Eliza - Staatstheater Nürnberg
Pygmalion neu verpixelt
22. Februar 2025. Schauspieldirektor Jan Philipp Gloger verabschiedet sich aus Nürnberg und lässt kein Auge trocken: mit seiner überbordenden Variation von "Pygmalion" frei nach George Bernard Shaw. Der Abend heißt "Eliza" und zeigt eine Frau, die ihr Anspruchskorsett im Turbomodus abstreift.
Von Andreas Thamm
Jan Philipp Gloger zeigt "Eliza" von Ivana Sokola und Jona Spreter in Nürnberg © Konrad Fersterer
22. Februar 2025. Der Mann mit dem breit wuchernden Bart, der, scheinbar vor Beginn des Stücks, mit Mikrofon vor den Vorhang tritt, will nur ein paar einleitende Worte loswerden. Ihm geht es um die Sprache, man müsse sie schützen vor jenen, deren Floskeln uns beerdigen. "Wir brauchen eine neue Sprache – und genau das hat unser Held erkannt." Sein Name, sagt der Bärtige, sei George Bernard Shaw, er sei der Autor des Stücks. Da hat das Publikum möglicherweise einen Wissensvorsprung. Eine Frau namens Eliza kommt hinzu, im grünen Bausch-Kleid, unter dem sich ein monströses Maul verbirgt, das den Autor verschlingt.
Frau unter Einfluss
"Eliza" heißt das Stück, nicht wie bei Shaw "Pygmalion". Denn das Material des feinen Herrn ist überholt. Es schrie nach einer Fortsetzung durch das Autor:innenduo Sokola//Spreter. Shaws "Pygmalion" feierte 1930 Premiere und ging als Musical-Verfilmung "My Fair Lady" mit Audrey Hepburn als Eliza Doolittle ins popkulturelle Gedächtnis ein: Der Sprachwissenschaftler Henry Higgins wettet, die mittellose Blumenverkäuferin Eliza Doolittle in eine feine Dame der Gesellschaft verwandeln zu können, durch akribisches Sprechtraining. Im Gegensatz zur Hollywood-Version endet das Drama damit, dass Eliza den Mann, der sie als sein Geschöpf betrachtet, verlässt.
Auf der Suche nach Befreiung: Katharina Kurschat als Eliza © Konrad Fersterer
Hier setzt die Schöpfung von Ivana Sokola und Jona Spreter an, die der scheidende Schauspielchef Jan Philipp Gloger für seine letzte Inszenierung am Nürnberger Staatstheater gewählt hat. Der Vorhang hebt sich, das opulente Bühnenbild mit Treppenaufgang und Galerie, mit Grammophon, Ledercouch und schwerem Mahagonischreibtisch ist an die Filmkulisse angelehnt, dann wiederum verschwommen, teils von Glitches durchsetzt wie in einem Computerspiel. Darin warten die Männer auf Eliza: Higgins im Schlafrock, aber mit Fliege, ihr Vater im Anzug. Sie warten seit hundert Jahren auf ihre Rückkehr, während Miss Pearce wie auf einem Laufband hin und her gleitend die Galerie abfeudelt. Sie vermissen Eliza so sehr.
Tanz im Spukschloss
Die Tür auf – und mit Eliza bricht etwas über das Publikum herein, wie eine zweistündige kalte Dusche im Sprachgewitter. "Ich zog in die Welt hinaus, mit der Idee, mein eigener Mensch zu werden – und nicht einmal diese Idee war meine!" Damit ist die Suche der Protagonistin programmatisch gefasst, eine Frau will heraus aus der Rolle, in die andere, Männer, sie gepresst haben und sie findet nirgendwo hinein. Der Vater und der Professor streiten um ihre Bedeutung im Leben der Eliza, der verliebte Freddy (ein Typ mit Vorbild Andreas Baader) will sie an seiner Seite und für die Revolution gewinnen, das Grammofon funkt mit dem Musical-Originalton aus der alten Zeit dazwischen.
Billard im Bilderwald: das Ensemble spielt auf einer Bühne von Franziska Bornkamm © Konrad Fersterer
Zwischen den nie endenden Ansprüchen ringt die Protagonistin um Deutungshoheit. Das Haus erklärt sie für besetzt, die Möbel werden auf den Kopf gestellt. Mit Miss Pearce verschwindet sie knutschend im Schrank. Eliza, drängt sie, ihre Kraft für eigene Zwecke einzusetzen. Die Haushälterin sinnt auf Rache an Higgins und Doolittle, Eliza soll sie als Clowns bloßstellen. Der Plan: Sie heiraten! Das ging jetzt alles etwas schnell in der Musical-Duett-Performance des "Lieds der bitteren Erkenntnis".
