Der Untertan - Residenztheater München
Wie alle in Deutschland
10. Oktober 2025. Nicht weniger als eine "vollendete Prophetie" hat Thomas Mann den Roman "Der Untertan" seines Bruders Heinrich genannt. Wie prophetisch dessen Inhalt auch heute wieder ist, will Alexander Eisenach nun am Münchner Residenztheater ergründen. Spektakulär wird's dabei allemal.
Von Susanne Greiner
"Der Untertan" in der Regie von Alexander Eisenach am Residenztheater München © Birgit Hupfeld
10. Oktober 2025. Ist es wirklich nötig, "Der Untertan", mal wieder?, fragt der Chor das Publikum im prunkvollen Cuvilliéstheater. Offenbar ja. Denn Diederich Heßling, Heinrich Manns "weiches Kind", ist immer noch so entsetzlich formbar, wabernd zwischen Befehl und Gehorsam. "Wie alle in Deutschland. Damals. Früher", beschwichtigt der Chor – und meint das Gegenteil: Die Spezies des nach oben Kuschenden und nach unten Tretenden ist immer noch da. Und könnte auch heute hervorragender Nährboden fürs Mitläufertum sein. Make das Unsrige great again, egal wie.
Wohliges Grauen, grätschender Klamauk
Dieser chorische Start, den Hausregisseur Alexander Eisenach in seiner "Untertan"-Fassung an den Anfang stellt, balanciert perfekt auf dem Grat zwischen Zynismus und Entsetzen. Und wenn die Szenerie zum "weichen Kind" mit starrer Maske und verballhorntem Matrosenanzug wechselt – natürlich rosa –, überfällt einen ein wohliges Grauen. Eine Stimmung, die Manns Roman gerecht wird. Aber Eisenach kann die Balance nicht konsequent halten: Teils grätscht der Klamauk etwas zu laut dazwischen.
Die Optik punktet durchgehend. Das Bühnenbild von Daniel Wollenzin ist ehrfurchtgebietend, eindrucksvoll, imposant: ein Altarraum samt Rosettenfenster strebt auf der Drehbühne gotisch in die Höhe, von oben erhellen einzelne Strahler den Raum nahezu mystisch – ein Link zu Heinrich Manns Sicht der Kirche als Sinnbild autoritärer Strukturen und Scheinmoral. Dieses Mystische unterstützt die teils bombastische, teils sphärische, geistlich anmutende Live-Musik des eingespielten Kompositionsduos Benedikt Brachtel und Sven Michelson. Claudia Irros Kostüme aus aufbauschend glänzenden Stoffen – reinweiß für den Chor, knallige Farben für Agnes, Diederichs Mutter und Guste Daimchen – ergänzen das Imposante. Nur Diederich, der sich vom rosa Matrosenanzug zur rot-schwarzen Schlabberlook-Uniform samt Kaiser-Schnauzer mausert, bleiben Glanz und Gloria verwehrt.
Starkes Ensemble: Hanna Scheibe, Lukas Rüppel, Lisa Stiegler, Nicola Kirsch, Carolin Conrad, Myriam Schröder © Birgit Hupfeld
Das Ensemble überzeugt, allen voran Lukas Rüppel als Diederich. Seine sich in Zwanghaftigkeit verhaspelnden Monologe, seine devote Untertänigkeit dem Kaiser gegenüber, wenn der, per Video auf einem Pferd reitend eingeblendet, als Projektion der Macht im doppelten Sinn sichtbar wird. Auch der Chor in seiner Gesamtheit besticht, hier vor allem Isabell Antonia Höckel, die auch den jungen Buck und Guste Daimchen samt Domina-Szene leidenschaftlich gibt, sowie Carolin Conrad, auch revolutionär intellektuell in der Rolle des alten Buck und des Lehrers Behnke.
Imposante Momente
Die Einzelzutaten versprechen einiges. Aber die Inszenierung vermag einen dennoch nicht wirklich zu packen. Zahlreiche Momente hallen nach. Die Verbindungs-, die Soldatenszenen, wunderbar verfremdet, da Eisenach bis auf Rüppel auf ein komplett weibliches Ensemble setzt. Die Arbeiterunruhen, in denen, über Live-Video (Oliver Rossol) auf die große Leinwand vor der Bühne übertragen, die 'Männer' in glänzenden Ölhosen um brennende Fässer stehen. Die Szenerie der Kaiserdenkmal-Enthüllung inmitten projizierter Bilder einer vom Krieg zerstörten Welt.
Szenenapplaus bekommt die Gerichtsszene, in der über die Majestätsbeleidigung des alten Bucks geurteilt wird: Sie spielt sich auf zwei gegenüberliegenden Balkonen des barocken, rot-goldenen Cuvilliéstheaters ab, sodass die sprachlichen Fetzen quer durch den Saal fliegen – aber eben auch eine eher penetrant wirkende Klopapiernummer Diederichs, die die Wirkung mindert, indem sie der Inszenierung das hintergründige Grauen von Manns erschreckender Satire raubt.
