Neulich nach der Apokalypse

7. Juni 2024. Was ist man bereit zu opfern, wenn’s ums nackte Überleben geht? Darum dreht sich Thomas von Steinaeckers Roman "Die Verteidigung des Paradieses", den Gernot Grünewald zum Ausgangspunkt für einen Theaterparcours macht. Mit Text-Installationen, VR, Live-Kamera – und einem starken Ensemble.

Von Tobias Hell

"Die Verteidigung des Paradieses" an den Münchner Kammerspielen © Armin Smailovic

7. Juni 2024. Im TV-Programm und auf den gängigen Streaming-Plattformen haben dystopische Geschichten Hochkonjunktur. Quotenhits wie "Black Mirror", "Squid Game", "The Handmaid’s Tale" oder "The Last of Us" haben das, was früher vor allem von Genre-Fans konsumiert wurde, längst zum Geschäftsmodell gemacht. Düstere Zukunftsvisionen allesamt, in denen – mal mit, mal ohne Zombies – zwischenmenschliche Beziehungen und gesellschaftliche Strukturen untersucht werden. Wie würde ich in einer Extremsituation reagieren? Wieviel unserer eigenen Humanität wären wir bereit für das eigene Überleben oder das unserer Kinder zu opfern? Und was bleibt vom vertrauten Leben, von Kunst und Kultur, wenn sich eine Welt neu sortieren und neu orientieren muss?

Reise ins Ungewisse

Diese und andere moralische Fragen stehen auch in Thomas von Steinaeckers Roman "Die Verteidigung des Paradieses" im Zentrum, der an den Münchner Kammerspielen nun von Regisseur Gernot Grünewald auf, neben und unter die Bühne der Therese-Giehse-Halle gebracht wurde. Die postapokalyptische Erzählung entführt das Publikum zu Beginn auf eine Alm im Berchtesgadener Land, wo sechs Überlebende auf einer Berghütte die Nachwehen einer Katastrophe aussitzen. Ein bunt zusammengewürfelter Haufen, der hier ein auf den ersten Blick idyllisches Leben fristet, bis eine Änderung des Status quo in bester "The Walking Dead"-Manier zum Aufbruch zwingt.

Innen und außen: Projektionen auf der Almhütte © Armin Smailovic

In der Inszenierung wird nun nicht nur der Survivor-Clan, sondern auch das Publikum auf eine Reise ins Ungewisse geschickt. An fünf Stationen wandert man um die zentrale Spielfläche mit der rustikalen Berghütte herum, drängt sich vor Monitoren oder liegt auf dem Boden, um Projektionen an der Decke zu verfolgen.

Beeindruckende logistische Leistung

Vieles von der Geschichte erlebt man dabei nur indirekt über Kopfhörer und aus teils sehr individuellen Blickwinkeln. Mal als animierte Text-Installation, mal als Hörspiel oder VR-Film von Carle Streckwal, bei dem man sich dank entsprechender Brille mittendrin statt nur dabei fühlen darf. Ein inszenatorisches Mittel, das bereits in der ersten Episode beginnt, bei der das, was sich im Inneren der Berghütte abspielt, lediglich dank Mikroports und verwackelter Live-Kamera miterlebt wird. Hier noch ganz aus der Perspektive des jungen Erzählers Heinz (Maren Solty), der das Leben seiner neuen "Familie" schreibend dokumentiert und dessen vollgekritzelte Hefte man später auch im Warteraum eines Flüchtlingslagers finden wird. Womit sich lesend einige Lücken der Handlung schließen lassen, ehe man in ein klaustrophobisches, an das US-amerikanische Gefangenenlager Guantanamo erinnerndes Szenario weitergetrieben wird, für das Bühnenbildner Michael Köpke eine Reihe von kalten klaustrophobischen Zellen entworfen hat.

DieVerteidigung 2 ArminSmailovicTolles Ensemble: Nadège Meta Kanku, Sebastian Brandes, Luisa Wöllisch, Erwin Aljukić © Armin Smailovic

Beeindruckend ist die logistische Leistung, die Technik und Saaldienst bei dieser Produktion vollbringen, um das Publikum in vier genau getakteten Wellen hintereinander durch den Parcours zu schleusen. Was mit sich bringt, dass man auf den Wegen von A nach B zuweilen Fragmenten des zuvor Erlebten wiederbegegnet beziehungsweise selbst für die nachfolgenden Gruppen zum Teil der Installation wird. Respekt aber ebenso vor dem Ensemble rund um Maren Solty (nämlich Erwin Aljukić, André Benndorf, Sebastian Brandes, Nadège Meta Kanku und Luisa Wöllisch), das gleich viermal hintereinander die Anfangs-Episode mit möglichst gleichbleibender Intensität spielt und am Ende dafür nicht einmal Applaus ernten darf. Denn das in zunehmend kleinere und immer wieder neu gemischte Gruppen aufgespaltene Publikum wird nach dem finalen Zeitsprung mit einem freundlichen Gruß einzeln hinaus in die Nacht verabschiedet, um sich dort selbst einen Reim auf das Erlebte zu machen.

