Keine Lust auf Tragödie

25. Mai 2024. Alles dreht sich um die schwangere Teenagerin Maria an diesem Abend, die Bühne inklusive. Auch ansonsten trifft David Bösch für Simon Stephens' Sozialdrama lauter gute Inszenierungsentscheidungen. Die  allerbeste: die Musik. Und der größte Hit? Ein Beckenbodentraining-Song.

Von Christian Muggenthaler

Simon Stephens' "Maria" in der Regie von David Bösch am Staatstheater Nürnberg © Konrad Fersterer

25. Mai 2024. Eine Geschichte zwischen Geburt und Tod, zwischen Zuneigung und Einsamkeit, mitten in der Umgebung einer Hafenstadt mit Dockarbeitern, Möwen, Morgennebel. Daddy arbeitet im Supermarkt, die Mutter ist tot, die Oma krank, der Bruder verschwunden. Es gibt nicht viel Geld, es gibt nicht viele Worte für Gefühlslagen, im Grunde gibt es auch nicht viel zu lachen. Und trotzdem deprimiert hier nichts.

Es geht stattdessen um Mut. Der britische Dramatiker Simon Stephens, Meister der Sozialgeschichten, hat mit seinem Stück "Maria" eine bemerkenswert lakonische Bühnenerzählung geschrieben, schwebend und zugleich völlig down to earth: ein paar Monate aus dem Leben eines Arbeiterkinds. Diese Maria, von allen nur Ria genannt, 18-jähriger Teenager, hat den Kopf oben. Sie hat keine Lust auf Tragödie.

Kontur und Charakter

Ach ja, und Maria ist schwanger. Von wem, weiß sie nicht genau, will es auch nicht so genau wissen. Was sie weiß, ist, dass sie lieber alleinerziehend bleibt; was sie erfahren muss, ist, dass aber auch niemand bei der Geburt dabei sein will. Bei dieser Suche nach Begleitung, nach Zuneigung, setzt ein Reigen ein von Begegnungen, die der Text unaufgeregt und souverän vorgibt und die diese Inszenierung am Staatstheater Nürnberg genauso unaufgeregt und souverän nachstellt: Vater, Oma, Freundin, Chef, Pfarrer, Arzt, in sie verliebter Arbeiter – alle spielen auf Maria zu, alle bekommen wegen der präzisen Darsteller*innen und der präzisen Kostüme (von Vibeke Andersen) kurz und knackig Kontur und Charakter. Aber keiner kann ihr wirklich beistehen.

Maria1 1200 KonradFerstererZwischen Zuneigung und Einsamkeit: Katharina Kurschat als Maria © Konrad Fersterer

Alles dreht sich also um Maria, und die Bühne tut das auch. Manchmal ist Maria abseits und räsonniert über Leben und Wirtschaft und Wirtschaftsleben. Die Spielfiguren fahren karussellreihenweise auf sie zu, nehmen sie auf, interagieren, fahren wieder ab. Die Bühne (von Patrick Bannwarth und Heike Hümpfner) besteht aus einigen schachtelartigen Räumen: zwei Wände und ein bisschen Inneneinrichtung, die von hinten immer wieder umdekoriert werden. So entsteht raffiniert Handlung: Denn diese permanente Veränderung führt zu einem starken Sog. Das lässt sich anschauen, wie man ein Buch liest: Die Regie blättert Seite um Seite um. Dieser konsequente Erzählstil erzeugt eine Spannung, die so im Text eigentlich gar nicht drin ist.

Emotionaler Unterbau

Regisseur David Bösch baut eine solche Spannung auf, unter anderem, weil er sehr raffiniert beständig kleine Akzente setzt, die die Dynamik der Handlung und die Persönlichkeit der Figuren prägen: Laute, Ticks, kleine Leidenschaften. Deren beständige Wiederkehr garantiert Rhythmus. Zugleich zwingt dieses Ausstatten mit solchen persönlichen Insignien auch dazu, all die Menschen auf der Bühne in ihren Eigenheiten genau so zu mögen, wie dies Text und Regie offensichtlich tun. Die Figuren bekommen – trotz ihrer manchmal mangelhaften Fähigkeit zur Selbstauskunft – dennoch immer einen deutlichen emotionalen Unterbau. Maria sowieso, weil sie sich nie einen Kopf darüber macht, dass irgend etwas schlimm ausgehen könnte.

