Der einsame Westen - Schauspiel Hannover
Und täglich grüßt das Unglückstier
22. Februar 2025. Ein gottverlassenes Nest am Meer irgendwo in Irland. Zwei feindliche Brüder, ein Pater und eine Frau: In seiner vierten Inszenierung am Schauspiel Hannover hat sich Lukas Holzhausen ein Stück von Martin McDonagh vorgenommen. Absurd, blutig. Und mit Musik.
Von Jan Fischer
"Der einsame Westen" von Martin McDonagh am Schauspiel Hannover © Katrin Ribbe
22. Februar 2025. Drei Morde und zwei Selbstmorde hat das westirische Dörfchen Leeane am Ende von "Der einsame Westen" zu verzeichnen. Oder, wie es Pater Welsh sagt: "Offenbar hat Gott in dieser Gemeinde keinen Zuständigkeitsbereich." Zwar handelt es sich bei einem der Mordopfer um einen Hund. Dennoch: Bei der Verteilung von Glücksklee scheint das Örtchen eher leer ausgegangen zu sein.
Derbe Sprache, lockere Moral
Lukas Holzhausen inszeniert im Staatstheater Hannover ein Stück des irischen Autors Martin McDonagh, in dem es um zwei ständig streitende Brüder (Nikolai Gemel und Philippe Goos) geht, die sich mindestens einmal pro Akt prügeln. Einer der beiden hat den gemeinsamen Vater erschossen, der andere erpresst ihn mit diesem Wissen. Es geht um Pater Welsh (Hajo Tuschy), der versucht, wenigstens ein kleines bisschen Menschlichkeit in das Dorf zu bringen, aber gleichzeitig mit seinem Glauben ringt. Es geht um Girleen (Christine Grant), die – aussichtslos – in Welsh verliebt ist und außerdem den ganzen Ort mit Schwarzgebranntem versorgt.
Martin McDonagh ist bekannt für seine Filme: "Brügge sehen… und sterben?", The Banshees of Inisherin" oder "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri". Genauso verloren wie in diesen Filmen sind auch die Figuren in "Der einsame Westen": Sie sind verzweifelt, haben nichts zu verlieren, nichts zu gewinnen, eine derbe Sprache, lockere Moral und alle irgendwie Dreck am Stecken.
Und zwischendurch ein paar Songs
Die ganze Handlung spielt sich in der Wohnküche der beiden Brüder ab, auf deren Teppich noch der Blutfleck vom Mord am Vater prangt und hinter deren Wänden manchmal das Meer rauscht. Holzhausen lässt seine Truppe die Handlung immer mal wieder mit Musik unterbrechen. "Dirty Old Town" von The Pogues wird zum Besten gegeben, oder "Torn" von Natalie Imbruglia.
Verlorene Seelen in der Dirty Old Town: Hajo Tuschy und Christine Grant © Katrin Ribbe
"Der einsame Westen", ist, wenn man die Inszenierung klassifizieren wollte, eine schwarze Komödie: Es ist lustig, wenn die beiden Brüder anfangen, sich wegen der Frage nach der besten Chipsmarke an die Gurgel zu gehen. Allerdings: Nur so lange, bis jemand sich tatsächlich verletzt. Es ist lustig, Girleen bei ihren Wutausbrüchen zu beobachten. Allerdings nur so lange, bis sie zu einer tragischen Figur wird. Pater Welsh darf sich in seiner Glaubenskrise Witze darüber anhören, dass er gar kein so schlechter Pater sei, schließlich missbrauche er keine Kinder. Undsoweiter.
Witze bis der Arzt kommt
Der Witz der ganzen Angelegenheit mündet oft in eher weniger witzige Gewalt. Die raue Ungehobeltheit der Brüder ist nur manchmal charmant. Und irgendwie schält sich dann eben doch das Bild eines gottverlassenen Ortes mit gottverlassenen Menschen heraus.
