Tristan (und Isolde) - Münchner Kammerspiele
Wenn Worte meine Sprache wären
27. April 2025. Sie sind eines der berühmtesten Liebespaare der Literatur, obwohl sie selbst nicht genau wissen, wie es dazu kommen konnte. Regisseurin Nele Jahnke zeigt eine neue Fassung des Tristan-und-Isolde-Stoffes aus den vielen Sprachen der Musik, der Hörenden und Nicht-Hörenden.
Von Martin Jost
"Tristan (und Isolde)" von Nele Jahnke an den Münchner Kammerspielen © Judith Buss
27. April 2025. Die großen Liebesgeschichten der Literatur sind bei näherer Betrachtung oft gar nicht romantisch. Die Geschichte von Tristan und Isolde handelt von Ehebruch an einem mittelalterlichen Königshof mit seinen strengen Verhaltensregeln. Der Fehltritt der beiden Liebenden wird durch einen Zaubertrank entschuldigt, den Tristan (Dennis Fell-Hernandez) irrtümlich mit Isolde (Johanna Kappauf) teilt. Das ist Hexerei, die beiden können also gar nichts dafür, dass sie nicht von einander lassen können.
Brangäne muss durch vieles durch
Das Trinken des Liebestranks haben wir irgendwie verpasst, es muss gerade noch etwas anderes auf der Bühne passiert sein. Zum Glück gibt es Maren Solty als Erzählerin beziehungsweise als Brangäne. In der einen Rolle hält sie das Geschehen zusammen und baut Brücken, wenn hier und da mal etwas Text durcheinander gerät. Als Brangäne ist sie Isoldes treue Dienerin, die sich bescheiden zurückhält, aber irgendwie genauso unerlässlich für die Geschichte ist.
Brangäne wird zweimal übel mitgespielt: Zuerst muss sie Isolde in der Hochzeitsnacht mit König Marke vertreten. Der würde schließlich eher bemerken, dass seine Braut keine Jungfrau mehr ist, als dass sich eine andere als seine Frau ausgibt (Brangäne: "Isolde! Loch ist Loch!"). Und dann gibt Isolde auch noch einen Mordanschlag auf Brangäne in Auftrag. Die könnte ja schließlich den Betrug verraten. Die loyale Brangäne kommt lebend davon und versöhnt sich mit Isolde per Fist Bump.
Andere Plotpoints gehen unter, obwohl Solty sich bemüht, die Fäden in ihrer Nacherzählung zusammen zu halten: Warum muss Tristan alias Tantris zweimal von Isoldes Mutter Isolde (Jelena Kuljić) gerettet werden und wie kommen die Isolden noch mal dahinter, dass er in Wahrheit der Erzfeind ihrer Sippe ist?
Eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen, deren Wendungen zwangsläufig aufeinander folgen, steht für Nele Jahnke nicht so sehr im Mittelpunkt ihrer Inszenierung wie die Erforschung unterschiedlicher Sprachwelten und Zeichensysteme. "Musiktheater in vielen Sprachen der Liebe" lautet der Untertitel des Abends in der Therese-Giehse-Halle. Musik ist allgegenwärtig (Musikalische Leitung und Original-Komposition: Hans-Jakob Mühlethaler). Tristans Geburt und Jugend ist mit Richard Wagners "Tristan und Isolde"-Vorspiel unterlegt, ein Soundtrack aus Melodien und elektronischen Beats begleitet das ganze Stück und es gibt einige Gesangsnummern.
Gebärden- und Gestensprachen
Stets auf der Bühne und ins Spiel eingebunden ist ein*e Simultanübersetzer*in für Deutsche Gebärdensprache (DGS). Wenn Text aus dem "Tristan" des Gottfried von Straßburg im Mittelhochdeutschen gesprochen wird – das ist in erster Linie die Sache von Fell-Hernandez als Tristan –, bekommen wir die Übersetzung in Übertiteln zu lesen. Deaf Performerin Susanne Kermer übersetzt wiederum Musik in Mimik und Gesten. Und Eyk Kauly als Isoldes Ehemann König Marke spricht ausschließlich DGS, was eine Lautsprecherstimme ins Hör-Deutsche übersetzt.
Schwieriges Zusammenkommen: Eyk Kauly, Dennis Fell-Hernandez, Johanna Kappauf © Judith Buss
Der betrogene König Marke ist hier kein Todfeind für Tristan, sondern mitfühlend und traurig. In einem wortlosen Monolog benutzt Kauly Visual Signs – eine Gestensprache, die er selbst entwickelt und fördert und in der sogar abstrakte Gedanken wie ein gebrochenes Herz sichtbar werden, auch für Nichtgeübte im Gebärdenlesen. Jelena Kuljić, sonst in einer Doppelrolle als Tristans Mutter Blanscheflur und Isolde sen., tritt zu Kauly und vokalisiert seinen Schmerz. Kuljićs Gesang ist eine weitere Sprache der Liebe. Ihre jazzige Stimme wirkt so natürlich, als hingen die perfekten Töne um sie herum in der Luft und sie brauchte sie bloß anzuschlagen.
