Küsst die Faschisten!

16. Dezember 2024. Das Landestheater Schleswig-Holstein beschwört mit einem über 20 Jahre alten, aber noch immer hochaktuellen Text von Robert Menasse die zerstörerischen Energien innerhalb der Demokratie. Joanna Lewickas Inszenierung überzeugt als Maskenspiel im Moder-Bunker.

Von Michael Laages

"Das Paradies der Ungeliebten" am Landestheater Schleswig-Holstein © Thore Nilsson

16. Dezember 2024. Das "Paradies der Ungeliebten" liegt in Dänemark – nicht weit von Sonderborg, also im äußersten, der deutschen Nachbarküste nächstgelegenen Winkel des Landes. Kurz vor der Stadt weist an einer Ampel ein Verkehrsschild hin auf diesen rätselhaften Ort, in Robert Menasses Theaterstück eine Schlangenfarm, wo den Tieren das Gift aus den Zähnen gezapft wird, ganz legal für den Einsatz im medizinisch-therapeutischen Bereich. Eine der Szenen spielt hier, und um Gift, im Dauer-Einsatz im Kampf zwischen politischen Parteien und deren parlamentarischen Strategen, geht es ohnehin den ganzen Abend lang. "Es ist was faul im Staate Dänemark" – Shakespeares Hamlet-Zitat hat das Schleswig-Holsteinische Landestheater als Motto über das Stück gesetzt. "Faul" ist nicht genug – "vergiftet" trifft’s besser.

Menasses Stück hat eine lange Geschichte. Vor über zwanzig Jahren, also lange vor dem durchschlagenden Erfolg mit "Die Hauptstadt", schrieb Menasse das Stück, eigentlich für’s Burgtheater in Wien und politisch deutlich fokussiert auf den damals unaufhaltsam wirkenden Aufstieg des FPÖ-Politikers Jörg Haider.  Wollte sich die Burgtheater-Direktion nicht die Finger verbrennen? Jedenfalls blieb das Stück in der Schublade; die Uraufführung fand 2006 in Darmstadt statt, unter Schauspieldirektor Martin Apelt, der seit 2020 in Schleswig ist. Dorthin hat er das Stück mitgebracht, Joanna Lewicka hat inszeniert – sie ist gerade mit dem "Faust"-Preis ausgezeichnet worden, für eine Arbeit am Zwei-Städte-Theater in Plauen und Zwickau.

Politiker, die heißen wie Fußballstars

Mit seinem Setting und seiner Figuren-Tarnung passt "Das Paradies der Ungeliebten" auch perfekt hierher: Allen agierenden Politikern in seinem Stück hat Menasse die Namen jener dänischen Fußball-Stars verpasst, die sich vor über 30 Jahre bei der Europameisterschaft im Finale gegen Weltmeister Deutschland durchsetzten: Peter Schmeichel, der Torwart, der dann in England Karriere machte, Brian Laudrup und Flemming Povlsen, die später auch in Deutschland spielten … die Pointe sitzt; zumal im Schlangennest der Politik. 

Paradies Ungeliebte 2 CThoreNilsson uMoralischer Zeigefinger ins Nirgendwo © Thore Nilsson

Dass ausgerechnet der gefährliche Populist im Spiel, also die Haider- oder Trump- oder Orban- oder Bolsonaro-Figur friedlich-freundlich "Schmeichel" heißt, ist die Über-Pointe; vor dem parlamentarischen Durchmarsch dieses gesellschaftlichen Brandstifters haben alle im Stück eine Heiden-Angst. Der sozialdemokratische Noch-Kanzler, in privater Turbulenz zwischen Ehefrau und geliebter Sekretärin, weiß um die eigene Unbeliebtheit; und in Momenten großer Ehrlichkeit (die ihn zur sympathischsten und klügsten Figur werden lässt) gibt er auch zu, wie wenig wohl er sich fühlt im Kanzler-Job.

Klarer als alle sieht er das Paradox im Schmeichel-Aufstieg – gerade die, die vernünftigerweise Angst haben sollten vor dem Populisten, himmeln ihn an und jubeln ihm zu. Ein gewisser Lars Olsen, ehedem Schauspieler (strebte nicht damals in Wien Burg-Ikone Fritz Muliar in die Politik?), wird zum kriecherischen Helfer für Schmeichel; einer wie er ihn wird in jedem Fall überleben.