Klar, man kann da jetzt einiges herauslesen, wenn man möchte: der Niedergang des irischen Westens, eine Arbeiterklasse, die abgehängt wird, die katholische Kirche auf dem absteigenden Ast und – wir sind hier immerhin in Irland – die zwei streitenden Brüder als Allegorie auf den Nordirland-Konflikt, dessen Wunden immer noch klaffen. Alle diese Dinge stecken irgendwie in dem Text, aber irgendwie bringt einen das auch nicht weiter.
Absurdität des Unglücks
Am Ende hat Lukas Holzhausen hier ein Kammerspiel inszeniert, das davon lebt, wie vulgär es ist, wie genüsslich die Gewalt erzählt wird. Und es lebt vom bösartigen Witz der schwarzen Komödie, von der Absurdität, mit der sich alles Stück für Stück bis zur Multi-Katastrophe steigert.
Dabei erfindet die Inszenierung nicht unbedingt etwas neu: Das Bühnenbild ist eine Wohnküche mit Linoleum und Teppichboden, die am Ende kurz mal nach hinten aufgeklappt wird. Das Ensemble müht sich – mal erfolgreich, mal nicht so – damit ab, die Figuren zwischen Witz, Gewalt und Absurdität hin- und herzuschalten, was tatsächlich manchmal ein wenig plötzlich und motivationslos passiert.
... aber auch Spaß
Holzhausens "Der einsame Westen" wirkt dabei in weiten Stellen eher wie eine Fingerübung, eine kleine Inszenierung zwischendurch. Das tut dem Spaß, der dennoch in "Der einsame Westen" steckt, keinen Abbruch. Allerdings überrascht die Inszenierung auch nicht. Der Text wird sauber abgespielt, Witze zünden, Figuren weigern sich, bessere Menschen zu werden. Dazwischen dann eben die paar Lieder. Mehr soll "Der einsame Westen" sicherlich auch nicht sein.
Wäre aber schön gewesen, wenn.
Der einsame Westen
von Martin McDonagh
Deutsch von Martin Molitor und Christian Seltmann
Regie: Lukas Holzhausen, Bühne: Florence Schreiber, Kostüme: Annabelle Gotha, Musik: Matti Gajek, Licht: Erik Sonnenfeld, Dramaturgie: Lovis Fricke.
Mit: Nikolai Gemel, Philippe Goos, Christine Grant, Hajo Tuschy.
Premiere am 21. Februar 2025
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
staatstheater-hannover.de
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….wir waren begeistert, die vielen anderen jubelnden Besucher wohl auch. Was wollen Sie denn mehr?
Auch eine interessante Erfahrung.
Und ein Kommentator, der sich „etwas mehr Kunst wünscht“.
Mehr muss über die gedanklichen Irrwege dieser Branche nicht gesagt werden.
Ein sehr lustiger und nachdenklicher Abend, der sich für Figuren interessiert und seine Neugier auf die echte Welt richtet, nicht aufs Theater.
Sehr unterhaltsam, genau McDounaghs Ton.
Was in den HAZ Kritiker gefahren ist, bleibt mir ein bösartiges Rätsel.
"Der einsame Westen" in Hannover ist nicht so. Es ist "einfach" ein klassischer Theaterabend, der eine düstere Geschichte humorvoll erzählt. Und das macht er verdammt gut. Der sowieso schon geniale Text von McDonagh wird durch Lukas Holzhausens schlichte aber präzise Inszenierung nochmals angehoben.
Und solche Abende braucht man eben manchmal. Genau so wie man nicht immer nur Essays und Zeitungsartikel lesen möchte, sondern ab und an auch einen guten Roman.
Das einzige was mich nach der Vorstellung verstimmt nach Hause gelassen hat, ist die abartige Lebensmittelverschwendung. Der Abend hätte auch ohne explodierenden Chipstüten und zerschmetterten Windbeuteln funktioniert.