Biedermann und die Brandstifter - Berliner Ensemble
Haste ma' Feuer?
30. November 2024. Die ungebetenen Gäste aus Max Frischs Klassiker übers Mitläufertum müssen in Fritzi Wartenbergs Inszenierung nicht lang bitten: Klar ist Biedermann bereit zum Zündeln. Das gibt reichlich Stoff für bösen Spaß. Und sonst?
Von Simone Kaempf
"Biedermann und die Brandstifter" in der Regie von Fritzi Wartenberg am Berliner Ensemble © Jörg Brüggemann
30. November 2024. Sein Haus wird brennen, das ist schnell klar. Gelegenheit hat er genug, das Unheil abzuwenden, das er Schritt für Schritt selber mit heraufbeschwört. Weil er nicht anders kann, sei es aus Tumbheit, Gutgläubigkeit, Ängstlichkeit, moralischer Wohlstands-Verwahrlosung.
In dieser Mischung erschuf ihn Max Frisch in seinem Drama "Biedermann und die Brandstifter" und so sitzt dieser Gottlieb Biedermann in persona Kathrin Wehlischs, seines Zeichens Haarwasser-Fabrikant, nun gut gepolstert im Bühnenrahmen: die Haare windschnittig betoniert, die Schulterpolster viel zu breit, der Bauch zu dick, der Anzug zu groß. Und vor allem die Ansichten so absurd-biegsam, dass sich dem Übel, den titelgebenden Brandstiftern, hier Tür und Tor öffnet.
Rauswurf aufgeschoben
In eine Kasperlebühne verlegt Regisseurin Fritzi Wartenberg ihre Inszenierung am Berliner Ensemble, und auch sonst in jeder Hinsicht in größtmögliche Künstlichkeit. Bunte Kostüme, schrille Perücken, Moritaten-Musik, auf der Bühne ist alles verschoben und weit weg von der Realität, aus der sich genügend Anleihen bieten würden. Doch weit gefehlt. Gestrichen ist auch der Chor der Feuerwehrleute, der bei Frisch das Geschehen kommentiert. Alles konzentriert sich auf die schwarzhumorige Passivität im Hause Biedermanns, auf das Verdrängen und die verzweifelt-komischen Versuche, die Brandstiftung doch noch abzuwenden.
Dass die Komödie erstmal los schnurrt, ist auch Kathrin Wehlisch als Biedermann zu verdanken. Versteckt hinter überdimensionierter Zeitung, grimassierend, kurzsichtig die Nase kräuselnd, liebenswert naiv überzeichnet und immer aufgescheucht überfahren damit, wenn sich die Ereignisse überkreuzen. Mehrmals ist er kurz davor, die Eindringlinge vor die Tür zu setzen, da klingelt das Telefon, piesackt ihn die Frau, hat sich der gekündigte Mitarbeiter umgebracht, steht plötzlich die Polizei vor der Tür, die er mit einer ängstlichen Notlüge abspeist.
Mimetische Akrobatik
Pauline Knof als Ehefrau steht in nichts nach. Ihr guter Vorsatz, die Eindringlinge nun endlich auf die Straße zu setzen, versackt in einer kleinen Vergeblichkeits-Show, in der sie augenrollend alle Gefühlslagen durchlebt. Das ist so genau ausbalanciert und von einer mimischen Akrobatik, wie sie selten zu bestaunen ist. Und als Gehorsam simulierendes Dienstmädchen macht Maximilian Diehle das skurrile Figuren-Panoptikum komplett. Alle legen sich mächtig ins Zeug und kosten die Schlagseite zur Übertreibung genüsslich aus.
Die Komödie schnurrt in Kostümen von Esther von der Decken: Max Gindorff, Kathrin Wehlisch, Maeve Metelka © Jörg Brüggemann
Doch der Dreh ins Absurde hat mit den Abgründen, die im Stoff stecken, irgendwann nicht mehr viel zu tun. Alles wirkt harmlos, vielleicht weil die beiden langhaarigen Brandstifter, die sich einnisten, gespielt von Max Gindorff und Maeve Metelka, ihn ihren Fräcken viel zu sehr die direktoren-mäßigen Strippenzieher abgeben, nonchalant dauergrinsend jeden Einwand rhetorisch flaumweich abschmettern. Aasig werden sie nie.
Einmal scheint dieser Biedermann kurz davor, ernst zu machen, scheinbar drauf und dran, dem Treiben ein Ende zu bereiten. Und doch schaut man weiter zu, wie er dann nichts macht oder besser wieder das Falsche. Getreu dem Motto, meine Freunde können nicht meine Feinde sein, entzündet sich eine Party-Vorbereitungs-Orgie, um Platz für ein Abendessen zu machen, denn "solange sie grölen und saufen, tun sie nichts anderes".
Komödienstoff, von Angst befreit
Bühnenarbeiter räumen die Bühne ab, die Perücken fallen, das Tafelsilber wird abgeräumt zu fluffigen moralischen Plädoyers und Gleichheits-Geschwafel: "Wer braucht Silber, wenn wir Menschlichkeit haben?" Und wie Wehlisch ninjamäßig Kampfbereitschaft simuliert, ist nur von kurzer Dauer. Die Ausstattung wird verschämt hervorgezogen, wenn der Eindringling Eisenring doziert, dass es sich doch gehört mit Tischtuch, Messerbänken und Damast-Servietten.
