Liliom - Berliner Ensemble
Willst zu meinem Leiden Deine Leier dreh'n?
6. Dezember 2024. Das Karussell der Träume ist rostig geworden: Christina Tscharyiski zeigt Ferenc Molnárs Geschichte von Liliom, dem hübschesten und tragischsten Kerl auf dem Jahrmarkt der Verzweifelten, in neuer Übertragung von Terézia Mora. Himmelfahrt inklusive.
Von Esther Slevogt
Christina Tscharyiski zeigt Ferenc Molnárs "Liliom" am Berliner Ensemble © Jörg Brüggemann
6. Dezember 2024. Kurz bevor dieses Leben in die Katastrophe kippt, hält man es eigentlich kaum noch aus, dabei zuzusehen, wie dieser Mensch die Spirale seines Untergangs selber immer weiter dreht und dreht. So dicht haben sich alle Spielerinnen und Spieler an diesem Abend schon an die Publikumsnerven herangespielt.
Da ist der aasige Stutzer, der den arbeitslosen Jahrmarktsausrufer da vorne zum Kartenspielen verführt. Und der spielt, verliert, spielt weiter, als wolle er sich damit gegen sein Schicksal auflehnen. Dabei macht er alles nur noch schlimmer. Verliert wieder. Am Ende hat er sogar seinen Anteil an der potenziellen Beute verspielt, die ein geplanter Überfall überhaupt erst bringen sollte. Ein Überfall, der dann auch noch misslingt. Aus Verzweiflung rammt sich der Unglücksmensch schließlich das Messer selber in den Bauch, mit dem er eigentlich seinem Opfer zu Leibe rücken wollte.
Altes Stück mit neuem Sound
Liliom heißt dieser Mann, eine berühmte Theater- und Filmfigur, die sich der ungarische Dramatiker Ferenc Molnár am Anfang des 20. Jahrhunderts ausgedacht hat. Die Schriftstellerin Terézia Mora hat das Stück jetzt neu übersetzt und man kann vielleicht sogar sagen: restauriert. Denn die süßlich-klebrige Patina der Alfred-Polgar-Übersetzung von 1912 samt leicht verkitschter Horváth-Aura ist wie weggefegt – und die Dialoge, ja, das ganze Drama plötzlich von einer überzeitlichen, fast becketthaften Knappheit und Schärfe.
Die Inszenierung von Christina Tscharyiski, die das Stück in Moras Neuübersetzung jetzt im Berliner Ensemble zuerst auf die Bühne bringt, unterstreicht das Skizzenhafte der Dialoge durch einen fast stakkatohaften Stil, der sich erst langsam in emotionalere Färbungen hineinschraubt. Da sind die Freundinnen Marie und Julie, Dienstmädchen beide, die gerade von Lilioms Karussell kommen, von Joyce Sanhá und Lili Epply gespielt. Dann kommt in Gestalt von Bettina Hoppe Frau Muskát, die Inhaberin des Fahrgeschäfts, deren Geliebter ihr Angestellter Liliom gleichzeitig ist. Sie ist eifersüchtig und schmeißt die Mädchen raus.
Offener Blick, aber verstellte Zukunft: Jannik Mühlenweg spielt Liliom. Im Hintergrund: Adrian Grünewald © Jörg Brüggemann
Schließlich erscheint Liliom, ein kurzgeschorener Wiedergänger Woyzecks, von Jannik Mühlenweg gespielt. Er will nicht das Eigentum seiner Arbeitergeberin sein, er widersetzt sich, verliert seinen Job, erhofft sich Errettung durch Julies Liebe, was naturgemäß nur schief gehen kann. Alle zeigen ihre Figuren zunächst eher noch her, als dass sie sie spielen, so, als probierten sie Kleidungsstücke an, die noch ungetragen sind. Es ist eher die innere Präzisionsmechanik des Dramas, die bald schon einen großen Sog erzeugt. Und der live gespielte suggestive Soundtrack von Kyrre Kvam.
Schubert im Indiepop-Gewand
Dass die Geschichte nicht gut ausgeht, ist klar, als die Figuren zum ersten Mal auf der Bühne erscheinen. Kvams Indiepop-Version von Franz Schuberts eisigem Lied vom "Leiermann" aus der "Winterreise" unterlegt die Szene mit kühlem Vergeblichkeitssound. Das Motiv des Leiermanns taucht in unterschiedlichen Variationen am Abend immer wieder auf. Einmal schnarrt Kvam auch den elektronisch zerdehnten Schubert-Song "Fremd bin ich eingezogen". Erst als Liliom stirbt, wird die Musik heutig.
