Protagonisten der Orientierungslosigkeit

18. Mai 2025. Im Auftrag des Stadttheaters Ingolstadt hat Björn SC Deigner das Stück "Weishaupt und die Gespenster" geschrieben über den Ingolstädter Begründer der Illuminaten Adam Weishaupt. In Theresa Thomasbergers Uraufführungsinszenierung kommt Weishaupt aus einer Kuckucksuhr gestiegen. Aufklärerisch – und unterhaltsam!

Von Robert Luff

"Weishaupt und die Gespenster" von Björn SC Deigner in Ingolstadt © Germaine Nassal

18. Mai 2025. Welche Werte wollen wir heute bewahren? Was taugen die Slogans der Aufklärung noch in Zeiten von Lügen und Deep-Fake? Björn SC Deigner versucht sich im Auftragswerk für das Stadttheater Ingolstadt an diesen heiklen Fragen – mit der historischen Figur des Ingolstädters Adam Weishaupt, einem antiken Chor und einem rätselhaften Vogelwesen. Das Ergebnis ist eine "Geisterbeschwörung".

In Theresa Thomasbergers Uraufführungsinszenierung liegt die Bühne anfangs im Dunkeln. Vier Menschen irren umher, stolpern über Stühle, fallen hin und reden durcheinander. Dann gehen sie wieder weiter. Wohin? Keiner weiß es, denn es sind vier Individualisten, die auseinanderstreben, jeder in eine andere Richtung, trotz ihrer anfangs synchronen Bewegungen. Ihre Einstimmigkeit haben sie schon lange verloren, obwohl sie zum Chor gehören. Der Theater-Chor gilt seit der Antike als Sprachrohr der Gesellschaft, als moralische Instanz, als Stimme der Vernunft. Was aber, wenn dieser Chor seine Einstimmigkeit verliert? Wenn er sich zwischen den Geistern der Vergangenheit und den Verheißungen des Internets verheddert? Wenn Wissen mit Halbwissen und dreisten Lügen konkurrieren muss?

Illuminat im Selbstgespräch

Vergeblich sucht man einen funktionierenden Lichtschalter – und findet in den Tiefen der Geschichte einen menschlichen Erleuchter: Adam Weishaupt (Matthias Zajgier), geboren 1748 in Ingolstadt, Rechtswissenschaftler und Philosoph, Freimaurer und Gründer der Illuminaten. Im Stück nennt er sich Spartacus. Ist er der neue Held? Zunächst macht sich Enttäuschung breit, als sich der alte Mann im historischen Gewand aus seiner überdimensionalen Kuckucksuhr quält, die ihn aus der Aufklärung hergebeamt hat. Und es gibt ein Kommunikationsproblem. Denn Weishaupt spricht nur zu sich selbst, später mit seinem Schuh und seinem Mantel. Seine Sätze tragen die aufklärerischen Ideale, bekennen sich zu Freiheit und Gleichheit. Doch sie klingen heute phrasenhaft. Zum Wohle der Menschheit will er beitragen, die mächtigen Männer will er zu humanem Handeln bewegen, ganz ohne Gewalt.

Weishaupt Gespenster 3 CGermaine Nassal uVerpeilter Chor (Peter Rahmani, Matthias Gärtner, Mira Fajfer und Jan Gebauer) © Germaine Nassal

Da ist sein Antagonist schon konkreter: Das geheimnisvolle Vogeltier (Renate Knollmann) wirkt auf den ersten Blick plump, wie ein anarchistischer Riesenspatz. Doch es weiß viel und durchschaut alles, ist zugleich Reinkarnation der Eule der Illuminaten, Bote der Minerva und Echo des Papageno. Denn auch Mozarts "Zauberflöte" gibt eine Stippvisite im Stück. Wenn Weishaupt und das Vogeltier slapstickhaft die Arie des Papageno trällern, dann erkennt man: Die Menschheit geht Vogelfängern auf den Leim, ob sie nun Elon Musk oder Donald Trump heißen.

