Nicht nur Schnaps und Sozialismus

31. Mai 2025. Das ehemalige Jugoslawien steht im Zentrum der 10. Ausgabe des Osnabrücker Festivals Spieltriebe. Es gibt Performances, Lesungen, das spartenübergreifende Musiktheaterprojekt "Balkan Express" und Ausflüge zu Ausläufern der Geschichte dieser Region in und um Osnabrück. Ein Bericht.

Von Andreas Schnell

Das spartenübergreifende Musiktheaterprojekt "Balkan Express" bei der 10. Ausgabe des Festivals Spieltriebe am Theater Osnabrück © Stephan Glagla

31. Mai 2025. Ein Häufchen Brei liegt vor meinen Füßen. Produziert hat ihn eine junge Frau, nachdem sie vorher Kürbiskerne mit den Zähnen geknackt und die Schalen ausgespuckt hat. Der Blick: provokant. Zum Glück findet diese Begegnung nicht auf der Straße statt, sondern im Osnabrücker Sharehaus Friedenskirche, wo es um "respektvolles und nachhaltiges gesellschaftliches Miteinander" und ähnliche Dinge geht.

Tribal, Uncivilized, Semicolonial

Anca Stoica und Sergiu Diță von Platform 13 aus Rumänien zeigen dort im Rahmen des Festivals "Spieltriebe" ihr Stück "Balkan Ballerinas", das mit harten Beats und enorm spannungsvoller Körpersprache Balkan-Klischees umkreist, aufnimmt und unterläuft. Am Rand der Spielfläche werden per Bildschirm Bilder von Demonstrationen gezeigt, Stichworte gegeben, wie der Name der Historikerin Maria Todorova, die in ihrem Buch "Imagining the Balkans" die These formulierte, der "Westen" habe den Balkan als barbarisches Gegenstück zu sich selbst geprägt. Traditionelle Tänze werden angerissen und in Street Dance überführt, Rave und Vogueing mit Ballettschritten konfrontiert.

Sergiu Diţă, Sofia Sitaru-Onofrei & Andreea Vălean tanzen mit beeindruckender Energie und Konzentration. Eine Batterie Raki-Flaschen wird mit Abscheu geprüft und ausgespuckt, hinter einem herabhängenden Folklore-Teppich. Tribal, Uncivilized, Semicolonial: es sind keine dünnen Bretter, die hier gebohrt werden. Aber es ist eben auch kein Proseminar, sondern eine packende Stunde sehr zeitgenössischer Tanz.

Dies- und jenseits der Stereotypen

Die Spieltriebe, in diesem Jahr in verschlankter Form und erstmals an zwei Wochenende am Ende der Spielzeit terminiert, widmen sich dem Schwerpunkt der zu Ende gehenden Spielzeit am Theater Osnabrück: dem Balkan. Dessen relative Unbestimmtheit bietet vielerlei Anknüpfungspunkte dies- und jenseits von Stereotypen. Den Auftakt des Festivals macht traditionell eine Inszenierung im großen Haus, der "Balkanexpress", als spartenübergreifendes Musiktheaterprojekt angekündigt, von Intendant Ulrich Mokrusch selbst inszeniert, der durchaus Erfahrung mit derlei Dingen hat.

"Balkanexpress", das klingt nach Tempo und viel Strecke. Das Osnabrücker Symphonieorchester, eine Band, der Opernchor des Theaters, die Sopranistin Susanna Edelmann, Bariton Jan Friedrich Eggers, neun Tänzerinnen und Tänzer der Dance Company Osnabrück sowie Sascha Maria Icks und Stefan Haschke vom Schauspiel sind dabei, um das untergegangene Jugoslawien glitzernd wiederauferstehen zu lassen. Natürlich, das versteht sich bei der Besetzung von selbst, mit viel Musik, für den gemeinen Westler vielleicht die vertrauteste Begegnung mit Balkan.

Balkan Ballerinas von Sparte 13 © Beatrice Paun

Und das klappt eigentlich auch sehr gut. Icks ist nicht nur eine tolle Schauspielerin, sondern singt auch sehr schön, ihre Kollegen von der Oper natürlich sowieso, und Stefan Haschke darf zwischendurch genüsslich schlechte Wirte zelebrieren, in denen eigentlich schon fast alles steckt, was an Vorurteilen zum Standardrepertoire gehört. Nun ist die Geschichte Jugoslawiens bekanntlich nicht nur eine von Partisanen, Schnaps und Sozialismus, sondern auch von Nationalismus und Bürgerkrieg. Das ist auch Teil der Show, die Mokrusch rund um einen roten Stern auf der Drehbühne unter einer Zirkuszeltkuppel. Allerdings zelebriert die Choreografie des Zerfalls eher ein Sterben in Schönheit, kein Gedanke an die Gemetzel und die Zerstörung, die die Überreste Jugoslawiens heute noch prägen.

