Der schrägste Weg nach Westen

16. Februar 2025. Im Naturtheater von Oklahoma sind alle willkommen. Die mystische Institution aus Franz Kafkas "Amerika"-Fragment ist Verlockung und Abgrund. Bei Regisseur Lorenz Nolting reist das Ensemble auf den Flügeln des Naturtheaters durch ein Land, das noch die verrücktesten Fantasien Realität werden lässt. Es knallt gewaltig!

Von Katrin Ullmann

"Oklahoma" in der Regie von Lorenz Nolting am Hamburger Thalia Theater © Krafft Angerer

16. Februar 2025. Als Karl Roßmann am Ende seiner "Amerika"-Reise auf das Naturtheater von Oklahoma trifft, hofft er, an einem Sehnsuchtsort angekommen zu sein. Doch seine Hoffnung bleibt im Ungewissen, denn Franz Kafkas "Amerika" ist unvollendet. Und dort, wo Kafka 1914 aufhörte und sein Romanfragment beiseite legte, fängt Lorenz Noltings "Oklahoma" an. Im Thalia Theater in der Gaußstraße. 

Das Theater als magische Trickkiste

Dort steht Gabriele Maria Schmeide als Karl Roßmann zwischen Steppengras (Bühne: Nadin Schumacher) und Great Plains (Video: Lorenz Nolting) und versucht, zu verstehen. Was Theater ist und kann. Stumm und scheu steht sie da, in schwarzem Anzug, mit Hut und Koffer. Und mit großen, fast kindlich staunenden Kulleraugen. Bald aber springt der Theaterzauber auf sie über. Mit nur zwei Fingern schnipst sie das Bühnenlicht an und wieder aus. Mit einer weiteren Geste steuert sie den Sound, der sich wie von Zauberhand an den Bühnenseiten aufbäumt und wieder abebbt. (Live-Musik: Alexander Zwick). Und schließlicht reißt Schmeide jubelnd ihre Arme in die Luft und erhält – als akustischen Einspieler – tosenden Applaus. Das Theater ist eine magische Trickkiste. Und es ist hier: das Naturtheater von Oklahoma.

Auftritt der sechs Spieler*innen Yves Dudziak, Bernd Grawert, Johannes Hegemann, Anna Maria Köllner, Cathérine Seifert und Christiane von Poelnitz. Diese agieren als Ensemblemitglieder jenes Naturtheaters ab jetzt um die Wette. In nahtlos ineinandergreifenden Szenen spielen sie sich pantomimisch durch ur-amerikanische Gepflogenheiten, krude Gewohnheiten und gruselige Bräuche. Sie boxen, ringen, grimassieren, twisten schubadu und bringen Burger-Schachteln zum Singen. Sie erschießen einander, sterben zuckend im Kugelhagel, sie tanzen mit Longhorn-Schädeln, Star-Wars-Schultern und in Baseball-Trikots.

Oklahomainspiriert von Franz Kafka / Regie Lorenz NoltingMitYves DudziakBernd GrawertJohannes HegemannAnna Maria KöllnerGabriela Maria SchmeideCathérine SeifertChristiane von PoelnitzFoto:Krafft Angererka@krafft-angerer.deReisen durch ein fremdes Land: Anna Maria Köllner, Johannes Hegemann, Yves Dudziak, Christiane von Poelnitz, Cathérine Seifert, Bernd Grawert © Krafft Angerer

Sie ziehen einen Schaustellerkarren herein, treten in Ballkleidern auf und kokettieren mit dem Strahlenkranz der Freiheitsstatue. Sie umarmen, vernebeln und betrauern einander, sie schunkeln, summen, rasen, singen, brüllen und schreien. Und zünden immer wieder – hemmungslos und akustisch verstärkt – Schusswaffen. Im Bühnenhintergrund rauschen dazu hochneurotisch sekundenkurze Videoschnipsel: von Waldbränden, Cowboys, Weizenfeldern, Hochwasser und Coca-Cola-Reklamen, von Donald Duck, McDrive und Ronald Reagan bis hin zum jüngsten Auftritt von J.D. Vance. Rastlose Reizüberflutung ist hier Programm.

Gefährlich unberechenbar

Es ist eine wilde, zitatenreiche Szenenfolge, durch die der Regisseur Lorenz Nolting die sechs Schauspieler*innen scheinbar hindurch improvisieren lässt – und die Schmeides Roßmann vom Rand aus mehr oder weniger naiv staunend betrachtet. Manche Szene gelingt Nolting dabei pointierter als die andere, vieles aber wirkt vor allem unruhig überdreht und merkwürdig kleinteilig von der Probebühne hinübergerettet. Doch alle pantomimischen, oft alptraumhaften Miniaturen erzählen, das ist schon klar, weniger vom vermeintlichen Improvisationstalent jener Gaukler*innentruppe, als vielmehr von dem Versuch, jenes fremde Land, genannt Amerika, in seiner aufreibenden Widersprüchlichkeit und gefährlichen Unberechenbarkeit sichtbar zu machen.

Schrecken der Realität

Das Naturtheater von Oklahoma ist bei Nolting längst kein sehnsuchtsvolles Wandertheater mehr, ist längst Bedrohung statt, wie es bei Kafka heißt, "Verlockung". Ist Sinnbild für ein "Theater", das schreckliche Realität geworden ist. Und gerade deshalb wäre der ein oder andere Kafka-Text an diesem Abend selbstredend vielsagender gewesen als die sich in zu vielen Albernheiten erschöpfende Pantomime. "Ist denn das Ganze wirklich so groß?", fragte Karl. "Es ist das größte Theater der Welt", sagte Fanny nochmals, "ich habe es allerdings selbst noch nicht gesehen, aber manche meiner Kolleginnen, die schon in Oklahoma waren, sagen, es sei fast grenzenlos."

