Cabaret - Theater Bremen
Die letzten Tage der Libertinage
4. Mai 2025. Cabaret? Das ist Musical und große Show, die zu Beginn der 1930er Jahre in Berlin spielt. In diesen historischen Kontext verpackt Andreas Kriegenburg seine Inszenierung und zeigt Menschen, die es bald auseinandertreiben wird.
Von Andreas Schnell
"Cabaret" von Andreas Kriegenburg am Theater Bremen inszeniert © Jörg Landsberg
4. Mai 2025. Drohend klappern die Stiefel, eine Frauenstimme singt mit herbem Timbre "Der morgige Tag ist mein / Oh Vaterland, oh Vaterland, zeig uns den Weg", eine kräftige Männerstimme kommt dazu. Natürlich ist "Cabaret", Mitte der 1960er-Jahre von Joe Masteroff, John Kander und Fred Ebb geschrieben, auch ein politisches Stück Theater. Die Nationalsozialisten sind darin dabei, die Macht in Deutschland zu übernehmen. Für Menschen, die nicht zum neu zu definierenden Volksverständnis passen, geht es um die pure Existenz, ganz zu schweigen von privatem Glück. "Cabaret" hat kein Happy End.
Trotz oder wegen der düsteren Aussichten läuft das Stück immer wieder mit großem Erfolg auch an deutschen Stadttheatern. In Bremen hat nun Andreas Kriegenburg den Stoff inszeniert. Und sagt beherzt "Ja" zur Unterhaltung, wie er im Programmblatt zu Protokoll gibt. Am Goetheplatz verordnet er dem Publikum gleichsam eine Zwei-Klassen-Gesellschaft: Der eine Teil sitzt wie gewohnt im Saal, der andere, kleinere, auf der Bühne, dazwischen thront eine Brücke, auf der die Band sitzt, darunter spielt sich die Geschichte ab, an den Seiten vollziehen sich die zahlreichen Kostümwechsel.
Nah dran mit Drink
Wer sich für "Cabaret de Luxe" entscheidet, also für einen Platz auf der Bühne, wird an den Tisch geleitet, ein Drink ist inkludiert, und ein Dankeschön, dass man es in diesen düsteren Zeiten ins Theater geschafft hat. Ein bisschen wie damals im Kit-Kat-Club soll man sich fühlen, nah dran an denen, die davon leben, ihrem Publikum Freude zu bereiten. In der De-Luxe-Version wird immer mal ins Publikum gegangen, Zuschauer und Zuschauerinnen angesprochen und zum Tanz aufgefordert.
Dem historischen Kontext der Vorlage treu, mit Kostümen im Stil der 1930er Jahre von Andrea Schraad © Jörg Landsberg
In der Vorlage sind die Übergänge von Bühnen- und Sexarbeit eher fließend, aber in Bremen bleibt es eher züchtig. Auch die schwule Dimension der Story wird nicht thematisiert: Protagonist Clifford Bradshaw, der nach Berlin kommt, um Inspiration für einen Roman zu finden, ist ja schließlich nicht so eindeutig heterosexuell, auch wenn er sich in die Tänzerin Sally Bowles verliebt.
Politik versus private Träume
Was den historischen Kontext angeht, bleibt der Abend aber der Vorlage treu, mit Kostümen im Stil der 1930er Jahre, mit Hakenkreuzbinden und abgetragenen Alltagsklamotten, mit kunstvollen Kurzhaarfrisuren und einschlägigen Kostümchen bei den Tänzern und Tänzerinnen, deren Tänze sich ebenfalls aus dem speisen, was damals en vogue war. Aktualisierungen scheinen derweil auch nicht zwingend nötig. Als der Obsthändler Schultz, der sich gerade mit Fräulein Schneider, der Vermieterin von Clifford Bradshaw, verlobt hat, die Frage stellt, was wohl passiert, wenn die Nazis an die Regierung kommen, kommen die Gedankenspiele fast von allein, ohne dass man dabei gleich an eine Wiederkehr von Geschichte glauben müsste.
An den politischen Entwicklungen jedenfalls zerbrechen die privaten Hoffnungen. Bradshaw geht zurück nach Amerika. Bowles bekennt sich zum Leben im Exzess, ihre alte Mitbewohnerin Elsie (aus Chelsea) im Sinn, deren Leben in Rausch und Prostitution früh endete. Im Tod sei sie die glücklichste Leiche gewesen, die Sally jemals sah.
