Heimsuchung - Schauspiel Hannover
Die Vermessung des Spukhauses
11. Oktober 2025. Mit einer beeindruckenden Bühne inszeniert Regisseur Adrian Figueroa am Schauspiel Hannover Jenny Erpenbecks wuchtige Heimatroman-Collage "Heimsuchung": Deutsch-deutsche Geschichte über mehrere Generationen auf Hausbesuch.
Von Jan Fischer
Jenny Erpenbecks "Heimsuchung" von Adrian Figueroa in Hannover inszeniert © Jörg Brüggemann, Ostkreuz
11. Oktober 2025. "Vielleicht war das Schweigen über unsere Fehler der schlimmste Fehler", sagt die Erzählerin zu ihrer Großmutter, die in schönstem Margot-Honecker-Ornat an ihrer Schreibmaschine einen Brief an eine namenlose DDR-Obrigkeit verfasst. Da sind wir schon im Jahr 1972. Das Haus, in dem das alles passiert, hat da mittlerweile gute 60 Jahre Drama auf dem Dachfirst aufgetürmt: zwei Weltkriege, mehrere Wechsel der Regierungssysteme, Morde, Selbstmorde, Fluchten. Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung" ist eine Collage über ein Haus an einem märkischen See, das ihr als Fokuspunkt für eine größere Geschichte dient: die deutsch-deutsche Geschichte zwischen 1910 und 2003, erzählt anhand der Familien, die in das Haus einziehen und nach und nach auch wieder daraus verschwinden.
Da gibt es einen Architekten, der vor dem DDR-Regime nach Westberlin fliehen muss, seine Frau, die am Ende des Zweiten Weltkriegs von einem Rotarmisten im Kleiderschrank vergewaltigt wird, eine jüdische Familie, von der nur ein Mitglied das Dritte Reich durch eine Flucht nach Südafrika überlebt, und schließlich die Erzählerin selbst, die das Haus von ihrer Großmutter erbt – es am Ende, nach der Wiedervereinigung, jedoch an die Erben des Architekten übergeben muss.
Ungesehene Geister
Das Bühnenbild von Irina Schicketanz lässt sich dabei nicht lumpen: Es gibt Neonquadrate, die in den Umbaupausen den Zuschauerraum taghell erleuchten, es gibt Bäume und staubige Gräser auf der Bühne, es gibt das Haus selbst, das immer wieder aus dem Bühnenboden hoch- und wieder herunterfährt, es gibt schwarze Gaze vor der Bühne, auf die mal eine Truppe Rotarmisten, mal die Geister vorangegangener Generationen des Hauses projiziert werden, ungesehen von den aktuellen Bewohner*innen.
Draußen vor dem Haus: "Heimsuchung" von Adrian Figueroa inszeniert in Hannover © Jörg Brüggemann, Ostkreuz
Die Inszenierung springt dabei – wie auch der Roman – wild in den Zeitebenen hin und her, ebenso wie die Erzählerin, die mit allen Figuren, egal, wann sie sind, kommunizieren kann. Anfangs wird noch eingeblendet, wo man sich gerade befindet, hinterher bieten die – fein ausformulierten – Figuren Orientierung, die Kostüme helfen bei der zeitlichen Einordnung.
Schwerer Schutt
Notwendigerweise ist der Text gekürzt, sodass einige Momente nicht so richtig ins Schwingen kommen. Gleichzeitig ist die Inszenierung – vom beeindruckenden bis fast erschlagenden Bühnenbild bis hin zu Erpenbecks Sprache – wuchtig und massiv. Und so arbeitet sich "Heimsuchung" zwar in intensiven schauspielerischen Momenten und Bildern von Kaiserreich bis BRD brav durch die deutsche Geschichte – und durch das Buch –, startet dabei aber nie so wirklich durch.
In Irina Schicketanz' Bühnenbild: Hausbewohner*innen, die im schlimmstmöglichen Unglück landen © Jörg Brüggemann, Ostkreuz
Vielleicht liegt das auch an dem engen Korsett aus Figuren, welches die Inszenierung sich notwendigerweise auferlegt, oder an Adrian Figueroas präziser Regiearbeit, die der Geschichte wenig Platz zum Atmen lässt. Oder eben an Erpenbecks wuchtiger Sprache, der Geschichte aller Hausbewohner*innen, die immer im schlimmstmöglichen Unglück endet, das die entsprechende Zeit bietet und manchmal schwerer wiegt als der ganze Schutt des Hauses, das am Ende von den westdeutschen Erben abgerissen wird. Das alles hilft der Inszenierung nicht dabei, zu sich zu finden.
Großer Bogen
Dennoch: Figueroas "Heimsuchung" ist durchdacht. In ihren besten Momenten, wenn die Inszenierung zu sich findet, ist sie präzise, atmosphärisch, poetisch, schafft es, Erpenbecks deutsch-deutsches Spukhaus als Fokus alltäglichen Lebens einzusetzen. Und dessen kleine Momente erhellen die großen Bewegungen. Das alles wird getragen von einem Ensemble, das in der Figurenarbeit angenehm zurückhaltend differenzierte Charaktere schafft. Schade ist, dass die Inszenierung es nicht in allen Momenten schafft, so bei sich zu sein, weil sie sich selbst mehr Hindernisse in den Weg legt, als nötig wären.
Heimsuchung
von Jenny Erpenbeck
Regie: Adrian Figueroa, Bühne: Irina Schicketanz, Kostüm: Malena Modéer, Musik: Ketan Bhatti, Video:Guillaume Cailleau, Dramaturgie: Tobias Kluge.
Mit: Anne Stein, Kilian Ponert, Anna Blomeier, Ann Ayano, Oana Solomon, Anja Herden, Mohamed Achour, Jan Meeno Jürgens, Abel Haffner, Ada Casabianchi.
Premiere am 10. Oktober 2025
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
www.staatstheater-hannover.de
Kritikenrundschau
"Der Roman ist Abiturstoff, weil er ein gutes Beispiel für nicht-lineares Erzählen ist. Er ist auch ein gutes Beispiel für nicht-dramatisches Erzählen", schreibt Ronald Meyer-Arlt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (13.10.2025). Zwar gibt es viele Mikrodramen, aber nicht den einen großen Konflikt und - abgesehen von der Schriftstellerin, die betrachtend und kommentierend durch die Jahrzehnte reist - auch keine Hauptfigur, die irgendetwas will und irgendwelche Hindernisse überwinden muss. Es ist ein Mosaik von einem Text. Aber in Hannover funktioniere der Text auf der Bühne. "Das hat vor allem zwei Gründe: Dramaturg Tobias Kluge hat eine gut eineinhalbstündige Spielfassung erarbeitet, in der Spiel und Erzählung gut harmonieren", so Meyer-Arlt. "Und Regisseur Adrian Figueroa hat sich entschieden, dem Text mit coolem, stilbewusstem Techniktheater zu begegnen."
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