Auf dem Sterbebett noch ein Bier

24. Mai 2025. Das Thema "Demenz" ist in der Literatur stark präsent. Einen außergewöhnlichen Weg der Auseinandersetzung mit ihm geht der Zürcher Psychiater Christoph Held in seinen 2017 erschienenen Aufzeichnungen aus einem Pflegeheim mit dem Titel "Bewohner". Moritz Sostmann bringt sie gleichermaßen originell auf die Bühne.

Von Wolfgang Reitzammer

"Bewohner" in der Regie von Moritz Sostmann in Erlangen © Iko Freese

24. Mai 2025. Als der Züricher Psychiater Christoph Held 2017 seine Aufzeichnungen aus einem Demenz-Pflegeheim unter dem Titel "Bewohner" veröffentlichte, schrieb ein Rezensent, das Buch lese sich wie ein Theaterstück, "das dem Ensemble unter der Regie des Autors das Letzte abverlangt", Vorkenntnisse der künstlerischen Arbeiten von Otto Mühl, Samuel Beckett und Eugene Ionesco seien unabdingbar.

Moritz Sostmann hat diesen Text dann 2018 in Köln erstmals auf die Bühne gebracht – als Interaktion von Menschen und Puppen, als gleichberechtigtes Aufeinandertreffen von Figurentheater und Schauspiel. Nun wurde mit diesem Stück in einer kräftig recycelten Fassung das 24. internationale figuren.theater.festival im Großraum Nürnberg/Fürth/Erlangen/Schwabach eröffnet.

Fünf Kartons, fünf Geschichten

Christoph Held, der nach seinem Medizinstudium zunächst als Regie- und Dramaturgieassistent tätig war, arbeitete viele Jahre als Heimarzt und Gerontopsychiater in Zürich. Er schildert mit seinem Text in sieben Kapiteln Einzelschicksale von dementen Pflegeheim-Bewohnern und die Situation der Pflegekräfte. Das tut er mit einem bemerkenswert sachlichen Stil, der die kranken Menschen weder lächerlich macht noch glorifiziert.

Moritz Sostmann hat daraus mit einer Erlanger/Erfurter/Kölner Koproduktion einen Theaterabend gemacht, der aus zwei Schauspielern und fünf Puppen besteht, dazu kommen fünf Kartons, die Elemente der Lebensgeschichten von fünf Personen enthalten.

Last Exit: Kleist  

Da ist zum Beispiel die frühere Schauspielerin aus Berlin, die einst unter dem Regisseur Bertolt Brecht arbeitete, dann nur noch für Nebenrollen im "Zerbrochnen Krug" gut war und nun im Pflegeheim auf den nächsten Auftritt wartet. Da ist der mächtige Verwaltungsratspräsident, der die Pfleger schlecht behandelt, weil ihm der Aufenthalt im Heim wie eine Kränkung vorkommt. Er wird nun reduziert auf einen unkontrollierten Stuhlgang, der nach einer Verstopfung aus seinem Körper fließt. Da erlebt man die italienische Köchin, die ein Restaurant "La Cipuia" führte, zu dem sogar der Staatspräsident zum Essen kam, die aber im Heim plötzlich nur noch Deutsch spricht. Und es gibt den ständig alkoholisierten langhaarigen "Alzheimer-Junkie" mit vorheriger Drogen-Karriere, dem auf dem Sterbebett vom Pfleger noch eine Dose Bier gespendet wird.

Bewohner2 1200 Iko Freese uVirtuoses Rollen-Hopping: Johannes Benecke und Tomas Mielenz © Iko Freese

Alle diese Puppen hat Hagen Tilp feinmechanisch gebaut, hat ihnen ein müdes Gesicht und einen zerbrechlichen Körperbau gegeben. Das Symbol Puppe ist eine stimmige Chiffre für den Demenzkranken, für seinen Abschied aus der menschlichen Kommunikation, für sein marionettenhaftes Verschwinden aus der Gesellschaft und für die Gleichheit im Vergessen.

Geführt werden die Puppen von den beiden Schauspielern Johannes Benecke und Tomas Mielenz, die ganz proletarisch mit Unterhemd und Arbeitshose den kargen Bühnenraum betreten und dann virtuos in verschiedene Rollen schlüpfen. Sie sprechen längere analytische Passagen aus Christoph Helds Text, sie schlüpfen in die Rolle der Pflegeheim-Bewohner und in die Rollen ihrer Angehörigen oder Besucher. Sie sind gestresste Pflegekräfte, die mal eine Auszeit brauchen oder mit unorthodoxen Methoden versuchen, ihren Patienten einen Moment der Würde zu ermöglichen. Sie kommen auch als bärtige Nachmittags-Clowns ins Heim und machen mit den Kranken ein lustiges Sprichwort-Erinnerungs-Quiz.

Befreiende Wirksamkeit

In letzter Zeit wurde das Thema "Demenz" oft aus persönlicher Betroffenheit zu einem literarischen Werk ver-dichtet; die Söhne Arno Geiger und Tilman Jens haben sich mit dem Krankheitsbild ihrer Väter auseinandergesetzt. Bei Christoph Held ist die professionelle Herangehensweise im Vordergrund, die aber als Bühnenstück wieder einen menschlichen, unterhaltenden Faktor bekommt. Im Kontrast zwischen dem Schmunzeln über die Verhaltensweisen der Demenzkranken und der Reflexion über deren Warten auf den Tod entfaltet dieses Figuren-Theater seine befreiende und nachdenkliche Wirksamkeit.

Treffend die Worte von Adolf Muschg: "Da schnurren Menschen zu großen Charakteren zusammen und wären morgen schon weg, entsorgt, wäre da nicht einer, der sie zu ihren stillstehenden, unendlich aufhebenswerten Lebzeiten auf Papier festhielte."

Bewohner
nach Christoph Held
Regie: Moritz Sostmann, Bühne und Kostüme: Klemens Kühn, Musik: Albrecht Ziepert, Dramaturgie: Linda Best.
Mit: Johannes Benecke, Tomas Mielentz.
Premiere am 23. Mai 2025
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause
Kooperation mit dem Theater Waidspeicher e. V. Erfurt und dem internationalen figuren.theater.festival

www.schauspiel-erlangen.de

Kritikenrundschau

"In der Regie von Moritz Sostmann entwickeln sich leise, melancholische Geschichten, in denen die 'Kranken' nicht denunziert, nicht reduziert werden auf ihre letzten menschlichen Fähigkeiten und Gefühle", schreibt Bernd Noack in der Nürnberger Zeitung (26.5.2025). "In den Händen der beiden Schauspieler Johannes Benecke und Thomas Mielentz liegen die anrührend realistischen Figuren, so groß wie ein halber Mensch, und fliehen in ihre Welt, die uns allen verschlossen bleiben muss."

Kommentare  
Bewohner, Erlangen: Das Wunderbarste am Theater
Abende, welche in diesen letzten (Muschg-) Satz münden, sind mit das Wunderbarste im/am Theater, und ich mußte dabei spontan an jenen wunderlich-wundersamen-wunderheilenden Jens Rachut-Abend vom Sterben eines letzten Hospizpatienten und Mitsterben des ganzen Hauses aus dem Jahr 2019 denken (Malersaal Hamburg) „Rainer Gratzke oder Das rote Auto“. Was ist eigentlich aus Jens Rachut geworden ??
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