Alles, was wir nicht erinnern - Thalia Theater Hamburg
Konsequente Menschlichkeit
30. November 2024. Gernot Grünewald erzählt in seinem Recherchestück von Vertreibung, Flucht und wirkmächtigen Traumata. Und findet dabei einen Ausweg aus der Sackgasse der politischen Didaktik.
Von Falk Schreiber
"Alles, was wir nicht erinnern" von Gernot Grünewald am Thalia Theater Hamburg © Armin Smailovic
30. November 2024. "Wir müssen lernen, aneinander zu denken", lauten die letzten Worte in Gernot Grünewalds "Alles, was wir nicht erinnern" an der Hamburger Thalia-Nebenspielstätte Gaußstraße. Ein Zitat, ursprünglich vom Pfarrer des polnischen Rózyna, der sich dafür einsetzt, die Grabsteine der vormaligen deutschen Bewohner*innen zu restaurieren, die 1945 aus dem damaligen Rosenthal vertrieben wurden und deren Gräber unkenntlich gemacht wurden. Und vielleicht ist dieser Satz die Quintessenz des Stücks: dass es einen Safe Space braucht, an dem man nicht an Politik denkt, nicht an Geschichte, auch nicht an Schuld und Vergeltung, sondern an dem man empathisch ist. An dem man aneinander denkt.
Familiengeschichte als Stellungsspiel
Basis des Recherchestücks ist ein Buch der deutschen Journalistin Christiane Hoffmann, die im Jahr 2020 die Flucht ihres 1945 neunjährigen Vaters nachstellte: als 550 Kilometer langen Fußmarsch aus Niederschlesien Richtung Westen, mit dem Hamburger Vorort Wedel als ungeplantem Ziel. Und wahrscheinlich wollte Grünewald diesen Bericht als Migrationserzählung auf die Bühne bringen, in der für seine Hamburger Arbeiten typischen Mischung aus Recherche und Postdramatik.
Zu Beginn lappt der Abend denn auch in die Didaktik, von der dieses Theater nie ganz frei ist: Oda Thormeyer wendet sich ans Publikum und bittet, dass die Zuschauer aufstehen sollen, die selbst eine Fluchterfahrung haben (drei), dann diejenigen, deren Eltern geflohen sind (einige) und schließlich diejenigen, von deren Großeltern eine Flucht bekannt ist (ziemlich viele). Schon hat man was gelernt, und noch mehr lernt man, als Thormeyer das Gedankenspiel weiterführt: Man könnte jetzt auch anweisen, dass diejenigen, die rechts im Saal sitzen, auf den Hof gehen und sich dort irgendwo unterstellen, während diejenigen links sich nach rechts begeben, um die nun freien Plätze zu besetzen. Wieder was gelernt, und zwar über die Westverschiebung Polens, die nach dem Zweiten Weltkrieg einen massiven Bevölkerungsaustausch zur Folge hatte.
Verdrängung als Überlebensstrategie
Das ist ganz raffiniert gemacht, aber irgendwann scheint Grünewald aufgegangen zu sein, dass die Westverschiebung Polens gar nicht das zentrale Thema von "Alles, was wir nicht erinnern" ist. Viel wichtiger ist nämlich das, was dahinter liegt. Die Trauer, die nicht ausgesprochen wird. Der Verlust. Das Trauma. Der Vater wird als jemand beschrieben, der keine Worte für das findet, was ihm passiert ist, der aber auch keinen Revanchismus betreibt – da will jemand keine Vergeltung, da will jemand gar nicht daran denken, was los war (und dass solch eine Verdrängung des Geschehenen nicht gesund ist, weiß man eigentlich seit Freud).
Familie mit traumatischem Erbe: Anna Maria Köllner, Elisabeth Kalina, Mona Pehle, Oda Thormeyer, Jasper Radtke, Rolf Bach, Tim Porath, Sandra Flubacher (v.l.) © Armin Smailovic
Die Vertriebenenverbände sind kein Thema in der Familie, ab den 1980ern wird regelmäßig nach Rózyna gefahren, das Verhältnis zu den neuen Bewohner*innen des Dorfes ist distanziert, aber freundlich. Statt einer politischen Analyse gräbt der Abend tief in die Psyche schwer verstörter Menschen, so wie zuletzt auch Falk Richter in "The Silence", und über die Videowände flimmern triste Bilder von vernebelten Landstraßen (Video: Jonas Plümke, Rasmus Rienecker).
Offenlegung aller Mittel
Das macht den Abend zum konventionelleren Theater als man es von Grünewald gewohnt ist, mit Konversationsszenen am Küchentisch, mit Tim Porath, der immer wieder sein komödiantisches Talent andeuten darf. Gleichzeitig scheint die Regie aber dieser Konvention teilweise zu misstrauen – dann stellt sie die Gemachtheit ihrer Bilder aus, macht deutlich, dass Sandra Flubacher per Livekamera Images produziert, die eben Theater sind und keine Realität, und, ja, bei abgegriffenen Fluchtmotiven wie denjenigen von gesichtslosen Menschen in schweren Mänteln und mit altertümlichen Koffern ist solch ein Offenlegen der Mittel nur ehrlich.
Dass auch die Atemlosigkeit der Darsteller*innen auf ihrem Marsch nicht gespielt ist, sondern echt, weil auf Michael Köpkes Bühne Laufbänder rotieren, ist dann vielleicht das kleine bisschen Theaterentzauberung, das es nicht unbedingt gebraucht hätte. Aber egal. Grünewald schafft mit "Alles, was wir nicht erinnern" einen Ausweg aus der Sackgasse der politischen Didaktik, und der heißt konsequente Menschlichkeit. Was vielleicht gar nicht verkehrt ist, angesichts der Verhärtungen, die den politischen Diskurs zunehmend prägen.
Alles, was wir nicht erinnern
Ein Projekt von Gernot Grünewald und Jarosław Murawski nach dem Buch von Christiane Hoffmann
Regie: Gernot Grünewald, Bühne: Michael Köpke, Kostüme: Katharina Arkit, Musik: Daniel Sapir, Video: Jonas Plümke, Rasmus Rienecker, Dramaturgie: Susanne Meister
Mit: Sandra Flubacher, Tim Porath, Oda Thormeyer, Anna Maria Köllner sowie (alternierend) Rolf Bach / Marek Kandel, Elisabeth Kalina / Viola Krizak sowie die Kinder (alternierend) Linda Kuric / Mona Pehle, Jari Lohmeier / Jasper Radtke / Joon Staschen
Uraufführung am 29. November 2024
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
www.thalia-theater.de
Kritikenrundschau
"Schmerzhaft konkrete Momente" durchlebte Peter Helling vom NDR (30.11.2024). Das Thema werde behutsam behandelt an einem Abend, der gleichwohl unter die Haut gehe.
Der eindrucksvolle Text und der "insbesondere in seiner Empathie schlüssige Abend" erzähle über ein Europa, "von dem wir bis vor Kurzem fast vergessen hatten, wie fragil es war und wie brüchig es offenbar noch immer ist", schreibt Maike Schiller vom Hamburger Abendblatt (€) (3.12.2024).
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