Stärken des Live-Theaters

Dass durch die parallell laufenden Episoden und das Nachdrängen von neuen Zuschauerinnen und Zuschauern im Laufe der Vorstellung ein zunehmendes Ablenkungspotenzial entsteht und manche Textfetzen im sich gegenseitig überlagernden Durcheinander untergehen, nimmt das Produktionsteam in Kauf. Wohl auch, weil es zur beabsichtigten Desorientierung beiträgt, die es im interaktiven dritten Teil zu erleben gilt, wenn man sich plötzlich selbst in der Rolle von Heinz wiederfindet.

Dieser ständige Wechsel der Orte, der Perspektiven und der erzählerischen Mittel ist es letztlich, der Gernot Grünewalds Bühnenfassung der "Verteidigung des Paradieses" vor der doch relativ klischeehaften Story des Romans rettet und trotz manch vorhersehbarer Versatzstücke zu einem kurzweiligen Erlebnis macht. Angesichts der Fülle an technischen Hilfsmitteln, die hier audiovisuell zum Einsatz kommen, sind es am Ende doch vor allem die einfachen Theatertricks und die ungefilterten, im wahrsten Sinne greifbaren Momente, die einen abholen und ins Geschehen hineinziehen. So verlockend es also heute auch für Theaterschaffende sein mag, die Geschichten und Erzählstrategien aus Kino und Streaming aufzugreifen, so bleiben es doch die Stärken des Live-Theaters, die entscheidend sind und diesen Abend lohnend machen.

Die Verteidigung des Paradieses
nach Thomas von Steinaecker
Regie: Gernot Grünewald, Bühne: Michael Köpke, Kostüme: Katharina Arkit, Musik: Daniel Sapir, Video: Thomas Taube, Virtual Reality: Carle Streckwal, Sounddesign: Jan Godde, Licht: Charlotte Marr, Dramaturgie: Hannah Saar.
Mit: Erwin Aljukić, André Benndorf, Sebastian Brandes, Nadège Meta Kanku, Maren Solty, Luisa Wöllisch, Marlon Bienert, Alisha-Viviene Hellmuth, Enes Şahin.
Premiere am 6. Juni 2024
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

Kritikenrundschau

"Die Verteidigung des Paradieses" sei nicht unbedingt ideal, um für die Bühne adaptiert zu werden, findet Yvonne Poppek in der Süddeutschen Zeitung (8.6.2024) Regisseur Gernot Grünewald scheine ähnlicher Überzeugung gewesen zu sein – deshalb der Theaterparcours. "Und es ist tatsächlich verblüffend, wie hier ein eigenständiger, sehr präziser Abend entsteht, der trotzdem nah an der Vorlage bleibt." Faszinierend, wie präzise der Ablauf funktioniere, wie perfekt die Sequenzen aufeinander abgestimmt seien. "Das Gefühl des Ausgeliefertseins, dieses Rädchen-Seins im Universum, das Steinaecker minutiös in seinem Roman entfaltet, träufelt Regisseur Grünewald und sein Team so nach und nach dem Publikum in kleineren Dosen ein. Wirksam, verspielt, probierfreudig, manchmal albern, perfektionistisch."

Gernot Grünewald habe aus Steinaeckers Weltuntergangsvision kein Theaterstück gemacht, "sondern einen Multimedia-Erlebnispark aus Video, Hörspiel, Geisterbahn und Virtual Reality, in dem aber zugleich lebendige Schauspieler ganz analog eine Art Freakshow aufführen", so Alexander Altmann im Münchner Merkur (8.6.2024). "Auch wenn einem manche Szenen an die Nieren gehen (und der Rhythmus sich erst noch einspielen muss) – insgesamt erlebt man bei diesem theatralen Kreuzweg ein gut gebautes und auch technisch beeindruckendes Stück Untergangs-Kulinarik, quasi eine Wohlfühl-Katastrophe zum Mitfiebern."

Der technologische und personelle Aufwand sei enorm, berichtet Mathias Hejny in der Abendzeitung (8.6.2024). Bei aller beeindruckenden Momente sei die  prinzipielle Schwäche des Konzepts, die Zuschauenden zu Mitwirkenden zu machen, dass der Erzählfluss immer wieder unterbrochen werden müsse. "Die nicht virtuelle Wirklichkeit stört mit den Anforderungen der Versammlungstättenverordnung sowie der Zweckmäßigkeit eines nicht fiktiven Raums, der vor allem Arbeitsplatz für Theaterschaffende ist." Deshalb sei die erste, die Alm-Station, auch die stärkste: "Das klassische Theater und das gute alte Kino funktionieren trotz der virtuos eingesetzten Hochtechnologie noch sehr zuverlässig als dichtes Medium des Erzählens."

Mit großem technischen Aufwand versuche der Regisseur die einzelnen Zuschauer unmittelbar an die Erfahrungen der Endzeit und der Flucht dieser Menschen heranzuführen, so Sven Ricklefs in DLF Kultur heute (7.6.2024). Diese Theateranstrengung vermittle aber so gar nichts von jener "apokalyptischen Atmosphäre, von der Bedrohung, der Angst, der Ausweglosigkeit, der Gewalt, von der Thomas von Steinaecker mit seinem großartigen Stück Literatur eigentlich erzählt". Dazu bleibe sie zu zaghaft und wage es nicht, die Grenzen des Theaters zu überschreiten. 

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