Amerika / Der Verschollene - Münchner Kammerspiele
"Yes, she can"
12. Oktober 2024. Oft gespielt und doch nie auserzählt. Kafkas Romanfragment "Amerika / Der Verschollene" kommt an den Kammerspielen in der Regie von Charlotte Sprenger auf die Bühne. Mit Anklängen an den US-Wahlkampf.
Von Tobias Hell
Kafkas "Amerika / Der Verschollene" in der Regie von Charlotte Sprenger in München © Gabriela Neeb
12. Oktober 2024. Aktuell sind die Augen wieder einmal gebannt auf die USA gerichtet, wo bereits zum dritten Mal in Folge einer der schmutzigsten Wahlkämpfe der jüngeren Vergangenheit läuft. Doch wenn man ehrlich ist, hat sich das "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" ja eigentlich schon länger selbst entzaubert. Schon in Franz Kafkas Romanfragment, das ursprünglich unter dem Namen "Amerika" publiziert wurde, ist die Neue Welt jenseits des Atlantiks weniger Sehnsuchtsort als vielmehr Ziel einer Reise ins Ungewisse. So wundert es kaum, dass sich in der Literaturwissenschaft in neueren Ausgaben inzwischen der Titel "Der Verschollene“ eingebürgert hat.
Gescheiterte Bildungsreise
Bei der Bühnenfassung, die Charlotte Sprenger für die Münchner Kammerspiele entwickelte, prangen nun dennoch beide Namen auf dem Plakat. Was der Regisseurin Gelegenheit gibt, die Zeitebenen miteinander verschwimmen zu lassen. Kafkas Gedanken aus den 1910er Jahren mischen sich da immer wieder mit Themen und Bildern der jüngeren Vergangenheit: so etwa mit dem Oxycodon Skandal aus den 1990ern oder eben mit dem aktuellen Wahlkampf, zu dem mit Sprüchen wie "Yes, she can" eindeutig Stellung bezogen wird.
Und wenn Edmund Telgenkämper als Senator Jakob seine Reden schwingt, könnte er genauso gut auf Namen wie Donald Trump oder Jeff Bezos hören. Die Zeiten mögen sich ändern, die Rhetorik der Mächtigen jedoch nur selten.
Im Land der unbegrenzten Bildfindungen: das Kammerspiel-Ensemble in Kostümen von Aleksandra Pavlović © Gabriela Neeb
Dabei spricht es für Sprenger und ihre Dramaturgin Olivia Ebert, dass das Kafka-Feeling trotz manch neu hinzugedichteter Episode stets spürbar bleibt. Der Protagonist Karl Rossmann, der von seinen Eltern nach dem Schwängern des Hausmädchens von zuhause fortgeschickt wird, versucht hier ein neues Leben zu beginnen.
Doch egal wo er Zuflucht findet, sind Glück und Zukunftsperspektiven meist nur von kurzer Dauer. Sei es im Betrieb seines Onkels, beim dekadenten Treiben der High Society oder in einem großen Hotel, wo er als Seelenverwandter von Thomas Manns Felix Krull eine Anstellung als Liftboy findet. Kafka nimmt hier den traditionellen Bildungsroman auf Korn. Denn eine Entwicklung des "Helden" scheint mit Fortschreiten der Handlung mehr und mehr unwahrscheinlich.
Knalliges Kaleidoskop
Getreu der fragmentarischen Vorlage, entwickelt auch Charlotte Sprenger ein surrealistisch anmutendes Kaleidoskop. Mal dem trostlos grauen Kafka-Klischee entsprechend, mal mit skurril bunten Farbexplosionen. Das hochtechnisierte, aber gefühlskalte Land, das der Protagonist gleich nach seiner Ankunft kennenlernt, schwankt da irgendwo zwischen "Metropolis" und wahllosen Dystopien der jüngeren Filmgeschichte. Während die Landpartie beim New Yorker Geldadel durch die knallig überzeichneten Kostüme geradezu comicartige Züge bekommt.
Unterlegt von einem Soundtrack, der sich von Antonín Dvořáks Symphonie "Aus der Neuen Welt" über Frank Sinatra und Elvis bis hin zu harten elektronischen Beats spannt. Verantwortlich ist dafür meist Philipp Plessmann, der als lebende Freiheitsstatue schon vor Vorstellungsbeginn bei offenem Vorhang für Selfies mit dem Publikum posiert. Er führt als eine Art Erzähler durchs Geschehen, nimmt aber immer wieder auch mal am Flügel Platz, um für die passende Stimmung zu sorgen.
