Eine Zierde für den Verein - Residenztheater München
In Machismus gebadet
17. November 2024. Wie breitet sich Gewalt in der Gesellschaft aus? Marieluise Fleißer geht dieser Frage in ihrem einzigen Roman (von 1931) nach: "Eine Zierde für den Verein". Regisseurin Elsa-Sophie Jach hebt ihn in München in ein poppig-zeitloses Setting, mit Anklängen an heutige Gefahrenlagen.
Von Sabine Leucht
Elsa-Sophie Jach inszeniert Marieluise Fleißers "Eine Zierde für den Verein" am Resi in München © Birgit Hupfeld
17. November 2024. Das kleine Einmaleins des Konkurrenzdrucks gibt es gleich zum Warm-up. Frieda sagt: "Man muß seinem Vordermann scharf auf die Hacken steigen, sonst wird man an die Peripherie gedrängt, wo man verhungert." Frieda sagt: "Mitgefühl lähmt." Und dann sagt sie noch: "Jeder abspenstige Kunde ist eine verlorene Schlacht."
Die Mehlvertreterin Frieda Geier kämpft ums wirtschaftliche Überleben und greift deshalb zu Kriegs-Metaphern. Marieluise Fleißer hat sie ihr in den Mund gelegt – in ihrem einzigen, 1931 als "Die Mehlreisende Frieda Geier" erschienenen und nach dem Krieg überarbeiteten Roman "Eine Zierde für den Verein".
Der neue Titel verlegt den Fokus auf den Mann im Buch: den Tabakwarenhändler Gustl Gillich, der seinen Körper im Schwimmsport mannhaft macht. Dass er dabei nach den vielen Frauen, die er wieder "in den Schnee" legen konnte, wenn das Wasser zum Kraul-Training rief, in Frieda die Liebe trifft, war nicht vorgesehen. Überhaupt ist die Liebe nur ein Stolperstein auf dem Weg zur äußeren und inneren Abhärtung der Mikro-Gesellschaft, die Fleißer hier porträtiert. Ähnlich wie in den ungleich bekannteren Stücken der Ingolstädterin, nur weniger kompakt, weil herumschweifend in sämtlichen im Untertitel des Romans genannten Feldern.
Vom Bademeister und seinen Frauen
"Vom Rauchen, Sporteln, Lieben und Verkaufen" ist auch die Textfassung von "Eine Zierde für den Verein" unterschrieben, die Elsa-Sophie Jach am Münchner Residenztheater inszeniert hat.
Ein Paar in der Armut der Weimarer Republik: Liliane Amuat als Frieda und Thomas Lettow als Gustl, hinten: Katja Jung und Vassilissa Reznikoff © Birgit Hupfeld
Gemeinsam mit ihrer Dramaturgin Constanze Kargl wirft Jach Schlaglichter auf Fleißers Personal, mischt ein wenig Figurenrede in die dritte Person Singular ihrer Prosa, die nach wie vor überwiegt: "Der Mann hat bereits sechzehn Personen vom Ertrinken gerettet", sagt Gustl etwa über sich, als er mit einiger Verspätung auf den Plan tritt, weil Jach erst die drei Frauen vorstellt: Frieda, ihre kleine Schwester Linchen – und die Fleißer selbst, die sich in diese beiden hineingeschrieben hat, die nur zwei verschieden alte Versionen ein und derselben Person sind. "Es handelt sich hier um die Zerlegung einer Figur", heißt es in einem von drei Briefen Marieluise Fleißers, die an diesem Abend verlesen werden und unter anderem daran erinnern, dass hinter allem, was man hier sieht und hört, eine Autorin steckt.
Derartige Einschübe kennt man von Jach, deren Zugriffe oft eher literaturwissenschaftlich sind. Meist sehr klug gedacht, aber ein bisschen streberhaft, nutzt sie die Bühne als eine Art Versuchsanordnung, in der sich das Wort in der Dreidimensionalität beweisen muss.
Mitschwimmer im aufbrandenden Faschismus
Im Marstall, der kleinsten Spielstätte des Bayerischen Staatsschauspiels, hat Aleksandra Pavlović ein Bühnenhalbrund in Schwimmbadblau nah an die Rampe gerückt. Hinter einem leeren Becken steigen Sitzreihen bis zu einem hohen Geländer an. Alles Blaue ist aus Gummi, im Becken kann wild getanzt und wie im Boxring gekämpft werden, und wenn der Turmspringer Rhi darin landet, klingt es dumpf.
Auf den Stufen sitzt die Kleinstadt-Männlichkeit, die einmal "Lernt schwimmen!" im Chor skandiert, was schon in Erich Kästners "Fabian" auf das Mitschwimmen mit der Ideologie des Faschismus deutet. Hier sitzt auch Vassilissa Reznikoff im babyblauen Blazer und lackglänzenden Springerstiefeln und erzählt auf diese innerlich auf den Zehenspitzen wippende Reznikoff-Art von Linchens erwachenden und gleich wieder von der Klostermoral unterdrückten Sexualität.
