Unter Mäusen

29. September 2025. Irmgard Keuns Exilroman "Nach Mitternacht" schildert die Vereinnahmung des deutschen Alltags und Denkens durch die Nazis. Es entsteht ein Volk von Denunziant*innen. Cosmea Spelleken hat den Text im Marstall des Münchner Residenztheaters als konzentriertes Kammerspiel inszeniert.

Von Martin Jost

"Nach Mitternacht" am Residenztheater München © Birgit Hupfeld

29. September 2025. "Länger als ein Jahrzehnt habe ich mir die Finger wund geschrieben und den Kopf leer gedacht, um sie vor dem Wahnsinn der herannahenden Barbarei zu warnen!" Heini zieht einen Strich unter sein Wirken: "Eine Maus, die mit Piepsen eine Lawine aufhalten will! Aber es hat sich ausgepiepst."

Die Lawine, das sind der Nationalsozialismus und der Führerkult, die seit einigen Jahren in Deutschland herrschen. Die Zeit der Handlung ist 1936, Deutschland führt Krieg bislang nur gegen die eigene Bevölkerung, aber jede*r schwebt ständig in Lebensgefahr. Denn die Deutschen denunzieren einander, was das Zeug hält. Der Zyniker Heini (Patrick Isermeyer) entzieht sich dem Regime durch Selbstmord. Sanna und Franz steigen noch in dieser Nacht in einen Zug nach Rotterdam.

Deutschland 1936: Schnell weg hier!

Sanna (Naffie Janha) ist eine ungefähr 20-jährige Frau, die das Einsickern der Nazi-Sprache in den Alltag und die zunehmende Diskriminierung gegen Jüdinnen und Juden beobachtet und schnodderig-naiv beschreibt. Trotz ihres Arier-Privilegs hatte Sanna schon eine unliebsame Begegnung mit der Geheimen Staatspolizei. Franz (nur in eingespielten Videos zu sehen: Johannes Nussbaum) ist Sannas Verlobter. Er hat gerade einige Monate im Gestapo-Gefängnis gesessen, sein bester Freund Paul (ebenfalls nur im Video: Pujan Sadri) ist mutmaßlich ermordet worden. Franz gesteht Sanna, dass er den Nazi erwürgt hat, der Paul und ihn angeschwärzt hatte und damit ist entschieden: Weiterleben heißt ins Exil gehen, und zwar noch in dieser Nacht.

NachMitternacht1 1200 BirgitHupfeldFlorian Jahr, Patrick Isermeyer, Naffie Janha, Felicia Chin-Malenski, Thomas Reisinger © Birgit Hupfeld

Der Roman "Nach Mitternacht" ist unter anderem deshalb so lesenswert, weil seine Autorin Irmgard Keun ebenfalls bis 1936 in Deutschland blieb und genau beobachtete, wie die Alltagssprache sich veränderte, wie alle einander misstrauten und wie fatalistisch die neue Realität aus Gewalt, Konzentrationslagern und Massenmord hingenommen wurde. Cosmea Spelleken hat das dünne Buch für die Bühne eingerichtet, indem sie Szenen und Figuren zusammenlegt und verdichtet. 

Nur die Hauptfigur bleibt nüchtern

Im Stück wie im Buch ist Sanna die Erzählerin. Über weite Strecken hören wir ihrem innerem Monolog über Kopfhörer zu, während drei Videoleinwände die Rückblenden bebildern. Naffie Janha, die als einzige in jeder Szene präsent ist, muss dann "nur" spielen, während ihr Text direkt auf unsere Ohren streamt. Spelleken hat Keuns Text modernisiert, indem sie Sinn und Sprachbilder erhalten hat, aber die Schnodderigkeit von anno 1936 in gesprochene Sprache von 2025 übersetzt: "Ach fuck, wo ist denn jetzt mein Pass?"

NachMitternacht1 1200 BirgitHupfeldNaffie Janha, Johannes Nussbaum © Birgit Hupfeld

Die Souveränität, mit der Janha die Löwenrolle trägt, macht Sanna zu einem sehr nüchtern wirkenden Backfisch und zu einem Anker für alle anderen Figuren. Nüchtern auch im wörtlichen Sinne: Die meisten Szenen spielen in Kneipen, der Showdown findet auf einer Party statt. Sannas Freundin Gerti (Linda Blümchen), ihr Bruder Algin (Florian Jahr), dessen Frau Liska (Felicia Chin-Malenski) sowie der mit Schreibverbot belegte Autor Heini stützen sich – mal mehr, mal weniger alkoholisiert – alle auf Sanna. Nur Thomas Reisinger spielt drei Figuren, die nicht Teil von Sannas engstem Kreis sind. Dabei meistert er schauspielerisch die größte Spreizung – vom opportunistischen Unternehmer Herr Aaron über einen SA-Kneipier bis zum minderbemittelten "Stürmer"-Straßenverkäufer.

