Die schlechtere Hälfte

29. November 2024. Zu sagen haben sich der Vater, der in einem umzäunten Reichen-Viertel lebt, und seine sozial engagierte Tochter eigentlich nichts. Die Dramatikerin Lot Vekemans zwingt sie in ihrem neuen Stück "Blind" freilich dennoch ins Gespräch. Dabei stellen sich erstaunliche Gemeinsamkeiten heraus. Jedenfalls in einem Punkt.  

Von Martin Jost

"Blind" von Lot Vekemans im Münchner Residenztheater © Sandra Then

29. November 2024. Ist das unbequem! Der Stuhl sieht aus, als würde er drücken mit seiner einen, kantigen Querleiste als Lehne. Richard sitzt auf dem einzigen Möbel auf der Bühne, halb abgewandt, während wir unsere Plätze einnehmen. Manfred Zapatkas Figur ist präsent, als wir den Zuschauerraum betreten, und wird fast den ganzen Abend nicht von der Bühne finden.

Ort der Handlung in Lot Vekemans neuem Stück "Blind" ist Richards Haus in einem umzäunten Viertel für ängstliche Reiche. Sicherheitsleute mit Maschinengewehren kontrollieren jede*n Besucher*in. Auch Richards Tochter Helen (Juliane Köhler) muss ihren Ausweis zeigen, als sie ihrem Vater ein paar Einkäufe vorbeibringt. So selten, wie sie herkommt, können die Wachleute sie ja nicht kennen. Richard lässt auch diesen Vorwurf nicht aus. Helen sagt ihrem Vater ins Gesicht, dass sie ihn nicht gern besucht. Schon gar nicht will sie ihn pflegen. Darum bittet er sie, nachdem er bald erblinden wird und aus irgendeinem Grund seine Haushälterin entlassen hat.

Negatives Abbild

Helen kann ihre Ablehnung gegen den rassistischen, libertär eingestellten Vater nicht ablegen, und auch Richard kann nicht aus seiner Haut. Aus idealistischen Gründen fällt es uns leichter, auf Helens Seite zu sein, aber in puncto Selbstgerechtigkeit geben sich die beiden nichts. Auch das reibt Richard der Tochter immer wieder unter die Nase: Sie ist nun mal seine Tochter, und mit ihrem überschießenden sozialen Engagement ist sie ein Negativ-Abbild von ihm, nicht so sehr sein Gegenteil.

Blind Manfred Zapatka und Juliane Koehler c Sandra Then 1Geben sich nichts in puncto Selbstgerechtigkeit: Manfred Zapatka als Vater und Juliane Köhler als Tochter © Sandra Then

Ist das ungemütlich zwischen den beiden! Die Veteranin und das Urgestein – Zapatka ist Jahrgang 1942 – lassen uns körperlich spüren, wie unverbunden sie sind. In Richard zuckt nicht mal ein Reflex, als Helen ihm die Einkäufe hinhält. Sie wiederum möchte nichts trinken, was er anbieten kann. Jede Berührung ist ein Auflaufen. Aber auch mit Abstand zueinander entspannen sich die Figuren nicht. Verbal läuft es kaum geschmeidiger: Helen und Richard werfen einander Textpäckchen vor die Füße. Die Replik lässt auf sich warten, als wollte sie um keinen Preis mit der Frage in Verbindung gebracht werden.

Palast oder Käfig?

Helen kommt und geht, Richard bleibt auf der Bühne. Ist sein Haus sein Käfig oder sein Palast? So langsam, dass man es kaum bemerkt, ziehen sich die weißen Vorhänge vor den portalhohen Fenstern zurück. Fabian Liszts Bühne schafft damit ein Vexierbild: Sehen wir einen zunehmenden Abstand? Oder sehen wir eine sprichwörtliche Öffnung in Zeitlupe?

Was die Inszenierung vordergründig ausmacht, ist, wie wenig Platz sie dem Duo lässt. Die Wand aus grau-matten Fenstern klemmt Köhler und Zapatka den ganzen Abend auf der Vorderbühne ein. Und als ein Alarm losgeht und das Haus automatisch abgeriegelt wird, ist es der Eiserne Vorhang, der die Jalousien markiert. Mit der Handy-Taschenlampe sucht Helen nach dem Lichtschalter. Ab jetzt sind sie beide eingesperrt. Was bleibt ihnen anderes übrig, als sich auszusprechen?

