Peer Gynt - E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg
Im Dschungelcamp der Trolle
1. Mai 2025. Bei Peer Gynt wird die Lüge zum Lebensprinzip. Zum Schluss bleibt nichts als Leere. Mit einer überbordenden Inszenierung von Henrik Ibsens berühmten Drama verabschiedet sich Intendantin Sibylle Broll-Pape unter lang anhaltendem Beifall nach zehn Spielzeiten aus Bamberg.
Von Wolfgang Reitzammer
"Peer Gynt" am ETA Hoffmann Theater Bamberg von Sibylle Broll-Pape inszenert © Birgit Hupfeld
1. Mai 2025. Am Ende sitzt er ganz alleine auf der schiefen Bühnenebene. Seine Welterfahrungs-Lebensreise zum eigenen Ich ist nach den Stationen in den mythischen Troll-Wäldern, unter der heißen Sonne Nordafrikas und auf dem stürmischen Meer wieder zum Ausgangspunkt, das heißt in die norwegische Heimat gekommen. Dort schält er eine Zwiebel, jede Schicht ist eine Phase seines wechselhaften und abenteuerlichen Lebens. Er sucht nach dem Kern, nach dem Sinn, doch der ist in einer Zwiebel nicht zu finden. Stattdessen hat man einen beißenden Geschmack im Mund und Tränen in den Augen.
So ist dem "nordischen Faust" Peer Gynt nicht das gnädige Schicksal seines "Vorgängers" bei Goethe beschieden, der nach langen Irrungen und Wirrungen noch als Landgewinner ein glückliches Volk vor den trüben Augen hatte und von den Engeln gen Himmel transferiert wurde. Zumindest in seiner Fantasie.
Die Lüge als Prinzip
Auf Peer Gynt dagegen wartet der Tod als schwarz gekleideter Knopfgießer, der ihn mit einem Schopflöffel ganz profan einschmelzen will. In Bamberg spielt Marek Egert in grandioser Weise diesen Gynt, diesen Schwindler, Träumer, Phantasten und Geschichtenerzähler, den Herumtreiber, Kurzzeit-Lüstling, Außenseiter und Antihelden. Er spielt ihn so emotional, sprachsicher und variabel in einer Mixtur aus Schelmenroman und Psycho-Drama, dass der Rest des Ensembles (Barbara Wurster, Alina Rank, Stephan Ulrich und Florian Walter), das sich die gesamten restlichen Rollen mit schnellen Kostümwechseln aufteilt, Mühe hat, dieses Niveau mitzuhalten.
Wenn Peer Gynt die Lüge und die Selbstverklärung zum Lebensprinzip macht, fühlt man sich fatal an aktuelle Akteure der Weltpolitik erinnert. Doch solche billigen Parallelen will Regisseurin Sibylle Broll-Pape nicht abholen. Vielmehr dirigiert sie den Theaterabend in eine bildstarke Szenenfolge, in ein poetisches "Musical" (fast ohne Gesang), das am Ende zum morbiden und etwas länglichen Grusical mutiert. Dabei riskiert sie einen gefährlichen Balanceakt zwischen Kasperletheater und Melodram.
It's a Gynt's world: Barbara Wurster und Marek Egert © Birgit Hupfeld
Die Begegnung Peer Gynts mit den nordischen Trollen, die den Schwanz hinten tragen, könnte nämlich als allzu deftige Troll-Parade oder gar als eklige Dschungelcamp-Prüfung verstanden werden. Auch die Zeit im Irrenhaus von Kairo, in dem eine Chefärztin heftigen Berliner Dialekt spricht und Peer Gynt zum Kaiser der Unvernunft ausgerufen wird, führt die Untiefen des absurden Agitprop-Theaters.
Symbolischer Schlusschoral
Trixy Royeck hat für das bunte Treiben einen eher schlichten, aber gut funktionierenden Bühnenraum erfunden, der zuerst die ländliche Gegend des Nordens mit Bergpanorama und Windmühle illustriert. Nach der Pause wird daraus der Urlauber-Strand von Marokko mit Champagner, Smoking und Liegestühlen und schließlich eine stürmische Nord- und Mordsee-Schifffahrt mit viel Nebel und starken Seilen zum Festhalten.
Am linken Rand der Bühne sitzt die musikalische Direktorin Bettinas Ostermeier, die am Flügel und an circa 35 weiteren Instrumenten und Geräuscherzeugern den Soundtrack des Abends gestaltet - und das natürlich ganz anders als Edvard Grieg bei seiner Musik zur Uraufführung im Jahre 1876. Am Schluss führt sie die Schauspieler zu einem symbolischen Schlusschoral in der Mitte zusammen.
Abschied und Neuanfang
Der langanhaltende Beifall des Publikums gilt natürlich auch der Intendanten Sybille Broll-Pape, die sich mit dieser ambitionierten Inszenierung – nicht ganz freiwillig – aus Bamberg verabschiedet. Zehn Spielzeiten hat sie hier verantwortet, hat viele junge Autoren und neue Stücke für das Theater gewonnen und dafür auch den Theaterpreis des Bundes und den Preis der Theaterverlage gewonnen.
Auf der anderen Seite gab es aber interne Spannungen sowie leises Murren gegen einen mitunter autoritären Führungsstil. Dennoch wird Frau Broll-Pape nicht in die Sinnleere eines Peer Gynt verfallen, sondern erfüllt in ihre Heimat Bochum zurückkehren und dort vielleicht ein neues Theaterprojekt mit alten (!) Frauen ins Leben rufen.
Peer Gynt
von Henrik Ibsen
Aus dem Norwegischen von Christain Morgenstern
Regie: Sibylle Broll-Pape, Bühne und Kostüme: Trixy Royeck, Live Musik: Bettina Ostermaier, Dramaturgie: Petra Schiller
Mit: Marek Egert, Alina Rank, Stephan Ullrich, Florian Walter, Barbara Wurster
Premiere am 30. April 2025
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause
theater.bamberg.de
Kritikenrundschau
Sibylle Broll-Pape schenke dem Publikum zum Abschied "eine sinnliche Theatererfahrung - und beunruhigende Gedanken über die Zeit, in der wir leben", so Christoph Hägele im Fränkischer Tag (7.5.2025). Das tolle Ensemble zeige Spielfreude, Ausstrahlung und Kunstfertigkeit. "Poetischer, bildgewaltiger, schwelgerischer und lustvoller als in 'Peer Gynt' war sie am E.T.A.-Hoffmann-Theater nur selten."
Für die Zeitung für Kunst und Kultur. Art|5III (2.5.2025) berichtet Martin Köhl: "Sibylle Broll-Pape hat es mit ihrem Team geschafft, ein schwierig zu zähmendes Werk gelungen zu inszenieren. Fast drei Stunden Dauer, aber keinerlei Langeweile! Einmal mehr liegt das an der wichtigsten Tugend der ETA-Truppe: Sie konterkarieren ihr Handicap der mangelnden Zahl durch eine beeindruckende Variabilität, wenn sie in unterschiedlichste Rollen schlüpfen müssen. Von den alten Routiniers wie Florian Walter und Stephan Ullrich kann man das sowieso erwarten, aber was die vulkanische Alina Rank an exzessiv-exzentrischen Wendungen hinbekommt, verdient Sonderlob."
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