Kasimir und Karoline - Residenztheater München
Welke Sehnsucht auf der Wiesn
27. September 2025. Barbara Frey inszeniert Ödön von Horvaths Volksstück als eisige Weltraum-Odyssee mit schalen Resten von Oktoberfest-Gemütlichkeit – und streng nach den Anweisungen des Autors.
Von Silvia Stammen
"Kasimir und Karoline", inszeniert von Barbara Frey am Residenztheater München © Matthias Horn
27. September 2025. Gerade tobt, rauscht und röchelt es wieder, das Münchner Oktoberfest – für die einen der ultimative Rausch und der Himmel der Bierseligen, für die anderen ein kommerzverseuchter Tiefpunkt renitenter Vergnügungssucht – bei Ödön von Horvath, dem Volksstück-Dichter mit den ungarischen Namen und der süddeutschen Sprachverwurzelung, ist es ein Brennglas zwischenmenschlicher Beziehungen, die von der ökonomischen Krise in Mitleidenschaft gezogen werden, ein Brandbeschleuniger des Zerfalls von Glaube Liebe Hoffnung.
Zu Beginn von "Kasimir und Karoline", 1932 in Leipzig uraufgeführt und kurz darauf in Berlin eher verhalten aufgenommen, weil als Parodie missverstanden, schwebt ein Zeppelin über die Münchner Festwiese – für Kasimir, der gerade seinen Job als Chauffeur verloren hat, ein Hohn auf die Ohnmacht der Erniedrigten, für seine Braut, das Fräulein Karoline, eine Materialisierung ihrer hochfliegenden Aufstiegsträume, die sich gerade verflüchtigen, aber vielleicht mit einer neuen Wiesnbekanntschaft wieder aufleben könnten.
Liebes-Aus unterm Luftschiff
Der Zuschneider Schürzinger (Thomas Lettow), der sich da nüchtern und hochkonzentriert an sie heranpirscht, sagt es ihr gleich auf den Kopf zu, dass die Liebe nachlässt, "und zwar automatisch", wenn der Mann arbeitslos wird, und rechnet sich für sich selbst was aus.
Doch da will Anna Drexlers Karoline noch vehement an das glauben, was sie sich mit piepsiger Mädchenstimme mantrahaft vorsagt: "Wenn es dem Manne schlechtgeht, dann hängt das wertvolle Weib nur noch intensiver an ihm – könnt ich mir schon vorstellen", beteuert sie und bläst dabei vor moralischer Anstrengung die Backen auf. Und überhaupt will sie doch vor allem nur ein Eis essen und mit der Achterbahn fahren.
Eisige Weiten und verlorene Seelen
In der Inszenierung, mit der Barbara Frey als Regisseurin nach über zwanzig Jahren ans Münchner Residenztheater zurückkehrt, rauscht und rummelt nichts, sondern es herrscht von Beginn an eine eisige Dunkelheit, der Gerrit Jurdas fahle Lichtakzente eine undurchdringliche Tiefe verleihen.
Sehnsucht, gerahmt von ihrer Ausbeutung: Oliver Stokowski, Anna Drexler und Robert Dölle © Matthias Horn
Leere Biergartenstühle bilden eine gespenstische Versammlung auf trockenem Herbstlaub. Dahinter hat Martin Zehetgruber drei übermannshohe Maßkrüge postiert, zwei stehend wie die Türme der Frauenkirche, einer ist umgefallen und liegt jetzt quer und leer im Raum. Alle tragen sie das Logo der Münchner Hofbräu-Brauerei, eines bayerischen Staatsbetriebs, der im Programm auch als offizieller Sponsor genannt wird.
Doch damit ist schon genug Heimatverbundenheit herbeizitiert. Alles andere an Barbara Freys Wiesnwelt lässt eher an unterkühlten Weltraum denken, verlorene Seelen, die sich einsam umkreisen und aneinander vorbei durchs Universum trudeln.
Volkslied-Reste und schale Gemütlichkeit
Zwei zombiehafte Dirndlträger*innen (Evelyne Gugolz und Niklas Mitteregger) intonieren zu Beginn den Walzer "In München steht ein Hofbräuhaus", ohne einen Anflug von Gemütlichkeit wie ein fernes Flirren, das vom dumpfen Brummton des Zeppelins abgelöst wird. Frey hat zusammen mit dem Komponisten Josh Sneesby Reste von Volksliedern zu einem spröden Sphärengeklirr verdichtet, das keinerlei schunkelnde Wärme, dafür aber Wehmut und eine welke Sehnsucht ausstrahlt.
