Asche - Thalia Theater Hamburg
Bekümmernis deluxe
13. Januar 2025. Artisten unterm Theaterdach, traurig: Zum ersten Mal hat Jette Steckel ein Stück von Elfriede Jelinek inszeniert; an kleiner Spielstätte, aber mit großer Unterstützung von Kinderzirkus und Mahler-Liedern. Ein Abend über Verluste aller Art.
Von Katrin Ullmann
"Asche" von Elfriede Jelinek in der Regie von Jette Steckel am Thalia Theater Hamburg © Armin Smailovic
13. Januar 2024. Vielleicht sind sie Feuer, Erde, Wasser und Luft. Franziska Hartmann, Björn Meyer, Barbara Nüsse und Jirka Zett. Vielleicht auch sind diese vier tollen Schauspieler*innen die letzten Menschen auf der Erde. Vielleicht aber sind sie Gaukler*innen, fahrendes Volk. Dies zumindest erzählen die Kostüme von Hanna Krümpfer. Mittelalterlich muten sie an, später tragen die Darsteller*innen allesamt schlichte, schwarze Dreieckskappen. Gerade so, als gehörten sie alle zu einer großen Zirkusfamilie. Und auch die Bühne von Florian Lösche gleicht einer runden, mit Kunstrasen bestückten Arena. Drum herum platziert Jette Steckel das Publikum und lässt das Bühnenrund stetig kreisen. Clever behauptet sie im Thalia in der Gaußstraße eine Drehbühne. Dort, wo keine ist.
Großes an kleiner Stätte
Auf der kleinen Bühne des Hamburger Theaters hat Steckel zuletzt vor gefühlten 100 Jahren inszeniert. Genauer 2011. Längst arbeitet die vielfach ausgezeichnete Regisseurin hier – und an anderen großen Theatern – auf der großen Bühne. Längst füllt sie diese mit starken Bildern, raumgreifenden Choreografien und selbstbewussten Setzungen. Mit Elfriede Jelinek kehrt die Hausregisseurin an die Gaußstraße zurück. Und, das ist mit das Schönste an diesem Abend, Steckel tut dabei keine Sekunde lang so, als wäre dieser Raum die kleine, nur 200 Zuschauer*innen fassende Nebenspielstätte des Hauses. Wie zum Trotz gibt es neben den genannten Spieler*innen und der Drehbühne, jede Menge Licht, Nebel und mit Matthias Jakisic einen großartigen Live-Musiker. Sowie sieben jugendliche Artist*innen vom Zirkus Zartinka.
Fast schwerelos: Franziska Hartmann (links) und eine Artistin vom Kinderzirkus Zartinka © Armin Smailovic
Außerdem regnet es Asche in Bild und Text. Vielfach wird dieser Jelinek-Text, der dritte Teil nach "Sonne / Luft", als deren persönlichster bezeichnet. Erzählt er doch vom Verlust des geliebten Gefährten, von Trauer, Angst und Einsamkeit, vom Tod und vom eigenen wie allgemeinen Zerfall. "Wenn ich meinen traurigen Tag hab, geh ich in mein Kämmerlein, mach die Tür auf und falle ins Nichts, weil man an den Tod nichts anstückeln kann", heißt es darin zum Beispiel. Oder: "Er fehlt mir, ich hab ein glühend Messer in meiner Brust, keiner zieht es mir raus, weil sonst an dieser Stelle ein Loch bliebe zum Durchschauen." Aber er erzählt auch vom ewigen Kreislauf, von Schöpfung und Zerstörung. Leitmotivisch kommen darin regelmäßig Gustav Mahlers "Lieder eines fahrenden Gesellen" um die Ecke; die sind wirklich zum Heulen schön.
Trauer in jeder Ritze
In ihren schönsten, weil ruhigsten und dunkelsten Szenen, breitet sich auch in Steckels Inszenierung eine unfassbare Traurigkeit aus. Unaufhaltsam wie der Bühnennebel kriecht diese dann in jede Ritzes des Theaterraums. Umhüllt schwer die Spieler*innen und deren nachklingenden Worte. Legt sich mutwillig in die stillen Pausen und ins tief stehende, kalte Licht. Dann entsteht mit langen Schatten ein wüstes Waste Land, zu dem Jakisic schwer und rau eines der Mahler-Lieder anstimmt, und zwar so, als wäre es ein Song von Nick Cave. Auch etwa wenn Barbara Nüsse später im Text stolz und verwirrt über die Heide irrt, wenn sie sich gegenüber ihren drei Mitspieler*innen als verlorene Alte so lange trotzig und stur verteidigt, bis diese sie schließlich auf ihre Schultern heben. Und minutenlang, stumm aufgebahrt tragen. Dann hält der Abend inne. Dann gerinnt die Zeit. Voll Traurigkeit.
