Du hast meine Elite enthirnt!

1. März 2025. Alfred Jarrys bittberöse Polit-Groteske um den Tyrannen "Ubu" ist schon gute hundertzwanzig Jahre alt – und scheint doch wie gemacht zu sein für die Umtriebe der Trumps unserer Tage. Johan Simons öffnet am Thalia Theater die Kammer des Schreckens. Und lässt die "Hoden-Kobolde" toben.

Von Stefan Forth

Alfred Jarrys "Ubu" in der Regie von Johan Simons am Thalia Theater Hamburg © Armin Smailovic

1. März 2025. Die Dämonen sind zurück. Wem diese Erkenntnis angesichts der politischen Weltlage inzwischen zu banal ist, der oder die kann am Hamburger Thalia Theater jetzt noch tiefer in die schwarze Kloake der menschlichen Seele tauchen. Regisseur Johan Simons macht aus Motiven um Alfred Jarrys Tyrannen "Ubu" einen düsteren Folterzirkus um Macht und Ohnmacht. Manege frei für ein Volksstück der Abgründe von Freiheit und Ordnung!

Eigentlich ist Mutter Ubu die Wurzel allen Übels. Jens Harzer spielt sie mit langer blonder Perücke, knallrotem Lippenstift, weißem Büstenhalter auf nackter Haut und kurzem schwarzen Faltenrock erst noch so dezent zurückgenommen, dass es etwas dauert, bis die Groteske aus ihm herausbricht: "Wer hat Dir denn ins Gehirn geschissen, Du Hoden-Kobold?" Diese Frage könnte in dem geballten Gefluche des Ehepaars Ubu fast noch einen Hauch liebevoll rüberkommen – wenn die Mutter nicht gerade dabei wäre, den Vater zum Königsmord anzustiften. Schließlich will sie selbst die Kontrolle übernehmen und ihre Reichtümer grenzenlos vermehren. Shakespeares Lady Macbeth grüßt geifernd aus dem Hintergrund.

Ubu2 1200 Armin SmailovicBlutige Kinderspiele mit dem Thalia-Ensemlbe auf der Bühne von Johan Simons und Sascha Kühne © Armin Smailovic

Den brutalen Griff nach der Macht inszeniert Simons als blutiges Kinderspiel eines bizarren Paares, das für seinen Staatsstreich noch nicht einmal nach draußen vor die Tür gehen muss. Harzer und die hippie-schnauzbärtige Marina Galic als Vater Ubu treiben ihr Unwesen über weite Strecken des Abends in einem fensterlosen schwarzen Kubus in der Bühnenmitte, aus dessen hellweißem Inneren eine Kamera brachiale Bilder auf eine auseinandergerissene Leinwand überträgt. Da werden an einem Seziertisch aus Metall Stoffhasen ebenso massakriert wie Flattermöwen – oder eben eine Stoffpuppe, die den König darstellt.

Grausiges Kasperlespiel

Jarry selbst hat seinen "König Ubu" ein "Kasperlespiel" genannt, für das es trotz eines überbordenden Personenverzeichnisses im Grunde kaum Schauspieler brauche. Harzer und Galic treiben das jetzt noch ziemlich genial auf die Spitze: Mutter und Vater Ubu sind in dieser Inszenierung im Grunde zwei brillant schizophrene Ausprägungen ein- und derselben launenhaft-sadistischen Hanswurst-Figur. Ein grausam instinktgeleiteter Archetyp des Zerstörers um des Zerstörens willen.

Und natürlich zielt es reichlich offensichtlich auf die Trumps und Orbáns dieser Welt, wenn die Ubus in rasanter Folge die alte Elite "enthirnen", die Regierung übernehmen, die Justiz umbauen, sich selbst bereichern und Wissenschaftler mit dem Ausruf "Du Systemstütze" in der Versenkung verschwinden lassen. Zum Schluss kommt die Kultur dran. Auch Chansonniers und Schauspieler kippt das Terrorpaar aus einem Müllbeutel direkt in einen Riesengully im Bühnenrund: "Erst wenn wir auch die Ruinen zerstört haben, haben wir alles zerstört."

Ubu3 1200 Armin SmailovicIm Rampenlicht das Horror-Königspärchen Ubu (Marina Galic und Jens Harzer). Links und rechts: Pascal Houdus und Thomas Loibl © Armin Smailovic

Zum Glück erweist sich die Kunst zumindest an diesem Abend als einigermaßen robust und widerstandsfähig gegenüber einer Welt, die gerade alles dafür zu tun scheint, um Jarrys absurde Zuspitzungen aus der vorletzten Jahrhundertwende auf der politischen Bühne zu überbieten. Nicht nur Jacques Brel darf später doch nochmal vom Band ein Chanson ansingen. Auch Johann Simons und sein Ensemble drehen weiter auf – und stürzen sich von der Tyrannen-Travestie vollends in einen surrealen Albtraum.