Am Ende muss er die Bude selbst anzünden: Max Gindorff, Kathrin Wehlisch, Maeve Metelka © Jörg Brüggemann
Reichlich Lacher hat der Abend auf seiner Seite während, ja, während im Grunde nichts passiert. Der Hang zum Verdrängen während das Übel nicht nur die eigene Türschwelle übertritt, sondern seelenruhig Benzinfässer und Zündschnüre präpariert, ist hier Komödienstoff und von gesteigerter Künstlichkeit. Aber nichts, was annähernd Angst einflößt. Geschenkt, dass das Publikum einmal selber die Benzinfässer über die Köpfe nach vorne rollen muss – alles nur Schaumstoff.
Und dass Biedermann am Ende nicht nur die Streichhölzer reicht, sondern auch selber zündet, gibt keine ernsthafte Debatte über Mitläuferschaft her. Auch das Nachspiel in der Hölle, das Max Frisch dem Stück nachträglich versah, streicht Fritzi Wartenberg in ihrer ersten Arbeit auf der großen Bühne des Berliner Ensembles. In dieser Komödie der bunten Saturiertheit bleibt am Ende aber auch das Böse auf der Strecke, man bekommt einfach kein Bild davon.
Biedermann und die Brandstifter
von Max Frisch
Regie: Fritzi Wartenberg, Bühne: Jessica Rockstroh, Kostüme: Esther von der Decken,
Musik: David Rimsky-Korsakow, Licht: Steffen Heinke, Dramaturgie: Sibylle Baschung.
Mit: Kathrin Wehlisch, Pauline Knof, Max Gindorff, Maeve Metelka, Maximilian Diehle.
Premiere am 29. November 2024
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.berliner-ensemble.de
Kritikenrundschau
Ein "schräges Kasperltheater" sah Barbara Behrendt für rbb|24 (30.11.2024) am BE. "Die junge Regisseurin Fritzi Wartenberg treibt den alten Klassiker, das ist nicht neu, in die Farce. Sie versucht erst gar nicht, Menschen aus Frischs Lehrfiguren zu machen." Was die Kritikerin im Ganzen nicht recht überzeugt: "Die Deutungsansätze muss man allerdings aus vielen Ecken zusammenklauben. So nett Wartenbergs Kasperle-Idee ist, so harmlos und beliebig kommt sie mitunter daher. Vieles lacht das Publikum an diesem Abend einfach weg. Wirklich zünden tut da letztlich zu wenig."
Aus Frischs Parabel werde am BE eine "klamaukige Groteske", schreibt Sophie Klieeisen in der Morgenpost (30.11.2024). "Hier wird nicht mit feiner Klinge sozialpsychologisch seziert; vielmehr bieten sich Szene für Szene mehr Gelegenheiten, der Rampensau freien Lauf zu lassen und mit der Wurst nach der Speckseite kabaretttauglicher Rollenklischees zu werfen. Es sind weniger parabelhafte Figuren, die darauf hinweisen, dass Frisch das Gattungswesen Mensch gemeint haben könnte, der nicht anders zu lernen imstande ist als durch eine Katastrophe. Vielmehr sehen wir in diesem Biedermann bloß einen spezifischen Phänotyp voll moralischer Selbstgewissheit, der es dem Publikum leicht macht, mit dem Finger auf ihn zu zeigen. Es fühlt sich sichtlich nicht gemeint."
Fritzi Wartenbergs großes Kasperletheater habe Witz und Reiz, schreibt Doris Meierhenrich von der Berliner Zeitung (2.12.2024). "Über weite Strecken funktioniert das gut, nur die Dämonie dahinter, die zu Beginn so passabel in Wehlisch aufblitzte, geht im Verlauf verloren. Es geht munter in den Untergang."
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Max Frischs Parabel vom saturierten Bürgertum, das alle Warnzeichen übersieht, bis die Lebensgrundlagen verloren sind, hat in diesen Krisenzeiten eine so offensichtliche Aktualität, dass die Regisseurin und ihre Dramaturgin Sybille Baschung darauf verzichteten, diese Zeitbezüge des 1950er Jahre Stoffs klar herauszuarbeiten. Ihre „Biedermann und die Brandstifter“-Inszenierung folgt konsequent dem eingeschlagenen Pfad und zeichnet Biedermann als lächerlichen Protagonisten einer Farce.
In manchen kurzen Augenblicken während dieser 90 Minuten wird aber deutlich, dass sich die Inszenierzung etwas dümmer stellt als sie tatsächlich ist. Kathrin Wehlisch tritt mehrmals aus der Rolle des tölpelhaften Spießers und spricht das Publikum direkt an: „Sie haben ja leicht reden, Sie sitzen da draußen und wissen wie’s ausgeht. Vergessen Sie nicht, dass ich eine erfundene Figur bin. Mich kann man ja lächerlich machen!“ Kurz vor Schluss, als die beiden Brandstifter (Max Gindorff und Maeve Metelka) mit aktiver Zuschauerbeteiligung die Benzinfässer aus Schaumstoff auf die Bühne gerollt und die Zündschnüre verlegt haben, weist Wehlischs Biedermann die Techniker des Berliner Ensembles an, Jessica Rockstrohs Guckkastenbühne zu demontieren. Das könne man nun ja einfach alles wegkürzen und sparen, ätzt ihr selbstgewisser Biedermann mit einem deutlichen Zaunpfahl-Wink in Richtung des Berliner Senats.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/01/03/biedermann-und-die-brandstifter-berliner-ensemble-kritik/