"Alles wird in Frage gestellt": Liliane Amuat spielt Frieda © Birgit Hupfeld
Immer wieder schließt sich ein Vorhang aus roten Plastiklamellen um das Blau, der als Projektionsfläche für Live-Videos dient und halb oder ganz durchscheinend werden kann für das Geschehen dahinter. Das ergibt schlichte, aber schöne polyperspektivische Porträts und etwas Tiefe im engen Raum, in dem Reznikoff auch ein paar schurkischere Figuren übernimmt, Resi-Neuzugang Thomas Hauser die schillerndsten und Katja Jung das Gros der eher eindimensionalen Autoritäten. Nicht jede Figur sticht, manchmal wird allein durch die Sprechweise eine Spannung aufgebaut, die dramaturgisch verpufft.
Suche nach Sündenböcken
Mit poppigen Farben, stilisierten Kostümen und dem Verzicht auf alles Atmosphärische außer der dräuenden Musik behauptet der Abend die wachsende Brutalisierung und Misogynie, den aufkeimenden Antisemitismus und die Suche nach Sündenböcken als strukturell und hält den vorfaschistischen Alltag der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts neben den unseren. So naheliegend das ist – die Welt- und Gefühlslage ist ja wirklich zum Fürchten – so ganz geht das nicht auf. Auch wenn Liliane Amuat und Thomas Lettow einander äußerst sehenswert umkreisen und Fleißers karge, grob behauene und ihre Kerben zeigende Kunstsprache hochleben lassen.
Lettows Gustl ist zu gleichen Teilen charismatisch und bedrohlich, Amuats Frieda fast glamourös im schwarzen, eigenwillig geschnittenen Kostüm über schwimmbadblauen Strumpfhosen und Pumps. Die Armut der beiden wird so wenig illustriert, dass fast in Vergessenheit gerät, wie bitter sie war am Ende der Weimarer Republik. Dabei rührt doch die ganze Geschichte daher: Gustls Laden geht nicht, Frieda will ihrem Mann aus guten Gründen weder ihr Erspartes noch ihre Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen. Der rächt sich am schwächsten Glied der Kette, und so macht es ihm die ganze Gesellschaft nach. Das wiederum kennt man. Und Friedas letzte Worte hallen nach: "Es soll nicht länger wahr sein, was man seinem Nächsten nicht zufügen darf. Vieles wird sich ändern. Alles bebt. Alles wird in Frage gestellt."
Eine Zierde für den Verein: Vom Rauchen, Sporteln, Lieben und Verkaufen
nach dem gleichnamigen Roman von Marieluise Fleißer
Für die Bühne bearbeitet von Elsa-Sophie Jach und Constanze Kargl
Regie: Elsa-Sophie Jach, Bühne und Kostüme: Aleksandra Pavlović, Komposition: Samuel Wootton, Live-Kamera: Niels Voges, Licht: Barbara Westernach, Dramaturgie: Constanze Kargl.
Mit: Liliane Amuat, Thomas Hauser, Katja Jung, Thomas Lettow, Vassilissa Reznikoff.
Premiere am 16. November 2024
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
www.residenztheater.de
Kritikenrundschau
Die Rahmung mit Fleißers eigener Biografie "mag pädagogisch wirken, betont jedoch die Dringlichkeit des Abends", schreibt Michael Schleicher im Merkur (17.11.2024). "Die hätte sich in der Inszenierung indes noch sehr viel schärfer spiegeln dürfen." Immerhin: "Liliane Amuat als Frieda und Thomas Lettow, der Gustl zwischen Charmebolzen und Kotzbrocken schillern lässt, haben einen sehr überzeugenden Zugang zu Fleißers karger, artifizieller und unbarmherziger Sprache gefunden. Im Zusammenspiel der beiden wird die Brutalität der Geschichte nachvollziehbar."
"Die Regisseurin und ihr Ensemble wissen die bittere Gunst der Stunde zu nutzen und liefern eine dichte, bedrohliche, absolut sehenswerte Inszenierung ab", schreibt Christiane Lutz in der Süddeutschen Zeitung (18.11.2024) und zieht die Parallele zum männlichen Dominanzgebahren im Zuge der Wiederwahl Donald Trumps ("Your body, my choice"). "Die Regisseurin findet eine klare und absolut unironische Bühnensprache für die Gewalt. (...) Es geht um Strukturen mehr als um Individuen", so Lutz. "Jach nimmt in Kauf, keine Antwort anzubieten, wie dieser Gewalt zu begegnen ist. Sie bleibt - wie Fleißer - bei der Analyse. Mit dieser Ratlosigkeit trifft sie das Gefühl des Moments."
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Möglichst wenig soll in dieser konzentrierten Fassung vom vergeblichen Aufbegehren einer jungen Frau ablenken, die unter dem Erstarken rechtspopulistischer Kräfte und dem Machtanspruch ihres Mannes leidet, der von ihr einfordert, alle Ersparnisse in sein schlecht laufendes Geschäft zu stecken.
Überlebensgroß werden die Spieler*innen häufig von der Live-Kamera (Niels Voges) auf die Vorhänge projiziert, hinter dem die Szenerie immer wieder abgeschottet wird. Bedrohlich wirken vor allem die Männerfiguren und Sportkameraden von Gustl. Statt Thomas Hauser, der zu Beginn der Spielzeit von den Münchner Kammerspielen ans Residenztheater rübergewechselt ist, steht diesmal Max Rothbart auf der Bühne.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/12/27/eine-zierde-fuer-den-verein-marstall-kritik/