Das große Heft - Deutsches Schauspielhaus Hamburg
Rettender Feuersturm
16. November 2025. Ágota Kristóf beschreibt in ihrem Roman "Das große Heft", wie sich Kinder unempfindlich gegen das Grauen des Krieges machen. Karin Henkel inszeniert den Stoff in Hamburg zunächst ebenso unempfindlich – und wechselt mittendrin plötzlich den Zugriff.
Von Falk Schreiber
"Das große Heft" von Ágota Kristóf (Regie: Karin Henkel) am Schauspielhaus Hamburg © Lalo Jodlbauer
16. November 2025. "Wir weinen nicht", rufen die Zwillinge, "es tut nicht weh!" Sie rufen das, kurz nachdem ihre Mutter und ihre Halbschwester von einer Granate zerfetzt wurden. Die Zwillinge haben sich unempfindlich gemacht, durch ein Training, das auf körperlicher Abhärtung und auf emotionaler Verhärtung fußt, ein selbst erdachtes Training, um den Krieg zu überstehen.
Und es herrscht Krieg, in Ágota Kristófs 1986 erschienenem Roman "Das große Heft". Die Großstadt ist ausgebombt, die Zwillinge werden aufs Land zur Großmutter geschickt, wo sie mehr oder weniger auf sich allein gestellt sind. Die Großmutter ist im Dorf als Hexe verschrieen und begegnet den Kindern mit feindseliger Gleichgültigkeit. Es gibt sporadischen Kontakt zur halbverrückten Nachbarin und deren Tochter "Hasenscharte", außerdem zum Pfarrer, den die Zwillinge als Vergewaltiger Hasenschartes erpressen und dessen Haushälterin sie wiederum sexuell missbraucht, die Kampfhandlungen sind nie weit weg, nach einer Weile fallen marodierende Soldaten ins Dorf ein. Und die Kinder? Bauen sich ein moralisches System zusammen in einer Welt, der alle Systeme verlorengegangen sind. Sie beobachten wertfrei, und was sie beobachten, tragen sie in eine Kladde ein: "das große Heft".
Alptraumhaft leere Bühne
Kristófs Roman wird immer wieder fürs Theater adaptiert. 2018 kam Ulrich Rasches Dresdner Inszenierung zum Berliner Theatertreffen, erst vor zwei Wochen brachte Jette Steckel den Stoff in Bochum auf die Bühne, auch in Hamburg gab es vor zweieinhalb Jahren eine Bearbeitung von Alexander Klessinger in der Thalia-Nebenbühne Gaußstraße. Und jetzt hebt Karin Henkel die Geschichte auf die große Bühne des Deutschen Schauspielhauses, als dem zurückgenommenen Beobachten der Zwillinge artverwandte Übung in Distanz.
Nils Kahnwald und Kristof van Boven als Zwillinge © Lalo Jodlbauer
Nils Kahnwald und Kristof van Boven irren als Zwillingspaar über Katrin Bracks alptraumhaft leere Bühne, Julia Wieninger gibt mal die Großmutter und mal die Autorin, die die ständige Beschäftigung mit dem Abgründen nahe an die Depression führt. Zwischendurch geistert die Tänzerin Sabine Molenaar durch den Raum und performt leblose Körper, die puppengleich hin-und hergezerrt werden, Hasenscharte oder die Mutter etwa, einmal auch den Untermieter der Großmutter, einen pädophilen Offizier, der die Zwillinge auf seinen Schoß zwingt. Und über dem Geschehen hängt bedrohlich ein riesiges Objekt, teils Scheinwerfer, teils Ventilator, teils Lautsprecher, über den Wieninger schnarrend Ortsbeschreibungen, Regieanweisungen, Szenenwechsel, auch Kapitelüberschriften bellt. Alles maximal unangenehm – man versteht sofort, dass in dieser lebensfeindlichen Umgebung Überlebensstrategien entwickelt werden müssen, und man versteht auch, dass diese Strategien mit Distanz zu tun haben und mit Härte.