Nicht der Mensch, das Bild ist das Ziel

Gegen den Überwältiger kämpfen will Laudrup, der Journalist einer in der Existenz gefährdeten Links-Postille; er lässt sich sogar ein auf Attentats-Gedanken, wie sie Albert Camus in "Die Gerechten" abendfüllend diskutieren lässt. Aber zählt Tyrannen-Mord als Aktion der Befreiung, solange der gefährliche Politiker noch gar nicht im Amt ist? Immer wieder referiert Laudrup zur Rechtfertigung der eigenen Verzweiflung die großen Attentäter und Attentäterinnen der Geschichte, wie Charlotte Corday, die den Revolutionär Marat im Bade ermordete.

Paradies Ungeliebte 4 CThoreNilsson uEin faules System im Aufruhr © Thore Nilsson

In der direkten Konfrontation mit Schmeichel, die Waffe in der Hand, erkennt Laudrup aber letzlich, dass nicht der Mensch das Ziel der Aktion sein kann, sondern das Bild attackiert werden muss, das sich in der medialen Welt auch ohne den Menschen dahinter durchsetzen kann. Darum küsst er Schmeichel – vielleicht gelingt es, den Aufstieg zu verhindern, wenn Schmeichel als homosexuell geoutet wäre. Wie schrieb Tucholsky? Küsst die Faschisten, wo Ihr sie trefft! Aber stattdessen übernimmt halt Opportunist Olsen die Macht – Rettung ist nicht in Sicht für Demokratie und Zivilisation.

Menasses Text kämpft sich zuweilen ein wenig zu angestrengt durch die verschiedenen Verschwörungen und abgründigen Betrügereien; Joanna Lewicka gelingt es jedoch, die Handlung kompakt zu verdichten, auch dank der beunruhigenden Sounds vom Musiker Duncan Ó Ceallaigh. Nobert Bellen hat derweil einen grauen Bunker entworfen, mit Tür und grünen Ranken an den Seiten sowie Luftschacht; in diesem Gefängnis modert die Polit-Gesellschaft höchst armselig vor sich hin.

Schein und Sein liegen nah beieinander

Lange werden Unterhosen getragen und sehr altmodische Sockenhalter; Schmeichel ist später (und etwas überdeutlich) ganz in Braun gekleidet. Vielleicht wird speziell von den journalistischen Opponenten auch zu oft von "Faschismus" geredet, wenn es um Schmeichel und seinesgleichen geht – hätte Haider und würde jetzt Herbert Kickel in Österreich, werden Orban in Ungarn oder Trump in den USA, würde gar Frau Weidel in Deutschland so genannte "Konzentrationslager" einrichten für Gegner und Feinde? 

Der Blick auf Deutschlands Nazi-Geschichte macht den Umgang mit den Populisten von heute ja nicht leichter. Aber Regisseurin Lewicka hat ein wirksames Mittel zur Hand, um in berechenbarer Distanz zu bleiben – fast jeder und jede im sehr überzeugenden Ensemble trägt Masken; allerdings solche, die ziemlich genauso aussehen wie das richtige Gesicht dahinter. Was da wahr ist und was Täuschung für’s Wahlvolk – wer könnte das sagen?

Menasses Stück hat als Material viel Potenzial. Und dem Team um Joanna Lewicka gelingt damit ein überraschend starker Ausflug nach Dänemark – und ins Alptraum-"Paradies" der aktuell so fundamental vergifteten Welt des rechten Populismus.

Das Paradies der Ungeliebten
von Robert Menasse
Regie: Joanna Lewicka, Bühne und Kostüme: Norbert Bellen, Musik und Sound-Design: Duncan Ò Ceallaigh, Dramaturgie: Martin Apelt.
Mit: Maja Grahnert, Dennis Habermehl, Martin Maecker, Friederike Pasch, René Rollin, Aaron Rafael Schridde, Tom Wild.
Premiere am 15. Dezember 2024
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.sh-landestheater.de


Kritikenrundschau

"Sperrig ist dieses Stück, zusammengesetzt aus Momentaufnahmen, die sich wie Zeitungsschnipsel aneinanderreihen", so Sabine Christiani in der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung (17.12.2024). Bereits 2001 geschrieben und 2005 uraufgeführt, weise der kluge Text verblüffende Parallelen zur Gegenwart auf. Regisseurin Joanna Lewicka habe "eindringliche, aber nicht zwingend schlüssige Bilder für das Spiel gefunden, in dem es (auch) um den Verlust der Pressefreiheit und den Plan für ein Attentat geht". 

