In Zuckerwatte gepackt

19. Oktober 2024. Ich heiße nicht Barbie, ich heiße Nora! Am Thalia Theater Hamburg schließt Emre Akal Ibsens Emanzipationsdrama mit der durch Greta Gerwigs Film feministisch aufgeladenen Popikone kurz und kommt zu einem überraschenden Schluss.

Von Falk Schreiber

"Barrrbie ein Puppenheim" von Emre Akal am Thalia Theater Hamburg © Sandra Then

19. Oktober 2024. Barbie lebt in einem Puppenheim. Irgendwie logisch, weil Barbie ja tatsächlich eine Puppe ist, eine Puppe, die seit 1959 vom US-Konzern Mattel hergestellt wird, jahrzehntelang verteufelt als Spielzeug, das jungen Menschen ein toxisches Körperbild vermittle und eine auf reinem Konsumismus basierende Weltsicht. Vor einem Jahr dann wurde Barbie von der Filmregisseurin Greta Gerwig rehabilitiert, als Widerstandsikone aus dem Geist des Camp, die trotz ihrer subversiven Grundhaltung die Lust am Kommerz nicht endgültig verloren hatte. Also: Puppenheim, in Ordnung. Dass dieses Puppenheim freilich dasjenige ist, in das Henrik Ibsen 1879 seine Emanzipationsfigur Nora gesperrt hatte, das ist eine Neuerfindung von Emre Akal für die Nebenspielstätte Gaußstraße des Hamburger Thalia Theaters.

Suggestiver Zuckerguss

"Barrrbie", wie es hier mit grimmiger Aggression heißt, ist bei Akal Nora. Und das Puppenheim, gestaltet von Lara Roßwag, ist forcierte Künstlichkeit: ein Jeff-Koons-artiger Pudel steht mehr oder weniger funktionslos auf der Bühne rum, dazu ein Plastik-Grill (als Ausweis männlich konnotierter Freizeitgestaltung) und eine Plastik-Sitzbank vor einem Häuschen, das aussieht wie von Kinderhand gebaut, Wände, Giebel, Türen, fertig. Und das "Künstlerduo Mehmet & Kazim" projiziert auf die Wände suggestiven Zuckerguss, der fett über die Fassade schlonzt. Der Einstieg in "Barrrbie ein Puppenheim" ist heftigster Antinaturalismus, man wird in eine popbunte Welt geworfen, in der sich die Figuren wie in Watte gepackt bewegen. In Zuckerwatte.

Barrrbie 2 CSandra Then uGerwig-inspirierter Anfang © Sandra Then

Das ist artifiziell und stilbewusst, allerdings nervt es zu Beginn auch gehörig, wenn ultrakünstliche Wesen entkörperlicht die Anfangssätze von Gerwigs "Barbie"-Film sprechen, minutenlang. Barbie stellt sich hier als Politikerin vor, Barbie als Bauarbeiterin, Barbie als Ärztin, Barbie als Girl, das alles sein kann – das ist ein feministisches Statement, aber es fügt Gerwig auch nicht wirklich eine neue Erkenntnis hinzu. Wer den Film kennt, kennt auch diese Volte, wer ihn nicht kennt, kann wenig mit so einer Ästhetik anfangen: Kurz beschleicht einen das Gefühl, Akal hätte sich mit dieser Camp-Aneignung vor allem eine schicke Optik gesucht für ein trendiges Sujet, allerdings ohne zu wissen, was er damit eigentlich erzählen will.

