Der Abwasch wird uns massakrieren

7. Juni 2025. Als Dichterin machte sie in Berlin Furore, bis sie vor den Nazis fliehen musste: Mascha Kaléko. Ihr widmet Anja Hilling nun ein poetisches Biopic, das Regisseurin Ebru Tartıcı Borchers mit drei Maschas in den Hauptrollen besetzt. Und die Erzählung von Flucht, Exil und künstlerischer Selbstbehauptung mündet in eine bitterböse Ehekomödie.

Von Jens Fischer

"Mascha K. (Tourist Status)" von Anja Hilling am Oldenburgischen Staatstheater © Stephan Walzl

7. Juni 2025. "Wo kommst du denn her?" Mit diesem ersten Satz in "Mascha K. (Tourist Status)" fragt Verleger Ernst Rowohlt (Gerrit Frers) sachdienlich nach der Herkunft einer ihn betörenden Nachwuchslyrikerin: Mascha Kaléko, die mit ihren jüdischen Eltern vor dem Ersten Weltkrieg aus Galizien geflohenen ist. Und der zwischen Freigeisterei und NS-Verstrickungen schwankende Geschäftsmann bringt seine Irritation über die Verlorenheit zum Ausdruck, diese Unruhe einer Wurzellosen, die laut Stücktitel im Touristenstatus lebt. Viel herum-, aber nirgendwo ankommt. Stets Fremde bleibt.

Kaléko hat dafür eine Begründung: "Das einzige Verweilen liegt in der Bewegung, die, seit sie vom Ursprung entkoppelt wurde, zum Endlosen verdammt ist.!" Um nicht vom schwarzen Loch der Depression verschluckt zu werden, macht Kaléko also immer weiter. Am liebsten heiter. Mit lächelnden Gedichten. Meist selbstironisch.

Dreimal Mascha zwischen Lebenspfaden

Am Staatstheater Oldenburg wird sie von drei Spielerinnen dargestellt, die drei Lebensphasen repräsentieren und in den Austausch bringen. Faszinierend klug in ihrer herausfordernden Getriebenheit ist die junge, aufstrebende Berlin-Kaléko der 1920er/30er Jahre (Paulina Hobratschk). Faszinierend zerrissen zwischen resignativer Müdigkeit und hilfloser Rebellion kommt die exilierte New York-Kaléko (Meret Engelhardt) daher. Als Mutter, Hausfrau, Coach des Gatten und Texterin für die Werbeindustrie bleibt keine Zeit mehr fürs Dichten, sie lebt nur noch "zwischen zwei Zeitformen, der Vergangenheit und dem Konjunktiv. Ich war und ich könnte sein". Trotzdem tobt Hoffnung in ihr. Eine Sentimentalität, die Jerusalem-Kaléko (Katharina Shakina) in ihren einsamen letzten Jahren längst abgelegt hat. Faszinierend, wie sich ihre Bitterkeit in höhnischem Stolz und giftigen Kommentaren entlädt. Alle drei Maschas sind sich einig: Ein Moment der Ruhe lasse sich nur noch durch "Alkohol, Tabletten, Erschöpfung" herstellen.

Mascha K 1 CStephan Walzl uKonstantin Gries, Gerrit Frers, Florian Heise und die drei Maschas Paulina Hobratschk, Katharina Shakina, Meret Engelhardt © Stephan Walzl

Wie schon fürs "Antigone"-Personal zu Saisonbeginn hat Sam Beklik zum Saisonende einen abstrakten Raum vor schwarzem Hintergrund entworfen, der mit Beton-Charme jede Heimatsehnsucht zurückweist, in diesem Fall aber mit (Lebens-)Pfaden ausgelegt ist. Da diese Pfade nicht geradeaus laufen oder sich verbinden, bedeutet Fortbewegen, dass die Schauspielerinnen klettern, hüpfen und immer wieder scharfen Kurven folgen müssen. Regisseurin Ebru Tartıcı Borchers lässt das Trio dabei höchst stilisiert hin und her schreiten. Wie Computerspielfiguren im Pausenmodus, aus dem sie dann wieder zu Monologen, Duetten oder chorischem Sprechen erwachen.

