Messeschlager Gisela - Komische Oper Berlin
Berliner Schick
9. Juni 2024. Sage noch einer, dem DDR-Funktionär mangele es an kreativem Talent: "Die Selbstkritik ist mein Prinzip, nun habt mich bitte wieder lieb", dichtet ein VEB-Chef in der von Axel Ranisch ausgegrabenen DDR-Operette aus der Modebranche. Eine Ostalgieveranstaltung? Mitnichten!
Von Georg Kasch
"Messeschlager Gisela" in der Komischen Oper Berlin © Jan Windszus
9. Juni 2024. Arbeiter*innen an die Macht? Das war in der DDR kein Schlagwort, sondern Realität. Nur wollten und sollten sie nicht nur an Maschinen stehen, sondern auch im Theater sitzen und da nicht olle Operetten über Adelsleute oder teure Westimporte wie "Anatevka" oder "West Side Story" sehen, sondern sich selbst: die arbeitende Bevölkerung. Also erfanden Komponisten wie Guido Masanetz und Gerd Natschinski die musikalische Komödie. Man könnte sie auch DDR-Operette nennen.
Sie holt die Komische Oper Berlin jetzt ans Licht. Hatte Barrie Kosky während seiner Intendanz die Jazz-Operette der 20er und frühen 30er Jahre wiederentdeckt – "Ball im Savoy", "Eine Frau, die weiß, was sie will", "Roxy und ihr Wunderteam" –, beginnt jetzt mit Gerd Natschinskis "Messeschlager Gisela" von 1960 eine neue Ausgrabungsserie. Musikalisch knüpft sie da an, wo Kosky aufhörte: Da swingt und schäumt und funkelt es selbstbewusst und ohrwurmend zwischen Salsa und Walzer, Jazz und "Zauberflöte", dass es eine Mitwipp-Freude ist.
Stilsicher aus der zweiten Reihe
Und die Story von Jo Schulz? Das Modekombinat VEB Berliner Schick braucht für die Leipziger Messe einen Entwurf, der so richtig Furore macht. Den gibt es auch. Nur kommt dessen Schöpferin Gisela aus der zweiten Reihe, und Chef Robert Kuckuck will unbedingt mit einer eigenen Kreation auftrumpfen. Da die Lösung auf der Hand liegt – nach etlichen Verwicklungen kommt es zur Präsentation und zum überwältigenden Erfolg von Giselas Modell –, braucht es noch einen Reporter im Gewand eines Packers, verschiedene Liebesreibereien und Missverständnisse, um sie hinauszuzögern.
Natürlich erfährt man viel darüber, wie die DDR sich gerne selbst sah, wenn der Chor singt: "Die Welt gibt sich ein Rendezvous in Leipzig auf der Messe" oder Angebote für Giselas Entwurf aus aller Welt eingehen (also auch aus der neutralen Schweiz). Und wenn der selbstsüchtige Kuckuck noch vor der Pause reimt: "Die Selbstkritik ist mein Prinzip, nun habt mich bitte wieder lieb", dann ist das eine sehr freundliche Verballhornung der kommunistischen Praxis der Kritik und Selbstkritik. Subversiver wirkt, dass die stärksten Bühnen-Typen die sind, die nicht zum sozialistischen Vorbild-Menschen taugen, wie die Sekretärin Marghueritta Kulicke (Motto: "Ich mache stur nur uff Fijur").
Mansplaining hilft nicht im VEB Berliner Schick: Thorsten Merten und Maria-Danaé Bansen © Jan Windszus
Wie erzählt man das heute? Nahezu so, wie's geschrieben ist. Gut, Alfred Mayerhofers Petticoats und Anzüge wirken viel frischer, als die DDR-Kombinatsware je ausgesehen hat. Und in einigen Modeentwürfen darf man noch mal kurz 60er-futuristisch träumen. Viel Platz haben Axel Ranisch und sein Choreograf und Co-Regisseur Christopher Tölle ohnehin nicht: Die Komische Oper spielt in einem historischen Spiegelzelt vorm Roten Rathaus. In dessen Mitte hat Saskia Wunsch eine kreisrunde Drehbühne gebaut, unter der sich Schubladen zu Arbeitsplätzen ausziehen lassen und in deren Innerem noch eine Art Küche verborgen ist. Dahinter gibt’s eine trapezförmige Spielfläche, die ans Orchester grenzt. Knapp ist der Platz, wirkungsvoll die Arrangements, wenn Chor und Tanzensemble singend durch die Gänge wirbeln.
