Auf ins Unbeqandte!

27. Februar 2026. Doofe Kalauer, actionhaltiger Trash, stilles Reflektieren: Sofie Boiten und Lorenz Nolting machen in ihrer Sophokles-Überschreibung "Elektra – 750 PS Vergangenheitsüberwältigung" alles auf einmal. Das nervt, ist aber seinem Sujet durchaus angemessen.

Von Falk Schreiber

Lorenz Noltings "Elektra. 750 PS Vergangenheitsüberwältigung" am Münchner Volkstheater © Gabriela Neeb

27. Februar 2026. Agamemnon ist tot. Gerade vom Krieg gegen Troja zurückgekehrt, wurde der griechische Feldherr von seiner Gattin Klytaimnestra und deren Geliebten Aigisthos gemeuchelt, aus Rache, weil Agamemnon die gemeinsame Tochter Iphigenie fürs Kriegsglück opferte. Sohn Orest soll das Verbrechen sühnen, so will es das ewige Gesetz von Schuld und Rache, so will es vor allem Gott Apollon, der auf die Einhaltung des Gesetzes pocht. Aber Orest beklagt zwar den Tod seines Vaters tränenreich ("Ach! Weh!"), doch als es drauf ankommt, schreckt er zurück. "Mach' ich morgen." Klar, dass er auch morgen seine Mutter nicht umbringen wird.

Die Schuld der deutschen Industriellen

Die Schuld also wird nicht beglichen und setzt sich immer weiter fort, bis in die Gegenwart. In der Klytaimnestra nach unzähligen Generationen als Susanne Klatten wiederkehrt. Susanne Klatten, geborene Quandt , das ist die mit einem Vermögen von rund 27,2 Milliarden Dollar reichste Deutsche, Großaktionärin bei BMW, regelmäßige Spenderin an CDU und FDP. Basis von Klattens Vermögen ist das Erbe ihres Vaters Herbert Quandt, eines Industriellen, der mit den Nazis zusammenarbeitete und in seinen Fabriken Zwangsarbeiter beschäftigte, teils in direkter Kooperation, mit Lagern auf Firmengelände. Und hier schließt sich die Verbindungslinie, die Sofie Boiten und Lorenz Nolting am Münchner Volkstheater vom antiken Mythos zu Klatten ziehen: Es geht um Schuld, und es geht um Erbe, durch das die Schuld weitergetragen wird.

Bereit zum Angriff aufs Kapital: Liv Stapelfeldt, Steffen Link und Marlene Markt © Gabriela Neeb

Apollon (den Genet Zegay zunächst als so campy wie jähzornigen Gott auf Video gibt) jedenfalls findet endlich eine Lösung, doch noch Gerechtigkeit walten zu lassen: Nachdem sich Orest (Max Poerting) aus der Affäre gezogen hat, soll jetzt seine Schwester Elektra ran und Klytaimnestra/Klatten (Liv Stapelfeldt) sowie deren Liebhaber umbringen, den Künstler Andreas Slominski (Steffen Link tut überhaupt nicht so, als ob er etwas mit dem echten Slominski zu tun hätte, der, Gossip-Alarm!, tatsächlich von 2019 bis 2023 eine Beziehung zur echten Klatten führte).

Elektra ist bei Marlene Markt eine reichlich poröse junge Frau, die sich göttlicherseits trefflich manipulieren lässt: Sie müsse nur mal ihre Mutter fragen, was die Großeltern so unter den Nazis getrieben hätten, pflanzt ihr Apollon ins Bewusstsein, und schon hebt die Tochter die Armbrust. Stellt sich dabei aber so ungeschickt an, dass sie von der durchtriebenen Klytaimnestra/Klatten leichthändig außer Gefecht gesetzt wird.

