Shotgun Wedding - Kampnagel Hamburg
Drum prüfe, wer sich spontan bindet
12. Juni 2025. Hochzeiten sind die größte Bühne des privaten Lebens – mit theaterreifen Show-Einlagen und genau getakteten Abläufen. "Pleasure Aktivistin" Sibylle Peters und ihr Team laden das Publikum auf Kampnagel nun zu einer Massentrauung. Stilecht mit Rausch und Ring!
Von Katrin Ullmann
"Shotgun Wedding" auf Kampnagel in Hamburg © Margaux Weiß
12. Juni 2025. Im Theater gewesen und Esel gefüttert! Im Theater gewesen und geheiratet! Im Theater gewesen und Kava-Kava getrunken! Andere fahren dafür in den Tierpark, fliegen nach Las Vegas oder reisen für einen "Shot of Joy" bis nach New York. Zurzeit muss man für all das zusammen nur bis Hamburg Barmbek, genauer nach Kampnagel und zu "Shotgun Wedding".
In der jüngsten Performance von Sibylle Peters und Team geht es um den (un)heiligen Pakt der Ehe und ein bisschen auch um Shakespeares "Sommernachtstraum". Letzterer, genauer gesagt, die übergriffigen patriarchalen Strukturen und Zwangsehen darin, sind der lose Anlass für diese Performance. Dass die Zuschauer*innen in der Performance selbst bald die Protagonist*innen sind, ist Teil des Spiels. Statt einer Zwangsverehelichung werden diese allerdings per Losverfahren verbandelt, werden bald zu den Gästen ihrer eigenen Hochzeitsgesellschaft. Daran kommt an diesem Abend keine "runaway bride" vorbei.
Tischgemeinschaft über den Abend hinaus
In einem weiß dekorierten Hochzeitssaal (Bühne: Matthias Anton) werde ich also zu Milla und Isa an einen Tisch gelost, werde mich im Laufe des Abends – zwischen scharfem Ingwerschnaps und sparsam bestückten Süßigkeiten-Etagèren – mit ihnen auf eine Gefährtinnengemeinschaft und ein commitment einigen, das uns auch nach dieser Performance verbinden wird. Angeleitet werden wir von einer Tischdame aus dem Team der "feministischen Matchmaker*innen". Mit ihren Toasts auf die Liebe, die Freundschaft und auf das metaphorische Glück zusammenpassender Sockenpaare, werden diese immer wieder unser erstes zartes Kennenlernen durchkreuzen, uns bald zur Verlobung animieren und uns später mit Henna einen einenden Ring über unsere Finger malen.
Zwischenstopp im Zauberwald
Vieles ist wie bei einer echten Hochzeit, die ständigen Unterbrechungen, die ausschweifenden Reden, das Essen, das nicht kommt, und die kitschige Musik, die motivisch um die Liebe kreist. Doch irgendwann haben wir unser Dreier-Abkommen dingfest gemacht. Wir haben uns ein weißes Kleid, ein "runaway dress", und ein Hochzeitsritual ausgesucht und haben leider unter den acht Optionen – von Cake-Wedding- über Flying-Bed- bis Las Vegas-Package – mit dem Doing-the-Dishes-Package die sicherlich unromatischste Form gewählt. Doch viel Zeit haben wir nicht, unsere Hochzeit soll schließlich noch am selben Abend stattfinden.
Bewohner*innen des Zauberwalds: Esel und Feenkönigin Titania © Katrin Ullmann
Und davor geht's noch in den Zauberwald, draußen hinter den Kampnagel-Hallen. Dort gibt es dann Lametta, Glitzer und inszeniertes Chaos. Dort kann man jede Menge Zaubergetränke (mit und ohne Alkohol) zu sich nehmen, die nächstbeste Person, durch Frischhaltefolie hindurch küssen. Man kann auch in einem Hot Tub baden gehen, kann zu "Nights in White Satin" tanzen oder nach Süßigkeiten schnappen. Man kann aber auch einfach nur amüsiert rumstehen, rauchen oder eben jene zwei Esel mit Möhren füttern, die Charlotte Pfeiffer als Spielpartner dienen, wenn sie hinterm Gatterzaun sehnsuchtsvoll die Feenkönigin Titania performt, die sich – hier kommt kurz mal wieder Shakespeare – in einen Esel verliebt.
Am Patriarchat gekratzt
"Theater will immer berühren, ohne wirklich zu berühren", hat Sibylle Peters in einem Interview gesagt und diese Antinomie mit ihrer Arbeit selbst entkräftet: 2020, kurz vor dem ersten Lockdown eröffnete sie mit "Queens. Der Heteraclub", in Hamburg St. Pauli einen temporären Nachtclub für weiblich-heterosexuelles Begehren. 2024 zeigte sie während des Kampnagel Sommerfestivals mit "Touching You" ein im Wortsinn sehr nahbares Follow-Up.
"Pleasure Activism" nennt die Theatermacherin und Kulturwissenschaftlerin ihre Theaterform und verweist gern auf eine Umfrage, der zufolge sich 70 Prozent der Menschen in Deutschland in ihrem Leben nach mehr Berührung sehnen. Mit ihrem Ansatz schafft Peters eine spezielle, und, wenn man sich drauf einlässt, auch sehr charmante Art von immersiven Theater. Ein Theater, das vor allem Gemeinschaft und Nähe schafft und nur ein bisschen am Patriarchat kratzt. Und das an diesem "Shotgun Wedding"-Abend ein ausuferndes, gemeinsames (Hochzeits)fest feiert und damit im Grunde nicht weniger als die Liebe. Mit Rauschpfeffer, Möhren und echten Eseln, mit Zufallsgemeinschaften, beseelten Zuschauer*innen und Brautkleidern in Weiß.
Shotgun Wedding
von Sibylle Peters mit Ansuman Biswas, Negar Foroughanfar, Eidglas Xavier und dem Heteraclub-Team
Performance: Ansuman Biswas, Negar Foroughanfar, Nina Klöckner, Nils Löfke, Simon Mantei, Sibylle Peters, Charlotte Pfeifer, Maik Reif, Michael von Schönberg, Maike Tödter, Eidglas Xavier, Migrantpolitan Team. Produktionsleitung: ehrliche arbeit - freies Kulturbüro, Kostüm: Katharina Duve, Chantal Börner, Assistenz: Linda Lou Dierich-Matzke, Bühnenbild: Matthias Anton, Dramaturgie: Charlotte Pfeifer, Musik: Ansuman Biswas und Sarife Afonso, Outside-Eye: Esther Pilkington.
Premiere 11. Juni 2025
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, keine Pause
kampnagel.de
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