Spektakelt glänzend: Die Bühne von Daniel Wollenzin © Birgit Hupfeld
Zudem lässt Eisenach die einzelnen Szenen wie Blitzlichter aufleuchten und wieder verlöschen. Fast scheint es, als nehme er sich nicht ausreichend Zeit für die Figuren, die Handlung und das, was er erzählen will. Die Szenen wirken vielmehr wie Zitate, die nicht eine Entwicklung, sondern Momentaufnahmen sind, teils nach Effekt heischend. Themen werden angerissen, aber nicht verfolgt. Eine rasante Regie, eine ungemein kurzweilige Inszenierung. Aber sie stellt, ebenso wie der Klamauk, die Handlung in den Hintergrund – und raubt dem Stück einen Teil seiner Intensität.
Fehlender Glaube?
Sein Held, schreibt Heinrich Mann 1915 über seinen ein Jahr vorher abgeschlossenen Roman "Der Untertan", sei es, den er um Entschuldigung bitten müsse. Er habe ihn "ungemein ernst genommen, aber so furchtbar ernst nicht". Denn er habe nicht geglaubt, "sein Held werde die letzte Folge seines Daseins erleben, den Krieg gegen Europa". Ein bisschen scheint auch Eisenach dieser Glaube gefehlt zu haben. Und so springt der Funke der unterschwelligen Unruhe, der Sorge um das, was da kommen mag, in dieser Inszenierung nicht über.
Der Untertan
nach dem Roman von Heinrich Mann, für die Bühne bearbeitet von Alexander Eisenach
Regie: Alexander Eisenach, Bühne: Daniel Wollenzin, Kostüme: Claudia Irro, Komposition: Benedikt Brachtel, Sven Michelson, Video: Oliver Rossol, Licht: Verena Mayr, Dramaturgie: Michael Billenkamp.
Mit: Lukas Rüppel, Myriam Schröder, Hanna Scheibe, Carolin Conrad, Lisa Stiegler, Nicola Kirsch, Isabell Antonia Höckel.
Premiere am 9. Oktober 2025
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
www.residenztheater.de
Kritikenrundschau
"Der Untertan" ist für Yvonne Poppek vom Lokalteil der Süddeutschen Zeitung (11.10.2025) "ein wilder Bilderrausch ohne anschließenden Grübelkater". Alles "geschieht atemlos, kurzweilig, immer was geboten, immer ein Spaß. Trotzdem wird diese Satire nie so beißend, dass die Girlgroup sich eingangs hätte entschuldigen müssen."
Der Chor ist für Michael Schleicher vom Münchner Merkur (11.10.2025) "die Spielmacherin der Inszenierung; er sorgt für Tempo, Tonfall, Tränen und Triumph, hier trifft Witz auf Weitsicht. Mann, oh Mann – was für eine Produktion!"
Mit diesem "Untertan" sei "dem Residenztheater exemplarisch gelungen zu zeigen, wie man einen Klassiker neu, deutlich aktuell und werktreu ohne bindende Texttreue, dabei aber sprachgewaltig dramatisieren kann. Und schauspielerisch kann man mit diesem Ensemble wirklich alle Register ziehen: ernst und satirisch zu gleich, turbulent, abwechslungsreich, intensiv", schreibt Adrian Prechtel in der Abendzeitung (11.10.2025).
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Ist ja in Ordnung, aber sie sollte nicht verschweigen, dass die Begeisterung beim Publikum am Ende groß war - das schreiben im Übrigen auch die die anderen Kritiker*innen.
MfG
Franz Kullig
____
(Anm. Redaktion. Eine persönliche Volte wurde aus dem Kommentar gelöscht.)
Ja, eine beeindruckende Inszenierung schlägt die spröde historische Dimension des Romans. So kann man dann auch überlegen, ob das Stück aktuelle Bezüge hat. Eine deutsche Eigenheit? Es ist eher ein weltweiter Hang zu Autoritäten. Fast in der Manier von Frank Castorf werden viele Theatermomente geboten, die das „spröde“ Thema des Romans mitreißend auf die Bühne bringen. Langweilig wird’s nicht! Auch die Schnelligkeit der Erzählung und der Übergang der vielen Stationen des Geschehens ineinander erinnert an Frank Castorfs Formen. Allerdings nur leicht, es behält eine eigene Note von Alexander Eisenach. Etwa der Gerichtsprozess, wie schon in der Nachtkritik beschrieben. Gut aufgepeppt!
Vollständige Besprechung Nuer www.qooz.de