Trash und Triftiges

Gespielt ist das mit dem Spaß am Uneigentlichen, den man von Noltings Regiearbeiten kennt. Heißt: Alles ist ohrenbetäubend laut, ständig sprechen alle parallel, und die Videowand zeigt einen Bilder-Overkill, der gleichzeitig alles und nichts bedeutet. Diese Inszenierung nervt, und sie nervt bewusst: Der Untertitel "750 PS Vergangenheitsüberwältigung" ist schon korrekt, weil Nolting einen überwältigt mit seinen Regieideen, von denen mindestens 70 Prozent als verzichtbar gelten können, was freilich auch beinhaltet, dass 30 Prozent stimmig sind.

Der Abend ist also anstrengend, aber es ist eben auch eine große Kunst, wie Nolting alles gleichzeitig ablaufen lässt, die doofen Kalauer und das stille Reflektieren, den actionhaltigen Trash und die ernsthafte Überlegung, was eigentlich die eigenen Großeltern vor 1945 gemacht haben. Eine Inszenierung, die sich vor allem auf die Verfehlungen der Familie Quandt konzentriert, macht es sich vielleicht ein bisschen einfach, und dass Nolting auch diese Frage stellt, ist schmerzhafter, als man es zunächst gedacht hätte, angesichts der Lautstärke und des hohen Tons, den der Abend zunächst pflegt.

Scheitern am Werkstor von BMW

Wobei einen die Lautstärke auch auf eine falsche Fährte führt. Man ist noch am Kichern und Luftholen, da sind die ganzen Schießbudenfiguren plötzlich verschwunden, und am Bühnenrand steht Markts Elektra, die ganz ernst aufzählt, wovon der Abend auch noch handeln könnte, von den Opfern zum Beispiel. Und währenddessen verwandelt sich die Bühne, wird das Klatten'sche Gartenhaus zu einer Scheune im sachsen-anhaltischen Gardelegen, in der die SS während der letzten Kriegstage 1016 Gefangene aus Konzentrationslagern massakrierte, darunter viele Zwangsarbeiter aus den Fabriken der Familie Quandt. Das ist schon sehr raffiniert gemacht.

Elektra4 1200 Gabriela NeebAngriff mit Armbrust: Max Poerting und Liv Stapelfeldt (im Hintergrund: Steffen Link und Marlene Markt) © Gabriela Neeb

Und zu dieser Raffinesse gehört dann auch, dass der Abend gleich wieder in höheren Blödsinn kippt. Das Publikum wird aufgefordert, das Theatergebäude zu verlassen, nur um gerade noch zu sehen, wie Orest und Elektra im Auto davonbrausen, auf zur BMW-Konzernzentrale, "auf ins Unbequandte" (hier auch wieder das Kalauernde, an dem Nolting spürbar Freude findet). Also geht es zurück in den Saal, das Folgende sieht man im Video: Die Held*innen fahren in die Außenbezirke, aber weit auf dem BMW-Gelände kommen sie nicht. Zwei Werkschutzmitarbeiter reichen aus, um die Sühne abzublasen, wobei gar nicht ganz klar ist, was die beiden Rächer*innen hier eigentlich geplant hatten. Alles in die Luft jagen? Krach schlagen? Den Laden übernehmen? Wissen sie wahrscheinlich selbst nicht.

Das ist ja das Perfide am Erben: Im Zweifel macht man irgendeine symbolische Aktion, und hinterher läuft alles weiter wie gehabt. Die Schuld jedenfalls bleibt ungesühnt.