Auf einmal Ibsen

Im zweiten Teil aber erzählt der Abend plötzlich "Nora oder ein Puppenheim". Die Figuren heißen hier zwar anders als bei Henrik Ibsen, die Regie hat leichte thematische Verschiebungen vorgenommen, aber im Grunde ist Akal nach zerfasertem Beginn in eine verhältnismäßig konsistente Narration eingebogen, ohne dass man es tatsächlich gemerkt hat. Auf der Bühne stehen also Barrrbie als Wiedergängerin von Ibsens Nora (Victoria Trauttmansdorff), man lernt ihren Gatten kennen (Oliver Mallison), den Hausfreund (Julian Greis), die alte Freundin (Anna Blomeier) und den Bankangestellten (Tilo Werner), der Nora, sorry: Barrrbie, zu erpressen versucht. Gespielt wird immer noch extrem künstlich, immer noch wirken die Figuren halb wie Zombies, halb sediert, immer noch sind sie gefangen in Annika Lus mehr an Schalen als an Kleidung erinnernden Kostümen, und zwischen den Szenen quälen elektrische Spasmen ihre Körper – aber alles in allem hat sich die Inszenierung hier in einem Stoff gefunden, der ihr angemessen ist.

Barrrbie 3 CSandra Then uKalt ist es geworden im zweiten Teil © Sandra Then

Der Pop von Greta Gerwigs "Barbie"-Film jedenfalls ist weg, auch wenn die Projektionen weiterhin eine quellende Künstlichkeit auf die Bühne zaubern. Dieses Quellen ist aber kein glänzender Zuckerguss mehr, es ist pochendes, zuckendes Fleisch, und der blau glänzende Himmel des Einstiegs wurde durch Kälte und Regen ersetzt. Aber die Heldin hat mittlerweile eine Perspektive für ihre Zukunft entwickelt. "Hör’ auf, mich Barbie zu nennen", weist sie ihren Mann zurecht, als der sie mittels Kosenamen zurück in ihre dekorative Rolle bugsieren will. "Ich heiße Nora."

Konsequente Linie

Die Verwandlung von Barbie in Nora, vom künstlichen Wesen in eine verletzbare, aber am Ende selbstbewusste Frau, wird im dritten Teil offensichtlich. Ein Paar sitzt da beim Abendessen und bespricht die Trennung, er will sie noch einmal umstimmen, aber sie hat sich entschieden. Das sind keine Kunstfiguren mehr, sondern Leute wie du und ich, und die Inszenierung ist somit vollkommen in den Ibsen-Realismus eingebogen (nur die vor dem Fernseher geparkten Kinder schauen weiterhin artifiziellen Pop, während die Alten diskutieren).

Barrrbie 1 CSandra Then uScheidungspalaver am Abendbrottisch © Sandra Then

Akal hat mit dem Abend eine konsequente Linie vollzogen: von Barbie zu Nora, vom Pop zu Ibsen, vom Künstlichen zum Realismus, vielleicht auch von der Postmoderne ins klassische Drama. Die Zielstrebigkeit, mit der die Inszenierung ihre eigene Spur findet (die inhaltlich tatsächlich sehr nahe an der Ibsen-Vorlage bleibt), nötigt Respekt ab. Den subversiven Gehalt, der im Camp-Komplex "Barbie" steckt, arbeitet Akal schlussendlich überhaupt nicht aus – wahrscheinlich hat ihn das schlicht nicht interessiert. Wie er die Popästhetik übernimmt, das lässt einen dann aber schon fragen, ob der Abend womöglich doch in erster Linie die zeitgeistige Verpackung einer eigentlich gar nicht besonders originellen Ibsen-Moral ist. Wenn auch: eine ästhetisch stimmige, künstlerisch durchaus eigenwillige Verpackung.


Barrrbie ein Puppenheim
von Emre Akal nach Henrik Ibsen
Regie: Emre Akal, Bühne: Lara Roßwag, Digitale Bühne: Das Künstlerduo Mehmet & Kazim, Kostüme: Annika Lu, Musik: Enik, Dramaturgie: Natalja Starosta.
Mit: Anna Blomeier, Julian Greis, Oliver Mallison, Victoria Trauttmansdorff, Tilo Werner sowie Kinderstatisterie.
Uraufführung am 18. Oktober 2024
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de

Kritikenrundschau

"Emre Akal spielt klug mit den verschiedenen Kunstformen und schafft mit seinem Team einen eigenwilligen, manchmal durchgeknallten, mitreißenden Abend," so Katja Weise im NDR-Kultur (19.10.2024). In der Grundstruktur bleibt Akal aus ihrer Sicht erstaunlich dicht bei Ibsen.