Liebevoll komplex
Es liegt schon an der Ausstattung, aber auch der Bearbeitung des Buchs und der Regie, dass aus "Messeschlager Gisela" keine Ostalgieveranstaltung wird, sondern Musiktheaterunterhaltung für die Menschen von heute mit einem DDR-Charme-Rand, den man vielleicht mit dem von Leander Haußmanns Film "Sonnenallee" vergleichen könnte. Ranisch, geboren in Ost-Berlin, ist berühmt wegen seiner Filme, in denen die Menschen von nebenan so liebevoll komplex wirken wie man es selten erlebt. Seitdem hat er mehrfach Musik- und seltener auch Sprechtheaterregie geführt, nicht immer überzeugend.
Hier aber geht die Kombination von Stoff und Regie auf, weil Ranisch die überschaubaren Konflikte ernst nimmt und die Figuren schärft. Einige wenige sind zusammengefasst oder gestrichen worden, manche szenischen Vorgänge wurden entschlackt; außerdem wird das Original sanft gequeert und durch ein paar Anspielungen auf die DDR und die Geschichte des Werks ergänzt, das nach dem Mauerbau nicht mehr gespielt werden durfte.
Manchmal konnte der Sozialismus auch schön sein: Vorne lebende Schaufensterpuppen, hinten Gisa Flake, Theo Rüster und Andreja Schneider © Jan Windszus
Vor allem aber glaubt man diesen Menschen. Was auch an den vielen Theaterschauspieler*innen liegt, die auf der Bühne stehen. Gisa Flakes Gisela ist so herzöffnend sympathisch, dass man ihr den Mode-Erfolg ebenso gönnt wie die Liebe zum Fred Nico Holonics‘ vom Berliner Ensemble, der herrlich zupackend mit zwei Identitäten jongliert. Man glaubt auch Andreja Schneiders Emma Puhlmann, dass sie Beruf und Liebe trennen kann. Hinreißend: Martin Reiks Priemchen, ein Liebes-Kraftmensch. Thorsten Merten fehlt es etwas an Stimme; auch sein alter weißer Mansplainer Kuckuck könnte eine Prise mehr Gefährlichkeit vertragen. Man muss es Johannes Dunz vom Opernensemble hoch anrechnen, dass er da so bruchlos mithält und für Tenorglanzlichter sorgt.
Plaudertasche mit Sexappeal
Zum heimlichen Star des Abends wird unterdessen Maria-Danaé Bansen als Marghueritta, die sie so ganz anders anlegt als ihre Pippi Langstrumpf: nörgelig und kokett, eine berlinernde Plaudertasche mit Sexappeal und fein getimtem Witz. Und Adam Benzwi (an der Komischen Oper wie am BE im Dauereinsatz), der hier den Orchesterklang strahlen lässt und Natschinskis Qualitäten deutlich herausarbeitet.
Am Ende siegt übrigens das Kollektiv über den egoistischen Chef. Man kann das natürlich als Lob des Kommunismus lesen. Aber ganz ehrlich: Wäre doch schön, wenn's öfter so käme.
Messeschlager Gisela
von Gerd Natschinski (Musik) und Jo Schulz (Text)
Inszenierung: Axel Ranisch, Musikalische Leitung: Adam Benzwi, Choreographie und Co-Regie: Christopher Tölle, Bühnenbild: Saskia Wunsch, Kostüme: Alfred Mayerhofer, Dramaturgie: Johanna Wall, Chöre: David Cavelius, Licht: Johannes Scherfling, Dance Captain und Mitarbeit Choreographie: Nigel Watson.
Mit: Gisa Flake, Andreja Schneider, Thorsten Merten, Maria-Danaé Bansen, Johannes Dunz, Nico Holonics, Theo Rüster, Martin Reik, Anja Kirov-Vogler, Danielle Bezaire, Eleonore Turri, Mariana Souza, Anna Friederike Wolf, Lauren Mayer, Kiara Lillian Brunken, Michael Fernandez, Shane Dickson, Robin Poell, Danilo Brunetti.
Premiere am 8. Juni 2024
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause
www.komische-oper-berlin.de
Kritikenrundschau
"So manches DDR-Klischee wird zwar angetippt, eine ironische Haltung zum Sujet entwickelt sich daraus aber nicht, geschweige denn eine kritische", schreibt Frederik Hanssen im Tagesspiegel (9.6.2024, €). Mit Axel Ranisch sei ein Regisseur engagiert worden, "der in allem, was er tut, in erster Linie ein Liebender" sei: Seine "verspielte Version" der DDR-Operette lebe "von der Diversität seiner Darsteller, die allesamt echte Charaktere sind, schräge Typen, weit entfernt von der hochprofessionellen Austauschbarkeit der Casts im Kommerzmusical amerikanischer Prägung", urteilt der Kritiker. Beglaubigt werde "der so angenehm unzynische wie ostalgiefreie Zugriff des Regisseurs durch die Musik" Gerd Natschinskis und das Dirigat Adam Benzwis.