Die traurigste Ecke im Dreieck
Die Titelfiguren sind leider kaum wirksam als Protagonist*in. Isolde immerhin hat ihre kleinen Intrigen, aber in erster Linie treten Kappauf und Fell-Hernandez auf, um allegorische Bilder zu bevölkern. Als der Liebestrank wirkt, hängen sie an langen Gummibändern wie beim Fußballtraining, die sie gerade so nicht zusammenkommen lassen. Die Idee immerhin ist einfach und gut, wie der Rest der Bühne von Klara Mand und Sabina Winkler. Auf Schaumstofffelsen lassen sich Drachen besiegen und als Markes Thron dient ein Schiedsrichter-Hochsitz vom Tennisplatz. Ein Ruder-Fitnessgerät steht für den Schiffs-Pendelverkehr zwischen Cornwall und Irland. Am vielseitigsten ist ein Kettenvorhang, der wahlweise für ein Versteck steht, als Leinwand für Projektionen dient oder sich in der Hochzeitsnacht in ein Zelt-Gemach verwandelt.
Einen Liebestod muss in "Tristan (und Isolde)" niemand sterben. Der Abend bricht noch früher ab als Gottfrieds Romanfragment: König Marke will nicht die traurigste Ecke im Dreieck sein und schickt die beiden Liebenden fort. Doch Tristan und Isolde legen Widerspruch ein. Bald redet der ganze Hof durcheinander, wie im Stimmengewirr von Babel verstehen wir nichts mehr, und dann löst die gesprochene Sprache sich auf. Die Musik wird Bass und der Boden unter unseren Füßen bebt. Auf einmal können wir die Beats sehen: Als Wellen, die durch den Kettenvorhang klirren. Am Ende bleiben Sprache, Musik und Liebe. Die Musik aber ist die Stärkste unter ihnen. Das Publikum spendet seinen Beifall ungefähr zur Hälfte als Klatschen und als Gebärden-Applaus.
Tristan (und Isolde)
Musiktheater in vielen Sprachen der Liebe von Nele Jahnke, Ensemble und Team
Regie: Nele Jahnke, Bühne: Klara Mand, Sabina Winkler, Kostüme: Sophie Reble, Musikalische Leitung, Komposition: Hans-Jakob Mühlethaler, Licht-Design: Max Kraußmüller, Visual Effects: Denis Jagodic.
Mit: Dennis Fell-Hernandez, Johanna Kappauf, Jelena Kuljić, Eyk Kauly, Maren Solty, Deaf Performance: Susanne Kermer, Live DGS-Übersetzung: Elisabeth Brichta, Adrian Buchschwenter, Sina Codreanu (abwechselnd).
Premiere am 26. April 2025
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
muenchner-kammerspiele.de
Offenlegung: Der Autor ist im Hauptberuf Angestellter der Münchner Volkshochschule GmbH, die mit der Landeshauptstadt München dieselbe Gesellschafterin hat wie die Münchner Kammerspiele.
Kritikenrundschau
Regisseurin Nele Jahnke hole den "Tristan"-Stoff "liebevoll respektlos aus der Wagner- und Mediävisten-Truhe", schreibt Jutta Czeguhn in der Süddeutschen Zeitung (28.4.2025). "Auf der Bühne stehen, tanzen, sprinten, singen, sprechen, gestikulieren neun Menschen. Worte, Gebärden, Gesang, alles fließt ineinander zu einer kollektiven Erzählung über die (Un-)Möglichkeiten der Liebe", so die Kritikerin. Dass "etwa die Hälfte der Menschen im Publikum an diesem Premierenabend (…) Wagners Audio-Droge gar nicht oder nur eingeschränkt hören" könne, mache überhaupt nichts. "`Tristan (und Isolde)` ist Musiktheater in vielen Sprachen und Wahrnehmungsformen."
Als "inklusiv, verspielt und voller überraschender Bilder" beschreibt Barbara Reitter-Welter Nele Jahnkes Inszenierung im Donaukurier (28.4.25). Zwar erlebe man an diesem Abend "mit ungewöhnlich erfrischender Tonalität" keine Oper, aber "Musiktheater in vielen Sprachen der Liebe", dem Untertitel gemäß. "Die Schauspieler:innen, allen voran die wahnsinnig tolle Sängerin Jelena Kuljic als Projektionsfigur aller Mütter, aber auch Maren Solty, spritzig und witzig in mehreren Rollen (…) intonieren immer wieder Songs unterschiedlicher Provenienz."
Einen "Totalausfall" nennt Michael Schleicher den Abend im Münchner Merkur (28.4.2025). Denn "zu keinem Zeitpunkt" werde klar, was die Regisseurin mit dem Stoff erzählen wolle. "Nichts ist lustig, nichts erhellend, nichts spannend, nichts berührend. Wir sehen eine uninspirierte, nicht ordentlich geprobte Abfolge von Szenen", so der Kritiker. Dass Jahnke "Menschen, die eh Schwierigkeiten mit der Aussprache haben, zwischendurch Mittelhochdeutsch sprechen lässt", zeuge "von einem unbarmherzigen, weil das Ensemble bloßstellenden Regie-Ansatz".
"Nicht wenige berührende und betörende Elemente" erlebte Anne Fritsch von der Münchner Abendzeitung (28.4.2025) in den Kammerspielen. Die Liebesgeschichte der Protagoniten bliebe zwar "leider behauptet". Spannend aber sei, "was sich zwischen den Spielern und Spielerinnen abspielt und entwickelt, wie sie aufeinander reagieren, miteinander agieren. Wie sich aus all den verschiedenen Elementen von Schlager bis Oper, von Klamauk bis Ernst ein Abend entwickelt, der berührt, weil er etwas von einer Utopie eines neuen Miteinanders und einer Gleichberechtigung der Sprachen hat."
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