Die heilige Johanna der Schlachthöfe - Berliner Ensemble
Am Fleischerhaken hängt die Welt
28. Februar 2025. Johanna meint es gut mit den Arbeiter*innen: Wer schuld hat an ihrem Elend, möchte sie herausfinden. Doch sie scheitert an der Fleischfabrikantin Mauler. Mit Starbesetzung und einem Fremdtext zum Fürchten zeigt Dušan David Pařízek, wie aktuell Brechts Wirtschaftskrisenstück heute wieder ist.
Von Elena Philipp
"Die heilige Johanna der Schlachthöfe" in der Inszenierung von Dušan David Pařízek und mit Stefanie Reinsperger © Birgit Hupfeld
28. Februar 2025. "Money making" findet Frau Mauler eine gute Sache. Wäre da nicht der blonde Ochse, dessen gewaltsames Ableben die Schlachthofbetreiberin so rührte, dass sie ihr blutiges Geschäft aufgeben will. Aber erst, "wenn Lennox fällt", einer ihrer Konkurrenten – das hat sie mit dem Mitbewerber Cridle abgemacht, damit dieser für 10 Millionen ihre Anteile aufkauft.
Reinspergers schillerndes Kraftspiel
Als ambivalente Figur, die "Zwiefaches" motiviert, zeigt Regisseur Dušan David Pařízek texttreu Brechts Antagonisten aus dem Weltwirtschaftskrisenstück "Die heilige Johanna der Schlachthöfe": Hin- und hergerissen ist Mauler zwischen Gefühl und Geschäft. Stefanie Reinsperger, die für die Premiere aus dem Wiener Burgtheater-Engagement an ihre vormalige Berliner Wirkungsstätte zurückkehrt, leiht der rührseligen Großkapitalistin ihr schillerndes Kraftspiel und lässt sie kokett, knallhart oder kulant sein, ganz wie es der Instinkt und die Neigung ihr diktieren. Als Vernunftwesen, das einzig rationale Entscheidungen trifft, und damit als Idealbild des homo oeconomicus erscheint ihre Mauler nicht. Sondern als eine Opportunistin, die auf der Achterbahn des Erfolgs mitfährt und dank Tipps von Wall Street-Insidern wirtschaftlich immer wieder auf die Füße fällt. Ihre Innerlichkeits-Eskapaden gönnt sie sich wie eine Seelenmassage.
Mit aller Härte ignoriert Mauler die Nöte der hunderttausend Arbeiter*innen, die im Zuge ihres Lohn- und Preiskampfes mit Cridle (Marc Oliver Schulz) und Lennox (Amelie Willberg) ihre Jobs verloren haben und "für zwölf Stunden Arbeit nicht mehr das trockene Brot verdienen". Hingerissen ist die ausgebuffte Geschäftemacherin hingegen von Johanna, dieser Kämpferin für die Arbeiter*innenklasse, deren Tank Top mit der Aufschrift "Rocky" verrät, dass ihr Weg steinig wird (Kostüme: Kamila Polívková).
Widerständlerinnen der großen Krise: Nina Bruns, Stefanie Reinsperger, Kathleen Morgeneyer, Amelie Willberg © Birgit Hupfeld
Fürsorglich füttert Mauler Johanna mit Suppe, als die Streiterin bereits am Boden liegt: In ihrer Suche nach denen, die schuld sind am Elend von Arbeitslosen wie Martha (Nina Bruns), hat sie sich selbst aufgerieben – und in Folge ihrer Renitenz sogar zu verantworten, dass sich die hungernden Massen nicht einmal mehr bei den wohltätigen Gottespredigern und Spendensammlern der "Schwarzen Strohhüte" an einer dünnen Suppe wärmen können.
Ein Schaukelbrett ist das System
Kathleen Morgeneyer ist die ideale Besetzung für diese naive Idealistin: Ihre ätherische Darstellungskunst, die auf einer sehnigen Beharrlichkeit aufruht, verleiht der Johanna eine bedrückende, realitätsnah wirkende Uneindeutigkeit, die sie zur ebenbürtigen Antagonistin von Mauler macht. Johannas Niedergang ist mit einer Lektion in Ökonomie verbunden. Schob sie die Armut der Unterprivilegierten anfangs noch auf deren mangelnden "Sinn für das Höhere", erkennt sie bald: "'s ist ein Schaukelbrett, dieses ganze System". Die oben sitzen nur oben, weil die anderen unten sitzen; alle Versprechen eines möglichen Aufstiegs sind Fake. Am Ende ihrer Erkundungen im Fleischmilieu ist Johanna überzeugt: "(E)s ist eine Kluft zwischen oben und unten, und was oben vorgeht, erfährt man unten nicht. Und es sind zwei Sprachen oben und unten, und zwei Maße zu messen", heißt es in Brechts salbungsvollem Bibelton. Bitter ist das Ergebnis von Johannas 'drei Gängen in die Tiefe'.