In der Warteschlange zum Partyglück

Im zweiten Teil greift der Ubu-Kosmos offensiv auf unseren Gegenwartsalltag über. Motive aus zwei weiteren Stücken Alfred Jarrys treffen lose verbunden auf Menschen und Gedankenfetzen aus dem Hier und Jetzt. Mutter und Vater Ubu unterwerfen sich als Diener, Krankenschwester oder Wächter freiwillig einem schönen jungen Mann – und morden munter weiter. Sind ihnen die Zumutungen der totalen Freiheit zu anstrengend geworden?

Und warum ordnet sich dieser schöne junge Mann eigentlich ganz brav und "wie dressiert" in die Schlange vor einem Club ein, wenn er doch vor allem enthemmt auf der Tanzfläche schwitzen will? Ist die erniedrigende Angst vor dem Türsteher draußen die Hoffnung auf Erlösung durch Musik, Party und Rausch drinnen wert?

Zombie-Kaleidoskop

Wie in einem Zombie-Kaleidoskop lässt Johan Simons gekonnt immer neue Szenen und Bilder entstehen, die ideenreich Momente von Kontrollverlust, Entgrenzung und menschlicher Selbstermächtigung gegeneinander laufen lassen. Orgiastisch entrückte Körper werden beim Tanzen von einem lebensgroßen Plüschbären gestört. Pascal Houdus fällt als Camille von einer Ohnmacht in die nächste. Wenig später versucht er in immer neuen Windungen, sich vom Fleck zu bewegen, aber eines seiner Beine wird wie von einem Magneten am Bühnenboden festgehalten. Ein feiner, großartiger, spannungsgeladener Körperkünstler.

Je weiter sich der Abend von der derben Polit-Groteske entfernt, umso tiefer trifft er ins Bedrohliche und Monströse des Allgemein-Menschlichen. Die Wucht, die dabei entsteht, hält die Inszenierung leider nicht ganz bis zum Schluss durch, weil sie am Ende der Versuchung erliegt, mindestens eine Nummer zu viel draufzusetzen, und so den wirkungsvollen Ausgang aus diesem Horrorkabinett verpasst. Mittendrinnen ist es aber gruselig toll. Eine wahnwitzige Kammer des Schreckens!

 

Ubu
von Alfred Jarry
Aus dem Französischen von Heinz Schwarzinger
Regie: Johan Simons, Mitarbeit Regie: Friederike Harmstorf, Bühne: Johan Simons, Bühne/Video: Sascha Kühne, Kostüme: Katrin Aschendorf, wissenschaftliche Begleitung: Stefan Tigges, Dramaturgie: Julia Lochte.
Mit: Marina Galic, Jens Harzer, Pascal Houdus, Thomas Loibl, Lisa-Maria Sommerfeld und Paul Smollich als Bär.
Premiere am 28. Februar 2025
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de

Kritikenrundschau

"Der erste Teil des gut zweistündigen Abends ist getragen von der Energie dieses intensiven Miteinanders" von Jens Harzer und Marina Galic als fiese Strippenzieher, berichtet Katja Weise im NDR (1.3.2025). Allerdings werde das Unterfangen "zunehmend zäh". "Das Ensemble findet nach dem intensiven Beginn nicht sofort zusammen, die Inszenierung verliert ihre konzentrierte Form. Es wird reflektiert – über Leben und Tod, den kleinen Tod beim Liebesakt, die Liebe sowieso, das Gefühl beim Schlangestehen, Ameisen, und manche dieser Sätze wirken seltsam schal oder banal."

Johan Simons zeige sich recht "unbeeindruckt" von den bis in die politische Weltlage der Gegenwart reichenden Begleitmaterialien des Abends, schreibt Irene Bazinger in der FAZ (2.3.2025). Stattdessen begnüge er sich "mit einem paradox-perversen Kinderspiel – allerdings mit fabelhafter Besetzung". Das Politische sei an diesem Abend "privat" und das Private "dereguliert politisch". Dennoch ist der Abend der Rezensentin etwas lang geworden, denn was "Johan Simons eigentlich erzählen will – außer dass Jens Harzer auch wunderbar eine komische Alte verkörpern kann –, bleibt unklar".

"Überzeichnet ist ihr Spiel […], poltert zwischen Mensch gewordenem Puppentheater und enervierend clownesker Groteske. Verweise auf die gruselige Gegenwart sind selbstredend", schreibt Katrin Ullmann von der taz (18.3.2025). "Nicht nur die recht schwachen, hinzugefügten Texte laufen zäh ins Leere, sondern bald auch das Spiel und der anfängliche Schrecken der Veranstaltung. Veralberte Kleinst-Szenen mit Kaffee, Braunbär und ’Pataphysik-Palaver machen den Abend zunehmend ziel- und zahnlos, kasperlnd-pubertär und anstrengend selbstbezogen. Eine freundlichere Formulierung definierte solch hermetische Pose als L’art pour l’art, deren Codes nur Eingeweihte kennen. In diesem Fall – patati, patata – alle ’Pataphysiker*innen."

Kommentare  
Ubu, Hamburg: Ohne den genialen Harzer...
Ohne den genialen Jens Harzer wäre der Abend für mich zu prägend gewesen.Und im Theater hab ich allmählich diese ewigen Videoinstalationen leid.
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