Leichtfüßige lyrische Eleganz und ernste Themen

Der Text vereint ununterscheidbar Zitate der schnoddrig pointierten Kaléko-Gedichte mit Anja Hillings recherchiertem oder erdachtem Material. Beide Literatinnen verbindet die Lust auf möglichst knappe Formulierungen, in denen die Melancholie der verzweifelnden Glückssuche humorvoll bis satirisch konterkariert wird. Wobei die Dramatikerin mit ihren kunstsprachlichen Einschüben die leichtfüßige Eleganz der Lyrikerin um neue oder bisher so noch nicht wahrgenommene Bedeutungsangebote erweitert. Etwa dass Kalékos Migrationsgeschichte zeigt, wie lebensnotwendig offene Grenzen für Flüchtlinge aus Kriegsgebieten sind. Nebenbei werden natürlich die zentralen biografischen Stationen der Protagonistin abgehakt.

Mascha K 3 CStephan Walzl uMit zwei von drei Maschas: Konstantin Gries, Florian Heise, Paulina Hobratschk, Franziska Werner, Meret Engelhardt © Stephan Walzl

Zwischendurch gibt's kauzige Episoden mit Kaléko und Else Lasker-Schüler. Mit Ausdruckstanztändelei zeigt Franziska Werner die Schriftstellerin als ihr Alter Ego Prinz Jussuf. Debattiert wird wortakrobatisch, ob die expressionistische Aufheizung der Welt mit wildem Wortgebräu oder neusachliche Betrachtung des Alltags die notwendigere Kunst sei. Obwohl beide Autorinnen völlig unterschiedlich ticken, mögen sie sich in ihrer Eigenwilligkeit – also steigt Kaléko in den Tanz der Kollegin ein.

Von einer Heimatlosigkeit in die nächste

Trotz der abgezirkelten Bühnenaktion werden Sprache und Figuren lebendig. So zart wie forsch verlieben sich beispielsweise Chemjo Vinaver (Konstantin Gries) und Mascha ineinander. Anrührend, wie dann gleich klassische Rollenmuster und die Frustrations-Aggressions-Spirale als Bruchlinien ihrer Ehe kenntlich werden: Sie will Anerkennung für ihre Literatur, er ein Kind von ihr. "Und es ist die Frage des Abwaschs, die uns massakrieren wird", sagt Kaléko.

Auf den kecken Biopic-Teil der poetischen Großstadtgöre folgt also die bitterböse Ehekomödie. Inklusive kurzer Streicheleinheiten. Zum Lebensbilanz-Ausklang in Vorahnung des Todes ein ratloses Resümee: "Ich weiß nicht, sind es gute Nachrichten, wenn ich abschließend berichten kann: Es geht weiter?" Weiter in ewiger Bewegung von einer Heimatlosigkeit in die nächste – aller Energie der Selbstermächtigung zum Trotz ...

Mascha K. (Tourist Status)
Schauspiel von Anja Hilling
Regie: Ebru Tartıcı Borchers, Bühne: Sam Beklik, Kostüme: Luisa Wandschneider, Musik: Dani Catalán, Licht: Philipp Sonnhoff, Dramaturgie: Verena Katz.
Mit: Meret Engelhardt, Paulina Hobratschk, Katharina Shakina, Franziska Werner, Gerrit Frers, Konstantin Gries und Florian Heise.
Premiere am 6. Juni 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

https://staatstheater.de/

Kritikenrundschau

"Nach 90 Minuten geht ein beeindruckender Theaterabend zu Ende", berichtet Oliver Schulz in der Nordwest-Zeitung (10.6.2025). "Eine Lebensreise ohne Ankommen und eine Sprache ohne sicheren Hafen" machten Mascha Kalékos Leben "zum zeitgemäßen Lehrstück über Aufenthalt und Heimat". Regisseurin Ebru Tartıcı Borchers sei es gelungen, "die Brüche in der Biografie der Künstlerin deutlich zu machen", so der Kritiker. "Dass die Inszenierung den Nerv des Publikums getroffen hatte, bewies einmal mehr der lang anhaltende Applaus."