Ins Ratlose mit Kafka
Der Rest des neunköpfigen Ensembles schlüpft dagegen mit raschem Wechsel in immer neue skurrile Charaktere. Wobei vor allem Jelena Kuljić mit wunderbarem komödiantischem Timing und sinnlich gefärbter Gesangsstimme ihre Vielseitigkeit unter Beweis stellt.
Momente der Klarheit mit Katharina Marie Schubert © Gabriela Neeb
Ihre Stunde schlägt vor allem im zweiten Teil, als die Regie dem fragmentarischen Charakter der Textvorlage Tribut zollt und die Inszenierung auf die Metaebene hebt. Hier darf Kuljić im Verein mit Christian Löber und Maren Solty das mögliche Ende quasi vor den Augen des Publikums entstehen lassen. Wenn scheinbar improvisierte Textpassagen geprobt und verworfen werden, oder nach der passenden Musik gesucht wird, während die darauf Wartenden bissige Kommentare loslassen oder gelangweilt mit dem Publikum zu plaudern beginnen.
Erst in Karl Rossmanns Schlussmonolog, den die bestechend wandlungsfähige Katharina Marie Schubert vor einem nackten, weißen Vorhang unglaublich poetisch zu rezitieren versteht, blitzt da ein kurzer Moment der Klarheit auf. Nur um dann, so wie im Romanfragment, urplötzlich abzureißen und die Menschen im Saal ähnlich ratlos zurückzulassen. Aber so ist es nun einmal mit Kafka. Wer Antworten sucht, muss bei ihm selbst aktiv werden. Daran macht auch Sprengers Inszenierung überdeutlich.
Amerika / Der Verschollene
nach dem Romanfragment von Frank Kafka
Regie: Charlotte Sprenger, Bühne & Kostüm: Aleksandra Pavlović, Live-Musik: Philipp PLessmann, Choreographie: Gili Goverman, Licht: Stephan Mariani, Dramaturgie: Olivia Ebert, Caroline Schlockwerder.
Mit: Katharina Marie Schubert, Jochen Noch, Johanna Kappauf, Edmund Telgenkämper, Philipp Plessmann, Christian Löber, Luisa Wöllisch, Maren Solty, Jelena Kuljić.
Premiere: 11. Oktober 2024 an den Münchner Kammerspielen
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause
www.muenchner-kammerspiele.de
Kritikenrundschau
"Alle Schauspielerinnen und Schauspieler beweisen eine ungeheure Resilienz, und das ist dann doch toll. Sie behaupten sich im Chaos der Inszenierung", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (online 13.10.2024). Mehrere Auftritte werden gewürdigt und einer besonders herausgehoben: "Der Zauber des Abends aber kommt von Katharina Marie Schubert, deren Karl nie seine Freundlichkeit und den Glauben ans Gute im Menschen verliert. Sie beherrscht eine wundervolle, verdutzte Entrüstung. Das passt hervorragend in diese Aufführung, die zwischen vielen Löchern eben durchaus einige Fundstücke vorweisen kann."
Die "optisch zur bunten Revue hoch gedrehte(n) Aufführung" ist aus Sicht von Barbara Reitter vom Donaukurier (14.10.2024) nicht nur sehr eindrucksvoll choreographiert, auch die Verkleidungen sämtlicher aus dem Roman übernommener Figuren durch Aleksandra Pavlović seien extrem aufwändig. Allerdings erleichtern sie den Zugang zum Stoff nicht gerade, findet die Kritikerin. Regisseurin Charlotte Sprenger mische Original-Passagen aus dem Buch auch mal mit Shakespeare, frei improvisierten Texten aus der Gegenwart und umgangssprachlichen Anglizismen, "darunter die erschreckende Parodie einer Rede Donald Trumps zu Regeln der US-Economy, Motto 'Make America great again'. Hauptdarstellerin Schubert berichte mal von außen über Karls Erlebnisse wie ein Fremder, dann wieder agiere sie als Betroffener in den verschiedenen Stationen. Kafkas Entwicklungsroman wird für Reitter "so zu einer frechen Nummern-Revue mit Entertain-Faktor, verspielt jedoch unter komischen Gags jeglichen Tiefgang".
"Das Fehlen einer tragfähigen Idee davon, warum man diesen Text spielen sollte, lässt Charlotte Sprenger mit bunten Bildern und sehr viel sehr lautem Gebrüll überspielen," schreibt Mathias Hejny in der Münchner Abendzeitung (14.10.2024). Auch, wenn Katharina Schubert aus Sicht des Kritikers "kaum eine Chance hat, den Laden zusammenzuhalten, ist sie als der herumgeschubste Teenager Karl das starke Kraftzentrum. In androgyner Zartheit blickt sie über einem flaumigen Oberlippenbärtchen in diese so seltsame Welt in der Fremde."
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