Arbeitsalltag in der Trollfabrik

16. November 2025. Wie funktioniert der Cyberkrieg? Wie wird von Russland aus gezielt Desinformation in die Diskurse des Westens gestreut, um Gesellschaften mürbe zu machen? Lars Werner hat ein Stück zu diesem Thema geschrieben, Łukasz Ławicki in Oldenburg die Uraufführung besorgt und in die digitale Trickkiste gegriffen.

Von Andreas Schnell

"Das Ende des Westens" von Lars Werner (Regie: Łukasz Ławicki) in Oldenburg © Stephan Walzl

16. November 2025. Die These ist steil, aber nicht unpopulär: Der Westen, also im wesentlichen die USA und die EU, militärisch in der Nato organisiert, als hegemoniale Instanz hat ausgedient. Nach der Auflösung der Sowjetunion war zwar erst mal die Geschichte als beendet betrachtet worden, dem Siegeszug von Markt und Demokratie schien wenig im Wege zu stehen. Doch bekanntlich kam es anders. Die Nato ist seit Beginn der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump von selbigem mehrfach in Frage gestellt worden, der das Primat amerikanischer Interessen neu buchstabiert. Und Wladimir Putin verteidigt Russlands Freiheit in der Ukraine, um Ex-Verteidigungsminister Peter Struck zu paraphrasieren. 

Das kalte Lächeln des russischen Präsidenten

"Das Ende des Westens", von Lars Werner für das Staatstheater Oldenburg und dessen Format "DigitEx" geschrieben, wagt sich tief hinein in eine mögliche Geschichte dieses Endes. Wobei schon eingangs die Frage diskutiert wird, wann das Ende eigentlich angefangen hat. War es in den späten 1980er Jahren, als Wladimir Putin als KGB-Agent in Dresden stationiert war? War es im Oktober 2002, als tschetschenische Separatisten und Separatistinnen das Moskauer Dubrowka-Theater stürmten und 850 Menschen in Geiselhaft nahmen? War es, als die ehemalige Außenministerin der USA, Madeleine Albright, in ihren Erinnerungen von kalten Lächeln des russischen Präsidenten schrieb? 

DasEndedesWestens3 1200 StephanWalzlHalbwahrheiten einspeisen: Konstantin Gries, Tobias Schormann, Tamara Theisen und Katharina Shakina © Stephan Walzl

Anstatt sich für eine Geschichte zu entscheiden, spielt Werner auf mehreren Ebenen durch, was sich hinter historischen Ereignissen abgespielt haben könnte, wobei die fiktive Figur Sascha eine dramaturgische Klammer bildet, vom ersten dünnen Kaffee am Morgen von ihrem Arbeitsalltag in der Troll-Fabrik bis zu dem Versuch, sie für höhere Aufgaben im Dienste der Nation zu gewinnen. Werner lässt in diesem Erzählstrang eine Monstrosität anklingen, die im Grunde aufs Haar den Lügen und Halbwahrheiten gleicht, die Sascha und ihre Kolleginnen und Kollegen Tag für Tag in den Diskurs der westlichen Welt einspeisen. 

Humanoide in Rasterwelt

Łukasz Ławicki hat dafür eine reizvolle Form gefunden: Weder sehen wir Sascha auf der Bühne der Exhalle, noch den Dubrowka-Anschlag oder ein Madeleine-Albright-Lookalike. Stattdessen erzählen zwei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler in einer an den Animationsfilmklassiker "Tron" (1982) erinnernden Rasterwelt. Gewandet in uniforme Overalls bewegen sie sich in deren Mustern. Manchmal performen sie menschliche Emotionalität, gelegentlich schaltet sich eine robotische Stimme mit dramaturgischen Anweisungen ein. Die Welt hinter der Welt, wie wir sie kennen, ist digital, eine Art KI scheint im Hintergrund zu wirken. Manchmal schließen sich einzelne Personen an den blinkenden Kreislauf an – vielleicht, um die Akkus neu zu laden oder für die reibungslose Desinformationsarbeit aktualisiert zu werden. 