Auf dem Jahrmarkt der Vergeblichkeiten
Dominique Wiesbauer hat auf der Bühne ein Jahrmarktsszenario angedeutet, mit Eisenpodesten und Schaukeln. "Beyond" ist auf einer riesigen Bildwand mit Vergnügungsparkaura zu lesen. In schellen, präzisen Szenen bewegt sich das Laufwerk des Dramas zunächst der Katastrophe entgegen. Gerade noch finden die zarte Julie und der von seiner prekären Existenz gezeichnete Liliom auf der kreisenden Drehbühne in einer innigen Szene zueinander, kaum hat die harte Frau Muskát versucht, ihren Liliom wiederzugewinnen, kaum haben Marie und Hugo den sicheren Hafen der Kleinbürgerlichkeit erreicht, hat der schmierige Stutzer (Oliver Kraushaar) den armen Liliom auch schon auf die schiefe Bahn geführt, regieren Gewalt und Ohnmacht.
Reigen der Ausgestoßenen: Adrian Grünewald, Joyce Sanhá und Lili Epply in Kostümen von Svenja Gassen © Jörg Brüggemann
Der berühmte symbolistische Turn des Stücks, dessen Finale Molnár plötzlich in Jenseits verlegt, wo Liliom vor seine Richter tritt – im Berliner Ensemble reißt der Sog der Erzählung hier auf einmal ab. Plötzlich rücken aus dem Nebel monsterhafte Figuren alles nun in eine schrille Indifferenz. Dieses seltsame Jüngste Gericht fügt sich nicht recht in die bisherige Präzision. So hat der Abend einen starken Beginn und tolle Spieler – kommt sich aber auf den letzten Metern abhanden.
Liliom
von Ferenc Molnár
In einer Neuübersetzung aus dem Ungarischen von Terézia Mora
Regie: Christina Tscharyiski, Bühne: Dominique Wiesbauer, Kostüme: Svenja Gassen, Musik: Kyrre Kvam, Licht: Hans Fründt, Dramaturgie: Amely Joana Haag.
Mit: Jannik Mühlenweg, Lili Epply, Joyce Sanhá, Bettina Hoppe, Oliver Kraushaar, Adrian Grünewald, Louisa Beck, Kyrre Kvam. Live-Musik: Kyrre Kvam.
Premiere am 5. Dezember 2024
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
www.berliner-ensemble.de
Kritikenrundschau
"Die Regisseurin siedelt das parabelhafte Geschehen nämlich in einer schummrigen Zeitlosigkeit an, in der dezidiert Gestriges und plausibel Überzeitliches eigenwillig koexistieren", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (6.12.2024). Man schaue "insbesondere Hoppe, Mühlenweg und Eply streckenweise gern zu an diesem Abend". Es sei allerdings "nur schwer zu sagen, wozu man hier eigentlich genau gebeten ist".
Es dauere "zähe 80 Minuten, bis das Volksstück von 1906 klick macht", findet Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (9.12.2024). "Bis dahin spielte sich, trotz schöner Kirmesmäßigkeit der Bühne (Dominique Wiesbauer) die 'Liliom'-Geschichte eher hölzern ab." Dann jedoch werde es "in dieser Julie mit ihren schmerzlichen, gruseligen Widersprüchen menschlich interessant", wenn Lili Epply als Julie "endlich einmal groß und klar in den Raum" schaue und Worte spreche, "die nicht wie fremder Text klingen".
Das Zurückgenommene der Inszenierung gebe den Schauspielern "die Möglichkeit, ganz mit heutigen Regungen und Gefühlen zu arbeiten", findet Felix Müller in der Berliner Morgenpost (7.12.2024). Da sei "kein Staub, nirgends". Müller sah einen "packenden, hoch konzentrierten Abend", bei dem es nur "ein kleiner Einwand" sei, dass Molnárs Stück selbst sich nur wenig Zeit für die wichtige Frage nehme, "wie Gewalterfahrungen über die Generationen weitergereicht werden".
In einem Überblickstext zum Thema Misogynie in neuen Stücken kritisiert Katja Kollmann von der taz (4.1.2025) die Produktion: "Ästhetisch ergeben sich so immer wieder besondere Momente, eine einsam-verdichtete Rummelplatz-Atmosphäre wird erschaffen, aber es fehlt an Unmittelbarkeit. Hier aber bräuchte es Dringlichkeit in der Darstellung. Und vielleicht auch eine Kontextualisierung. Denn während im BE jeder Schlag Lilioms eine Theaterverabredung ist, werden zur selben Zeit hinter deutschen Wohnungstüren Frauen getreten, geschlagen und vergewaltigt."