Verworfene Liebe: Thomas Lettow, Anna Drexler, Evelyne Gugolz, Niklas Mitteregger © Matthias Horn
Wie Simon Zagermann als Kasimir und Anna Drexler dann zum ersten Mal aus der Schwärze auftauchen, sind sie bereits maximal weit voneinander entfernt, er gepanzert in aggressives Selbstmitleid, das sich mit steigendem Alkoholpegel zu handfester Misogynie steigert, sie im rosa Ringelpullover und weißen Söckchen in Sandalen (Kostüme: Esther Geremus) eigensinnig auf der Suche nach etwas Besserem, das sich doch nirgends abzeichnet.
Max Rothbart und Juliane Köhler als Merkl Franz und seine Erna sind da schon einige Stufen weiter in routinierter Gewalt und abgestumpfter Gehässigkeit, und die alten Lustmolche Rauch (Oliver Stokowski) und Speer (Robert Dölle), die im Hippodrom auf weibliche Beute lauern, sind, wenn‘s drauf ankommt, gar nicht mehr in der Lage, ernst zu machen.
Abstand von der eigenen Verletzlichkeit
Ein wenig scheint Barbara Frey Horvaths Gebrauchsanweisungen übererfüllt zu haben: "Es darf kein Wort Dialekt gesprochen werden!" und "Selbstverständlich müssen die Stücke stilisiert gespielt werden, Naturalismus und Realismus bringen sie um". Die Figuren bestehen über weite Strecken vor allem aus sperrigen Horvath-Sätzen, denen sie hinterherhorchen und in die sie sich nur selten in einem brüsken Anfall von Verzweiflung hineinfallen lassen, um dann gleich wieder Abstand zu nehmen von der eigenen Verletzlichkeit. Eine Tragödie, die so unausweichlich ihren Lauf nimmt, das sie fast nicht mehr berührt.
"Menschen ohne Gefühle haben es viel leichter", sagt Karoline, wenn sie versucht, sich vom abgebrochenen Ausflug mit dem Cabriolet des Kommerzienrats Rauch wieder aufzurichten. Und wie sie das macht, das Bewusstsein ihres Scheiterns mit einem Schimmer von Tränen aus dem Augenwinkel gleich wieder wegzuwischen und sich dem Nächsten – Thomas Lettows Schürzinger wirkt als verhalten triumphierender Gewinner fast überrascht – anzuschließen, zeigt dann doch sehr pur die Durchschlagkraft des ökonomischen Drucks auf die Weichheit der Wünsche.
Zwar höret die Liebe, so das Motto, nimmer auf, aber sie ist eben nur ein flüchtiges Phantom wie der Zeppelin, und so viel ist sicher, auch die neuen Paare Karoline und Schürzinger, Erna und Kasimir sind von Anfang an längst am Ende.
Kasimir und Karoline
von Ödön von Horvath
Regie: Barbara Frey, Bühne: Martin Zehetgruber, Mitarbeit Bühne: Stephanie Wagner, Kostüme: Esther Geremus, Musik: Barbara Frey, Josh Sneesby, Licht: Gerrit Jurda, Dramaturgie: Constanze Kargl.
Mit: Simon Zagermann (Kasimir), Anna Drexler (Karoline), Oliver Stokowski (Rauch), Robert Dölle (Speer), Thomas Lettow (Schürzinger), Max Rothbart (Der Merkl Franz), Juliane Köhler (Dem Merkl Franz seine Erna), Evelyne Gugolz (Elli) Niklas Mitteregger (Maria).
Premiere am 26. September 2025
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
www.residenztheater.de
Kritikenrundschau
"Simon Zagermann und Anna Drexler spielen ihre Figuren, als wären dies die Rollen ihres Lebens", staunt Egbert Tholl von der SZ (29.9.2025). Überhaupt: "Der Abend bietet, obwohl er unendlich weit von einem entfernt ist, obwohl man sich in die Entstehungszeit des Stücks (1932) zurückversetzt fühlt, viel Schauspielglück. In schöner Horváth-Sprache (wenn auch meist sehr leise) und sehr realistisch."
Der zwischenmenschliche Abgrund feiere an diesem Abend einen düsteren Triumph, schreibt Simon Strauß von der FAZ (29.9.2025). Es liege eine unheilvolle Lakonie über dieser Inszenierung. "Die Figuren wirken wie Gespenster auf der Suche nach einer Anstellung, sie setzen sich, starren aneinander vorbei, schütten sich Bier ins Gesicht."
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