Der rettende Staubsauger

11. November 2024. Einen Moment, in dem nichts mehr möglich, aber auch nichts mehr unmöglich scheint, beschreibt "Der eigene Tod", ein 2002 entstandener Text des ungarischen Schriftstellers Péter Nádas. Dessen Landsmann András Dömötör hat ihn nun auf die Bühne gebracht und beschwört das Theater als Denkraum.

Von Michael Laages

"Der eigene Tod" am Schauspielhaus Hamburg © Maris Eufinger

11. November 2024. Überlebt hat er, obwohl er schon jenseits der Grenze war. Ärztinnen und Ärzte waren schnell, sie haben ihn zurückgeholt. Der elektrische Schock hat eine Wunde hinterlassen, die brennt und schmerzt. Und er braucht eine Weile, bis er zu fragen wagt, ob er tatsächlich "drüben" gewesen ist, auf der anderen Seite, im Reich der Toten; ob das, was "Leben" war für ihn, tatsächlich schon zu Ende war für ein paar Augenblicke. Er muss sich vergewissern – und die Konsequenz ist herausfordernd im Wissen um das gewesene wie das neue Selbst: Was ist das Leben noch wert, wenn es doch schon verloren war?

Drei Herren in OP-Hemden

An sich ist "Der eigene Tod" ja kein Text, der das Theater zwingend braucht – er erforscht mit unbegrenzter Neugier das eigene Ich des Erzählers in der Rück- wie der Vorausschau, im Strom der Gedanken. András Dömötör, der vielbeschäftigte Regisseur, hat ja am Deutschen Theater in Berlin gerade "Das Dinner" des niederländischen Autors Hermann Koch zur Uraufführung gebracht und wahrscheinlich parallel den Text von Péter Nádas geprobt im faszinierenden Rätselraum, den der Malersaal im Hamburger Schauspielhaus derzeit darstellt. "Realische 0 oder Die Aufarbeitung der Zukunft" – so lautet das etwas kryptische Motto der Installation, die die Künstlerin Julia Oschatz in den Malersaal gebaut hat; für viele Projekte, als "Möglichkeitsraum für das Unmögliche" sowie als durchweg schwarzweiß strukturierte Sammlung von Materialien aus dem Fundus des Theaters. 

DereigeneTod 4 1200 MarisEufingerJan Thümer, Markus John, Matti Krause im Raum von Julia Oschatz © Maris Eufinger

Markus John, Matti Krause und Jan Thümer stehen hier und ähneln einander sehr, über die weiße Hose hinab bis zur Farbe von Schuhen (braun) und Socken (orangerot); und sie scheinen ein normales weißes Hemd zu tragen. Stimmt nicht – tatsächlich sind die drei Männer offenkundig im Krankenhaus und in intensivster Behandlung; Kostümbildnerin Jana Sophia Schweers zeigt das immer dann, wenn die drei Herren uns den Rücken zukehren. Die Hemden sind offen und hinten nur geschnürt, wie es üblich ist, wenn Operationen oder ähnlich intensive medizinische Behandlungen bevorstehen. Und gleich nach der sinnfälligen Pointe zur Eröffnung (wenn die drei in den Raum treten, als sei alles schon vorbei, die Vorstellung gerade zu Ende und sie nähmen den Schlussbeifall entgegen!) liegen sie alle schon mal zur Probe wie auf Operationstisch oder Totenbahre; immer kümmern sich zwei um den Dritten, heben leicht dessen Kopf, damit er es bequemer hat, und betrachten ihn mit Sorge. Das mögliche Verschwinden, das Sterben bleibt immer präsent.

Gedankenraum ohne Grenzen

So läuft die Inszenierung 80 Minuten lang ständig in paralleler Bewegung – einerseits ist die Sprache immer unterwegs, enorm phantasie- und gedankenreich philosophierend über vorletzte und letzte Dinge; hin und her driftet sie, hinauf und hinab in unaufhaltsamem Strom, nicht leicht zu fassen, aber sehr intensiv erlebbar im Kampf um die Beschreibung des Unbeschreiblichen; andererseits erforscht das Trio der Spieler unablässig den Raum, in dem sich "Leben" ereignet – was das war, was es sein wird, was es sein könnte. Der Gedankenraum in Nádas' Text kennt keine Grenzen.