Autos, Satelliten und KI
Um in Johannas Abgrund anzukommen, benötigt die Inszenierung knapp über zwei Stunden. Massive Textberge türmen sich, trotz Kürzungen, und das (welt)politische Anliegen geht in Aufmerksamkeitssenken verschütt – alles wird gesagt, das wenigste ausagiert. Beständig deklamiert das Ensemble frontal ins Publikum, mit nur wenig Stellungsspiel auf der von Pařízek entworfenen, schrägen Holzkistenbühne. Gegen die Ermüdung helfen auch anfängliche Publikumsbespaßungen von Kathleen Morgeneyer und suggestive Schattenspiele mit Overhead-Projektor nicht, genauso wenig Amelie Willbergs rotzig-schlaue Schlagfertigkeit oder Einfälle wie ein Tauziehen zwischen Cridle und Mauler um Reinspergers opulente rote Schleppe.
In der Kluft zwischen oben und unten: Kathleen Morgeneyer als Johanna © Birgit Hupfeld
Kenne die Gefahr, damit du ihr entgegentreten kannst: Diese zentrale Botschaft benennt im Kleingedruckten das Programmheft. Als Warnhinweis hat Dušan David Pařízek einen Fremdtext eingefügt: Ayn Rands "Atlas Shrugged". In diesem Libertarismus-Manifest in Romanform wettert eine Apologetin der Kapitalist*innen (aka Verstandesmenschen, Händler und Erbauer) gegen die Schmarotzer und "Nullen", die das Wohl anderer erstreben und "Bedürfnis für einen Anspruch" halten. Diese 1957 komponierten Töne erklingen derzeit ja wieder deutlich; der Wink gen USA ist in Pařízeks "Heiliger Johanna" mit der Erwähnung von selbstfahrenden Autos, Satelliten und KI klar.
Dušan David Pařízek nun verbindet seine Hinzufügung mit einer geradezu Brecht'schen Lehrszene: Stefanie Reinspergers kräftezehrender Ayn Rand-Monolog ist in der Pause angesetzt und jede*r muss entscheiden, ob er oder sie den Saal verlässt, wenn’s ernst wird, oder sich der denkerischen Strapaze aussetzt. Diese Idee taugte glatt zu einer Inszenierung mit dem Paukenschlag – wäre vorher nicht der aufklärerische Anspruch mit Aplomb in bravem Aufsagetheater versenkt worden.
Die heilige Johanna der Schlachthöfe
von Bertolt Brecht
Regie & Bühne: Dušan David Pařízek, Kostüme: Kamila Polívková, Musik: Peter Fasching, Licht: Hans Fründt, Dramaturgie: Karolin Trachte.
Mit: Kathleen Morgeneyer, Stefanie Reinsperger, Marc Oliver Schulze, Amelie Willberg, Nina Bruns.
Premiere am 27. Februar 2025
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine optionale Pause
www.berliner-ensemble.de
Kritikenrundschau
"Postmoralisches Theater als Abbildung der Wirklichkeit" erlebte Sophie Klieeisen von der Morgenpost (28.2.2025) im BE und fand die Konfliktklarheit "vernebelt". Ihr Fazit: "Auf krude Weise dreht Pařízek die Brechtsche Moral durch den Fleischwolf des 21. Jahrhunderts: Die Wirklichkeit gleiche der Wahrheit, sonst...! Der frenetische Jubel, mit dem das Publikum dieser schlichten Schuldzuschreibung und nur wenig latenten Gewaltdrohung am Ende applaudiert, läuft einem kalt den Rücken herunter."