Elektra – 750 PS Vergangenheitsüberwältigung
von Sofie Boiten und Lorenz Nolting, frei nach Sophokles
Regie: Lorenz Nolting, Künstlerische Mitarbeit: Sofie Boiten, Bühne: Nadin Schumacher, Kostüme: Lea Jansen, Musik: Alexander Zwick, Lichtdesign: Anja Sekulic, Dramaturgie: Leon Frisch.
Mit: Liv Stapelfeldt, Steffen Link, Marlene Markt, Max Poerting, Genet Zegay.
Uraufführung am 26. Februar 2026
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.muenchner-volkstheater.de

Kritikenrundschau

Von einer "wild zusammengeschnürte(n) Inszenierung" schreibt Yvonne Poppek in der Süddeutschen Zeitung (27.2.2026). Der Titel verspreche Großes. "Am Ende des mehr als zweistündigen Abends hat man allerdings mehr als nur Zweifel, ob es unbedingt 750 PS sein mussten." Der Abend prangere an, "wie sehr die deutsche Industrie mit dem Nazi-Regime verstrickt war und worauf der heutige Reichtum teilweise fußt." Das sei richtig. Die Frage sei nur, wie. Nolting trete sofort das Gaspedal durch. Doch wen könne man denn da ernst nehmen "von diesen über weite Strecken brüllenden Schablonen-Figuren?", fragt die Kritikerin. "Offensichtlich niemanden. Aber wenn eh alle so lächerlich sind, muss man sich dann mit ihnen befassen?"

"Was für ein Chaos Nolting und Boiten auf einer Bühne anzetteln können, durfte man in München schon beim letzten Radikal-jung-Festival erleben," schreibt Michael Stadler in der Abendzeitung (27. 2.2026). Schon hier "entfesselten sich die Spielenden in einem performativen Rachefeldzug gegen die Konzerne. "Einen ähnlichen Kampf für Gerechtigkeit fechten Orest und seine Schwester Elektra nun aus, nur im engen Familienkreis. Nolting und Boiten injizieren das antike Geschwisterpaar in die reale Industriellenfamilie Quandt hinein." Allein diesen beiden "beim protzigen Luxus(mahl)leben und beim Verneinen jeglicher Schuldgefühle zuzuschauen", macht Stadler "einen Mordsspaß, wenngleich der darstellerische Overkill, den Regisseur Nolting und sein Team mit einem Wirbel aus Licht, Video und Musik unterstützen, gehörig die Belastbarkeit der Zuschauernerven testet."

Die erste Hälfte des Abends erinnert Alexander Altmann vom Merkur (28.2.2026) "von der Phonzahl her an eine Disco. Streckenweise wird da in einer solchen Lautstärke hysterisch durcheinandergeschrien, dass man kein Wort mehr versteht." Die zweite Hälfte sei der "Schock-Teil des Abends" mit "einer rhapsodischen Gräuel-Beschwörung". Dabei werde nicht nur Tragödie gespielt, sondern: "Ein bisschen tragisch ist auch das Projekt selbst: Da wollen junge Theatermacher schon mal richtig politisch Gummi geben, bleiben aber im kleinbürgerlichen Rebellen-Aplomb stecken, verstolpern sich in gänzlich unpolitische Völkerpsychologie und landen bei Logikfehlern, die einem Kolbenfresser gleichen."

"Nolting und Boiten gelingt eine kluge und zunehmend radikale Fortschreibung des antiken Schuldmotivs in die deutsche Gegenwart," schreibt Luca Klander in der taz (2.3.2026). "Allerdings liegt in ihrer konzeptuellen Radikalität auch eine Schwäche. Mit jeder neuen Idee verliert sich die konkrete dramatische Handlung. So kommt die freie Adaption nach Sophokles allmählich von der Spur des dramatischen Konflikts ab. Dass man sich trotzdem mitreißen lässt, liegt auch am Ensemble, das den Abend mit vollem Körpereinsatz trägt."

 

Kommentare  
Elektra, München: Völlig mitgerissen
So muss Gegenwartstheater klingen
Ich war auch da und völlig mitgerissen. Ja, es war laut, grell, dröhnend. Aber genau diese Übersteuerung hatte eine unglaubliche Energie. Das war kein vorsichtiges Abtasten, sondern ein beherzter Vollgas-Abend, der Mythos und Gegenwart frontal aufeinanderprallen lässt. Für mich selten so ein wacher, wuchtiger Theatermoment erlebt.
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