Annette Stiekele vom Hamburger Abendblatt (22.10.2024) schreibt: "In seiner Inszenierung bewegt sich Regisseur Emre Akal durchaus mit einer gewissen Folgerichtigkeit und viel ästhetischem Können vom Pop zum Theater, von der Künstlichkeit zum Realismus und von der Spielzeugwelt zur Wirklichkeit. Es bleibt allerdings unklar, was ihn an dem Stoff eigentlich interessiert hat, außer dem Klassiker über eine Frauenfigur, die sich am Ende von der Rolle einer Puppe emanzipiert, eine schillernde, zeitgemäße Oberfläche zu verpassen." Diese füge der Ibsen-Geschichte jedenfalls keine neue Erkenntnis hinzu.

"Emre Akal inszeniert den Weg aus dem bonbonbunten Kinder-Matriarchat, in dem Jungs wie Ken nur von den Blicken der Barbies leben, ins edelgraue Erwachsenen-Patriarchat, in dem Frauen nur Haushälterin sind und das Accessoire des Geldverdieners", schreib Jens Fischer in der taz (4.11.2024). "Viele lustige, einige ernste Fragen tritt dieser Abend los, unterhält dabei bestens, kommt optisch beeindruckend daher und darstellerisch überzeugend. Und Barbie rettet er als Nora für die weibliche Selbstbestimmung."

Kommentare  
Barrrbie ein Puppenheim, Hamburg: Zombie-Parallelwelt
In einer kitschig-bunten Pop-Glitzer-Welt hat sich die Barbie (Victoria Trautmannsdorff) scheinbar gemütlich eingerichtet. Doch die zombiehaft-künstlichen Bewegungen und die Monotonie machen klar: diese perfekte Puppenstube ist in Wahrheit ein Albtraum.

Im ersten Akt von „Barrrbie ein Puppenheim“ buchstabiert Emre Akal gemeinsam mit Lara Roßwag (Bühne) und dem Künstlerduo Mehmet & Kazim (Digitale Bühne/Video) diese Kunstkulisse in sediertem Zeitlupen-Tempo aus. Diese poppige Barbie-Horror-Welt speist sich aus einer ähnlichen Ästhetik wie Ersan Mondtags Wiesbadener „Double Serpent“: absolute Künstlichkeit und bis auf ein Minimum heruntergefahrene Bewegungsmuster erzeugen eine Zombie-Parallelwelt.

Die Theatertreffen-Jury hatte beide Arbeiten in der Diskussion und entschied sich dafür, nur Mondtags „Double Serpent“ einzuladen. Nachvollziehbar, da die Wiesbadener Inszenierung wesentlich radikaler ist, keinen Ausweg aus dem toxischen Horror erlaubt und so hermetisch bleibt, dass sie riskiert, das Publikum vor den Kopf zu stoßen und in Scharen zum Ausgang zu treiben.

Einen anderen Weg gehen Akal und sein Team auf der Nebenspielstätte des Thalia Theaters in der Gaußstraße: In den folgenden Akten, die durch Kurzauftritte von Mädchen unter Pappmaché-Köpfen von einander getrennt sind, biegt der 90 Minuten kurze Abend von der Barbie-Welt in den Ibsen-Naturalismus des 19. Jahrhunderts ein. Die Nebenfiguren sind nur noch leicht verfremdet und auch Barbie besteht darauf, nun als Nora angesprochen zu werden. Alles Betteln hilft nicht, Nora hat den knalligen Barbie-Püppchen-Look schon gegen ihr klassisch-graues Business-Outfit getauscht, bereit zum Aufbruch in ihr neues Leben.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/05/26/barrrbie-ein-puppenheim-thalia-theater-kritik/
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