Plötzliche Wende
Als Theater ist das freilich kaum erträglich. Jette Steckel hat sich in Bochum dafür entschieden, Bilder zu finden für dieses Unerträgliche. Karin Henkel geht in Hamburg einen anderen Weg: Sie zeigt überhaupt nichts, bleibt über weite Strecken distanziert und lässt einen so alleine mit Kristófs Erzählung, die selbst kaum etwas offenlegt, die nicht sagt, welcher Krieg, welches Land hier beschrieben wird. Dass es der Zweite Weltkrieg ist, kann man aus der Biografie der 1935 geborenen Autorin herauslesen, auch dass man sich in Ungarn befindet, nur: Gesagt wird das eben nicht. Man bleibt so unwissend wie ein Zwillingspaar, das versteht, dass Grauenhaftes geschieht, aber nicht, was.
Zeitzeug*innen des Hamburger Feuersturms, Kristof Van Boven, Julia Wieninger © Lalo Jodlbauer
Und dann schmeißt Henkel ihr gesamtes Distanzierungskonzept um. Nach rund 90 Minuten Spieldauer macht sie alles offensichtlich, indem sie den ungenannten Krieg und die Bombardierung der Großstadt mit dem "Hamburger Feuersturm" gleichsetzt, der "Operation Gomorah" im Sommer 1943, als britische und US-amerikanische Bomber die Hansestadt unter Beschuss nahmen. Insbesondere dichtbesiedelte, elbnahe Arbeiterviertel wie Rothenburgsort und Hamm wurden zerstört, geschätzt sind 34 000 Tote und 900 000 Verletzte.
Noch gibt es Überlebende, und kurz vor der Pause betreten sieben von ihnen die Bühne, als Wendung ins Dokumentartheater. Und diese sieben Überlebenden erzählen: von Nächten im Bunker, von verkohlten Leichen auf den Straßen, von der traumatischen Erfahrung, die sie bis ins Alter verfolgt. Die jüdische Überlebende Marione Ingram stellt freilich klar, dass die Bombardierungen für sie ein Segen waren: "Operation Gomorrah saved me from Theresienstadt." Das ist berührend, es ist aber auch politisch klug, weil es Kontexte herstellt, wo ansonsten ausschließlich Einfühlung wäre.
Interessantes Knirschen
Es wird nur Kristófs Vorlage nicht gerecht, die sich doch eigentlich durch die konsequente Vermeidung von Einfühlung auszeichnet. "Das große Heft" wird in Henkels Inszenierung zu einer widersprüchlichen Erfahrung, die einerseits ganz nahe an ihre Figuren geht, andererseits aber auch den Anspruch auf maximale Distanz erhebt. Wirklich funktionieren kann dieser Widerspruch nicht, als Theater, das hier auf eine durchaus beeindruckende Weise an seine Grenzen kommt, knirscht der Abend aber nicht uninteressant.
Das große Heft
basierend auf "Le Grand Cahier" von Ágota Kristóf
Regie: Karin Henkel, Bühne: Katrin Brack, Bühnenbild Mitarbeit: Malte Knipping, Kostüme: Nina von Mechow, Sound: Arvild J. Baud, Mitarbeit Sound: Linus Nielsen, Licht: Holger Stellwag, Dramaturgie: Christian Tschirner, Maria Sophie Nübling.
Mit: Nils Kahnwald, Kristof Van Boven, Julia Wieninger, Zeitzeug*innen: Lissy Benischek, Anneliese Bischoff, Harald Hinsch, Marione Ingram, Dieter Klemenz, Christa Reimann, Walter Zadra, Tänzerin: Sabine Molenaar.