Oklahoma
inspiriert von Franz Kafka
Regie & Video: Lorenz Nolting Bühne: Nadin Schumacher, Kostüme: Anna Maria Schories, Dramaturgie: Christina Bellingen, Live-Musik: Alexander Zwick, Künstlerische Mitarbeit: Sofie Boiten.
Mit: Yves Dudziak, 
Bernd Grawert, 
Johannes Hegemann, 
Anna Maria Köllner, 
Gabriela Maria Schmeide
, Cathérine Seifert, 
Christiane von Poelnitz.
Premiere am 16. Februar 2025.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de

Kritikenrundschau

"Bisweilen wähnt man sich in einer ausgeflippten Schauspielschulübung. Aufgabe: abrupte Stimmungswechsel, Eskalation total. Das ist in seiner Gesamtheit eher erschöpfend, auch wenn dabei immer wieder tolle Momente entstehen", seufzt Maike Schiller im Hamburger Abendblatt (17.2.2025) und pointiert: "Die Inszenierung wirkt streckenweise eher, als hätte einer die KI mit Koks gefüttert."

Kommentare  
Oklahoma, Hamburg: Mehrkämpfer
Simone Saftig, Christian Tschirner und nun Lorenz Nolting ! Was diese Namen und die dahinter stehenden Personen miteinander verbindet (und für mich auch spannend macht), ist, daß sie das Theater sowohl als SpielerInnen auf der Bühne kennen als auch als AutorIn, DramaturgIn und/oder RegisseurIn, als „Mehrkämpfer“: sprich TheatermacherInnen.Ich persönlich erfuhr das durch die Besuche ihrer Abende innerhalb kürzester Zeit, gibt es zur Zeit einen spürbaren Trend zum „Schauspielertheater“ ; das Thema „MehrkämpferInnen“ des Theaters wäre vielleicht (wieder einmal ?) lohnend für das Bühnenfeuilleton. Einer der (!) Ermutiger eines solchen (ich erlebte einmal einen Vortrag von ihm an der Busch, ich lungerte dort rum und ein Schauspielschüler zog mich dazu quasi mit herein)
war kein Geringerer als Günther Rühle. Zu „Oklahoma“ hat die Nachtkritikerin
bereits die wesentlichen Züge genannt, möglicherweise gehe ich auf den Abend,
der mich auch ein wenig ratlos stimmte, später noch ein.
Oklahoma, Hamburg: Chaplin und Letts
„Johlen und atemloses Stillschweigen“ ist eine Nachtkritik aus dem Jahre 2008, welche die Deutsche Erstaufführung des Erfolgsstückes „Eine Familie/August im Osage County“ von Tracy Letts betraf, und ja, „Johlen und atemloses Stillschweigen“ fand ich dann auch nach „Oklahoma“ vor, ich fürchte nur leider: nicht annähernd aus vergleichbaren Gründen.
Bei allem Talent des Theatermachers, der seine Sachen auf die Bühne(n) bringt, der offensichtlich auch ein guter Teambuilder ist, bei aller Qualität, mit der die eine oder andere Nummer der trostlosen Revue -bei diesem Ensemble !-, die Nachtkritik beschreibt das gut (auch die Funktion des Sechserensembles), über die Bühne geht: der Ansatz langweilt sehr schnell, zehrt aus, nervt irgendwann nur noch; jedenfalls ist es mir so gegangen. Nicht wenige haben den Theatersaal dann auch verlassen, die, die es könnten, ohne andere ZuschauerInnen, anderes Publikum (!?) , zu sehr zu stören. Ja, womit ich zunächst wieder beim Johlen bin:
Ja, es wurde gejohlt, aber es war halt auch offensichtlich sehr viel „Anghang“ der Uraufführenden vor Ort: ansonsten pflichtschuldiger bis gar kein Beifall, allerdings auch keine offene Mißbilligung, aber: ich war selten so nahe dran
am Buhruf (der mir so fern liegt). Warum ? Weil ich so gut wie nichts vom Rossmannschen Forschergeist in dieser Inszenierung finde, aber war nicht das ua. das Inspirierende am „NATURTHEATER von Oklahoma“. In einer Zeit, in der wir tagtäglich auf einen oder mehrere Theaterbriefe aus den Staaten warten,
darauf, wie sich die US-Dramatik und die US-Theaterszene zu den sich nun stark zu verändern drohenden Arbeitsbedingungen stellt, stellen will, denn „God save America“ (Biljana Srbljanovic, ein anderes Rossmannstück !) wird es kaum sein, fällt uns tatsächlich nichts Anderes ein, als all die Bilder und Klischees zu bestärken, welche uns eh schon einschüchtern, in einem “Waldlichtungssetting“
gleichsam, als Reenactment von „Forschungen eines Hundes“ (sechs Musikerhunde, Lärm !) vor Oklahomakulisse ?? Was macht Tracy Letts, OKLAHOMA !!, heute , Dramatiker und Schauspieler auch er ?? Oder, was ist mit
der Theatertruppe, die sich wirklich THE NATURE THEATER OF OKLAHOMA nennt ?;hätte man zumindestens ihre Werke reenactet ! -der Kafka fehlt mir garnicht so sehr, er war der Installateur des Settings-. Aber selbst im engeren Kontext einer Forscherhundüberschreibung überzeugt der Abend nicht. Und so bleibt ein trostloser Chaplinaufguß, der gut zu meiner HH-Ankunft passte: dem (bettelnden) Chaplin von der Sechslingspfortenkreuzung..
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