"Auch wenn die Inszenierung den verwinkelten Brecht-Text auch mal ziemlich dröge auf die Bühne stellt, arbeitet sie den gedanklichen Kern doch klar heraus", nämlich die Frage nach der Veränderbarkeit von Systemen, berichtet Barbara Behrendt für rbb|24 (28.2.2025). In der "Mischung aus handfesten Figuren, aus Parodie, Komplexität und Oldschool- Sprechtheater entsteht dann doch ein dichter Abend, an dem man ein Weilchen knabbern kann."
Dušan David Pařízek mache aus dem Brecht Dilemma (Revoltion im revolutionsfreien Kunstraum zu beschwören) "das Beste, indem er den Kunstvorgang als solchen betont und mit grandiosen Schauspielern feiert", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (€ | 1.3.2025). Der Kritiker hat inhaltlich weniger für Brechts Börsenparabel übrig, dafür mehr für ihre Poesie: "Interessant werden Brechts Bilderbuchspekulanten und Schlachthofbarone durch ihre Sprache, mit der sie gleichzeitig das Pathos der deutschen Klassik, die Sprachkraft der Bibel und den Erbauungssermon des Gesangsbuchs parodieren und lustvoll auskosten. In Pařízeks Inszenierung kommt diese Sprachmusik gekonnt zur Geltung."
"Die Inszenierung von Dušan David Pařízek begnügt sich mit einer leeren Holzwandkonstruktion, auf die Schatten, Worte und marktmetaphorische Videosequenzen geworfen werden. Die Schauspieler bekommen dabei auch nicht viel mehr als Thesen auf die Rippen", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (1.3.2025). "Sie müssen sich unter Dampf setzen, das Herzblut anpumpen und zugleich die kalte Registrierkasse im Auge behalten, mit der Brecht seine biblisch tönenden Claims abbindet. Das soll zwischendurch ein finsterer Spaß sein, kippt auch immer mal ins Kabarett, entfaltet aber keinen Sog und keine Wut. Von Klassenbewusstsein schweigen wir Theaterbürger betreten."
"Das unbestrittene Kraftzentrum des großen Wirtschaftstheaters ist Reinsperger als Mauler", schreibt Jakob Hayner in der Welt (online 28.2.2025), für den es ein "kluger Abend" war. Erstaunlich sei "wie gut Brecht mit der libertären Kultautorin Ayn Rand zusammenpasst, die Pařízek als Pausenfüller in die Spielfassung eingefügt hat und somit Reinsperger ein weiteres unvergessliches Solo beschert. (…) Die Pointe ist, dass Brecht und Rand in ihrer Kritik an der Substanzlosigkeit der Sklavenmoral nicht weit entfernt sind, der Unterschied liegt in der Wahl der Seite auf der Schaukel; auf der Bühne sind sie jedenfalls ein gutes Doppel."
Eine auf die Johanna von Orléans gemünzte "propagandistische Parodie" entdeckt Simon Strauß von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (1.3.2025) in dem Brecht-Stück. "Der Affekt gegen alles Humane und Schöne führt zu einer ständigen Banalisierung des Menschlichen. Statt nach einer Seele wird hier nur noch nach dem Klassenstandpunkt gesucht." Regisseur Pařízek "widersteht der Versuchung, sich seine Spielerlaubnis in der Gegenwart zu holen – bis auf ein paar lockere Sprüche auf den T-Shirts ('Eat the Rich') unterlässt er jede Anspielung auf den neoautoritären Kapitalismus unserer Tage." Gelobt wird der Abend für die "Schauspielkunst", mit der der Spagat "zwischen ernsthafter Textwiedergabe und sarkastischer Verfremdung" probiert wird.
Für Eberhard Spreng in der Sendung "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (28.2.2025 | als Text veröffentlicht auf seine Blog) "trägt an diesem Abend im Kampf Dramaturgie versus Performanz letztere einen haushohen Sieg davon. Denn vor allem Stefanie Reinsperger feiert in ihrem im Wortsinne unverschämtem Spiel mit dem eigenen Körper den narzisstisch hemmungslosen Ichmenschen als nicht zu bremsendes emotionales Kraftzentrum".
"Monumentales, übermenschliches Theater" sah André Mumot für die Sendung "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (27.2.2025) besonders in der Mauler-Rolle von Stefanie Reinsperger. Für Brecht-Purist*innen sei es "vielleicht ungewöhnlich", dass das Duo Reinsperger/Morgeneyer "mit größter, mit allergrößter emotionaler Intensität" an seine Rollen gehe. "Darstellerisch ist es ein unglaublicher Abend", in dem auch "etwas schwierige, etwas langweiligere Elemente" dieses "Thesenstücks" von Brecht überspielt würden.