DasEndedesWestens2 1200 StephanWalzlIn der Welt der Trolle: Katharina Shakina, Tamara Theisen © Stephan Walzl

Das ist schön anzusehen, mit digitalen Animationen gerät der Raum später nach hinten hin in Bewegung, das Raster löst sich auf in Sternenstaub. Aus den Partikeln setzt sich der Kopf jenes Mannes zusammen, dessen Name nicht genannt wird, der aber hier an allen Ecken und Enden wirkt: Wladimir Putin. Später flirrt Computer-Code, wie in "Matrix", wo die Welt eine Simulation ist, hinter die nur Auserwählte per Pilleneinwurf schauen können. Damit sind die Erzählungen des Abends gerahmt als Teil der hybriden Kriegsführung und damit spekulative Erzählpartikel der "größten Serie aller Zeiten: Das Ende des Westens" mit Putin als "Produzent". Wer in der Welt der Trolle und Meme-Fabriken nicht zuhause ist, mag bisweilen ein wenig fremdeln. Wie ein Geschehen wie der Angriff auf das Dubrowka-Theater und dessen Niederschlagung, bei der etliche der Geiseln umkamen, per Propaganda zum Erfolg umgedeutet wird, erschließt sich aber auch so. 

Das kann kein gutes Ende nehmen

Das Ende der "größten Serie aller Zeiten"? Niemand kennt es, aber fühlen tun es alle, raunt es am Ende. Was ein etwas wohlfeiler Schluss eines unterhaltsamen Abends ist, der sich auf Putin als Produzenten des Niedergangs einer Weltordnung festlegt und dabei China, den wohl wirkmächtigeren geopolitischen Akteur, ignoriert. Oder ist "Das Ende des Westens" eher ein Beitrag zu deutschen Debatten, die AfD im Sinn? 

Das Ende des Westens
Von Lars Werner
Regie: Łukasz Ławicki, Bühne & Kostüme: Nina Aufderheide, Musikalische Leitung: Henrik Demcker, Programmierung / künstlerisch-technische Mitarbeit: Jakob Geffert, Digitalkostüm: Marius Alwan Meyer & Wanderzirkus e.V., Pixelmapping: Frieder Gätjen, Lichtdesign: Olaf Brunkhorst, Dramaturgie: Reinar Ortmann, Pau Hoff.
Mit: Konstantin Gries, Tobias Schormann, Katharina Shakina, Tamara Theisen, Linda Stockfleth (Off-Stimme).
Uraufführung am 15. November 2025
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.staatstheater.de

Kritikenrundschau

"Es ist, als würden die Schauspielerinnen und Schauspieler durch ihre emotionale und soziale Starrheit eine reizüberflutende KI simulieren," schreibt Fenna Jürgens in den Oldenburger Nachrichten (18.11.2025). Der Regisseur verzichte "auf klassische Elemente des Schauspiels: keine ausgeprägten Emotionen, wenig direkte Interaktion, keine klar zugewiesenen Rollen – stattdessen Erzählungen. Die Darstellenden agieren synchron, ohne einander anzusehen, und erzeugen dadurch eine fast maschinelle Perfektion, die alles andere als menschlich wirkt." "Die Sprachklänge, die prä­zise Gestik, die emotionale ­Reduktion" – alles habe das hervorragende Ensemble "auf ein gefühltes Minimum reduziert, und doch entsteht eine Art hektische Anspannung."

Kommentare  
Das Ende des Westerns, Oldenburg: Mutig und schräg
Ich habe die Premiere gesehen und muss sagen, dass ich gleichzeitig etwas verwirrt, aber auch insgesamt begeistert war. Ich kann mich Herrn Schnell nur anschließen. Die gewählte Theaterform hat mir sehr gut gefallen. Ich habe in Oldenburg schon lange nicht mehr so eine Art von Theaterstücken gesehen. Mutig und schräg, mit interessanten ungewohnten Ansätzen und Ideen, die von dem klassischen Schauspiel abweichen. Auch das Bühnenbild und die Musik empfand ich als sehr stimmig und durchdacht. Gut, dass es sowas in Oldenburg neben dem Theater im kleinen Haus gibt.
Das Ende des Westens, Oldenburg: Nicht ganz fertig
Es wirkt so, als wäre es nicht ganz fertig geworden. Das, was ich gesehen habe, würde ich insgesamt aber als gut beschreiben. Es sind sehr viele Informationen im Text, die manchmal schwer zusammenzufügen sind. Aber man versteht alles, wenn man sich konzentriert, wobei ich bezweifle, dass die jungen Leute wissen, wer Madleein Allbreight war. Vielleicht etwas weit hergeholt, der Text. Das ist das dritte Theaterstück von Lawiki in Oldenburg das ich gesehen habe und leider muss ich sagen, dass es an Im Osten was Neues und 14 Tage Krieg in der Ukraine nicht herankommt von der Intensität und Aussagekraft her. Schade. Eine schöne Abwechslung bleibt es allemal. Ich schließe mich meinem Vorredner an.
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