PRIDE - Schauspiel Hannover
Ich fühl's nicht
12. September 2025. Unter der neuen Intendanz von Vasco Boenisch startet das Schauspiel Hannover in die Spielzeit. Und legt mit Falk Richters "PRIDE" einen programmatischen Auftaktabend zum Status quo queerer Lebensrealitäten hin.
Von Falk Schreiber
"PRIDE" von Falk Richter am Schauspiel Hannover © Jörg Brüggemann, Ostkreuz
12. September 2025. Nichts an der Situation hat sich verbessert. 2021 entwickelte Falk Richter in Kopenhagen mit dem dortigen Ensemble das Stück "PRIDE" als Panoptikum queerer Lebensrealitäten. Und konnte man damals noch hoffen, dass sich die angesprochenen Probleme nach und nach von selbst erledigen würden, muss man jetzt, bei der Neuinszenierung zur Eröffnung von Vasco Boenischs Intendanz am Schauspiel Hannover, leider sagen: Nichts ist erledigt. Alles, wirklich alles ist schlimmer geworden an der Situation queerer Menschen. Und zwar nicht nur in Russland und in Ungarn, auch hierzulande, wo Bundestagspräsidentin Julia Klöckner Regenbogenflaggen am Bundestag abhängen lässt und Kanzler Friedrich Merz ihr beipflichtet, dass man ja nicht im Zirkus sei. "PRIDE" also besitzt immer noch große Dringlichkeit, und auch wenn es natürlich schön für Boenischs Theater ist, wenn es virulente Themen aufgreift – auf diese Virulenz hätte man gerne verzichtet.
Verheißung im Kulturzentrum Linden-Süd
Angeblich ist die Struktur des Abends dieselbe wie die in Kopenhagen vor vier Jahren, die Texte (die hier eindeutig im Zentrum stehen) seien aber weitgehend neu in Hannover entstanden, wird im Programmheft erläutert. Szenisch wenig ergiebig, aber inhaltlich berührend referiert das siebenköpfige Ensemble also Stationen queeren Lebens: Coming out, Dating, Homophobie, Alter. Die Bühnensituation sorgt dafür, dass man das Erzählte eins zu eins mit den Darsteller*innen identifiziert, und dass sich hier Rolle und Performer*innenbiografie nicht immer decken, sorgt für einen reizvollen Bruch, der dann freilich nicht weiter ausgespielt wird.
Egal, das hier ist Theater, auch wenn man das streckenweise vergisst. Die Erzählung vom Aufwachsen in der niedersächsischen Einöde, von der aus der "queere Abend im Kulturzentrum Linden-Süd" wie eine Verheißung wirkt, die kennen wir (mit Variationen) alle. Und deswegen lassen wir uns auch von Shirin Eissa an dieser Stelle mitnehmen, egal, ob zu 100 Prozent authentisch ist, was hier berichtet wird. Man lässt sich verführen vom Charme dieser Performance.
Zuschauer*innenverführung durch den Charme des Ensembles: Die Spieler*innen in Andy Besuchs so wirkungsvollen wie individuellen Kostümen © Jörg Brüggemann, Ostkreuz
Allerdings ist das auch das Problem des Abends: Er wählt für seine Verführung immer wieder das einfachste Mittel, das Abrufen gemeinsamer Erinnerungen. Bronski Beat, Frankie Goes To Hollywood, Eurythmics – wer in den Achtzigern aufgewachsen ist, erinnert sich sofort an unerfüllte Sehnsüchte im Kinderzimmer zu dieser Musik, aber es sind eben auch Instant-Erinnerungen. Raffinierter wird "PRIDE", wo die Sehnsüchte nicht erklärt, sondern ausgelebt werden, in Sofia Södergårds atemberaubend diversen Choreografien, die die Clubtauglichkeit des Hannoverschen Schauspielhauses austesten und dabei eine andere Realität andeuten, "I feel Love" (Musik: Nils Ostendorf).
