Thea von Tauperitz - Theater Hof
Keine Barbie aus Babelsberg
19. Oktober 2024. Thea von Harbou war Drehbuchautorin legendärer Filme wie "Metropolis" oder "M – Eine Stadt sucht einen Mörder". Dabei stand sie stets im Schatten ihres berühmten Gatten, des Regisseurs Fritz Lang. Am Theater Hof holt Kristoffer Keudel die in der Nähe von Hof geborene Autorin nun mit ihrer bewegten Lebensgeschichte ins Rampenlicht.
Von Wolfgang Reitzammer
Alrun Herbing als Thea von Harbou am Theater Hof © Dietz Fotografie
19. Oktober 2024. Rechtzeitig zu Beginn der Internationalen Hofer Filmtage 2024 hat das Theater Hof ein filmhistorisches Projekt ins Programm gehoben. Kristoffer Keudel bekam den Auftrag, aus der Lebensgeschichte von Thea von Harbou (1888–1954) ein Theaterstück zu komponieren. Der regionale Bezug ergibt sich aus der Tatsache, dass Thea in Tauperitz, einem Ort nahe Hof geboren und aufgewachsen ist. Bekannt wurde sie aber ab 1913 als Buchautorin, später als Verfasserin von Drehbüchern und besonders als Ehefrau des Regisseurs Fritz Lang. Für ihn schrieb sie die Scripts von "Dr. Mabuse, der Spieler", "Die Nibelungen", "Metropolis", "Spione", "Frau im Mond" und "M – eine Stadt sucht einen Mörder".
Außergewöhnliche Biografie
Der Theaterabend will uns diskursiv eine gespaltene Powerfrau vorführen, die zwischen künstlerischem Engagement und nationalsozialistischer Ideologie, zwischen Liebe zum Beruf und faschistoider, anti-emanzipativer Verblendung hin- und hergerissen ist. Er ist vor allem ein starkes Solo für Alrun Herbing. Sie ist bereit, die Thea als romantisches Jungmädel mit feuchten Karl-May-Träumen, als selbstbewusste Erfolgs-Frau im Stumm- und Tonfilm-Geschäft und schließlich als gebrochene Trümmerfrau nach 1945 zu verkörpern. Blütenweißes Rüschenkleidchen, Business-Outfit und Kittelschürze – das ist die wechselnde Kostümierung einer außergewöhnlichen Biografie.
Anfang im Rüschenkleid: Alrun Herbing spielt Thea von Harbou © Dietz Fotografie
Thea freut sich über Lobeshymnen von Joseph Goebbels und ärgert sich über Kritiker, die ihr die Produktion von Trivialliteratur bescheinigen. Sie moniert die Lebenslügen ihres Ex-Mannes Fritz Lang, der sich 1933 in die USA abgesetzt hat, versteht aber auch nicht gänzlich den moralischen Rigorismus des "inneren Emigranten" Erich Kästner. Sie will keine Barbie aus Babelsberg sein, auch keine dienende Gemahlin ihres Mannes, aber in ihren Texten transportiert sie oft ein extrem konservatives Frauenbild.
Symbolträchtige Bühnen-Requisiten
Ohne die sprachliche und körperliche Präsenz von Alrun Herbing würde das Stück Gefahr laufen, in einen VHS-Kurs mit Powerpoint-Präsentation abzurutschen. Es gelingt Herbing prächtig, die vielfältigen Einspielungen von Stimmen und Film-Sequenzen zu einem spannenden Dialog zu verarbeiten und mit den kargen, aber symbolträchtigen Bühnen-Requisiten eine dynamische Interaktion herzustellen. Wir sehen vor der großen Videowand stabile Reisekoffer, die später auch als Luftschutzraum dienen, eine Schreibmaschine, ein Telefon, diverse Bücher und Teppiche sowie eine eiserne Abfalltonne, in der literarische Jugendsünden verschwinden.
Tragisches Ende
Aus dem Off prasseln Statements von Literaturkritikern, Historikerinnen, Zeitzeugen und Politikern – dazu die Stimme von Maria, dem Maschinenmenschen aus dem Film "Metropolis", auf Thea ein, die ständig zwischen der Rolle einer Angeklagten und einer Bewunderten wechseln muss. Trotzig ruft sie ins Publikum "Ich war keine Frau der Nazis", von Harbou ist aber 1940 der NSDAP beigetreten. Nach 1945 erlegte man ihr in der britischen Besatzungszone ein kurzes Berufsverbot auf, wenig später wurde sie als "unbelastet" freigesprochen. Von ihrem tragischen Ende, einem tödlichen Sturz beim Verlassen eines Kinos während der Berliner Filmfestspiele (1954), berichtet Herbing in der Hofer Inszenierung mit festem Blick in den Punktscheinwerfer.
Keinesfalls unbelastet: Thea von Harbou (Alrun Herbing) © Dietz Fotografie
Kristoffer Keudel, der in der Produktion für Recherche, Text, Inszenierung, Ausstattung und Videoproduktion zuständig ist, hat es geschafft, mit den traditionellen Methoden des dokumentarischen Theaters ein differenziertes Bild dieser schillernden Persönlichkeit zu zeichnen, Er hat, in seinen eigenen Worten, dieser Frau kein Denkmal, sondern ein Mahnmal gesetzt. Und im Abspann wandert, ganz wie im Kino, noch ein Zitat des US-amerikanischen Politikers John McCloy (Hochkommissar in Deutschland von 1949 bis 1952) über die Videowand, in dem dieser hochaktuell die aktive Verteidigung der Demokratie fordert.
Thea von Tauperitz oder Kein Denkmal für die Frau hinter "Metropolis"
von Kristoffer Keudel
Regie, Stückentwicklung, Ausstattung & Video: Kristoffer Keudel, Licht: Uwe Masch, Dramaturgie: Philipp Brammer.
Mit: Alrun Herbing und den Stimmen von Carolin Waltsgott, Philipp Brammer, Oliver Hildebrandt, Ralf Hocke, Charlotte Kaiser, Peter Kampschulte, Cornelia Löhr, Anja Stange.
Premiere am 18. Oktober 2024
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause
https://www.theater-hof.de
Kritikenrundschau
Von Alrun Herbing "schauspielerisch hervorragend umgesetzt" findet Julia Ertel von der Frankenpost (21.10.2024) dieses Solo. Kristoffer Keudel schafft es, "nicht nur die gelebten Lebensphasen und die geliebten Männer der Filmpionierin zu behandeln, sondern auch das Porträt einer äußerst spannenden Persönlichkeit zu zeichnen, die zerrissen ist zwischen ihrem künstlerischem Eifer und nationalsozialistischer Ideologie".
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