Maria2 1200 KonradFerstererFiguren mit Persönlichkeit: Amadeus Köhli und Katharina Kurschat © Konrad Fersterer

Das Großartigste an der Nürnberger Inszenierung ist aber die Beigabe der von Vera Mohrs komponierten Musik. Sie macht noch mal ein ganz anderes Stück daraus. Manchmal fühlt man sich erinnert an die Agit-Prop-Theatermusicals aus den 1970ern von Floh de Cologne ("Fließbandbaby") und ähnlichem, aber Kitsch und Witz kann Mohrs auch. Schon bald kommt, nach einem Beckenbodentraining-Song, Zwischenapplaus auf. Wo hört man schon Sätze wie "250 Containerschiffe im Monat bringen Arbeit für viele" in einem Lied? Das mitreißt? Denn die Musik setzt den Extra-Dip auf die unangestrengte Nürnberger Suche nach der den Figuren hinterlegten Leidenschaft. Sie macht sie kenntlich – und ironisiert sie zugleich gern auch mal: "Selbstbedienungskasse / wenn du nicht willst, dass ich deine Nudeln anfasse".

Souveränes Understatement

Mit der Geburt des Kindes kommt der Kulminationspunkt im Text relativ früh. Das geht ein bisschen auf Kosten der Rest-Handlung. Aber man folgt trotzdem gern, vor allem, weil die Schauspieler*innen so großartig das souveräne Understatement der Inszenierung mittragen. Da spreizt sich nichts. Adeline Schebesch beispielsweise ist eine sehr lustige und zugleich kreuztragische Oma. Und Katharina Kurschat füllt die Titelrolle wunderbar aus, kann alles sein: aufsässig, wütend, traurig, staunend, vor allem aber unerschütterbar. Sie ist so voll von Zuneigung, dass sie unfähig ist, Abneigung gegen das eigene Dasein spüren zu können. Was eine sehr schöne Botschaft ist.

Maria
von Simon Stephens, aus dem Englischen von Barbara Christ
Regie: David Bösch, Musikalische Leitung und Komposition: Vera Mohrs, Bühne: Patrick Bannwarth, Mitarbeit Bühne: Heike Hümpfner, Kostüme: Vibeke Andersen, Dramaturgie: Konstantin Küspert.
Mit: Adeline Schebesch, Katharina Kurschat, Elina Schkolnik, Thorsten Danner, Amadeus Köhli, Aydın Aydın.
Premiere am 24. Mai 2024
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-nuernberg.de

Kritikenrundschau

Regisseur David Bösch nehme das Hingetupfte der Szenen liebevoll an, forsche deren Realismus mit großer Freude an den Schauspielern nach, so Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (27.5.2024). Katharina Kurschat spiele die Ria mit hemdsärmeliger Offenheit, unverblümter Fröhlichkeit, strahlender Widerstandskraft. Beides helfe darüber hinweg, dass der Text immer wieder Klischees bediene, zuweilen Sozialkitsch sei.

David Bösch beweist eine gute Hand, "nicht nur im Umgang mit dem Ensemble, sondern etwa auch der Drehbühne, die das Stationendrama in geschmeidigen Fluss setzt", so Wolf Ebersberger in den Nürnberger Nachrichten (27.5.2024). "Mit minimalen Mitteln lässt Bösch die unterschiedlichen Orte andeuten, an denen Maria nach seelischem Obdach sucht." Manchmal frage man sich aber, "was diese Maria überhaupt will, mehr noch, was Simon Stephens oder diese letztlich fast zu harmonische Inszenierung wollen: von der Kapitalismusschelte einer Einkaufswagennummer bis zur globalen Einsamkeitsrevue nach der Niederkunft."

Kommentar schreiben