdings solch kreative Spiellust und satirische Energie, dass auch das Publikum seinen Spaß hat".

Von einem "unterhaltsamen, wahrlich großen Abend" berichtet Ralf-Carl Langhans im Mannheimer Morgen (17.6.2024). "Hausregisseur Christian Weise pfeift auf Einiges, was die Tradition des gräulich-schmutzigen Entfremdungs- und Konfrontationstons Brechts kennzeichnet." Gründlich beschäftigt habe er sich mit Werk und Autor dennoch. Das habe sich gelohnt "und allen Beteiligten sichtlich Spaß gemacht – ohne das Stück zu verraten", so der Kritiker. "Weise wollte eine Revue und hat sie bekommen."

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