Der Beat der bösen Zeiten

13. Oktober 2024. Vom Jungen, der nicht wachsen will: Christian Schlüter zeigt Günter Grass' Jahrhundertroman "Die Blechtrommel": Vorkriegsjahre, Nazizeit und bundesdeutsche Nachkriegsmoderene, mit garstigen Kinderaugen angeschaut. Bestes Schauspielerfutter für Rollen- und Perspektivwechsel.

Von Tim Schomacker

Christian Schlüter zeigt Günter Grass' "Die Blechtrommel" in Osnabrück © Joseph Ruben

12. Oktober 2024. Was für ein unfassbar hässlicher Zigarettenanzünder. Pferdekopfförmig, dem Augenschein nach gute zwei Kilo schwer, in der Hand vermutlich weniger. In erster Linie, klar, soll das schreckliche Ding nicht Zigaretten entzünden, sondern innere Bilder. Und gemeinsam mit Sofa, Tischchen oder Glaskaraffe eine Vorstellung der späten 1950er Jahre evozieren. Mithin den Geburtsjahrgang des Romans "Die Blechtrommel" von Günter Grass, der heuer (der Roman) ins Rentenalter eintritt. Und auch in die Jahre gekommen ist?

Die Herstellung des Oskar Matzerath

Es beginnt mit einer Begrüßungsszene. Sechs Leute streben auf einem Streifen Fünfziger auf der vorderen Bühne aufeinander zu. Man scheint verabredet, mit Ziel, aber nicht unbedingt gut bekannt. Sehr sicht-, dabei aber unhörbar werden Hände geschüttelt, Umarmungen angedeutet, freundliche Worte ausgetauscht. Eine Variation pilzkopfartiger Frisuren.

Dann erst betritt Nummer Sieben das Geschehen. Älter, melierter, magnetischer. Der Rest der Gesellschaft richtet sich auf ihn und an ihm aus. Er sitzt, entnimmt seiner braunen, schmalen Aktentasche eine Mappe mit dem notorischen Abbild der ersten Luchterhand-Auflage des Romans. Ronald Funke beginnt zu lesen. Die anderen stimmen ein, stimmen zu, spielen an, überstimmen einander gelegentlich, probieren Figuren an wie Garderoben – es entspinnt sich, aus sich, der Roman. Selbstgeburt. Als Text. Höhe der Zeit, damals. Fröhlich-kunstvoll dargeboten, heute.

DIE BLECHTROMMEL 0288 JosephRubenMaking of: Oskar Mazerath (Stefan Haschke) wird als Blechtrommler installiert © Joseph Ruben

Osnabrücks Schauspieldirektor Christian Schlüter findet für seine "Blechtrommel"-Verbühnung einen eleganten Weg, die interessanten Nahtstellen von Grass' Roman unter die Lupe zu nehmen. Eine ungemein lebhafte Erinnerung vor allem an die Vorkriegszeit drückt und drängt wie von innen an die Erzählsituation der 50er, in der Nachkriegsmoderne. Das Buch droht dauernd aus sich selbst heraus zu bersten irgendwie.

Die zunächst noch namenlosen Figuren nehmen sich auf der Bühne immer wieder den Erzählstrang weg. Wollen sich überholen, übertrumpfen. Das illustriert das Vorandrängen des Buches. In einer schönen Szene wird Stefan Haschke im Verbund zum Dreijährigen, zur Hauptfigur Oskar Matzerath, zum nicht weiter wachsen wollenden Blechtrommler. Er wird vom Kollektiv fabriziert, hergestellt. Wie eine gliedmaßenverzackte indische Kollektivgöttin dirigieren alle gemeinsam Haschkes Arme, befüllen seine Hände mit Stöcken und führen diese in gemeinsamer Zeitlupe Oskars blecherner Trommel zu. Geschichte wird gemacht. Und Geschichten eben auch.

Unterm Rock

Die geradlinige Bühne von Anke Grot hilft, dass wir diesen Umstand nie vergessen. Hinter dem schmalen Querstreifen 1950er sowie einer podestartig erhöhten Spielfläche ragt ein gigantischer Bilderrahmen aus einfachem aber geschniegeltem Holz Richtung Schnürboden. Nach der Pause wird noch ein weiterer, baugleicher aber etwas kleinerer weiter hinten dazu kommen. Dann ist Oskars Mutter Agnes bereits tot, der Krieg in vollem Gange, Oskar Matzeraths klein gebliebenes Leben Richtung Erwachsenenwelt bereits geöffnet.