Ausläufer der Geschichte bis Osnabrück

Mit Sirenengeheul und Rauch gibt es dafür in "Baracke 35", einem Rechercheprojekt über die Überreste des Oflag VI C, ein Lager, in dem ab 1940 bis zu 6000 serbische Offiziere interniert waren. Auf der Busfahrt in den etwas dezentralen Stadtteil Eversheide werden wir schon über die Geschichte des Ortes und die des ersten jugoslawischen Staats instruiert. Von den einst 40 Baracken steht nur noch die 35, drumherum wurde schon fleißig gebaut. Wo früher die Versorgungsbaracke stand, ist heute ein Supermarkt, erfahren wir.

Vor Ort wird die Busladung in vier Gruppen aufgeteilt, die nun jeweils verschiedene Szenen in der Baracke erleben. Der serbische Regisseur Demjan Duran hat in dieser Koproduktion des Osnabrücker Theaters mit dem Verein der Baracke 35 und Nachfahren der Gefangenen in bester Dokumentartheater-Manier Geschichten in kleine Szenen gegossen, in denen es um Dinge wie Lagerkoller und Widerstand geht, aber auch um eine bizarre Multikulturalität, denn in der serbischen Armee dienten nicht nur Serben, sondern unter anderem auch Juden, die politischen Loyalitäten waren ebenfalls nicht eindeutig verteilt.

Spieltriebe Baracke35 2 Uwe Lewandowski"Baracke 35" © Uwe Lewandowski

Nachdem das Publikum beim Gang durch die Holzbaracke in je zwei Szenen angefüttert worden ist, gibt es draußen noch eine musiktheatrale Einlage und Cevapcici – sowie die Möglichkeit, sich noch weiter über das Lager und dessen Geschichte zu informieren, das die Keimzelle einer serbischen Community in Osnabrück bildet. Sehr lehrreich, nicht nur für Auswärtige.

Spannend klingen auch die anderen Routen des Festivals (wir nahmen die rote), auf denen es um die jugoslawischen Frauenbewegung und um die Belgrader Clubkultur geht, und zwischen den Wochenenden laden Lesungen zum weiteren Eintauchen ins Thema ein, das, wie schon die "rote Route" des Festivals beweist, mehr mit uns zu tun hat, als wir erst vielleicht dachten.

Spieltriebe 10 – Balkan Mosaik

Balkan Ballerinas
von Platform 13
Konzept und Choreografie: Anca Stoica & Sergiu Diţă, Sound Design: RAW Creatives, Musik: Daniel Stănciucu, Adrian Piciorea, David Luncă.
Mit: Sergiu Diţă, Sofia Sitaru-Onofrei und Andreea Vălean.
Dauer: ca. 60 Minuten

Balkan Express

Regie: Ulrich Mokrusch, Musikalische Leitung: Daniel Inbal, Choreografie: Blenard Azizaj, Bühne: Timo Dentler, Kostüme: Okarina Peter, Dramaturgie: Juliane Piontek, Britta Aliena Horwath.
Mit: Susanna Edelmann, Sascha Maria Icks, Jan-Friedrich Eggers, Stefan Haschke, Esaúl Llopis Castelló, Ada Holt, Arkadiusz Hryb, Bojan Micev, Barbara Minacori, David Tengblad, Emanuela Vurro, Marine Sanchez Egasse, Angelo Minacori.
Opernchor des Theaters Osnabrück, Osnabrücker Symphonieorchester und Band.
Premiere am 30. Mai 2025
Dauer: rund eine Stunde

Baracke 35
von Demjan Duran
Regie: Demjan Duran, Musik: Horațiu Șerbănescu, Bühne und Kostüme: Rosanna König, Dramaturgie: Tanja Spinger.
Mit: Saba Baghaei, Annika Gerber, Sonja Giesecke, Hans-Christian Hegewald, Oliver Meskendahl, Nientje Schwabe, Emil Schwarz, Monika Vivell, Teodora Dabić, Inga Deck, Dagmar Dethlefsen, Minoo Dömer, Claudia Lange, Violeta Lukovac, Estherk Nabeo, Manuela Toporowska, Detlef Vagelpohl, Alexander Wladarsch.
Premiere: 30. Mai 2025
Dauer: rund 45 Minuten

www.theater-osnabrueck.de

Kritikenrundschau

Im NDR (1.6.2025) berichtet Lena Bathge über das Spieltriebe-Festival.

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