Premiere am 15. November 2025
Dauer: 2 Stunden 35 Minuten, eine Pause
www.schauspielhaus.de
Kritikenrundschau
Simon Strauß von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (17.11.2025) sah einen Abend, der sich "basierend auf Ágota Kristófs kurzem, auf den Schmerzkern reduzierten Prosatext 'Das große Heft' an den Krieg als Inbegriff des inneren Erlebens heranwagt". Regisseurin Karin Henkel "setzt der starken literarischen Stimme über den Krieg die schwächer werdenden Stimmen der Kriegserinnerung entgegen. Und doch: Kristofs Satz über einen toten Soldaten, dem 'wegen der Raben die Augen fehlen', wird einem noch eine Weile nachgehen. Aber dass da auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses einmal ein Zeuge der deutschen Untergangszeit saß und von dem verbrannten Nachbarsjungen erzählte, das wird man nie wieder vergessen."
"Sinnlich geht anders. Dieser Theaterabend am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg verweigert alles Saftige, Bunte", berichtet Peter Helling im NDR (16.11.2025). "Fiktion und Wirklichkeit: Karin Henkels Inszenierung versucht den Spagat, das gelingt leider nicht. Die Verrohung der fiktiven Zwillinge – und die Offenheit der echten Kinder von damals: Die Wahrheit übersteigt jede Fiktion, und das Theaterstück wirkt dann fast harmlos."
"Wie Kristof Van Boven und Nils Kahnwald diesen Text beleben, ist große wahrhaftige Kunst", konstatiert Annette Stiekele im Hamburger Abendblatt (17.11.2025). Die Ebene der Zeitzeugen des Hamburger Feuersturms wird etwas reservierter betrachtet: "Die Romanadaption wird durch die bezeugte Wirklichkeit des Krieges maximal beglaubigt – aber auch auf den Kopf gestellt, denn hier wird jede Distanznahme eingerissen. Das wirkt zwar uneinheitlich und das Buch wäre sowieso stark genug, verfehlt aber seine aufrüttelnde Wirkung nicht."
Ágota Kristofs "eindrückliche, knappe Beschreibung von Dilemmata als ultimative Herausforderung für die Psyche ist so etwas wie der Text zur Stunde", weiß Till Briegleb von der Süddeutschen Zeitung (17.11.2025) und interpretiert das Buch moralphilosophisch: In "diesem historisch pessimistischen Roman" von Kristof sei "die Selbsterhaltungsethik das eigentlich Erbauende. Denn diese Zwillinge wissen als Einzige, was sie tun. Egal, wie die Ungeheuerlichkeit der Verhältnisse sich nennt und verkleidet, die saubere Trennung von Schuld und Unschuld gelingt ihnen mit festen Prinzipien. Diese rettende Sturheit führt Henkels Inszenierung in aller Düsterheit als leuchtenden Pfad vor. Wer ihn betritt, muss sich allerdings auf was gefasst machen."
"Es sind erschütternde Szenen des Schreckens und der Niedertracht, die da beschworen werden", schreibt Wolfgang Höbel im Spiegel (16.11.2025) über Kristofs Stoff und wendet dann allerdings gegen die Dramaturgie der Inszenierung ein: "So einleuchtend die Idee mit den Zeitzeugenauftritten der Regisseurin und ihren Dramaturgen vorgekommen sein mag: Sie verleiht dieser Aufführung mehr den Charakter einer verdienstvollen Gedenkveranstaltung als den eines ästhetisch und erzählerisch stringenten Theaterabends."
Henkel "geht den Stoff sehr erzählerisch an", sehr "nahbar", berichtet Katrin Ullmann für "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (15.11.2025). Sie lobt Ansatz und Schauspiel, aber auch hier gibt es Einwände gegen die Berichte der Zeitzeug*innen, die zwar "ergreifend" seien, "aber ganz ehrlich: Ich hätte diese Kontextualisierung und diese Berichte nicht wirklich gebraucht, sie wirken wie ein merkwürdiges Add-on, wie ein eigenes Dokumentartheaterstück." Auch mischte sich hier ein "komischer Beigeschmack" rein, weil es "Opfergeschichten aus einem Täterland" sind und die "symbolische Kraft" des Romans gehe dadurch "verloren".
mehr nachtkritiken
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne





neueste kommentare >