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Und einen komplett veralteten Text über den Klimawandel, in welchem beispielsweise die Prinzipien des Braunkohleabbaus in der Lausitz sehr ausführlich geschildert werden, würde ja heute auch niemand sehen wollen. Was haben wir also von so einer Hauptfigur? Was haben wir von zwar gut gespielten, aber völlig verniedlichten und durch die patriarchale Brille romantisierten (#“zarten“ #“verletzlichen“) Frauen als Opfern, die in keiner einzigen (!) Szene über etwas anderes als Männer reden, noch dazu dulden, dass ihnen Gewalt widerfährt. Nicht einmal den Bechdel - Test hat dieser völlig misslungene Theaterabend bestanden. Neuübersetzung hin oder her - es ist unwichtig und uninteressant, solange Gewaltdynamiken reproduziert und nicht in Frage gestellt werden. Da bringt auch keine Geister-Szene am Ende etwas - denn es gibt weder Geister, noch den Himmel, noch das Jüngste Gericht! Das würde mensch sich als Frau mit Gewalterfahrung zwar wünschen - kam aber in keinem Bericht einer Überlebenden häuslicher Gewalt jemals vor. Dass nicht einmal die Kritikerin das sexistische Problem des Abends benannt hat, empfinden wir - Überlebende häusliche Gewalt - als gaslighting.
Sogar ein mittelmäßiger Sonntagabendkrimi, der sich als „Sozialdrama“ gibt, ist multiperspektivischer als diese Zumutung. Und das alles in Zeiten wo die Sparpläne des Senats Kürzungen im Sozialwesen vorsehen und besonders Frauen*häuser und Kontakt - und Beratungsstellen davon betroffen sein werden - genau dort nämlich sitzen dann die ganzen „Julies“ (jede vierte Frau!) und versuchen ihr Leben zu retten. Als Inspiration: Hier gibt es die aktuelle Schmerzensgeldtabelle für häusliche Gewalt: https://www.schmerzensgeldtabelle24.de/schmerzensgeldtabelle-verkehrsunfall/schmerzensgeldtabelle-nach-betraegern-sortiert/ .
Streicht „Liliom“ vom Spielplan oder nennt den Abend „Julie“. In „Julie“ könnte die Hauptfigur das Schwein anzeigen, die Anzeige gewinnen (was relativ zur Realität einem verträumten Happy End gleich käme), und Schmerzensgeld in Krypto, Gold und ETFs anlegen. Liebes Theater - ihr habt einen gesellschaftlichen Auftrag - in diesem Fall habt ihr nicht nur unsere Zeit und unser Geld verschwendet, nein ihr habt uns auch verletzt und beleidigt. MfG - Freundin 1 und Freundin 2.
Ja Bravo!
Auch mich hat die Inszenierung mit einem sehr schalen Gefühl zurückgelassen. Einerseits ob der Reproduktion der Gewalt ohne einen Bruch oder einen Gedanken daran zu verschwenden was das mit opfern von häuslicher Gewalt macht (siehe Kommentar 1) und andererseits weil die Inszenierung auch Künstlerisch nichts kann.
Die 110-minütige pausenlose Aufführung macht aus Molnárs katholischer Metaphysik ein visuelles Ereignis. Hans Fründts Lichtdramaturgie verwandelt die Bühne von rosa Zuckerwatte-Ästhetik in grüne Erlösungshoffnung – ein Farbwechsel, der Lilioms Läuterung nach 16 Jahren Fegefeuer sichtbar werden lässt. Kyrre Kvam fungiert als moderner Charon: Er setzt die Drehbühne wie ein Karussell des Schicksals in Bewegung, verkörpert den Kassierer Linzmann und begleitet musikalisch alle Übergänge zwischen Diesseits und Jenseits.
Jannik Mühlenweg gestaltet Liliom als zerrissenen Habenichts, dessen bürgerlicher Name – Endre Závoczki, „mütterlicherseits" – erst im Selbstmördergericht zur Sprache kommt. Dieser uneheliche Sohn mit Mutternamen wird zum sozialen Bastard ohne Ordnung, dessen gesamter Besitz in einer seesackgroßen Tasche Platz findet. Die Österreicherin Lili Epply verleiht der 18-jährigen Julie jene stillen Stärke, die am Ende zur metaphysischen Kraft wird: „Kann es sein, dass jemand einen so heftig schlägt und es einem nicht weh tut?" – „Ja, mein Kind. Das ist mir schon einmal passiert."
Die Zahl 16 durchzieht Molnárs numerologische Architektur: 16 Jahre Fegefeuer, 16.000 Kronen Raubbeute, 16 Kreuzer für die Straßenbahn hin und zurück, Luisa wird 16 bei Lilioms Rückkehr. In der christlichen Zahlensymbolik steht sie für Vollendung durch Läuterung – vier mal vier.
Dominique Wiesbauers Bühnenbild verwandelt den Theaterraum in eine morbide Karussell-Landschaft mit Airbrush-Hintergrund, durch dessen Spalt die Schauspieler wie durch einen Vorhang verschwinden. Das Selbstmördergericht inszeniert Tscharyiski als barocken Theatertraum mit Bühnennebel und absurden Masken – hier zeigt sich Molnárs theologische Raffinesse: Das Gericht fragt nicht nach Schuld, sondern nach Bereitschaft zur Wandlung. Diese Liliom-Inszenierung beweist: Auch nach 115 Jahren seit der Uraufführung ist eine zweite Chance möglich – für Gauner, für Habenichtse, für das Theater selbst.