Eine Hexe von heute

22. September 2025. Es geht feministisch weiter im Auftaktreigen der neuen Intendanz am Thalia Theater. Jorinde Dröse hat die Uraufführung von Jarka Kubsovas Roman "Marschlande" inszeniert, in dem bei Hamburg eine Frau von heute auf eine trifft, die im 16. Jahrhundert als Hexe verbrannt wurde. 

Von Michael Laages

22. September 2025. Ob es das "Archiv der unerhörten Frauen" wirklich gibt? Nützlich wär’s … irgendwann mittendrin in Roman und Theaterstück nimmt uns Ruth Grotjohann mit in dieses private Archiv; lauter Geschichten von Frauen sind darin versammelt, die nicht anerkannt wurden für das, was sie taten – von der Wissenschaftlerin, die die große Entdeckung dem Ehemann oder Dienstvorgesetzten überlassen musste, bis zu Marielle Franco, der brasilianischen Frauenrechtlerin und Abgeordneten, die in Rio de Janeiro von Killern aus dem Umfeld des jetzt gerade als Putschist verurteilten Ex-Präsidenten Bolsonaro ermordet wurde. Auch Abelke Bleken gehört in dieses Archiv – eine Straße im Dorf erinnert an sie. Als Hexe wurde sie hier gefoltert und verbrannt, vor vielen hundert Jahren.

Spiegel der Vergangenheit

Dort, wo Abelke lebte, litt und starb, hat Britta Stoever ein neues Zuhause gefunden: "Marschlande" heißt die Gegend längs der Elbe südöstlich von Hamburg, die seit geraumer Zeit schon von gut betuchten Großstadt-Flüchtlingen erobert wird, wie auch die Vierlande gleich nebenan elbaufwärts und das Obstgebiet im Alten Land, westlich der Metropole und elbabwärts; hier ließ Dörte Hansen in ihrem Bestseller "Altes Land" vor zehn Jahren schon eine ähnlich zeitspringerische Geschichte spielen wie sie die aus Tschechien stammende Hamburger Autorin Jarka Kubsova erzählt in "Marschlande". Während Hansen die Zeit nur bis vor und nach dem Zweiten Weltkrieg zurückdrehte, geht Kubsova weiter und spiegelt die Zivilisation heute an der Zeit, als noch Frauen verbrannt wurden, weil die Gesellschaft sie als Hexen stigmatisierte. Die Gegenwarts-Protagonistin Britta Stoever sieht das eigene, fundamental verkorkste Leben, Scheidung inklusive, gespiegelt in Verzweiflung und Zerstörung, wie sie die als Hexe ermordete Abelke durchlitt.

marschlande 20250916 110721 c kerstin schomburg1 1200 800Im Hintergrund: Torben Kessler, Cino Djavid, vorne: Nellie Fischer-Benson © Kerstin Schomburg

Den weitaus stärkeren Sog in der Doppel-Fabel entwickelt die alte Geschichte. Nach einer großen Flut kann die selbständige Bäuerin Bleken der Deichbau-Pflicht nicht mehr nachkommen, der finstere Dorf-Vorsteher versagt ihr jede Hilfe, der schmierige Dorfgeistliche beklagt Abelkes Desinteresse an Glaubensdingen. Zur Seite stehen der Hofbesitzerin nur ein schwächlicher Verwandter und dessen alte Schwester. Schließlich wird Land und Hof enteignet und verkauft, Bäuerin Bleken selber als Hexe denunziert und verschrien – sie stirbt im Feuer.

Hilfe kommt nur von innen

Zuvor hat sie noch den Widerstand erprobt, der ihr möglich schien: den Teufel beschwören wollen mit Hilfe eines Schäfer-Paars aus der Lüneburger Heide. Wenn mich schon alle als Hexe sehen, will ich auch eine sein, sagt sie sich. Das Ritual, das nun folgt, wird zur stärksten und klügsten Szene im Stück. Denn Schäferin und Schäfer erklären der Sinnsucherin nur, dass kein Gott und kein Teufel ihr helfen wird – nur in ihr selber, in der eigenen Kraft, liegt die Chance zum Widerstand.

marschlande 20250916 101630 c kerstin schomburg 1200 800Direkte Begegnung von Gegenwart und Vergangenheit: Nelli Fischer Benson, Gabriela Maria Schmeide, Cathérine Seifert © Kerstin Schomburg

Die historische Abelke kann diese Chance nicht nutzen; die in den herrschenden Männern konzentrierte Macht hält sie gefangen. Die Britta von heute tut, was ihr möglich ist – trennt sich vor allem von dem ignoranten, selbstverliebten Gatten Philipp. Was wird werden aus dem feinen, teuren Haus in den Marschlanden, mit herrlich weitem Blick auf Land und Fluss?