Diese Diversität ist dabei etwas, das "PRIDE" auf der Habenseite verbuchen kann und das auch einen Ausblick darauf gibt, wie Boenischs Ensemble in Zukunft die städtische Vielfalt abbilden dürfte. Jonathan Eduardo Brito positioniert sich jenseits vom gestählten, queeren Hardbody, wodurch er auch Körpernormierungen und Rassismus in der Community ansprechen kann. Michael Lippold performt die Verkrampfungen queerer Unauffälligkeit. Leyb Elias spricht aus der Perspektive geschlechtlicher Uneindeutigkeit. Dieser Mut zur Diversität, zur Vielstimmigkeit ist interessant, zumal er dem collagehaften Ansatz von Richters Inszenierung mustergültig entspricht.
Kabaretthafter Rant
Wo Richter aber tatsächlich Theater inszeniert, in einer etwas zu lange ausgespielten "Performing Gender"-Satire oder in einem kabaretthaften Rant, den Elias ins Publikum hinein blafft, fällt das Konzept in sich zusammen, trotz an sich funktionierender Mittel, trotz Wolfgang Menardis campy Spiegelbühne, trotz Andy Besuchs so wirkungsvoller wie individueller Kostüme. Immerhin versteht es Elias, einem die Selbstfeier ein bisschen zu vermiesen – durch den Hinweis, dass die nächste, stockrechte Bundesregierung wahrscheinlich von einer lesbischen AfD-Kanzlerin und einem schwulen CDU-Vizekanzler geführt werden dürfte. Wobei Alice Weidel und Jens Spahn in trauter Einigkeit betonen, dass sie homosexuell seien, aber nicht queer – es ist wichtig, auf genaue Formulierungen zu achten.
Mut zur Vielstimmigkeit: Das Ensemble auf Wolfgang Menardis Bühne © Jörg Brüggemann, Ostkreuz
Nach der Pause dann wird über lange Strecken nur noch Theater gespielt, und wirklich gut tut das der Inszenierung nicht. Echte Szenen folgen da aufeinander, Beziehungsgespräche, in denen durchaus relevante Themen wie Eifersucht, Ageism und Lookism thematisiert werden, die aber als eine Art queerer Boulevard daherkommen. "Ich fühl's nicht", beschreibt Elias in einer dieser Szenen ein misslungenes Date, und auch wenn hier Übergriffigkeit und Gewalt hinter der humoristischen Grundkonstellation anklingen, könnte man diesen Satz durchaus auf das gesamte Stück anwenden. Ja, Richter will hier was, und er bringt auch auf den Punkt, was er will, aber, sorry, ich fühl's nicht.
Politisches Programm
Doch womöglich geht es auch gar nicht darum, sofort eins zu werden mit der Moral dieses an Moral nicht armen Abends. Vasco Boenisch stellt seine erste Spielzeit als Intendant unter das Motto "Liebe will riskiert werden", und das ist auch ein Statement: dass hier ein Ort geschaffen wird, an dem Liebespraxis möglich ist. Das Schauspielhaus Hannover wäre in diesem Sinne ein Safe Space für das Erproben queerer (beziehungsweise jeglicher nicht-normativer) Liebe: Das ist ein politisches Programm, und "PRIDE" ist als Empowerment hierfür das passgenaue Eröffnungsstück. Der Jubel, der die Premiere begleitet, beweist jedenfalls die Notwendigkeit solch eines Safe Spaces, und, ja, diese Notwendigkeit ist tatsächlich ein Skandal. Nichts an der Situation hat sich verbessert.