DIE BLECHTROMMEL 0626 JosephRubenVom Jungen, der nicht wachsen will: Stefan Haschke (vorn) auf der Bühne von Anke Grot © Joseph Ruben

Doch vorher passiert noch etwas anderes. Im Bilderrahmen erstrahlt ein Reifrock. Prunkvoll ausgeleuchtet wie ein aristokratisches Objekt zwischen Samtvorhängen. Es ist der Rock, unter dem, auf dem Kartoffelacker, so erzählt der Roman, Oskars Mutter gezeugt worden sein soll. Die später ihn geboren hat, mit bleibend unklarer Vaterschaft. Und die er erinnernd wieder und wieder auf- und heimsucht. Selbst als Agnes – wunderschön lässt Cora Kneisz ihre Mutterfigur am Kartenspieltisch ausbleichen bis zur Blut- und Atemlosigkeit! – real nicht mehr ist (Kneisz schlüpft beziehungsreich sogleich in die Rolle der Maria, der ersten Geliebten und Ersatzmutter Oskars).

Nazis damals und heute auf Sylt

Gern hätte Schlüter die ultra lebendige, aber eben auch etwas starre Szenenfolgen-Logik ein wenig mehr durcheinander wirbeln können. Haftet doch dem durchaus unterhaltsamen Ganzen im Einzelfall bisweilen eine leichte Langatmigkeit an. Sehr gern auch hätten mehr choreografische Tutti aus Miyuki Shimizus Schrittmusterbogen-Schneiderei das Geschehen perforieren (oder eben gerade, sprachlos, vorantragen) können. Wie in einer ganz tollen Sequenz, die quasi aus dem Fußgelenk, leise trippelnd die ganze Nazi-Gewalttätigkeit entwickelt bis hin zum angedeuteten Brüll-Party-Techno (einziger echter Gegenwartsbezugs, Stichwort: Sylt), die mit einer Funk-Gitarre aufgelöst wird.

Das behauptet natürlich weder erschöpfende Jahrhundert-Analyse noch umfassende Gegenwarts-Diagnostik. Aber so scheint – mit mehr als dezentem Hinweis auf den häufig fehlenden Hüftschwung – tatsächlich unvermutet etwas Alltagsbrauchbares auf.

 

Die Blechtrommel
nach Günter Grass
In einer Fassung von Christian Schlüter und Kundry Reif
Unter Verwendung der Fassung von Armin Petras
Regie: Christian Schlüter, Bühne; Kostüme: Anke Grot, Choreografie: Miyuki Shimizu, Musik: Radek Fedyk, Dramaturgie: Kundry Reif.
Mit: Ronald Funke, Stefan Haschke, Hans-Christian Hegewald, Sascha Maria Icks, Cora Kneisz, Oliver Meskendahl, Nientje C. Schwabe.
Premiere am 12. Oktober 2024
Dauer: 2 Stunde 30 Minuten, eine Pause

www.theater-osnabrueck.de

Kritikenrundschau

So griffig der Abend Grass‘ auch Text in Szene setze, sehr der Abend durch die Kreativität besteche, mit denen Christian Schlüter die Erzählung bebildert hat: Zum Schauspiel im eigentlichen Sinn wird diese "Blechtrommel" aus Sicht von Ralf Döring in der Osnabrücker Zeitung (13.10.2024) nicht. "Denn bei aller Schauspielkunst, die Regie und Darsteller über die Rampe bringen, schafft es die Adaption nicht, den Roman in eine Dialogform zu überführen. Der Erzähler wird zum eigentlichen Hauptakteur und weil diese Rolle jeder einnimmt, wird jeder ein Stück Oskar – in einem Stück, das mehr einer szenischen Lesung gleicht als echtem Schauspiel. Und darin zeigt sich, dass es nach 1945 sehr wohl und sehr früh möglich war, in einem Roman die deutsche Kollektivschuld am tausendjährigen Reich zu thematisieren, dass sich der Roman aber als sehr störrig erweist, wenn er auf die Theaterbühne soll."

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