Romeo und Julia - Residenztheater München
Im Zweifel unsterblich
17. Mai 2025. Die verfeindeten Familien Montague und Capulet liefern sich Prügeleien im Wrestling-Style, und ihre verliebten Kinder wissen nicht, wohin mit sich und ihren Lippen. Nichts Neues in Verona also? Doch! Dank Fremdtext-Einschmuggelung gibt Regisseurin Elsa-Sophie Jach Shakespeares Liebesdrama einen überraschenden Dreh.
Von Martin Jost
"Romeo und Julia" in der Regie von Elsa-Sophie Jach am Münchner Residenztheater © Birgit Hupfeld
17. Mai 2025. Die Bühne von Marlene Lockemann ist ein Bauwerk, das sich laufend bewegt. Zunächst eine Mauer aus Aluminium, fächert es sich kreisförmig in Stufen auf. Die ganze Konstruktion dreht sich fast pausenlos, ist den Figuren mal Hindernis, dann Leiter, dann Versteck. Das ist an Kulisse auch schon alles, wir können bis zu den kahlen Wänden des Bühnenhauses sehen. Die zwölf Schauspieler*innen nehmen das Konstrukt bereitwillig an. Permanent hangeln, klettern und springen sie daran herum, während es sich geräuschlos unter ihnen dreht und, bisweilen tückisch, Stufenböden wieder einzieht, Gräben öffnet, Fallen stellt.
Ausgeschlagene Zähne, trockene Messerstiche
Weder Bühne noch Ensemble halten jemals länger still. Alles ist von Dominik Więcek fein choreografiert, insbesondere die Kampfszenen. Gekämpft wird viel, denn zwischen den Familien Capulet und Montague herrscht Bürgerkrieg. Prügeleien im Stil von Streetfighting mit Pro-Wrestling-Moves enden mit (trockenen) Messerstichen. Ausgeschlagene Zähne rieseln aufs Pflaster, aber bloß als Soundeffekt. Denn nur die Hauptfiguren bluten klebriges rotes Blut: Julia (Lea Ruckpaul) und Romeo (Vincent zur Linden) haben einen Hang zur Selbstverletzung und rennen sich am Metall die Köpfe ein.
Dabei bereitet ihnen ihre Verliebtheit allein schon genug Schmerz. Wir nehmen Ruckpaul und zur Linden ab, dass sie einander am liebsten aufsaugen würden und dass sie nicht wissen, wohin mit sich und ihren Lippen.
Stummer Hauptakteur: Marlene Lockemanns kunstvoller Bühnenbau © Birgit Hupfeld
Als dauernder Gefühlsverstärker wirkt die Live-Musik (Komposition: Max Kühn). Dubstep-artige elektronische Beats (Synthesizer: Samuel Wootton) unterlegen Minimal-Music-Linien aus Cello (Eugen Bazijan), Saxophon (Jan Kiesewetter) und Holzblasinstrumenten (Bettina Maier). Wenn das Klettergerüst auf der Bühne sich gerade schmal macht, sehen wir das Quartett tief im Bühnenraum. Die Musiker*innen tragen die gleichen Mühlsteinkragen wie das Figuren-Ensemble.
Johanna Stenzels Kostüme in leuchtenden Farben nehmen elisabethanische Moden auf: Puffärmel, Pluderhose und eben Halskrausen. Julia Capulets Vater (Oliver Stokowski), der die 14-Jährige so schnell wie möglich an eine gute Partie veräußern möchte, gockelt als Lude umher mit Goldkette, Pornobrille und brillantfunkelnder Gürtelschnalle. Der Werber mit der Schmalzlocke, Prinz Paris (Pujan Sadri), geht bauchfrei.
Die Bros winseln
Lisa Stiegler spielt Romeos Freund Benvolio nicht als herkömmliche Hosenrolle, sondern als Frau, die es in jeder Schlägerei mit den Mackern aufnehmen kann, aber von Romeo nicht bloß als Kumpel gelesen werden möchte. Ihre Bros ziehen den üblichen Machoquark ab, aber beim Wortspiel "Lustspiel/Brustspiel" platzt Benvolio der Kragen. Sie flasht ihre Brüste, und die Kerle winseln vor Gschamigkeit.
Benvolios Monolog über weibliche Selbstbestimmung und Autor*innenschaft ist nicht original Shakespeare in der Übersetzung von Thomas Brasch. "Womöglich haben sich aber einige Verse [von Aphra Behn und Anne Finch] in die Inszenierung von Elsa-Sophie Jach eingeschlichen", heißt es im Programm kokett. Behn gilt als die erste hauptberufliche englische Schriftstellerin, und die etwas jüngere Finch war ebenfalls eine der ersten Autorinnen, die im Jahrhundert nach Shakespeare unter ihrem echten Namen veröffentlichen konnten. Zu Lebzeiten Bestseller, wurden sie noch lange gelesen beziehungsweise gespielt und dann vom patriarchalen Kanon einfach ignoriert.
Tot oder nicht tot, das ist hier die Frage: Lea Ruckpaul als Julia in Elsa-Sophie Jachs Inszenierung © Birgit Hupfeld
Apropos Feminismus, als besonderer Plot-Twist stirbt Julia am Ende nicht. Oder nur vielleicht. Ganz zu Anfang haben uns vor dem Vorhang die Totengräber*innen Pia Händler (eigentlich die Amme) und Nicola Mastroberardino (für den Rest des Abends Pater Lorenzo) begrüßt. Als sie ein paar Gebeine exhumieren, blickt eine ältere Dame neugierig in die Grube und erkennt Romeos Schädel, den sie vor langer Zeit mal geküsst hat. Wie Rose in "Titanic" rahmt die betagte Julia die Geschichte ein.