Kommentare  
Paradies der Ungeliebten, Schleswig: Ergänzung II
"Das Paradies der Ungeliebten" sollte man nicht verpassen! Eine fantastische Inszenierung. Auch ein Weg aus Hamburg, Kiel oder Lübeck lohnt sich für diese Aufführung. Verpasst es nicht!

Lieber René Rollin, es tut mir leid, dass ich Sie in meiner Leserkritik vergessen habe. Sorry!!!
Paradies der Ungeliebten, Schleswig: In der Uni-Bibliothek
Lieber Reiner Schmedemann, da kann ich Ihnen nur vom Herzen zustimmen: Ja, der Weg
aus Kiel hat sich für mich gelohnt, und das gilt sowohl für den öffentlichen Probenbesuch
am 10.12. als auch für die Premiere am 15.12. !
Wenn Thomas Kahlke in seinem Vorbericht für das NDR 3-Schleswig-Holstein-Magazin im finalen Satz feststellen konnte:"Vertrauen, gutes Timing und viel Atmosphäre: so geht Theaterarbeit mit der Regisseurin Lewicka.", so sieht man, wie hier bereits angesichts der Probenarbeit der Funke übergesprungen ist, und so erging es mir am 10.12. bereits auch schon; die Premiere löste die Vorfreude auf das Theaterereignis voll ein, so daß ich regelrecht motiviert war, der Genese des Stückes bis zur damaligen Uraufführung am 7.10.2006 in Darmstadt noch ein wenig nachzuspüren, ebenso der einen oder anderen Textpassage im bei Suhrkamp erschienenen Buches zum Drama in 23 Szenen.
In Kiel lässt sich dieses Buch beispielsweise in der Universitätsbibliothek in der Germanistik-Fachabteilung unter der Nummer S1187/40 finden sowie Kritikenausschnitte
(deren 8 !) zur damaligen Darmstädter Uraufführung unter der Nummer S1187/93 (das Werk heißt "Was einmal wirklich war" und versammelt diverse Texte zum Werk von Robert Menasse, erschienen im Jahr 2007 im Sonderzahl-Verlag, Wien; zum Stück sind die Seiten 339-345). Allein der Umweg, wie dann das Stück zur Aufführung gelangte, nicht - wie Frau Christiani schreibt- im Jahre 2005, sondern eben am 7.10.2006 , dabei aber wohl schon im Jahre 2000 geschrieben (nicht, wie Frau Christiani schreibt, 2001), ist ja geradezu ein Politikum ad se ipsum . Felix Wadewitz nennt in der FAZ-Kritik zur Uraufführung durchaus jene Namen, die man hinter den dänischen Nationalspielernamen von 1992 als reale Klarnamen aufblitzen sehen könnte, aber eben auch nicht muß: Klima, Schüssel, Haider. Zudem nennt er auch den Namen jenes Kunststaatsministers, Franz Morak, dessen Züge in die Figur des Schauspieler-Politikers geflossen sein könnten; zudem nennt Wolfgang Kralicek im Falter 41/2006 den Forum-Herausgeber Gerhard Oberschlick als mögliche Laudrup-Vorlage.
Nun, und da sind wir bei einem Wort wie "zwingend", braucht dieses Drama diese reale Vorlage nicht, und in Interviews habe Robert Menasse sogar betont, daß es ihm mehr um den Komplex des politischen Mordes gegangen sei als um die Mitte-Rechts-Koalition als Bruch einer etwaigen Brandmauer, und so habe er auch vor allem das Attentat an Pim Fortuyn vor Augen gehabt, um etwas zu umreißen, deswegen Europameisterebene !, was mehr oder weniger alle westlichen Demokratien (in Europa) angeht, damals anging wie heute eben angeht.
Und so schreibt besagter Felix Wadewitz auch bezüglich der Schmeichel-Figur:
"Als Grundlage dient eine ordentliche Portion Pim Fortuyn, ein Schuß Haider, Le Pen, Schönhuber, Fini."
Und wenn Frau Christiani in ihrer Kritik eine mangelnde Schlüssigkeit ausgemacht haben sollte, der Bilder, so sehe ich gerade darin einen ungemeinen Vorzug der Inszenierung, die den Akteuren, trotz aller formalen Strenge , Luft und Würde belässt, noch wie Personen agieren zu dürfen und nicht wie Variablen einer Gleichung, ein kleines Kunststück; sie nimmt sich Zeit und gibt den Akteuren und uns Zeit, daß die Bilder sich setzen können.
Paradies der Ungeliebten, Schleswig: Die nächsten Vorstellungen
Heute um 19:30 Uhr in Flensburg, morgen, also am 18.12., um 20 Uhr in Husum, und am darauffolgenden 19.12. in Heide !!
Das ist, so oder so, schon eine gehörige Anforderung, an jeweils anderen Orten wirkt das allerdings geradezu wie eine Herkulesaufgabe, zumal bei einer so Szene für Szene auf den Punkt zusammenarbeitenden Schauspielerführung, Licht- und Tonregie (der NDR-Bericht von Thomas Kahlke vom 14.12., aufrufbar !, gibt davon einen guten Eindruck, zumal er ausgesprochen wohltuend warmherzig verfaßt wurde, siehe seine Passage: "Das Stück könnte man als reines Politdrama erzählen. Doch für Joanna Lewicka ist das zu wenig. Ihr geht es um die Lesart, die man dem Stück entgegensetzt, um das, was zwischen den Zeilen zu lesen ist, "Welche Welt und vor allem welche Menschen möchte ich auf der Bühne erzählen", sagt die Regisseurin am Rande einer Probe wenige Tage vor der Premiere."). So kommt es auch, daß keine Figur des Stückes einfach nur vorgeführt wird, denunziert, karikiert, ja, daß halt das Unschlüssige eines jeden Bildes der menschliche Faktor ist und bleibt, man könnte dies auch mit "Würde" bezeichnen.
