Verdorrte Träume

5. Dezember 2024. Die vor Hitze und Dürre Flüchtenden aus John Steinbecks amerikanischem Klassiker wussten noch nichts vom menschengemachten Klimawandel. Bei Regisseur Max Lindemann liegen die Ursachen ihrer Migration nun klar auf der Hand. Den überzeitlichen Fragen des Romans bleibt er dennoch treu.

Von Anne Fritsch

"Früchte des Zorns" in der Regie von Max Lindemann am Münchner Volkstheater © Arno Declair

5. Dezember 2024. Es klingt wie eine Dystopie: Menschen, die ihr Land verlassen müssen, weil die Sonne zu heiß ist, der Boden zu trocken. Weil ihre Heimat unbewohnbar geworden ist. Und doch spielt diese Geschichte in den 1930er Jahren, während der Großen Depression in den USA. John Steinbecks Roman "Früchte des Zorns" erschien 1939. "Über das rote Land und einen Teil des grauen Landes von Oklahoma fiel sanft der letzte Regen; aber er drang nicht in die rissige Erde ein." So beginnt Steinbeck sein frühes Klima-Epos. 

Auf über 500 Seiten folgt er der Familie Joad auf ihrer Flucht vor dem Hunger; aus dem Osten in den Westen, nach Kalifornien, wo gelbe Handzettel Neuankömmlingen ein Paradies versprechen: Arbeit, Früchte, Schatten. Dass die Arbeit nicht für alle reichen wird, die Früchte schließlich die des Zorns sein werden und auch das fruchtbare Land nicht alle ernährt, merken die Geflohenen erst, als sie alles hinter sich gelassen haben und es kein Zurück mehr gibt.

Schattenbilder der Flucht

Max Lindemann hat den Roman nun im Münchner Volkstheater wie eine Modellanordnung menschengemachten Übels inszeniert. Links auf der Bühne von Marlene Lockemann stehen die Farmhäuser Oklahomas als Miniatur-Modelle, die wie der vertrocknete Mais live auf eine geschwungene Leinwand im Zentrum der Bühne projiziert werden und einen eindrucksvollen Panorama-Hintergrund bilden.

Früchte des Zornsnach dem Roman von John SteinbeckRegie Max LindemannBühne Marlene LockemannKostüme Eleonore CarrièreMitarbeit Bühne Sina MantheyMusik Sonja DeffnerBeleuchtung David JäkelDramaturgie Anouk KesouRegieassistenz Malin KrausBühnenbildassistenz Ellen SchäferKostümassistenz Jonas KonradTom Joad Max PoertingJim Casy Lorenz HochhuthVater Joad Lukas DarnstädtMutter Joad Anne SteinGroßmutter Joad Henriette NagelAl Joad Julian GutmannJohn Joad Alexandros KoutsoulisRose Joad Ruth BohsungConnie Rivers Kjell BrutscheidtPremiere am 04. Dezember 2024, Münchner VolkstheaterCopyright by Arno DeclairBirkenstr. 13b10559 Berlin+49 (0)172 400 85 84arno@iworld.deKonto 600065 208 Blz 20010020 Postbank Hamburg IBAN/BIC : DE70 2001 0020 0600 0652 08 / PBNKDEFFVeröffentlichung honorarpflichtig!Mehrwertsteuerpflichtig 7%   USt-ID DE 273950403St.Nr. 34/257/00024       FA Berlin Mitte/TiergartenUnterwegs in ein besseres Leben? Anne Stein, Kjell Brutscheidt, Ruth Bohsung © Arno Declair

Auf der Spielfläche davor stellen die Spieler*innen Szenen aus dem Roman nach, formieren sich zu lebenden Schau- und Schattenbildern der Flucht. Bühnenelemente fahren aus dem Untergrund hoch oder senken sich von oben herab: Teile eines Hauses; der offene Wagen, auf dem die Familie tausende Kilometer über Land fährt; eine trostlose Tankstelle; ein Zelt für die Geflüchteten.

Nach am Ton der Vorlage

Doch Lindemann macht alles andere als naturalistisches Theater. Dem Regisseur geht es weniger um Einfühlung als um Verstehen, um das Erkennen von Zusammenhängen. Hier gibt es keinen Theaterzauber. Für alle sichtbar werden an den Seiten Kostüme gewechselt, werden Bärte angeklebt und abgenommen. Wer nicht überlebt, geht nach seinem Bühnentod einfach zur Seite ab. Immer wieder treten die Spieler*innen aus ihren Rollen, um von den Seiten das Geschehen zu kommentieren und in größere Zusammenhänge einzuordnen. Diese Perspektivwechsel vom Individuellen zum Allgemeinen gibt es auch bei John Steinbeck, wie dieser Abend überhaupt erstaunlich nah an der Tonalität seiner Vorlage bleibt.

Früchte des Zornsnach dem Roman von John SteinbeckRegie Max LindemannBühne Marlene LockemannKostüme Eleonore CarrièreMitarbeit Bühne Sina MantheyMusik Sonja DeffnerBeleuchtung David JäkelDramaturgie Anouk KesouRegieassistenz Malin KrausBühnenbildassistenz Ellen SchäferKostümassistenz Jonas KonradTom Joad Max PoertingJim Casy Lorenz HochhuthVater Joad Lukas DarnstädtMutter Joad Anne SteinGroßmutter Joad Henriette NagelAl Joad Julian GutmannJohn Joad Alexandros KoutsoulisRose Joad Ruth BohsungConnie Rivers Kjell BrutscheidtPremiere am 04. Dezember 2024, Münchner VolkstheaterCopyright by Arno DeclairBirkenstr. 13b10559 Berlin+49 (0)172 400 85 84arno@iworld.deKonto 600065 208 Blz 20010020 Postbank Hamburg IBAN/BIC : DE70 2001 0020 0600 0652 08 / PBNKDEFFVeröffentlichung honorarpflichtig!Mehrwertsteuerpflichtig 7%   USt-ID DE 273950403St.Nr. 34/257/00024       FA Berlin Mitte/TiergartenOhne Rast und ohne Ruh': Ensemble im Bühnenraum von Marlene Lockemann © Arno Declair

Fast zwangsläufig stellen sich exemplarische Situationen ein, tauchen überzeitliche Fragen auf. "Wie sollen wir leben ohne unsere Leben?", lautet eine davon. Was braucht ein Mensch, um ein Mensch zu bleiben? Was muss mitgenommen werden an Erinnerung und Vergangenheit, um eine Zukunft lebbar zu machen?