Lieke Hoppe als Sally Bowles © Jörg Landsberg
Dass daraus doch ein Spektakel wird, hat mit der eindrucksvollen Spielanordnung und der handwerklichen Raffinesse zu tun, mit der hier an allen Stellen gearbeitet wird. Die doppelte Publikumsperspektive bedingt ja nicht nur, dass es mit Mirjam Rast und Martin Baum zwei Conferenciers gibt. Immer wieder spielen auch die Paare zugleich zum Saal und zur Bühne hin, das Tanzensemble muss natürlich für beide Blickrichtungen etwas zu bieten haben. Stillstand ist da kaum denkbar.
Spielfreudiges Ensemble
Und dann gibt es auch ein spielfreudiges und stimmstarkes Ensemble zu sehen: Vor allem Lieke Hoppe als Sally Bowles holt spielerisch wie gesanglich viel aus ihrer Figur heraus, Levin Hofmann ist ihr ein redlicher Bradshaw. Susanne Schrader zeigt als Fräulein Schneider Brecht'sche Qualitäten, Guido Gallmann tariert seinen Herrn Schultz fein zwischen Naivität und Weisheit aus. Christian Freund als kumpelhaft sinistrer Nazi und Nadine Geyersbach als vaterländisch denkende Prostituierte sowie Mirjam Rast und Martin Baum als allzeit präsente Conferenciers vervollständigen den Reigen. Auch musikalisch gibt es hier nichts zu meckern: Die vorzügliche Band spielt John Kanders virtuos zwischen Weill, Operette und Schlager schillernde Musik mit Witz und ohne kitschigen Ballast.
Dass ab und an ein etwas abgestandener Hauch Herrenwitz verstören mag, dass in Sachen Libertinage mehr behauptet als bewiesen wird, ist da etwas schade, aber schon fast vergessen, wenn sich Lieke Hoppe im Finale mit gruselig verschmiertem Make-up und einer geradezu verstörenden Intensität zum wilden Leben bekennt. Schon dafür lohnt sich der Besuch.
Cabaret
von Joe Masteroff, John Kander und Fred Ebb
Regie: Andreas Kriegenburg, Musikalische Supervision: Yoel Gamzou, Bühne: Harald Thor, Kostüme: Andrea Schraad, Choreografie: Thomas Bünger, Licht: Christian Kemmetmüller, Dramaturgie: Frederike Krüger, Elif Zengin.
Bandleaderin: Michelle Bernard, Musiker*innen: Andy Einhorn, Heiko Pape, Felix Konradt, Hauke Rüter, Matthias Schinkopf, Klaus Fischer, Dirk Bastian, Andy Pilger, Stefan Hadjiev.
Mit: Martin Baum, Mirjam Rast, Lieke Hoppe, Levin Hofmann, Christian Freund, Susanne Schrader, Guido Gallmann, Nadine Geyersbach; Tanz: Sofia Engel, Vivienne Kaarow, Selma Weinhold Mejias, Aniel Agramonte Rivero, Karl Rummel, Neus Ledesma.
Premiere am 3. Mai 2025
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause
www.theaterbremen.de
Kritikenrundschau
"Ein Vergleich mit dem Original muss fast immer enttäuschen, aber dem Theater Bremen gelingt eine durch und durch überzeugende Inszenierung", findet in Der Morgen auf Bremen Zwei (4.5.2025). Kriegenburg habe sich stark am Original orientiert und damit auch am leichtfüßigen Unterhaltungscharakter von "Cabaret". "Es sind die kleinen Details, die das Unbehagen und den Untergang zeichnen. Die Art wie zwischendurch gestottert wird, das Make-Up, das von Anfang an aussieht als wäre die Party schon lange vorbei." In den Details stecke mehr als pure Unterhaltung, sie machen die Inszenierung ambivalent, die wirklich sehenswert sei.
Das energiegeladene Ensemble mache den Abend besonders, so Ute Schalz-Laurenze in der Kreiszeitung (7.5.2025). "Ein weiteres Wunder dieses Abends ist die Zusammenarbeit mit Tom Bünger", der die besinnungslosen Feiern im "Kit Kat Club" choreographiert hat. Fazit: "Der Inhalt des Stücks aus der Weimarer Zeit sei ganz ohne Zweifel aktuell."