Blind Manfred Zapatka und Juliane Koehler c Sandra Then 2Exemplarisch: Manfred Zapatka und Juliane Köhler im Vater-Tochter-Konflikt auf Fabian Liszts Bühne © Sandra Then

Vekemans' neues Stück spielt in Südafrika, aber der konkrete Ort ist egal. Selbst der Vater-Tochter-Konflikt ist exemplarisch und irgendwie generisch. Ein Familiendrama, ein Generationenkonflikt, eine Geschichte über Rassismus oder eine Metapher für die Abschottung Europas – "Blind" funktioniert auf allen Ebenen.

Helen und Richard können nicht schlafen. Richard hat sich verletzt. Als ginge nicht sowieso schon alles langsamer. Der Stuhl ist nicht nur unbequem, sondern auch meistens mit Zeug belegt. Da bleibt nur, am Boden beziehungsweise an der Rampe zu hocken. Ächzend.

Schauspielerische Gravitationswellen 

In der großzügigen Enge nähern sich die beiden an – nicht unbedingt harmonisch. Zumindest können sie ihrem Streit nicht länger ausweichen. Sie sprechen inzwischen sogar manchmal gleichzeitig und durcheinander.

Das Markenzeichen der meistgespielten niederländischen Dramatikerin Lot Vekemans sind kleine Kammerspiele über große Themen. Köhler und Zapatka verwandeln den glasklaren Dialog in schauspielerische Gravitationswellen. Die zurückhaltende Inszenierung unterstützt sie geradezu aufdringlich. Und das Beste ist: Am Ende ist nichts gelöst.

Blind
von Lot Vekemans
Aus dem Niederländischen von Eva M. Pieper und Alexandra Schmiedebach
Regie: Matthias Rippert, Bühne: Fabian Liszt, Kostüme: Alfred Morina, Musik: Robert Pawliczek, Licht: Markus Schadel, Dramaturgie: Almut Wagner.
Mit: Juliane Köhler, Manfred Zapatka.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Premiere am 28. November 2024

www.residenztheater.de

Kritikenrundschau

"Es ist ein Abend, der an eine andere Zeit erinnert," schreibt Yvonne Poppek im München-Teil der Süddeutschen Zeitung (20.11.2024). "Der Hauch der Dieter-Dorn-Ära umwehte damals wieder den Marstall, das große Sprechtheater, die Distanzlosigkeit von Figur und Spieler, die perfektionierte Technik der stillen Gesten, der Akzentuierung der Pausen, der zielgenau hingeworfenen Pointen." Die beiden hochkarätigen Schauspielstars haben aus Sicht der Kritikerin zwar "eine hoch ausgeprägte Technik". Manchmal beschleicht sie an diesem Abend jedoch der Wunsch, "es gäbe ein paar Bruchstellen, damit man die Verzweiflung ihrer Figuren nicht nur sieht, sondern ihr verfällt."

"Das Drama entwickelt ohne Geschwätzigkeit und Holzhammer-Erklärungen einen bühneneffizienten Disput über Regeln des guten und vernünftigen Zusammenlebens," schreibt Simone Dattenberger im Münchner Merkur (30.11.2024). "Deswegen sind das Stück 'Blind' und seine deutsche Erstaufführung am Resi heute knallaktuell und steht klar in der wieder wichtig gewordenen Tradition der Aufklärung." Lot Vekemans Werk stürzt sich aus Sicht der Kritikerin "nicht in die zurzeit modischen Verbal-Prügeleien, es hört beide Seiten; kanzelt nicht ab, sondern denkt nach."

"Ein kluger, berührender Theaterabend zur rechten Zeit," schreibt Sabine Busch-Frank im Donaukurier (2.12.2024). "Es ist ein im allerbesten Sinne altmodischer Ansatz, den der Regisseur, Jahrgang 1988, hier zulässt. Er traut den Spielenden, er vertraut auf ihr Können, ihre Präsenz, ihr Timing. Und das Wagnis gelingt." Auch werde bereits in den ersten Minuten klar: "Hier wissen zwei brillante Schauspieler genau, was sie tun."

thea kulturklub

Kommentare  
Blind, München: Unumstößliche Theaterwahrheit
Großartiges Sprechtheater der beiden Schauspiel-Größen Zapatka und Köhler in einem an Stücke von Thomas Bernhard zu Zeiten Dieter Dorns erinnernd. Von der ersten Minute an inhaltlich und im Bühnenbild klar zielgesetzt. Und am Schluss? Das Beste im Stück der auf Ausgleich zwischen den Generationen gestimmten niederländischen Autorin ist die unumstößliche Theater-Wahrheit - "wie im richtigen Leben": Am Ende ist nichts gelöst!
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