Aber schnell ist ohnehin alles. Je länger das Stück dauert, desto mehr Komplexe werden in den Streitereien und Debatten übereinander gehäuft. Und Eliza mittendrin. Den einen Typen verachtet sie, für den anderen habe sie sich geschämt, und alle nehmen ihr die Luft zum Atmen und den Raum, den sie bräuchte, um sich über ihr Selbstbild klar zu werden. In einer Art Tanz im Spukschloss überwältigen die Männer Eliza und hängen sie ans Treppengeländer. Der cineastische, 60s-Broadway aufrufende Soundtrack wird auch immer irrer, es ist ein Musical-Klassiker auf Koks, ein Fiebertraum. Die berühmte Sprachdressur gibt's auch. Hier von Eliza und Pearce ausgeführt. Sie schlüpfen in die Rollen der folternden Sprachtrainerinnen, Männer in Unterhosen deklamieren mit rollendem R: "Der Tod ist groß!"
"Das Kapital ist stärker als die Fantasie!"
Es wäre noch viel zu schreiben, zu beschreiben und zu deuten. Schwer, die Sinnebenen und changierenden Machtverhältnisse auseinander zu schälen. Das wie Billardkugeln hin und her schießende Ensemble, und allen voran Katharina Kurschat in der Titelrolle, gibt alles, um der Darstellung der ständigen emotionalen Verschiebungen gerecht zu werden. Vieles geht leider verschütt unter der Deklamation von neuen Floskeln und abstrakten Denkgebäuden, von denen in dieser überbordenden Fülle wenig haften bleibt als ein Gefühl der Verlorenheit in einer Welt der Zuschreibungen. Eliza ringt bis zum Ende mit den Verhältnissen und gewinnt Macht, indem sie selbst zur Autorin wird, die einen nach dem anderen verstummen und verenden lässt. Auch Shaw.
Sasha Weis als aufbegehrende Haushälterin Miss Pearce © Konrad Fersterer
Als die Bühnenarbeiter:innen die Kulisse, das Haus der Oberklasse abbauen, scheint Elizas Ermächtigung ans Ziel gelangt. Ausgerechnet Freddy kann sich ihrer Sprach-Macht widersetzen: "Das Kapital ist stärker als die Fantasie!" Ihm wurde das Grundstück überschrieben, es regnet beglaubigte Kopien von der Decke. Doch auch Elizas Tod ist nur zum Schein, nur der Tod einer Statistin. Eliza steht im Publikum und proklamiert, sie werde die ganze Welt verschlucken. Im Publikum fühlt man sich tatsächlich verschluckt und überfahren, aber auch fasziniert von einer letzten, ausufernden Gloger-Inszenierung mit allen Theatermitteln.
Eliza
von Ivana Sokola / Jona Spreter nach Motiven aus Pgymalion von George Bernard Shaw
Regie: Jan Philipp Gloger, Bühne: Franziska Bornkamm, Kostüme: Justina Klimczyk, Musik: Kostia Rapoport, Licht: Katta Lehmann, Dramaturgie: Fabian Schmidtlein.
Mit: Katharina Kurschat, Sasha Weis, Maximilian Pulst, Tjark Bernau, Joshua Kliefert._
Uraufführung am 21. Februar 2025
Dauer: 2 Stunden, eine Pause
www.staatstheater-nuernberg.de
Kritikenrundschau
"Sokola und Spreter geht es konkret um Klassismus. In welches soziales Umfeld wird jemand geboren, was prägt ihn, wie veränderbar ist es und welche Rolle hat die gesellschaftliche Zuschreibung?", schreibt Yvonne Poppek in der Süddeutschen Zeitung (24.2.2025). Gloger allerdings habe "einen Blick für die Komik im Text. Denn ist das Thema der sozialen Zugehörigkeit auch ein problematisches und elementares, so wird es hier in frisch-freudige Unterhaltung gepackt." Der Abend biete "bunt ausgemalte Gesellschaftskritik", jedoch "zu weich und wuchernd, um wehzutun", meint die Kritikerin.
mehr nachtkritiken
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne





neueste kommentare >