Intimes Setting

In den Kneipen treffen wir die Figuren meist zur Sperrstunde an, während sie die letzte Flasche Wein austrinken. Bürgerliche Stüberl aus speckigem Holz werden durch einige Wandpaneele, eine Theke oder Tische und Stühle markiert (Bühne und Kostüme: Anna Kreinecker). Intim fühlt sich dieses Setting im Marstall an, nicht zuletzt weil der Umbau jeweils im Halbdunkel stattfindet, während drei Schritte daneben im Lichtkegel nahtlos weitergespielt wird.

"Nach Mitternacht" ist ein konzentriertes Kammerstück, Schauspieler*innentheater, sowie ein Text zur Zeit, der ohne große Aktualisierungs-Bemühungen wie ein sardonischer Kommentar aufs Heute wirkt. Premiere hat er an einem ursprünglich mal für die Bundestagswahl vorgesehenen September-Sonntag, an dem eine rechtsextreme Partei laut Umfragen gleichauf mit der Kanzlerpartei wäre. Das Theater piepst tapfer gegen die Lawine an, aber es hören wohl weiterhin nur die anderen Mäuse.

 

Nach Mitternacht
nach dem gleichnamigen Roman von Irmgard Keun für die Bühne bearbeitet von Cosmea Spelleken
Inszenierung: Cosmea Spelleken, Bühne und Kostüme: Anna Kreinecker, Technische Konzeption: Leonard Wölfl, Sound Recording: Marc Kutschera, Licht: Markus Schadel, Dramaturgie: Ilja Mirsky.
Mit: Naffie Janha, Linda Blümchen, Felicia Chin-Malenski, Florian Jahr, Patrick Isermeyer, Thomas Reisinger, in weiteren Rollen (Video): Johannes Nussbaum, Pujan Sadri, Cathrin Störmer.
Premiere am 28. September 2025
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.residenztheater.de

Kritikenrundschau

"Szenisch" habe Regisseurin Cosmea Spelleken den Abend "klug verdichtet, da ist genug Keun sicht- und hörbar", berichtet Christiane Lutz in der Süddeutschen Zeitung (30.9.2025). "Es ist toll, dass die Regisseurin in 'Nach Mitternacht' die Nerven bewahrt und sich nicht zu Aktionismus hinreißen lässt angesichts der augenscheinlichen Aktualität des Textes. 'Nach Mitternacht' entfaltet den Horror der Zeit, wie ihn der Roman entfaltet: schleichend, beiläufig, dann gnadenlos. Der große Knall, der kommt später."

Ein "Panorama der Haltungen und Reaktionen, das bemerkenswert vielseitig ist", sah Anne Fritsch für die Abendzeitung (30.9.2025). "Es gelingt diesem Abend, die Gleichzeitigkeit von Alltag und Bedrohung, von Momenten der Leichtigkeit und der Schwere herauszuarbeiten. Leider ist es das Grauen, das irgendwann jeden unbeschwerten Augenblick niederringt."

Mit "dezenten Widerhaken macht die Inszenierung gekonnt spürbar, wie ein diktatorisches Regime auch das Alltagsleben unpolitischer Bürger bis hinein in intime Beziehungen durch ein Klima der Angst vergiftet, über die niemand direkt zu sprechen wagt", schreibt Alexander Altmann im Münchner Merkur (30.9.2025). Denn die Regisseurin breche den "konventionellen historischen Realismus ihrer Inszenierung durch Anachronismen" auf.

Kommentare  
Nach Mitternacht, München: Sensibilisierung für Umbruchzeiten
Schauspielerisch ist es fast etwas undankbar, die realistische Darstellung verhindert sicherlich die ein oder andere schauspielerische Glanzleistung. So lässt sich hierzu kaum etwas hervorheben. Interessant aber, Umbrüche schaffen oft Unruhe, erzeugen Unsicherheit, und jeder geht anders damit um, das zeigt Irmgard Keun in „Nach Mitternacht“. Der Roman und die Inszenierung schaffen so eine schöne Grundlage, die möglichen unterschiedlichen Verhaltensweisen in solchen Situationen zu erkennen, sie sensibilisieren uns auch für heute. Wir stehen schließlich vor riesigen Umbrüchen – Stichwort KI – und müssen damit umgehen, nicht so sehr privat, sondern wohl mit viel mehr gesellschaftlichen Folgen.

Vollständige Besprechung unter www.qooz.de
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