PRIDE
von Falk Richter
Regie: Falk Richter, Bühne: Wolfgang Menardi, Kostüme: Andy Besuch, Musik: Nils Ostendorf, Video: Signe Emma, Licht: Oliver Hisecke, Choreografie: Sofia Södergård, Dramaturgie: Valerie Göhring
Mit: Jonathan Eduardo Brito, Shirin Eissa, Leyb Elias, Beck Heiberg, Michael Lippold, Sofia Södergård, Nick Weaver
Premiere am 11. September 2025
Dauer: 3 Stunden, eine Pause
www.staatstheater-hannover.de
Kritikenrundschau
Falk Richters Produktion zum Auftakt der neuen Intendanz in Hannover sei "vor allem eins nicht: ein literarisch fundierter Abend", urteilt Michael Laages in der Sendung Fazit auf DLF Kultur (11.09.2025). "Wir kriegen Statements geliefert." Geschichten der LGBTQ+-Communities und ihrer Bedrohung durch den "gegenwärtigen Rechtsruck überall in der Welt" zu erzählen, wie es "PRIDE" tut, sei zwar "ein sehr seriöses Anliegen, hat aber mit einer interessanten Theaterinszenierung eines hochinteressanten Textes erst mal noch nicht viel zu tun" – so berührend und bewegend die Geschichten vor allem im zweiten Teil seien. "Zur Eröffnung es sich so einfach zu machen, alles über den woken Kamm zu scheren und sicher sein zu können, dass der Erfolg funktioniert, finde ich tatsächlich nicht sonderlich mutig", resümiert der Kritiker in Anspielung auf das hauseigene Spielzeitmotto "Liebe will riskiert werden".
An dem Abend verschwimmen die "Grenzen zwischen Sprech- und Tanztheater" und die Lieder seien "bestechend schön", schreibt Stefan Gohlisch in der Hannoverschen Allgemeinen (13.9.2025). Richter gehe es um "Identitäten, die fluide sein mögen, aber nie verhandelbar sind, ganz jenseits sexueller Identitäten und Orientierungen". Es sei ein Abend, der viel wage und "hörbar die Herzen des Publikums" gewinne. "Was für ein Auftakt!", zeigt sich der Kritiker begeistert.
Als "Ermutigungs- und Ermächtigungstheater" funktioniere der Abend "prächtig", notiert Wolfgang Höbel im SPIEGEL (12.9.2025). Gleichwohl sei er teilweise "so unterkomplex, dass sich der Eindruck aufdrängt, die Welt sei eine Scheibe". Richter sei "ein Meister der gebrauchten Texte". Was er schreibe, "ist unbedingt nützlich und soll so gesagt werden". Die meisten Sätze seien aber eben "schon oft so gesagt worden" und die Spielszenen gerieten zu "albernen Soap-Einlagen". Im Ergebnis stehe "ein politisch aufgeladener Kabarettabend mit Gesangseinlagen", so Höbel.
Der Abend ziehe "in den Strudel von Lebensfreude queerer Menschen hinein" und führe einen "entlang des Abgrunds der Queerfeindlichkeit", so Agnes Bührig im NDR (12.9.2025). Es sei ein "gelungener Spielzeitauftakt am Schauspiel Hannover".
Falk Richters Inszenierung sei "von großer Direktheit geprägt" und entpuppe sich als "eine Art Mosaik aus Monologen, Dialogen und Gruppenszenen, Show und Kabarett", so Jörg Worat in der Kreiszeitung (13.9.2025). Diese Direktheit erweise sich allerdings auch "oft als hinderlich, weil nicht frei von plakativen Momenten". Und die Frage, ob die "zwar mit Szenenapplaus bedachten, aber kaum sonderlich vielschichtigen Statements auf einer Theaterbühne richtig aufgehoben sind", stehe "auf einem anderen Blatt", so der Kritiker.
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Das ist kein Theater, das ist Agitation, das sind ein Haufen einzelner Beiträge, die so wie sie sind, auf jedem CSD vorgetragen werden können.
Ein von Shirin Eissa sehr schön vorgetragenes und gesungenes Lied arabischer Herkunft wird mir in Erinnerung bleiben.
Nein, das ist kein mutiger Anfang der neuen Intendanten, das ist das setzen auf ein berühmtes "Regie-Pferd" mit einem Thema und einer Art der Inszenierung, die die Bude permanent mit der Community füllen und jubelnde Standing-Ovation-Begeisterung auslösen wird.
Für einen Neustart!! hätte ich mir mehr Mut gewünscht.
Das sehr gemischte (Abo-)Publikum quittierte es soeben mit Standing Ovations.
Ein Warnruf vor dem, was auf die queere Community politisch und gesellschaftlich zukommt. Ein Appell, zusammenzustehen, für Menschlichkeit.
Mögen sie falsch liegen und sich zum Guten wenden.