Auch wenn Lindemann nichts aktualisiert, dem Text keine Fremdtexte hinzufügt, findet er erstaunlich leicht zu zeitlosen Überlegungen. Ihre emotionale Tonlage dagegen schraubt die Inszenierung sehr gemächlich bis zum stürmischen Finale hoch, da geschieht selbst ein Mord beinahe beiläufig. Hie und da wäre ein bisschen mehr von jenem titelgebenden Zorn schön gewesen, der nur verhalten und selten ausbricht, etwa wenn Anne Stein als Mutter einen übereifrigen Polizisten in seine Schranken weist.

Ein Keim der Hoffnung

Es ist kaum überraschend, dass Kalifornien nicht das verheißene Land ist, sondern lediglich eine Variante des Elends. Auf die vielen Geflüchteten hat hier keiner gewartet. 300.000 warten in den Zelt-Lagern auf Arbeit, lediglich 3000 werden für die Pfirsichernte gebraucht. Ihre Arbeitskraft ist nichts mehr wert, ihre Not geht weiter. "Wenn wir nehmen, was wir kriegen, verhungern wir", stellt einer fest. "Und wenn wir’s Maul aufmachen, verhungern wir auch."

Aus Träumen werden Zweifel, aus dem anfänglichen Mitleid der örtlichen Bevölkerung Wut und Angst. Am Ende sät Lindemann wie Steinbeck einen Keim der Hoffnung, dass aus dem "Ich" doch noch ein "Wir", eine Solidarität erwachsen könnte. Ganz ohne Hoffnung kann der Mensch wohl eben nicht. Auch wenn dieser Keim bis heute nicht wirklich aufgegangen ist.
 

Früchte des Zorns
nach John Steinbeck
Aus dem Englischen von Klaus Lambrecht, bearbeitet für die Bühne von Johannes Nölting, in einer Fassung von Anouk Kesou
Regie: Max Lindemann, Bühne: Marlene Lockemann, Kostüme: Eleonore Carrière, Musik: Sonja Deffner, Dramaturgie: Anouk Kesou.
Mit: Max Poerting, Lorenz Hochhuth, Lukas Darnstädt, Anne Stein, Henriette Nagel, Julian Gutmann, Alexandros Koutsoulis, Ruth Bohsung, Kjell Brutscheidt.
Premiere am 4. Dezember 2024
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause

www.muenchner-volkstheater.de

Kritikenrundschau

"Das ist alles virtuos gemacht. Aber je weiter der Abend voranschreitet, desto drängender stellt sich die Frage, ob der Darstellung tiefsten Elends ärmeres Theater angemessener wäre als diese luxuriöse Materialschlacht", gibt Robert Braunmüller in der Abendzeitung (6.12.2024) zu bedenken. Die "höfliche Neutralität gegenüber dem Roman bleibt der stärkste Mangel" der Inszenierung. "Und ein widerständiges ästhetisches Sandkorn im glatten Ablauf hätte dem Abend auch nicht geschadet."

Abgesehen von der fehlenden (Neu)Interpretation und einiger Längen, besonders vor der Pause, inszeniert Lindemann ein optisch überzeugendes Roadmovie", urteilt Barbara Reitter im Donaukurier (6.12.2024). Max Lindemann habe den Roman "in epischer Breite nacherzählt – und dabei das brandaktuelle Potenzial dieses Jahrhundertwerks nicht gehoben". Er habe "die Story in ihrer Zeit gelassen, den Jahren nach dem Börsencrash 1929 und der wirtschaftlichen Depression der Folgezeit, ja sie geradezu in einem putzigen Realismus auf die Bühne gestellt."

"Es wird viel geredet, aber wenig gespielt. Über weite Strecken gleicht das Stück einer szenischen Lesung, wobei die Musik von Sonja Deffner die Betroffenheitsästhetik steigert. Das trägt keine dreieinhalb Stunden mit Pause. Erst in der zweiten Hälfte erwächst eine Ahnung von Theater." So berichtet Marco Frei in der Bayerischen Staatszeitung (6.12.2024)

thea kulturklub

Kommentare  
Früchte des Zorns, München: Stilvoll, aber leblos
Das Elend, die Empörung und ja, der Zorn kommen in jedem Fall zu kurz, auch wenn ich die Inszenierung ausgesprochen stilvoll und glücklicherweise nicht zu pseudo-modern fand. Ein sehr feine Arbeit, im Spiel und im Timing.

Ich empfehle dennoch die großartige neue Hörspiel-Version, wenn man die ganze Geschichte und das Bigger Picture will:
https://www.ardaudiothek.de/sendung/fruechte-des-zorns-john-steinbecks-roman-als-hoerspiel-serie/13796991/
Früchte des Zorns, München: Eindrucksvoller Abend
Eindrucksvoller Abend mit grandiosen Überraschungen.
Hochaktuell und sollte jede*r gesehen haben. Herr Lindemann überzeugt mal wieder mit seinem Handwerk.
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