Für die Trilogie (im Grunde weiterer Premieren) TOI TOI TOI !!
Paradies der Ungeliebten, Schleswig: Kritikenspiegel
In den Kritikenspiegel bislang noch keinen Eingang gefunden hat die Besprechung durch
Ruth Bender in den Kieler Nachrichten vom 18.12. , welche übertitelt ist mit "Im Dunkel der Polit-Farce". Am Ende dieser Premierenkritik kommt sie zu folgendem Fazit:"Was bleibt, ist ein mutiger, nachdenklicher Abend, der zur Saisoneröffnung mit Heinrich Manns "Untertan" passt - und dem zur vollen Überzeugungskraft nur ein Quäntchen Brechtscher Unterhaltungswille im Lerntheater fehlt."
Ja, das mit der mutigen Inszenierung sehe ich auch so, allerdings verorte ich diesen Mut nicht dort, wo Ruth Bender ihn offenbar ausmacht. Wie in Kommentar 2 angedeutet, habe ich ja das Buch mit dem gesamten Dramentext in meinen Händen gehalten und einen Blick hineingeworfen, und aus dieser Erfahrung sehe ich eigentlich weder den vollständigen Text als ein Lehrstück oder Lerntheater (im Brechtsinne) noch die Strichfassung, welche Dramaturgie und Regie dieser zweiten Inszenierung des Stückes
angedeihen läßt, diese schon garnicht; ganz im Gegenteil kürzt diese Strichfassung auf , wie ich meine, dramaturgisch gebotene Weise gerade einige jener Szenen bzw. Passagen, welche -schnell falsch verstanden- einen belehrenden Gestus vermuten oder unterstellen
lassen könnten (auch wenn das keine uninteressanten, ganz im Gegenteil, Passagen sind), wobei es durchaus auch um Bildungsinhalte geht, welche dem Gros, auch mir nicht, der meisten Zuschauerinnen und Zuschauer nicht vertraut sind bzw. speziell auch einen antisemitischen Kontext aufmachen, der im sonstigen Inszenierungsgeschehen vermutlich zur Zerfaserung der dramaturgisch hier erreichten und eingelösten Dichte
geführt haben würde. Diesen dramaturgischen Zugriff beziehungsweise diese Entscheidung der Regie, hier einerseits zu reduzieren auf die Europameister und ihr "Bunkerleben", sich dafür aber umso mehr Zeit zu nehmen und dem Publikum die Gelegenheit zu geben, sich Schritt für Schritt, Lichtzug um Lichtzug, Maske ab, Maske auf mitzubewegen, sehr wohl aber mit der Anforderung, daß ein solches Sich-mit-bewegen
nicht ohne eigene Anstrengung(en) zu haben ist, nenne ich an dieser Stelle mutig, was ua. auch als ein Plädoyer meinerseits zur Nachlektüre, so möglich, solcher Abende ist, denn auch so läßt sich ein wenig mehr verstehen (möglicherweise), wie die Dramaturgie/Regie hier gewichtet und gearbeitet hat. Und ja, mutig ist es eben auch, wie uns das Ensemble bzw. die "Europameister" uns dann gegen Ende entgegensingen können, da tatsächlich mit Bob Dylan und auf Europameisterenglisch "Death is not the end", auch eine Mannschaft, die, ein Ensemble bildend, das uns entgegentritt, um uns direkt und unverhohlen damit zu konfrontieren, was in Abwandlung von "Es gibt keinen Sozialismus ohne Sozialisten" heißen könnte "Es gibt keine Demokratie ohne Demokraten". Die Wirkung aus dieser Inszenierung ist deswegen für mich auch eine derjenigen aus "Endsieg" (6.12.2024) sehr verwandte, zwei Abende, die sehr gut kurz nacheinander angegangen werden können, gerade auch für jüngeres Publikum !
Auch der Kontrast des "Der Tod ist nicht das End" (nach der Übersetzung von Nick Cave), mit welchem Schmeichel noch Laudrup konfrontiert und dieser Konfrontation des Publikums ist sehr stark, und selten schimmerte die Systemfrage wohl aus einem Abend so kerzenlichthaft-feierlich wie durch diese Inszenierung: das fünfte Lichtlein brennt, ach brannte; doch, frei nach Robert Menasse, was einmal wirklich war, wird immer möglich bleiben, und daher fand ich das alles garnicht so trostlos..
Paradies der Ungeliebten, Schleswig: Herausforderung
Am 15.12.2024 hatte „Das Paradies der Ungeliebten“ des Wiener Autors Robert Menasse am SHL-Premiere. Dieses Auftragswerk des Burgtheaters, wurde dort nicht gespielt, weil es angeblich zu "kabarettistisch" und nicht "brisant" genug war. 2006 erfolgte die UA dann in Darmstadt.