Anarchistischer Riesenspatz auf Aufklärungsmission

Vor allem aber öffnet das Vogeltier dem in sich zerrissenen Chor (Peter Rahmani, Matthias Gärtner, Mira Fajfer und Jan Gebauer) die Augen. Es reißt ihn aus sozialistischen Träumen, aber auch aus popkulturellen Dan-Brown-Phantasien und reizvollen Verschwörungserzählungen. Solche Narrative gibt es seit Jahrhunderten. Das Vogeltier zerpflückt sie alle genüsslich und zerschmettert sie am Boden. Das ist für den Chor ein schmerzhafter Prozess. Und laut ist er, voller Licht- und Nebeleffekte. Aber er ist nötig. Das Vogeltier offenbart eine weitere Dimension, flattert nicht nur als Papageno und Trickster herum, sondern stellt auch die Frage nach der Zukunftsfähigkeit des Menschen: Wie geht er mit der Natur und mit seinesgleichen um?

Mit Witz und Humor, ganz ohne erhobenen Zeigefinger nähert sich Deigners Text den ernsten Themen: Wie wollen wir als Menschen künftig leben? Gibt es noch ein Miteinander? Lustvoll steigen die Protagonisten der Orientierungslosigkeit in das Reich der Illuminaten ein und spüren den Mythen des Geheimbundes nach. Das ist unterhaltsam und zugleich ernst. Adam Weishaupt und das Vogeltier kuscheln sich in einer Szene des Stücks sogar eng zusammen. Sie haben eben doch mehr gemein als gedacht. Sie leben beide Immanuel Kants "Sapere aude!" vor: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen."

Es werde Licht

Und dann legt sich in der letzten Szene auch beim Chor der Schalter um: Als Weishaupt den Satz ausruft: "Die Wahrheit ist überall" und die Bühne verlässt, erkennen die vier Choristen, dass die Zeit der Helden vorbei ist. Und sie finden wieder zusammen. Die Gespenster der Dunkelheit können besiegt werden, Verschwörungstheorien verlieren ihre Macht. Gemeinsam sprechen Sie ihr neues Mantra: "Die Dunkelheit liegt in uns. Auf, machen wir das Licht an, Freunde!" Eine grandiose Inszenierung. Sie verhandelt nichts weniger als die Conditio humana.

Weishaupt und die Gespenster
Eine Geisterbeschwörung von Björn SC Deigner
Regie: Theresa Thomasberger, Bühne und Kostüme: Mirjam Schaal, Musik: Oskar Mayböck, Dramaturgie: Sonja Walter; Licht: Ben Schiller.
Mit: Matthias Zajgier (Weishaupt, genannt Spartacus), Renate Knollmann (Vogeltier, Eule der Illuminaten, Eule der Minerva oder Papageno), Mira Fajfer, Matthias Gärtner, Jan Gebauer, Peter Rahmani (ein Chor, vier Stimmen).
Uraufführung am 17. Mai 2025
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

theater.ingolstadt.de

"Regisseurin Theresa Thomasberger hat aus der Faktenschleuder ein spielbares Märchen gemacht", schreibt Michael Heberling in der Augsburger Allgemeinen (19.5.2025). "Und bei denen weiß man bekanntlich nie so genau, ob sie gut oder grausam enden. In diesem Fall kommt es schneller als gedacht zum Happyend." Man bleibe zurück mit der "leisen Furcht, dass jederzeit wieder irgendein verwirrter Idealist aus der Zeitmaschinen-Kuckucksuhr herausfallen" könne.

Der Abend und sein Ensemble öffnen einen "spannenden Resonanzraum für fiebrige Gedanken und zweifelnde Erschöpfung, für Wagemutiges und Lachhaftes", so Anja Witzke im Donaukurier (19.5.2025). Man höre und sehe gern beim Spielen zu und Weiterdenken sei an diesem Abend ausdrücklichi erlaubt, so Witzke.

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