"'Messeschlager Gisela' ist ein theatraler Brecher, auf Deutsch: im Grunde nicht totzukriegen", berichtet Peter Uehling in der Berliner Zeitung (9.6.2024, €). Man könne "die Handlung ein bisschen klein finden", aber das gebe ihr "ja gerade ihren Charme". Ranisch und sein Choreograf Christopher Tölle folgten Barrie Kosky mit seinen historischen Ausgrabungen an der Komischen Oper würdig nach: "Sie wissen ein quirliges Bühnengeschehen zu inszenieren – vielleicht um einiges broadwayhafter als in der DDR der 60er-Jahre, aber es passt, auch zu den ziemlich zeittypischen Kostümen von Alfred Mayerhofer."
"Regisseur Axel Ranisch hat dem 'Messeschlager Gisela' die westliche Konsumkritik und Ostalgie weitgehend ausgetreiben. Er möchte lieber die Puppen tanzen lassen", schreibt Volker Blech in der Berliner Morgenpost (9.6.2024). Das Ensemble sei "spielerisch bestens aufgelegt". Und auch wenn stimmen mag, dass man am Uraufführungsort einst womöglich "mehr Wert auf Schöngesang legte", so sei dieser Abend im Zirkuszelt doch ein "ganz eigenes Sommermärchen", freut sich der Kritiker.
Ranisch schwimme ideologisch mehr als nur einmal, so Manuel Brug in der Welt (10.6.2024) "Denn so genau weiß er gar nicht, wie viel DDR-Lebenswelt er aufbereiten muss, wie viel er beim lachgeneigten Publikum noch voraussetzen kann. Und wie viel er aktualisieren muss." So sei dieser Catwalk "kuschelig weich, nicht satirisch scharf geworden". Aber: "Das Ganze flutscht ziemlich. Unbedingt ansehen also, dieses East-Germany‘s next Operetta Topmodel."
"Kurz gesagt: Es funktioniert", urteilt Harald Asel im RBB (10.6.2024). Das liege an den Darsteller:innen, Axel Ranischs liebevollem Zugriff und Natschinskis Musik.
In so großem Rahmen dürfte das Stück lange nicht gespielt worden sei, schreibt Clemens Haustein in der FAZ (12.6.2024). Die Komische Oper wolle in den kommenden Jahren Musicals und Operetten der DDR wiederentdecken. "Nicht unwahrscheinlich, dass es eine ähnliche Erfolgsgeschichte wird wie die Wiederentdeckung der Berliner Operette aus der Weimarer Zeit. "Der Premieren-Erfolg von 'Messeschlager Gisela' erinnert jedenfalls stark an den von Paul Abrahams 'Ball im Savoy' 2013." Für Westdeutsche sei der Abend Geschichtsnachhilfe der vergnüglichsten Sorte.
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Quelle, WIen Andere Wahrnehmung





„Messeschlager Gisela“ legt Ranisch als muntere Typenkomödie an. In den knapp 2,5 Stunden wird der kaum noch gespielte DDR-Klassiker, an den sich zuletzt Peter Lund an der Neuköllner Oper wagte, reanimiert. Die politischen Rahmenbedingungen spielen an diesem Abend aber keine so große Rolle, im Zentrum stehen – wie üblich – bei Ranisch die Figuren mit ihren Macken und Träumen, auf die er einen belustigt-liebevollen Blick wirft.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/06/26/messeschlager-gisela-komische-oper-kritik/
Offensichtlich hatte damals 1998 die "Gisela" an der Neuköllner Oper eine Renaissance dieses Musicals zur Folge. In der Fassung (aktuelle Rahmenhandlung) und Regie von Peter Lund, dem grandiosen Arrangement von Frank Schwemmer (neben allen Sängerdarstellern nur vier Instrumentalisten) und meiner musikalischen Leitung vom Klavier aus musste das Stück mehrmals wiederaufgenommen (und teilweise umbesetzt) werden. Davon wurde die erste CD der Neuköllner Oper produziert, die heute als Sammler-Rarität unterwegs ist. - Übrigens haben sich damals Komponist Gerd Natschinski und Texter Jo Schulz die Aufführung unzählige Male angeschaut ...