Animal Farm - Schauspiel Hannover
Humensch ist free!
8. Dezember 2024. Steht das Schweinesystem vor dem Ende? Emre Akal hat George Orwells berühmter Fabel ein Update verpasst, das es in sich hat. Jetzt streben seltsam sprechende Menschenwesen an die Macht, die eben noch als reines Nutzvieh ihre Genitalien melkten. Ein so faszinierender wie schauerlicher Ausbruchsversuch.
Von Michael Laages
"Animal Farm" von Emre Akal am Schauspiel Hannover © Katrin Ribbe
8. Dezember 2024. Warum eigentlich wurde "Animal Farm", also "Die Farm der Tiere", zum unumgänglichen Schulstoff für Generationen? Weil der britische Autor George Orwell 1945, zum Ende des Zweiten Weltkrieges und sehr passend für den beginnenden "kalten Krieg", eine anti-kommunistische Parabel geschrieben hatte. Auf einem Bauernhof, eben der "Animal Farm", revoltieren die Tiere hier mit guten Gründen gegen den Bauern; und tatsächlich vertreiben sie ihn.
Als klügste Tiere übernehmen die Schweine die Re-Organisation des Betriebes, und im Zentrum der neuen Macht entwickelt sich der Eber Napoleon zum autoritären Herrscher. Die eigene Schweine-Regel "Alle Tiere sind gleich" bricht er als erster – einige Tiere, Schweine wie er, sind halt "gleicher". Und bald ist er auch optisch kaum mehr vom alten Bauern zu unterscheiden. Soweit Orwell, der ursprünglich politisch linke Autor, in der Propaganda-Fabel gegen den Stalinismus der Nachkriegszeit.
Milch, Sperma, Rüben
Die tatsächlich sehr freie Bearbeitung von Regisseur Emre Akal und Dramaturgin Elvin İlhan schreibt ohne auch nur ein Wort aus dem Original Orwells Fabel weiter. Auf der "Animal Farm" jetzt regieren machtvoll die Schweine (vermutlich allerdings nur die Eber); und die aufs armseligste reduzierten menschlichen Wesen sind die Sklaven, ausgebeutet, erniedrigt, entrechtet. In den Ganzkörperkostümen von Lara Roßwag sind drei weibliche und zwei männliche Menschenwesen nackt zu sehen, mit ausgemergelt bis zum Nabel hängenden Brüsten und ebensolchen Gemächten.
Wie Kühe melken die Frauen selber Milch in große Kannen, und die Männer sammeln in großen Vorratsflaschen das Ejakulat. Im Garten drehen sie mühsam riesige Runkelrüben aus der Erde; alles zusammen liefern sie im zentralen Wohn- und Lebensraum in einer anonymen Klappe ab – um dafür jeweils ein monströses Stück Fleisch zu erhalten, das eins der Wesen in der Küche mit dem Hackebeil bearbeitet und danach zum gemeinsamen Mahl für alle serviert.
Besonders ergiebig für den Nahrungskreislauf sind allerdings menschliche Wesen: Kinder. Zu Beginn wird gerade eins geboren, unter Schmerzen und Schreien; aber es wird auch gleich in der Klappe zu Futter verwandelt. "Soylent Green! Esst Menschenfleisch!" – an den Science-Fiction-Schocker wird sich noch der eine oder die andere erinnern. Die Vergnügungen dieser Rest-Menschen sind derweil sehr beschränkt: auf gelegentliches Schaukeln im Garten.
Fabrik der Menschensklaven im Bühnenbild von Lara Roßwag © Katrin Ribbe
Roßwag hat auch die Bühne entworfen. In ein Zimmerchen links schauen wir hinein; hier sind Rübengarten und Schaukel vor hellem Blau zu sehen. In der Mitte sind Tisch, Stühle und (in Form eines großen Auges, das – wie in "1984" – alles sieht) die Klappe zur Produktablieferung platziert. Rechts außen liegen Bad und Küche; hier zapfen die Frauen Milch, hier regiert der Küchenmeister mit dem Hackebeil. Bildwelt, Kostüm-Optik und Spiel sind konsequent wie nur sehr selten aufeinander abgestimmt, miteinander verzahnt.
Humensch bildet eine Gimoinschift
Und besonders gelungen ist der Sprach-Ersatz dieser Unterdrückten – sie reden immer nur kurze Wort-Brocken, englisch-deutsch gemischt; aus "Human" und "Mensch" etwa wird "Humensch". Der Sound dieser schrägen Mischung klingt obendrein stark nach Plattdeutsch mit holländischen Zutaten – wenn die Story nicht so gruselig wäre, würde diese Nicht-Sprache zum puren Vergnügen.
Aber weiter in der Fabel – die Menschen entdecken (beim Schaukeln?) den Gedanken der Freiheit: "All Humensch ist free!" Und sie beginnen, sich dem Zwang zur Produktion zu verweigern. Die herrschenden Schweine werden unruhig – und machen den Menschlingen ein sonderbares Geschenk: einen spitzen weißen Denker-Hut. Den setzt einer der Männer auf – und mit dem Hut auf dem Kopf entwickelt er die Idee der "Gimoinschift"; die widerständige Energie der Menschen wird in eine Art praktizierten Kommunitarismus umgewandelt.