Würfelspiel des Lebens
Weite Strecken aber wandern und tänzeln die vier Spieler*innen recht munter über die Drehscheibe, diskutieren und befragen Jelineks Textkaskaden, die Steckel recht eindeutig bebildert. Da thematisieren die Schauspieler*innen etwa das "beinharte Würfelspiel des wirklichen Lebens", als sich kurz darauf ein Würfelgestänge vom Bühnenhimmel absenkt. Da fassen sie sich an den Händen, wenn sie von der "Hand, die doch auch an jemandem hängt" sprechen.
Trauerzug: Björn Meyer, Jirka Zett, Franziska Hartmann sowie Barbara Nüsse (liegend) © Armin Smailovic
Und wenn die sieben Kinderzirkus-Artist*innen, oder drei oder vier von ihnen, auftreten, wenn diese gekonnte Salti schlagen oder kopfüber im Spagat von der Decke hängen, wenn sie mit leuchtenden Reifen wirbeln, balancieren oder jonglieren. Wenn sie ein Kreuz aufstellen, eine Turnmatte rein hieven oder auch mal als verkohlte Baumkrone auftreten. Dann schafft Steckel zwar auch das ein oder andere Bild, aber eben eines ohne Anbindung oder Atmosphäre. Dann ist die Welt vor allem und warum auch immer Zirkus. Und alles Schwere wie verweht.
Asche
von Elfriede Jelinek
Regie: Jette Steckel, Bühne: Florian Lösche, Kostüme: Hanna Krümpfer, Dramaturgie: Julia Lochte, Musik: Matthias Jakisic, Leitung Zirkus Zartinka: Tobias Fiedler, Live-Musik Matthias Jakisic.
Mit: Franziska Hartmann, Björn Meyer, Barbara Nüsse, Jirka Zett sowie 8 Artist*innen vom Kinderzirkus Zartinka.
Premiere am 12. Januar 2024.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
www.thalia-theater.de
Kritikenrundschau
"Der Text ist komplex, schlägt halsbrecherische Volten, doch Jette Steckel und ihre Dramaturgin Julia Lochte haben ihren Weg gefunden, sie bündeln Themen", findet Katja Weise im NDR (13.1.2025). Der Abend schaffe eine "optische Gegenwelt" durch die Arbeit der Kinderartist*innen. "Wie hier Motive aus dem Text aufgenommen, ergänzt, teilweise umgekehrt werden, ist wunderbar."
Obwohl Steckel zunächst die Endzeitstimmung verstärke, "mit Nebel und Finsternis" einsteige, mag sie sich der "puren Schwarzseherei" doch nicht ergeben, schreibt Maike Schiller im Hamburger Abendblatt (14.1.2025). Die vier Schauspieler*innen erschienen als "Wiedergänger Beckett‘scher Charaktere, die in tragikomischer Verzweiflung dem eigenen Verfall entgegenplappern und dabei wütend feststellen, wie 'die Erde an den Rändern total ausgetreten' ist". Zwar erschließe sich nicht jede "Nummer" im Gesamtzusammenhang, "so bezaubernd und beeindruckend sie für sich genommen auch ist". Allein "illustrativ" sei die Hinzunahme der Artist*innen jedoch nicht, zeigt sich die Kritikerin angetan.
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Steckel inszenierte erstmals einen Jelinek Text, und zwar in intimer Atmosphäre der Gaußstraße auf einer Drehscheibe - einer Zirkusmanege ähnlich - da das Publikum unmittelbar um dieses Rund platziert war, wie in einem Zirkus. Diese drehende, kreisrunde Spielfläche verstärkte das Motiv des Kreislaufs von Leben und Tod, das sich leitmotivisch durch das Stück zieht.