Kommentare  
Mascha K., Oldenburg: Uninspiriert
Selten so viel uninspiriertes Theater gesehen und selten (aber keine Seltenheit) hab ich mich so gelangweilt… bin sogar kurzzeitig eingeschlafen…
Mascha K., Oldenburg: Langweilig
Schließe mich Gabi an. Habe schon mehrere Arbeiten gesehen. Einer langweiliger als der andere. Leider ist Networking ist wichtiger als die Kunst.
Mascha K., Oldenburg: Kollegiale Solidarität
Ich finde es schade, wie schnell und scheinbar beiläufig Begriffe wie „uninspiriert“ oder „langweilig“ fallen. Im Alltag mögen solche Worte harmlos wirken – aber wenn wir über künstlerische Arbeiten sprechen, an denen viele Menschen über Monate hinweg gearbeitet haben (hier wird es ja vor allem der Regie zugeschoben), dann können solche Urteile sehr verletzend wirken. Und warum sollte man das wollen?
Meinung zu äußern ist wichtig – aber vielleicht sollten wir bewusster damit umgehen, wie wir Kritik formulieren. Ein einzelnes Wort kann entwerten, was mit viel Energie, Kraft und Mut versucht wurde. Ein bisschen Achtsamkeit in unserer Welt wäre doch ganz schön, oder?!

Besonders störend finde ich den Kommentar zum „Networking“. Freischaffende Regisseur*innen sind auf Sichtbarkeit angewiesen – das ist Teil des Jobs. Das pauschal negativ auszulegen, ignoriert die Realität künstlerischer Selbstständigkeit.
Mascha K., Oldenburg: Weniger inszenieren
Vielleicht ist es an der Zeit, weniger Projekte anzunehmen – 5 bis 6 Inszenierungen pro Jahr sind womöglich doch zu viel. Weniger zu arbeiten bedeutet nicht nur mehr Raum für Phantasie, Tiefe und Erholung, sondern könnte auch ein Akt der Solidarität sein gegenüber Kolleg*innen, die seltener inszenieren (können). (...)

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Der Kommentar wurde gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich.
Herzliche Grüße aus der nachtkritik.de-Redaktion
Mascha K., Oldenburg: Unkollegial
Ich lese mit bestürzen die untergriffige Kritik in 2 und 4. Wäre es möglich bitte die aufrechnerischen Gedanken - warum bekommt die soviel und wer anderer (ich?) so wenig, bitte bei einem wohltuenden Getränk zu klären, anstatt die durchaus vorhandenen strukturellen Problematiken des Kulturbetriebs ausgerechnet am unteren Ende, wo Freischaffende sich eine Position und damit ein Leben erarbeiten wollen, lösen zu wollen?
Das ist nicht nur, strukturell gesehen, völlig vergebene Mühe - Strukturen ändert man nicht über das Dikreditieren von einzelnen Personen - sondern auch zutiefst unkollegial. In diesem Fall trifft es sogar eine weiblich und migrantisch gelesene Person. Wie tief will man sinken?
Lasst uns doch bitte einfach über die Arbeiten sprechen, oder an Hand von entsprechenden Texten über besch.... Strukturen. Danke!

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Liebe Kommentartor*innen,
bitte halten Sie sich in diesem Kommentar-Faden doch vor allem an die Inszenierung. Eine Strukturdebatte möchten wir hier nicht führen.
Mit herzlichen Grüßen aus der nachtkritik.de-Redaktion
Mascha K., Oldenburg: Virtuos
Glücklicherweise durfte ich mir die Aufnahme dieser Inszenierung anschauen(nachdem ich mehrere Male davon gehört habe.), und ich finde es total unverständlich, dass man nicht überall davon erzählt hat: leise, berührend, fantasievoll, eine virtuose Arbeit. In einer größeren Stadt, wäre noch lange im Spielplan.
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