Handbuch gegen den Krieg - Theater Hof
Vom ewigen Friedensbruch
9. Mai 2025. Am Tag der Befreiung vom Hitler-Faschismus nimmt sich das Theater Hof einen Essay von Marlene Streeruwitz vor: "Handbuch gegen den Krieg". Und bringt ihn in der Regie von Charlotte Sofia Garraway als furiose Ideen-Kanonade auf die Bühne.
Von Andrea Herdegen
"Handbuch gegen den Krieg" von Marlene Streeruwitz am Theater Hof © H. Dietz Fotografie
9. Mai 2025. Achtzig Jahre Frieden sind es, auf den Premierentag genau, in Deutschland. Braucht es da noch ein "Handbuch gegen den Krieg"? Unbedingt, meinen Marlene Streeruwitz und das Theater Hof. Eindrucksvoll und in beklemmender Dichte wird gezeigt, wie präsent Krieg in unserem Denken ist, wie dieses Modell, Konflikte durch brachiale Gewalt zu lösen, perfide unsere ach so friedvolle, auf Nächstenliebe ausgerichtete gedankliche Struktur unterwandert.
Im Ideen-Schnellfeuer
Streeruwitz' Essay, für dessen Theater-Fassung sich die österreichische Autorin Veränderungen, Kürzungen oder Hinzufügungen verbeten hat, ist kein leicht verdaulicher Text. Viele ihrer Argumente möchte man gerne eine Weile gedanklich durchkauen, die Würze der in den sorgsam gesetzten Worten mitschwingenden Stimmung sorgfältig abschmecken, die Brisanz mancher Formulierung genüsslich auskosten. Doch das Theater Hof lässt bei der Uraufführung des Stoffs auf der Studio-Bühne dazu einfach keine Zeit.
Vier Personen machen den Text lebendig. Doch das Tempo, das Alexandra Ebert, Peter Kampschulte, Etienne Moussou und Lena Plochberger dabei vorlegen, fordert die Konzentrationsfähigkeit der Zuschauer und das Verständnisbemühen extrem heraus. Viele der bedenkenswerten Gedanken von Marlene Streeruwitz gehen im verbalen Ideen-Schnellfeuer unter. Im Buch könnte man nochmal zurückblättern, den Satz noch einmal langsam lesen, seinen Sinn und sein Gewicht ergründen. Auf der Bühne aber sind die Protagonisten längst zwei, drei Thesen weiter.
Der Soldat unterm Tisch
Dennoch: Die Aufteilung auf zwei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler durch Regisseurin Charlotte Sofia Garraway dynamisiert das Geschehen sehr geschickt, schafft Raum auch für dialogische Passagen. Das Ensemble überlegt, was Krieg ist, warum es Kriege gibt, wie Krieg als von alters her ererbtes Handlungsmodell jeden von uns prägt und beeinflusst, selbst wenn er oder sie das ganze Leben im Frieden verbracht hat.
Aus dem Monolog des Essays wird eine angeregte Diskussion, aus den Gedanken einer einzelnen Autorin ein Ideen-Pingpong am Abendbrottisch einer vierköpfigen Familie. Gemeinsam, manchmal auch gegeneinander, entwickeln sie den Text, hinterfragen das Gesagte. Im Gespräch werden Argumente abgewogen, Bewertungen konkretisiert, rhetorische Fragen beantwortet. Bälle werden sich verbal zugespielt, mitten im Satz führt eine Figur den Gedanken einer anderen fort.
Peter Kampschulte, Lena Plochberger, Alexandra Ebert, Etienne Moussou spielen auf der Bühne von Aylin Kaip © H. Dietz Fotografie
Die emotionalste Rolle spielt dabei Etienne Moussou als offenbar gerade aus dem Krieg heimgekehrter Soldat, der – noch in Uniform – unter dem Tisch Schutz sucht, wenn er spricht. Traumatisiert vom Erlebten wird seine Stimme manchmal von Tränen erstickt, die anderen eilen herbei, um ihn zu trösten. Mit einem sarkastischen Augenzwinkern argumentieren die Frauen: Krieg sei doch auch wichtig für Handel, Wirtschaft, Industrie, sagt die eine. Krieg und die Berichterstattung über ihn sei irgendwie auch Unterhaltung, meint die andere. Der Wechsel in der Stimmfarbe und in der individuellen Haltung zum Gesagten belebt den Text.
Welt in Schieflage
Die leicht gekippte Bühne von Aylin Kaip symbolisiert eine Welt in permanenter Schieflage. Auf einem Boden, dem seit Anbeginn der Menschheit das Fundament der Selbstverständlichkeit des Friedens entzogen ist, kann niemand gerade stehen.
Während sie weiter über den Krieg sinnieren, setzen sich alle vier schließlich an den Rand der ganz in Rot gehaltenen Bühne und teilen ein Brot. Eine friedvolle Szene, es wird auch ein wenig langsamer gesprochen, weil alle kauen müssen. Jetzt geht nicht mehr jeder gute Gedanke im hinterherpeitschenden Wort-Wust unter. Und die Diskussion ändert ihre Richtung: Was braucht es, damit Frieden mehr ist, als lediglich die Abwesenheit von Krieg? Auch dazu werden die Argumente intensiv ausgetauscht. Der Konsens, den alle vier mehrmals wiederholen, lautet: "Frieden – ist Leben."
Handbuch gegen den Krieg
Schauspiel nach dem Essay von Marlene Streeruwitz
Inszenierung und Videographie: Charlotte Sofia Garraway, Bühne und Kostüme: Aylin Kaip, Licht: Bianca Müller, Dramaturgie: Philipp Brammer.
Mit: Alexandra Ebert, Peter Kampschulte, Etienne Moussou, Lena Plochberger.
Premiere am 8. Mai 2025
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause
www.theater-hof.de
"Auf dem Theater ist ein spektatuläres Scheitern interessanter als ein gleichgültiger Triumph", schreibt Michael Thumser beim Blog Hochfranken Feuilleton (10.5.2025): "In diesem Fall versagt das ambitionierte Konzept von Regisseurin Garraway und Dramaturg Philipp Brammer, weil Streeruwitz' Abhandlung sich allzu unbeugsam der Dramatisierbarkeit versagt." Der Abend biete "Protestprosa auf Papier" und sei eigentlich ein "Monolog, nur mit verteilten Rollen", so der Kritiker.
mehr nachtkritiken
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne
neueste kommentare >
-
Burn, Baby, Burn!, Hannover Sagenhaft gut
-
Die Quelle, Wien Bitte weitermachen
-
Fräulein Else, Wien Danke!
-
Über die Notwendigkeit, ... , Wiesbaden Super Abend
-
Fräulein Else, Wien Phänomenal
-
Irgendetwas ist passiert, Berlin Lauwarm
-
Theaterpodcast Investigativtheater Aufklärung?
-
Quelle, Wien Frontalunterricht
-
Bluets, Berlin Multifunktionsroboter
-
Quelle, WIen Andere Wahrnehmung





Man denkt lange weiter.
Toll!