DerEigeneTod3 1200 MarisEufingerSterben, Denken, Wiederauferstehen © Maris Eufinger

Bewegliche Gerüste können derweil auf der Bühne miteinander verzahnt werden, die drei Spieler sitzen wie in kleinen Zimmern in der fundusartigen Raum-Struktur von Julia Oschatz, sie können aber auch in aufklappbaren Vertiefungen liegen, die sehr entfernt schon die Grabkammer erahnen lassen. Und irgendwann sind die drei schon fast verschwunden – hocken in luftiger Höhe im Gerüst des Lebens, während der Blick des Publikums auf einer leeren, hochgeklappten Fläche ruht, als wäre es ein Grabstein.

Rätselhafter Alltag

Zugegeben: ein sehr abstrakter Grabstein. Aber das Maß an Abstraktion ist generell sehr hoch in dieser hochkomplexen Inszenierung. Entsprechend ist das Spiel – John, Krause und Thümer markieren in feinen Abstufungen das dreigeteilte Ich. Und wenn sie kurz vor Schluss zu dritt den Staubsauger in Bewegung setzen, als Zeichen für den wiedergewonnenen, aber nun umso rätselhafteren, womöglich noch weniger sinnvollen Alltag, sind die realen Verhältnisse quasi umgekehrt. Das Haushaltsgerät ist echt; aber sind die Überlebenden es noch?

Dramatisch ist hier praktisch nichts – mit dem furiosen Nádas-Text bewährt sich das Theater aber einmal mehr als Denkraum pur. Das ist anstrengend, lohnt aber die Mühe.

Der eigene Tod
von Péter Nádas
Deutsch von Heinrich Eisterer
Regie: András Dömötör, Bühne:Julia Oschatz, Kostüme: Jana Sophia Schweers, Licht: Björn Salzer, Dramaturgie: Ralf Fiedler.
Mit:Markus John, Matti Krause, Jan Thümer.
Premiere am 10. November 2024
Dauer: 1 Stunde und 20 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

Mit seinem konzentrierten, gefassten Abend komme András Dömötör der Unaufgeregtheit von Péter Nádas' dichtem Monologtext "ungemein nah", schreibt Maike Schiller im Hamburger Abendblatt (12.11.2024). "Wie der Sterbende sich 'außerhalb seiner selbst' empfindet und zugleich eine vollkommene Innerlichkeit erreicht, transportieren die drei Nádas-Figuren staunend und präzise." Julia Oschatz' düstere Kulisse werde dabei zur "philosophischen Zwischenwelt", in der das Bewusstsein des Sterbenden in einen "unablässigen Rede- und Bewegungsstrom" übersetzt werde.

"Körperlich beredt" verliehen die Schauspieler Nádas' Gefühlen und "den Stationen des Leidens" Ausdruck, so ein*e nicht genannte*r Autor*in bei Welt online (11.11.2024). Julia Oschatz' Multifunktionsbühne erweise sich mit ihren fahrbaren Bühnenelementen und Requisiten als für diesen abstrakten Abend höchst geeignet: Das Sterben durchlebten die Schauspieler "im Spiel über Gerüste und Podeste oder beim Umgang mit einem unhandlichen schwarzen Brett in der Größe einer Zimmertür, einer Tafel als Tabula rasa". Dieses Brett können "plötzlich umkippen, auf jemandem lasten, über jemandem schweben, im Weg sein, kann Wiege sein oder Krankenhausbett und Sargdeckel". Nádas' Essay wirke in Dömötörs Inszenerung "wie ein erhellender Albtraum, eine Reise an den Mittelpunkt des Ichs".

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