Kollektiver Burnout

17. Februar 2025. Frauen treten in den Streik. Das Patriarchat hat den Karren an die Wand gefahren – und reagiert mit hilfloser Gewalt. In Hannover inszeniert Jorinde Dröse Mareike Fallwickls Roman "Und alle so still". Sie nimmt den Stoff und Fallwickls Figuren äußerst ernst. Aber wo bleibt die Wehrhaftigkeit?

Von Falk Schreiber

"Und alle so still" von Mareike Fallwickl in der Regie von Jorinde Dröse in Hannover © Kerstin Schomburg

17. Februar 2025. Nach einer guten halben Stunde tritt zum ersten Mal der Queerchor Hannover auf. Der 33-köpfige Chor singt, angeleitet von Jorge Kröger, Cindy Laupers "Girls just wanna have Fun", das ist wohlklingend, es ist auch eine Befreiung von dem, was einem die vorangegangene halbe Stunde um die Ohren gehauen wurde, die Geschichten von den Arbeitsbedingungen im Pflegebereich, von McJobs, von Armut und von beengten Wohnverhältnissen.

Der Queerchor aber erfüllt neben dieser Erlösungsfunktion auch noch eine weitere wichtige Aufgabe in Jorinde Dröses Hannover'scher Uraufführung von Mareike Fallwickls Romanstoff "Und alle so still": Er bildet einen utopischen Gegenentwurf zur cis-heterosexistischen Arbeitswelt, die den Karren gehörig gegen die Wand gefahren hat. Die Protagonist*innen dieser Arbeitswelt nämlich sind in den "kollektiven Burnout" gestürzt: "Girls just wanna have Fun", die Girls wollen doch nur ihren Spaß, aber was sie bekommen, sind Ausbeutung und gnadenlose Ermüdung.

Stimmige Utopie

Dass Dröse den Chor auf die Bühne holt, ist eine so aufwendige wie kluge Entscheidung, weil sie hier spielerisch und mit den Mitteln der Kunst einen Ausweg skizziert für Krankenpflegerin Ruth (Johanna Bantzer), Influencerin Elin (Helene Krüger) und Billigjobber Nuri (Fabian Dott). Man könnte aussteigen aus dem Rattenrennen, das keine Gewinner kennt (beziehungsweise nur so fiese Typen wie Max Kochs Klinikmanager, der zwischendurch mal per Videocall von einem sonnigen Strand rübergrüßt).

Und alle so still 20250210 204527 ksc c Kerstin SchomburgInteressiert, ohne zu übertreiben: das Ensemble von Jorinde Dröses Inszenierung © Kerstin Schomburg

Diese Utopie macht Fallwickls Vorlage interessant, aber weil sie so stimmig ist, macht sie auch deutlich, wie wenig in dieser Inszenierung des Romans ansonsten stimmt. Im Grunde macht der Abend auf den ersten Blick viel richtig: Er hat eine interessante These, in der er die wirtschaftliche Ausbeutung durch die Genderbrille analysiert, er hat ein Ensemble, das sich interessiert, aber ohne zu übertreiben die Rollen aneignet, er hat ein echtes Anliegen bei gleichzeitiger Fähigkeit zum ironischen Bruch. Und er hat eine Regisseurin, die routiniert genug ist, den Stoff handwerklich zu fassen, die sich aber auch persönlich dem sozialen Thema Care-Arbeit verbunden fühlt. Müsste funktionieren, funktioniert aber leider überhaupt nicht.

Niemand profitiert vom Patriarchat

Die ausgebeuteten Massen also treten in den Streik. Beziehungsweise: Nein, sie streiken nicht, weil sie keine Forderungen stellen, sie machen einfach gar nichts mehr. Sie legen sich hin, was im Stück naturalistische Nachrichtenbilder ergibt, von leblosen Körpern, die in Hannovers Innenstadt rumliegen. Aber alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will, weswegen binnen weniger Tage das gesamte Wirtschaftsleben zusammenbricht. Die Macht (aka das Patriarchat) reagiert freilich, wie man es erwartet: mit Gewalt. Hilft aber auch nichts mehr.

Und alle so still 20250210 202037 C Kerstin SchomburgIm Streik: das Ensemble in Kostümen von Juliane Kalkowski © Kerstin Schomburg

Das Problem ist nicht, dass die Motivation der Figuren nicht nachvollziehbar wäre. Nuri etwa macht eindeutig klar, weswegen er sich dem stillen Protest anschließt: Weil er erkannt hat, dass auch er als cis Mann von den aktuellen Hierarchien nichts zu erwarten hat. "Das Patriarchat ist ein Versprechen an uns Männer, das immer wieder gebrochen wird." Allerdings ist das, was hier auf Katja Haß' Bühne passiert, ausschließlich ein Klarstellen. Da stehen also Figuren, die ihre Motivationen erläutern, aber szenisch passiert im Grunde nichts. Und wenn etwas passiert, dann ist es drastisch ausgespielter Mummenschanz, wie einer von Nuris Jobs, der darin besteht, in einer apokalyptischen Fabrik Giftgas-Fässer zu reinigen.