Das Finale in der Gruft passiert unter und hinter der Gerüst-Konstruktion. Die scheintote, aufgebahrte Julia ist unserem direkten Blick verborgen, wir sehen sie nur im Live-Video (Kamera: Niels Voges). Romeo, der den entscheidenden Brief nicht bekommen hat und glauben muss, dass Julia wirklich gestorben wäre, tötet Paris und so weiter. Als er sich selbst vergiftet hat, erwacht Julia planmäßig und denkt darüber nach, ebenfalls Selbstmord zu begehen.
Macht sie aber nicht. Sondern sie kommt nach vorn an die Rampe und fasst den Entschluss, selbstbestimmt weiterzuleben: "Sterne, seht euch vor! Ich schreib’ ein Drama."
Romantische Sterbe-Poesie
Nach gut drei Stunden ist das Drama bewältigt. Jach hat fast nichts weggelassen. Lockemanns Bühne ist auch ein Symbol für das Textgebirge, das das Ensemble bewältigt hat. Leider konnten die Schauspieler*innen artikulativ kaum aufspielen, weil sie sich meistens gegen den Soundtrack durchsetzen mussten. Die Musik ist zu gegenwärtig und hat eine zu geringe Auflösung für die Stimmungen der Tragödie.
Das originale Ende mit seiner dick romantischen Sterbe-Poesie fällt nicht aus, es läuft im Video ab, während Julia doch vor unseren Augen überlebt. "Tot oder nicht tot", sind denn auch ihre letzten Worte.
Romeo und Julia
von William Shakespeare
aus dem Englischen von Thomas Brasch
Regie: Elsa-Sophie Jach, Bühne: Marlene Lockemann, Kostüme: Johanna Stenzel, Komposition und musikalische Einstudierung: Max Kühn, Choreografie: Dominik Więcek, Video: Jonas Alsleben, Licht: Barbara Westernach, Dramaturgie: Katrin Michaels.
Mit: Lea Ruckpaul, Vincent zur Linden, Pia Händler, Nicola Mastroberardino, Patrick Isermeyer, Lisa Stiegler, Pujan Sadri, Thomas Lettow, Delschad Numan Khorschid, Oliver Stokowski, Barbara Horvath, Evelyne Gugolz; Live-Musik: Eugen Bazijan, Jan Kiesewetter, Bettina Maier, Samuel Wootton; Live-Kamera: Niels Voges.
Premiere am 16. Mai 2025
Dauer: 3 Stunden 10 Minuten, eine Pause
www.residenztheater.de
Kritikenrundschau
Elsa-Sophie Jach "setzt auf das reine Spiel; anfangs tragen alle zwölf da oben auf der Bühne kurz Masken mit Shakespeares Konterfei, wie um das Als-ob des Theaters noch zu betonen, dann stürzen sie sich rasant und mit viel Können in den Text und viel Action", berichtet Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung ( € | 18.5.2025). "Jachs Inszenierung irritiert fast schon durch ihre Perfektion. Licht, Sprache, Bühne, Musik – alles makellos."
Eine "zeitgemäße Interpretation", "die – unglaublicherweise – alle abzuholen scheint", sah Teresa Grenzmann für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (19.5.2025). Elsa-Sophie Jach inszeniere auf "eine geradezu altmodische Weise perfekt Theater“, zeige Shakespeares Drama "nahezu texttreu in der modernen Übertragung von Thomas Brasch", "ergänzt um das Rätsel um Shakespeares Person und die feministische Diskussion darum". In der zweiten Hälfte werde es allerdings schwierig, der Handlung zu folgen: "Akustisch, weil die unterlegte Klangkomposition von Max Kühn und seinen vier Musikern zunehmend dominant wirkt; inhaltlich, weil die unablässige Drehung der Bühne den schnellen Wechsel von Schauplätzen zwar ermöglicht, aber auch verwischt."
"Das Schöne an der Inszenierung ist, dass Elsa-Sophie Jach nie akademisch wird. Sie begegnet dem Stück zwar mit einer klaren Haltung. 'Romeo und Julia' verkommt bei ihr jedoch nie zum Seminar über Genderfragen, sondern ist hinreißendes und mitreißendes Theater", lobt Michael Schleicher im Münchner Merkur (19.5.2025). "Romeo, den Vincent zur Linden sensibel gestaltet, und Lea Ruckpauls herrlich taffe Julia agieren auf Augenhöhe – pulsierendes Zentrum einer gelungenen Produktion, die mit heftigem Applaus und Standing Ovations bejubelt wird."
"Unter Jachs einfallsreicher, den Klassiker wie die feministische Botschaft im Blick behaltender Regie spielt das Ensemble jedoch mit so viel Tempo und Esprit, dass die Liebe überschwappt. Maßlose Begeisterung, ja, Standing Ovations für das ganze Team", vermeldet Michael Stadler in der Abendzeitung (19.5.2025).
Eine "coole Theatersause" beschreibt Sabine Busch-Frank im Donaukurier (19.5.2025). Elsa-Sophie Jach "verordnet ihrer Regie keine Aktualisierungsmaske, sie bleibt am Stück und seiner Entstehungszeit, wenngleich sie auch das umfangreiche Shakespeare-Personal von 32 Personen plus Chor eindämpft. Sie interessiert sich, wie auch ein Text von Virginia Woolf im Programmheft belegt, für die Frauen der Handlung, vor allem für Julia."
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