Familienleben im Gespensterhaus

6. April 2025. Auf eine Reise durch die Historie Kroatiens von 1945 bis heute nimmt uns Tena Štivičić in "Drei Winter" mit. Eingehängt in die Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner. Bester Stoff für großes Ensembletheater.

Von Andreas Schnell

"Drei Winter" von Tena Štivičić in der Regie von Kathrin Mayr in Osnabrück © Joseph Ruben

6. April 2025. In manchen Kulturen gibt es die Vorstellung, dass die Vorfahren mitten unter den Lebenden weilen. Wer das für Aberglauben hält, kann sich in Osnabrück eines Besseren belehren lassen. Mit dem Stück "Drei Winter" der kroatischen Dramatikerin Tena Štivičić, das Kathrin Mayr in Osnabrück auf die Bühne des Theaters am Domhof gewuppt hat.

Kroatiens untote Vergangenheit

Weil es in "Drei Winter", 2014 in London uraufgeführt und in der Übersetzung von Karen Witthuhn 2017 in Bamberg erstmals in deutscher Sprache gezeigt, eigentlich um die Geschichte Kroatiens der letzten 100 Jahre geht, muss der rund dreistündige Abend weit ausholen. "1945" ist groß auf dem Eisernen Vorhang projiziert. Ein Mann und eine Frau treten auf. Titos Partisanen haben den Krieg gewonnen, Rose Kaiser darf sich eine Wohnung aussuchen. Wer vorher darin gewohnt hat? Keine Fragen, bedeutet ihr der Mann. Rose entscheidet sich für das Haus in Zagreb, in dem bis vor Kurzem die Familie eines adligen Nazi-Sympathisanten wohnte – und Roses Mutter. Als Dienstmädchen. In diesem Haus spiegelt sich die Geschichte, bricht herein, bringt die Verhältnisse zum Tanzen und zum Kollabieren.

Drei Winter 02 1200 Joseph Ruben uKonfliktreiches Kroatien: Amaru Albancando und Rebekka Biener spielen auf der Bühne von Hannah Petersen © Joseph Ruben

Drei historische Wendepunkte sind es, an denen Štivičić die Familiensage festmacht. 1945 eben, 1990, als Jugoslawien je nach Standpunkt zerbrach, zerbrochen wurde, sich auf einen beschwerlichen blutigen Weg in Richtung Freiheit auflöste. Und 2011, als die Beitrittsverhandlungen zwischen Kroatien und der EU formell beendet wurden. Wer schon etwas älter ist, hat die Bilder im Kopf: von den Kriegen auf dem Balkan mit insgesamt rund 100.000 Toten, vielleicht von den Nato-Bomben auf Belgrad.

Wer stand auf welcher Seite?

Wie diese Bilder, die sich in körnigem Schwarz-Weiß über die Geschichten der Menschen legen, sich im Haus von Rose in eine Familiengeschichte übersetzen, beschreibt "Drei Winter" durchaus mit Humor, der bei Mayr bisweilen in die Klamotte rutscht, aber auch mit feinem Gespür für innerfamiliäre Konflikte samt den bisweilen unvermeidlichen Gewaltausbrüchen. Gründe und Anlässe für große und klein(lich)e Gefühle gibt es massig.

Die Vergangenheit spielt dabei auf Mikro- und Makroebene immer eine Hauptrolle in dem Haus, das Hannah Petersen als durchlässiges Provisorium auf die Drehbühne gebaut hat. Unterlegt mit melancholischen Klängen, geistern die Generationen zwischen den Szenen durchs Bild, während die erweiterte Familie über Politik diskutiert, über Fragen des Eigentums am Haus, über das, was da kommen mag, darüber, wer wann auf welcher Seite stand. Vor allem nach der Pause entwickelt das einen starken emotionalen Sog.

Fesselnde Lektion in europäischer Geschichte

Die Brüchigkeit der Biografien bietet dem Ensemble dabei immer wieder Stoff für berührende, intensive Szenen. Lucija Kos (Rebekka Biener, die auch Rose spielt) ist als jüngste Tochter zugleich die Person im Gefüge, die sich am entschiedensten und pragmatischsten den neuen Verhältnissen zuwendet, während ihre Schwester Alisa (Cora Kneisz) im Patti-Smith-Look mit dem Versuch, die Geister der Vergangenheit mit dem zu bannen, was sie in London gelernt hat, scheitert. Vlado, der Vater der beiden, ist bei Thomas Kienast ein durchaus liebenswerter Macho und überzeugter Jugoslawe, der wichtige Ereignisse gern auf VHS-Kassetten festhält. Sascha Maria Icks modelliert die seelischen Wunden, aber auch die große Kraft Karolinas, Tochter des ehemaligen Hausbesitzers, plastisch heraus.

Eine manchmal etwas zu konventionell inszenierte, aber doch fesselnde Lektion in europäischer Geschichte ebenso wie ein Lehrstück in transgenerationaler Traumatisierung.

 

Drei Winter
von Tena Štivičić
Aus dem Englischen von Karin Witthuhn
Regie: Kathrin Mayr, Bühne und Kostüme: Hannah Petersen, Musik: Clemens Mädge, Video: Frederik Werth, Licht: Julian Rickert, Dramaturgie: Kundry Reif.
Mit: Cora Kneisz, Rebekka Biener, Magdalene Artelt, Thomas Kienast, Monika Vivell, Sascha Maria Icks, Stefan Haschke, Amaru Albancando, Ronald Funke, Michi Wischniowski, Nientje C. Schwabe, Hans-Christian Hegewald, Oliver Meskendahl.
Premiere am 5. April 2025
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause

www.theater-osnabrueck.de

Kritikenrundschau

"Umsichtig und mit großem Respekt vor der Textvorlage wird das fein komponierte Stück in Osnabrück auf die große Bühne gebracht – mit einer schauspielerisch beeindruckenden Ensembleleistung", schreibt Matthias Liedtke in der Neuen Osnabrücker Zeitung (7.4.2025). "Bei aller berechtigten und nachvollziehbaren Texttreue bleibt allerdings zu fragen, ob es nicht vielleicht sogar in genau dessen Sinne gewesen wäre, eine wie auch immer geartete Brücke zur Gegenwart zu schlagen. Denn schließlich wütet seit mehr als drei Jahren wieder ein Krieg mitten in Europa."

 

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