Aktuelle Bedrohung

Der thesenhafte Ton, der im Roman problemlos funktioniert, beschwert in der Inszenierung das Gezeigte bis zur Bewegungslosigkeit. Szenen, die in der Vorlage massiv berühren, bleiben hier bloße Behauptung: Als etwa Elins befreite Sexualität durch einen männlichen Übergriff brutal zurechtgestutzt wird, fasst einen das im Buch direkt an, hier aber ist es eine Rampenrede, die schlussendlich folgenlos bleibt. Dröse nimmt die Vorlage ernst, zu ernst vielleicht. Ihren subversiven Gehalt verpasst sie konsequent.

Und alle so still 20250213 124113 c Kerstin SchomburgRampenreden gegen das Patriarchat: vorn am Mikro Claude De Demo © Kerstin Schomburg

Denn: "Und alle so still" ist ja nicht nur eine Analyse der Arbeitswelt. Man könnte das auch übertreiben, man könnte die Widerstandsparabel in den Trash jagen, man könnte die vorhandene Action ausspielen. Nichts davon hier, der Stoff kommt als Mutmachstück auf die Bühne, das dem Publikum als Selbstbestätigung unübersehbar gefällt (und auch der Autorin, die zum Schlussapplaus im reizendem "Fuck Gender Roles"-Shirt auf die Bühne kommt). Dass in diesem Stoff jedoch auch eine Bösartigkeit versteckt sein könnte, das wagt der Abend nicht zu denken. Aber Vorsicht: Die Restauration des Patriarchats ist in vollem Gange, das weiß auch die Inszenierung und spielt kurze Videoschnipsel von Trump und Musk ein. Womöglich ist Selbstbestätigung gar nicht das, was man aktuell wirklich braucht.

Und alle so still
nach Mareike Fallwickl
Fassung von Jorinde Dröse und Johanna Vater
Regie: Jorinde Dröse, Bühne: Katja Haß, Kostüme: Juliane Kalkowski, Musik: Jörg Kleemann, Chorleitung: Jorge Kröger, Video: Rebecca Riedel, Licht: Marie-Luise Fieker, Koordination Queerchor: Maren Neubelt, Choreografie: Suzan Demircan, Dramaturgie: Johanna Vater.
Mit: Johanna Bantzer, Fabian Dott, Helene Krüger, Claude De Demo, Stella Hilb, Max Koch, Max Landgrebe, Verena Reichhardt, Queerchor Hannover e.V.
Uraufführung am 16. Februar 2025
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.staatstheater-hannover.de

Kritikenrundschau

Nach der Vorgängerarbeit "Die Wut, die bleibt" von Fallwickl/Dröse sei nun "zum zweiten Mal ein Theatercoup gelungen", vermeldet Stefan Gohlisch in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und in der Neuen Presse (18.2.2025). "Männliche Hybris und weibliche Solidarität stehen einander gegenüber, aber es blitzt eben auch die Hoffnung auf eine Gesellschaft auf, die neue, gemeinschaftliche Wege geht." Manche Ballung von Problemem sei "viel, fast zu viel für einen zweistündigen Abend. Aber jedes mögliche Knirschen im dramaturgischen Gebälk übertönt der Queerchor Hannover in mitreißenden Auftritten."

Kommentare  
Und alle so still, Hannover: Tosender Applaus
Lieber Herr Falk Schreiber, ich hätte mich gefreut, wenn Sie das Stück besprochen hätten und nicht Ihre persönliche Bewertung des Romans zum Maßstab für die Inszenierung erhoben hätten! Sicherlich ist es immer nicht einfach, einen Roman auf die Bühne zu bringen, aber Jorinde Dröse arbeitet zentrale Schwerpunkt des Romans heraus und vermittelt die Zerrissenheit der Frauen sehr eindringlich.

Johanna Bantzers Darstellung der Ruth realisiert dies auf der individuellen Ebene grandios! Neue Bündnisse, neue Strategien sind notwendig und tradierte Allianzen müssen überdacht werden. Fabian Dott spielt die Figur des Nuri ebenfalls unglaublich gut und vermittelt die brutale gesellschaftliche Realität, der viele Menschen ausgesetzt sind! Die Verweigerung der Frauen nicht mehr „mitzumachen“ ist verständlich! Danke für diese Inszenierung. Der tosende und sehr, sehr lange anhaltende Applaus – so eine Intensität habe ich schon lange nicht mehr erlebt – zeigt, dass ich mit meiner Meinung nicht alleine war…!

P.S. Ich empfehle Ihnen auch die Kritik von Stefan Gohlisch in der der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung zu lesen. Übrigens war Frau Fallwickl bei der Premiere anwesend und wohl sehr von der Inszenierung angetan.
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