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Übrigens ist die homosexuelle Ebene eine zwar berühmte Interpretationsebene des Films, wird aber in der Stückvorlage in keinster Weise angedeutet.
Allerdings kenne ich die Romanvorlage nicht.
Können Sie genauer schreiben, welche Stellen der Bühnenfassung Sie meinen? Vielleicht stehe ich ja völlig aufm Schlauch.
Ansonsten ist ja der Aspekt der Homosexualität nicht ausgeklammert, nur weil er nicht in der Beziehung zwischen Cliff und Ernst vorkommt.
Ob's einem zu brav ist oder zu angedeutet - in den Nummern hat sich alles frei durcheinander, aneinander, miteinander, geliebt, geleckt, gerieben, gebumst, Männer, Frauen und dazwischen - auch wenns "nur" getanzt ist und nicht explizit Plot.
Ich fand's toll zu sehen wie utopisch unverklemmt und frei die Spielerinnen und Tänzer miteinander waren - in meiner Wahrnehmung.
https://youtu.be/jsHWLdRfqPA?si=Ki7MbdwivZXJa_61&t=1851
Es gibt drei verschiedene, lizensierte Versionen von Cabaret, die sich u.a. in diesem Punkt - ist Cliff schwul oder nicht - unterscheiden.
"One more difference among the three versions of Cabaret concerns their treatment of Cliff Bradshaw’s sexual orientation. In the 1966 version, there is no suggestion of a queer identity. In the 1987 revision, it is implied that Cliff may be bisexual. In the 1998 version, which includes a brief scene in which Cliff kisses a one of the Kit Kat Klub boys, Cliff’s queerness is made explicit."
Quelle: A Guide to Cabaret
https://breakingcharacter.com/a-guide-to-cabaret/
"Through the many incarnations of the story – Christopher Isherwood’s book Goodbye to Berlin (1939), John Van Druten's play I Am a Camera (1951), Henry Cornelius’ film of the same name (1955), the stage version of Cabaret (1966), its movie version (1972), and its three revised stage versions (1987, 1993, 1998) – the Isherwood character (Cliff or Brian in Cabaret) has been variously straight, gay and bisexual. Isherwood himself was gay, but because of societal restraints, earlier versions made his character straight. The 1966 stage version of Cabaret kept him straight; while the movie made him a gay man who decides to be straight and later ends up bisexual; and the two revivals made him gay. The gay subtext that underlines all these versions parallels the outsider status of Sally and all the people at the Kit Kat Klub. They live outside society's norms, outside the accepted rules. They are marginalized and they create their own insular community as homosexuals have done for decades. The Emcee in Cabaret reinforces this theme of any and all sexualities."
Quelle: Inside CABARET. Background and Analysis by Scott Miller
https://www.newlinetheatre.com/cabaretchapter.html
Das kommt in der Vorlage, in Isherwoods episodenhaftem "Good bye to Berlin" (1939) nicht vor - Homo- und Bisexualität sowieso eher zwischen den Zeilen. Isherwood hat die Geschichte in "Christopher und die Seinen" 1976 noch einmal viel offener geschrieben, vor allem sich als schwule Zentralfigur geoutet.
Regisseur Bob Fosse geht im Film "Cabaret" (1972) im Grunde auf diese Vorlagen zurück, geht aber sehr frei damit um.
Bei der Bühneninszenierung werden zwar heute zusätzliche Lieder aus dem Film übernommen, aber ansonsten ist man autorenrechtlich an den Text gebunden.
(In den wilden 90ern habe ich, ohne zu fragen, eine Art Collage aus allem gespielt, im Off-Theater ging das noch, heute wohl undenkbar).
Zwischen dem 1. Buch und dem Bühnenmusical gab es noch eine Dramatisierung "Ich bin eine Camera", davon auch eine Verfilmung.
Aber hauptsächlich bin ich ebenso enttäuscht, das man Cabaret nicht als Spiegel der Gay-Liberation-Bewegung auf die Bühne gebracht hat!!! Ich empfinde es genauso, das in heutigen wieder sehr queerfeindlichen Zeiten die Ursprungsgeschichte von Christopher Isherwood nicht mehr ständig ausgeblendet werden sollte.
Im Schauspielhaus Düsseldorf ist es übrigens anders gemacht worden.