Jelineks Text "Asche" handelt von Vergänglichkeit, Verlust und dunklen Seiten der menschlichen Natur. Sie führt mit scharfsinniger, oft provokanter Sprache durch Themen, die tief in die psychologischen und existenziellen Aspekte des Menschseins eintauchen. Die Protagonistin des Textes - in diesem Fall vier Schauspieler*innen B. Nüsse, F. Hartmann, B. Meyer, J. Zett - thematisiert den Verfall des Körpers sowie den kulturellen und moralischen Verfall. Was bleibt vom Leben, von Kultur, vom Konsumrausch? Nichts - als Asche. Wie gehen wir mit Verlusten um, wie finden wir Sinn in dieser Welt, die uns ständig zu entgleiten scheint? „Asche“ ist ein radikaler Spiegel der modernen Gesellschaft, der uns auffordert, hinzuschauen, was wir vergessen haben, was wir überdecken – und was das über uns sagt.
Steckel bricht die komplexe, düstere Thematik auf, indem sie ein zirzensisches, clowneskes Setting schafft, das mit seinen Protagonisten*innen - bei mir nicht frei von Assoziationen an Becketts Personage in „Warten auf Godot“ - eine visuell und emotional beeindruckende Inszenierung zaubert.
Da der Text zwischen tiefem Pessimismus und scharfer Ironie schwankt, bietet sich das Setting des Clownesken an, was dem Text besondere Tiefe und Vielschichtigkeit verleiht, entsprechend den „shakespearschen Narren“.
Herrlich wie Pessimismus "Es gibt keinen Ausweg, keine Erleichterung; nur die endlose Monotonie des Seins“ und Ironie "Ach, wie stolz wir doch auf unsere Errungenschaften sind, während wir gleichzeitig das Fundament unserer Existenz zerstören" aufeinanderprallen. Jelinek spielt mit Sprache verdreht Redewendungen, nutzt Doppeldeutigkeiten und provoziert mit Ironie und Zynismus und diese Stilelemente nutzt Steckel mittels ihrer clownesken Protagonisten*innen, die fantastisch, komische Bilder schaffen in dieser Tristesse, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt.
Doch Steckel hat weitere Trümpfe im Ärmel: die Musik von M. Jakisic und Gustav Mahlers "Lieder eines fahrenden Gesellen" die sich leitmotivisch durch den Abend zieht und die melancholische Atmosphäre verstärkt. In den ruhigen und dunklen Szenen breitet sich so Traurigkeit aus, die unaufhaltsam wie der Bühnennebel in jede Ritze der Manege kriecht.
Zweitens die jungen Artisten*innen des Zirkus Zartinka, die mit dynamischer Bewegung und poetischer Akrobatik die Trauer und den Nihilismus des Textes konterkarieren.
Die zirzensisch-akrobatischen Momente bringen den Körper real und konkret auf die Bühne – als Gegenbild zur Sprachflut. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen dem körperlich Sichtbaren und dem abstrakt Gedachten.
Das Zirzensische und Clowneske als Überhöhung, Inszenierung teils ohne erkennbaren Zweck außer dem Spektakel selbst, passt gut zu Jelineks medien- und gesellschaftskritischem Text, der die Selbstinszenierung von Täter*innen und das Spektakel um Gewalt und Schuld thematisiert. Die zirzensischen Szenen ironisieren diese mediale Spektakelhaftigkeit, sie verstärken Jelineks Verfahren der Verfremdung und Überzeichnung.
Diese zirzensischen Elemente erlauben es, sich scheinbar leicht und spielerisch mit schwerem Inhalt auseinanderzusetzen – und Distanz zu schaffen, damit das Publikum nicht in empathischer Passivität verharrt, sondern zum Denken animiert wird.
Nutzt sie dies auch selbstreflexiv: Theater als Manege, in dem wir Rollen spielen – Täter*innen, Zuschauer*innen, Richter*innen?
Verantwortung der Kunst, sich nicht nur darzustellen, sondern auch zu positionieren!
Ungewöhnlich an dieser Inszenierung ist der Einsatz von acht jungen Artist*innen vom Hamburger Kinderzirkus Zartinka, darunter die Tochter Frida von Jette Steckel und Hans Löw. Über weite Strecken sind ihre kunstfertigen Übungen zwar schön anzusehen, haben aber zu wenig erkennbaren Bezug zum Text und Schauspiel-Quartett. Erst im Schlussbild finden die verschiedenen Stilmittel und Erzählstränge in einer beeindruckenden Jonglage mit Leuchtkugeln beeindruckend zusammen und kommt der 100minütige Abend in der prägenden Lichtregie von Tilman Cassens zur harmonischen Ruhe.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/06/06/asche-thalia-gaussstrasse-kritik/