Leuchtende Frauen und strunzdumme Kerle

Land, Fluss, Erde, die Natur an sich - in Hannah Zufalls Spielversion des Romans bekommt all das eine eigene Stimme und spielt mit. Florence Adjidome, aus Hannover mit nach Hamburg gekommen, ist immer gegenwärtig: als guter, weiser Geist, als Woman of Colour ganz in glitzernd-funkelndem Schwarz. Gelegentlich klingt die Figur auch reichlich überschlau und besserwisserisch – aber das ist weniger schlimm als die fundamentale Unerträglichkeit, mit der Autorin Kubsova, Bearbeiterin Zufall und Regisseurin Jorinde Dröse alle Männer-Profile zeichnen: Hier darf es nur Schwarz und Weiß geben – leuchtende Frauen, voll Energie und Aufbegehren, und strunzdumme Kerle. 

marschlande 20250912 183628 c kerstin schomburg 1200 800Die Frau steht im Licht. © Kerstin Schomburg

Das ist schade. Denn so ist zwar den starken Leidensfrauen und Kämpferinnen gut zu folgen: Nellie Fischer-Benson (auch aus Hannover gekommen) als Abelke, Maike Knirsch als deren Jugend- und Lebensfreundin Leneke, Cathérine Seifert als Britta von heute und vor allem Gabriela Maria Schmeide in zwei furiosen Nebenrollen, etwa als Archivarin Ruth; aber für Torben Kessler und Bernd Grawert in den Männer-Parts gibt’s nichts, woran sie sich ernsthaft abarbeiten könnten. Nur Cino Djavid (noch ein Neuer aus Hannover) bekommt als kluger Schäfer eine winzige Chance.

Sonja Anders verfolgt (wie zuvor in Hannover) mit Energie das Frauen-Empowerment fürs Thalia Theater. Ob die Stadtgesellschaft ihr folgen wird auf diesem Weg?

Marschlande
nach dem Roman von Jarka Kubsova, szenische Fassung von Hannah Zufall
Uraufführung
Regie: Jorinde Dröse, Bühne: Katja Hass, Kostüme: Juliane Kalkowski, Video: Rebecca Riedel, Lichtdesign: Paulus Vogt, Dramaturgie: Johanna Vater.
Mit: Florence Adjidome, Cino Djavid, Nellie Fischer-Benson, Bernd Grawert, Torben Kessler, Maike Knirsch, Edda Maack/Ida Porath, Gabriela Maria Schmeide, Cathérine Seifert.
Premiere am 21. September 2025
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

Peter Helling vom NDR (22.9.2025) fehlt der Tiefgang. Regisseurin Jorinde Dröse zeichne holzschnittartige Charaktere. "Früh versteht man, dass es um die Unterdrückung der Frau geht, damals wie heute: damals der Scheiterhaufen, heute der Herd im Einfamilienhaus? Doch damit bekommt der Theaterabend eine unangenehm didaktische Note. Vereinfacht wird gesagt: Frauen sind Opfer, Männer sind Täter." Leider entstehe aus der Suche Brittas nach Abelkes Schicksal kein Sog, keine Spannung.

Jorinde Dröse erzähle den Roman als Ermächtigungs- und Ohnmachtsgeschichte, schreibt Maike Schiller vom Hamburger Abendblatt (22.9.2025). "Als die Gesichter und Lebensdaten weiterer 'unerhörter Frauen' – wie Elfriede Lohse-Wächtler oder Marie Néjar – auf die Bühne projiziert werden, ist der Zeigefinger der Regisseurin dann allerdings etwas überdeutlich erhoben." Ein subtiler Abend sei das nicht. "Die Wirkung ist dennoch nicht zu unterschätzen. Das Gefühl des Wiedererkennens und Wahrgenommen-Werdens dürfte insbesondere für die weibliche Publikumsreaktion am Premierenabend keine unwesentliche Rolle gespielt haben: Bravorufe, teils Standing Ovations, minutenlanger, heftiger Applaus. Der Romanerfolg „Marschlande“ geht am Thalia auch als Theatervorstellung voll auf."

Eine "wirklich bedrohliche Stimmung kommt nicht auf, echte Not ist kaum spürbar", stöhnt Christiane Lutz in der Süddeutschen Zeitung (24.9.2025) auf und kritisiert den Abend auch in seiner Inhaltlichkeit: Zu "insinuieren, dass es einen 'weiblichen' Schmerz gibt, der sich wiederholen muss, dem man gar nicht entkommen kann , ist nicht nur dramaturgisch plump, sondern verkennt auch, was sich in 500 Jahren doch so alles verändert hat, und hält Frauen gegen jede Absicht klein."

Jens Fischer nimmt für die taz (25.9.2025) aus diesem Abend die "These" mit: "Mit den Hexenprozessen startete die 'Wertanhäufung auf der einen Seite und Zurückdrängung von vormals unabhängigen Frauen in die häusliche Sphäre auf der anderen Seite!' Klingt theoretisch – und bleibt leider lehrstückhafte Behauptung." Regisseurin Jorinde Dröse habe die Vorlage "recht oberflächlich skizziert – mit Boulevardtheater, das unter akutem Humormangel leidet."

 

Kommentare  
Marschlande, Hamburg: Lesart
Also die Kritik ließt sich so, als fände der Herr den Abend ziemlich spitze, nur dass die Motive, Ängste, Nöte und Widersprüchlichkeiten der Herren, die die Frauen verbrennen, nicht differenzierter dargestellt werden, findet er schade. Verstehe ich das richtig?
Marschlande, Hamburg: Erklärbärtheater
Stimme dem leider zu. Sehr einseitig beleuchteter Abend. Männer sind böse, Klerus war patriarchales System der Machtunterstützung, Frauen hatten viel zu erleiden und waren stark. Im Grunde ist das korrekt, trägt aber leider nicht den Abend. Erklärbärtheater auf niedrigem Niveau.
Marschlande, Hamburg: Hinkender Vergleich
Schon der Roman von Jarka Kubsova ist ein einziger hinkender Vergleich. Das wird in der Produktion am Thalia-Theater nicht besser, im Gegenteil. Besonders die Szenen aus der Jetztzeit geraten flach, banal und schrammen hart an der Grenze zur Fremdscham.
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