Mensch produziert wieder, aber denkt nun, er tue das für sich selber. Abgeliefert werden weiter: Milch, Sperma, Rüben. Nur das Kind, das eine der Frauen nun hat (ohne Sex, nur per Insemination empfangen) ist nun tabu. Aber nicht mehr lange – der Druck der "Gimoinschift" ist zu stark. Und Macht zeugt Gegenmacht: der mit der Axt siegt über den mit dem Denker-Hut und etabliert ein Terror-Regime. Und zum Schluss liegt ein geschlachteter Riesen-Eber auf dem Tisch – es ist angerichtet!
Köpfe rollen, anderes hängt © Katrin Ribbe
Die Arbeit des Teams um Emre Akal beeindruckt sehr, weil sie überaus konsequent mit der Umdeutung des Originals spielt. Zugleich macht sie es sich nicht leicht – weil sie kaum einen Ansatzpunkt für oberflächliches Verstehen liefert. Das Original ist ja gerade in der Mensch-und-Tier-Parabel, die Orwell auslegt, eindrucksvoll schlicht; Akal und İlhan retten den Gedanken das Materials, indem sie genau diese alte Parabel umdrehen – und sie so zugleich unschädlich machen und neu nutzen.
Faszinierendes Bild- und Denkwerk
Natürlich gibt's auch Macken im Konzept – wenn etwa nur die Männer mit den Hänge-Schwänzen um die Macht konkurrieren. Wie langweilig. Warum greift keine Frau nach der Macht? Und im Original gab es neben den machtbesoffenen Schweinen noch andere Tiere: Pferd, Esel, Schaf, Katze und Hund; alle beherrscht von den Schweinen, aber auch individuelle, diverse Charaktere. Die Umnutzung der Fabel jetzt ist ziemlich eindimensional.
Aber ein erstaunliches, faszinierendes Bild- und Denkwerk ist diese Inszenierung eben auch. Gerade hatte Akal am Thalia Theater in Hamburg Ibsens "Nora" zu "Barrrbie" umgedeutet, eine Arbeit von ihm stand vor einiger Zeit auch mit am Start von Remsi Al-Khalisis neuer Schauspiel-Direktion in Münster. Oft stellt Akal (wie jetzt bei den Menschlingen unter Schweine-Herrschaft) die Realität des Körpers ins Zentrum der Ästhetik auf der Bühne – und so entwickelt er tatsächlich eigenes Profil: zwischen Schauspiel, Choreographie und Installation. Der Besuch auf der "Animal Farm" im kleinen Hannoverschen Ballhof lohnt unbedingt.
Animal Farm
nach George Orwell, Bearbeitung von Emre Akal und Elvin İlhan
Regie: Emre Akal, Bühne und Kostüm: Lara Roßwag, Musik: Daniel Freitag, Dramaturgie: Elvin İlhan
Mit Cino Djavid, Stella Hilb, Helene Krüger, Peter Sikorski, Nicole Widera und Statisterie.
Premiere am 7. Dezember 2024
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
www.staatstheater-hannover.de
Kritikenrundschau
Dieser Abend sei "eine Zumutung und ein Affront gegen Sehgewohnheiten und das Selbstbild als Teil einer zivilisierten Gesellschaft", schreibt Stefan Gohlisch in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (9.12.2024). "Und er ist schlicht großartig." Die Inszenierung finde "überwältigende Bilder der Macht: eine Schaukel als Sinnbild erlaubten Entertainments, eine gekachelte Kammer als Ort von Geburt, Tod und künstlicher Besamung, ein vorgeblicher Gemeinschaftsraum als Zentrale der Macht". Zu erleben sei eine Theaterform, "wie man sie so in Hannover noch nicht gesehen hat".
"So reduziert die Erzählung in einer schnell getakteten Sinnbilderfolge daherkommt, so klar ist die Herleitung der These, dass sich hinter der unterwürfigen Natur des Menschen der Instinkt zur Macht verbirgt, den aber nur wenige mit dem Zynismus der Narzissten ausleben", schreibt Jens Fischer in der taz (17.1.2025). "Dabei entwickelt die Inszenierung in ihrer eiskalten Präzision eine große Faszination. Wenn auch angemerkt werden kann, dass sie die kritisierte Perspektive bedient, Gesellschaft nur vertikal gegliedert zu denken und zu leben. Denn es wird nicht performativ auf Augenhöhe, sondern von oben nach unten doziert: Bühnenkunst als Frontalunterricht fürs Publikum. Aber eben inhaltlich forsch, fesselnd stringent und ästhetisch eigenwillig."
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Eine mutige, ungewöhnliche, insgesamt stimmige Arbeit am Orwellstoff, einer Parabel, die erschreckend nahe an unserer Gegenwart ist, siehe Inszenierung.
Schade auch für die Schauspieler*innen, die ihre Aufgaben zwar technisch souverän absolvieren und das Konzept bedienen, aber sonst nichts spüren lassen und leider austauschbar wirken. Deswegen würde ich ihre Leistung auch nicht besonders hervorheben. Im Vergleich mit z.B. Lina Beckmann in „Laios“ oder auch den Schauspieler*innen in „Die Maschine…“ (was ja auch eher eine formale Arbeit ist) haben mich die schauspielerischen Leistungen nicht berührt. Alles souverän ausgeführtes Kunstgewerbe.