"Konkrete Gegenwartsverweise bleiben auf Sparflamme. Mit einem stark eingestrichenen Cast schnurrt das Geschehen vielmehr als modellhafter Konflikt zwischen der Materialistin und der Idealistin ab – bei bilateraler Faszination an der jeweils gegenteiligen Idee", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (2.3.2025). "Die Konzentration, mit der das beginnt, hält der Abend leider nicht durch, trotz seiner beiden Protagonistinnen mit dem veritablen Theaterstar-Nimbus. Abgesehen davon, dass die Charaktere unschärfer werden, zieht sich auch der Plot trotz Kürzungen spürbar in die Länge."
"Regisseur Dušan David Pařízek bringt die Brechtschen Lehren mit leichter Hand unter die Leute", schreibt Michael Wolf in der taz (3.3.2025). Für ihn war's "ein klug inszenierter Brecht-Abend, der über lockere zweieinviertel Stunden gut unterhält und bestens in den Spielplan dieses Hauses passt".
mehr nachtkritiken
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne
neueste kommentare >
-
Burn, Baby, Burn!, Hannover Sagenhaft gut
-
Die Quelle, Wien Bitte weitermachen
-
Fräulein Else, Wien Danke!
-
Über die Notwendigkeit, ... , Wiesbaden Super Abend
-
Fräulein Else, Wien Phänomenal
-
Irgendetwas ist passiert, Berlin Lauwarm
-
Theaterpodcast Investigativtheater Aufklärung?
-
Quelle, Wien Frontalunterricht
-
Bluets, Berlin Multifunktionsroboter
-
Quelle, WIen Andere Wahrnehmung





Diesmal hat Oliver Reese den tschechischen Regisseur Dušan David Pařízek beauftragt, „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“, ein Wirtschaftskrisen-Lehrstück und zugleich eine Parodie auf Schillers Pathos, auf die Bühne zu bringen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist Pařízek auf den großen Bühnen mit recht soliden Klassiker-Inszenierungen präsent. Sein Markenzeichen: der Overheadprojektor, der auch diesmal nicht fehlen darf und pünktlich zur Pause (vermeintlich? tatsächlich?) streikt.
Diese Pause ist das Herzstück des Abends: Stefanie Reinsperger, in ihre Heimat ans Wiener Burgtheater zurückgekehrt, aber dem Berliner Ensemble noch als fester Gast verbunden, steigt aus dem Brecht-Text aus und performt ein mehrere Minuten langes Solo, in dem die Ikone der Libertären, Ayn Rand, mit den „Nullen“ abrechnet. Aus „Atlas Shrugged“ (1957, in deutscher Übersetzung als „Der Streik“ bekannt) stammt dieser Monolog, den Reinsperger in unnachahmlicher Reinsperger-Manier in den Saal schleudert.
Man tut gut daran, das Angebot einer „Pause, falls Sie mögen“ nicht wahrzunehmen. Denn sonst verpasst man den Höhepunkt des Abends. Den selben Kniff setzten Reinsperger und Pařízek schon vor zehn Jahren in der Wiener „Die lächerliche Finsternis“-Inszenierung ein, als Reinspergers Stern beim Theatertreffen 2015 aufging und sie in der Pause das Bühnenbild kurz und klein häckselte.
Die restlichen zwei Stunden sind recht konventioneller Brecht mit ein paar Gags, die nicht so recht zünden, interessanten Licht- und Schattenspielen auf Parizeks schräger Holzbühne und zwei Schauspielerinnen im Zentrum.
Bemerkenswert an dem Aufeinandertreffen der beiden so gegensätzlichen Spielstile – hier die kraftvoll-wuchtige Reinsperger, die sich im „Kaukasischen Kreidekreis“ zum BE-Einstand die Seele aus dem Leib schrie, dort die ätherisch-zart spielende Morgeneyer: sie reizen ihre Figuren nicht zum Klischee aus, sondern legen sie facettenreicher an, als zu erwarten war. Reinspergers Maulerin ist nachdenklicher und kein Oligarchen-Rambo, sondern charmiert und trickst. Morgeneyers Johanna ist keine naive Frömmlerin, sondern wirkt durchaus tatkräftig.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/03/01/die-heilige-johanna-der-schlachthoefe-theater-kritik/