Das Stück spielt im fiktiven Dänemark wie Shakespeares „Hamlet“ und noch immer „ist etwas faul im Staate Dänemark“. Diese „staatspolitische Fäulnis“ hat sich mittlerweile auch in Deutschland breit gemacht.
Was kann passieren, wenn der Rechtspopulismus die Demokratie unterwandert? Oder mit den Worten Menasses: „Es wird sich entscheiden müssen, welcher Typus Europäer die Zukunft bestimmt: der universale Europäer oder der eindimensionale Europäer. Das heißt: ob auf diesem Kontinent in Zukunft Menschenrecht oder Faustrecht herrscht.“

In dieser Politsatire haben Politiker keine Macht, sie verwalten Ämter. Ein hilfloser Kanzler, eine besessene Vize, ein demagogischer, rechtspopulistischer Oppositionsführer, ein gescheiterter Schauspieler, der auch politisch nicht überzeugt; sie alle meistern Europa nicht. Sie lassen sich wählen aus Gier nach Macht und wälzen ihre Verantwortung auf „Sachzwänge“ ab. Ein politischer, hitzköpfiger Verleger plant ein Attentat. Doch was ist politischer Mord, wenn die Politik tot ist? Eine Farce oder eine Mär? „Obwohl sie gestorben sind, leben sie noch immer“. Diese Politsatire zeigt die Demokratiedämmerung Europas und ist 18 Jahre nach der UA hoch aktuell.

Joanna Lewicka Theaterpreisträgerin („Der Faust 2024“) für beste Schauspielregie inszeniert das Stück als bildgewaltige, surrealistische Politsatire im Zerrspiegel unserer Gegenwart. Gespielt wird in einem düsteren, kerkerähnlichen Raum in den grüne Schlingpflanzen einwuchern und kaltes, entlarvendes Neonlicht von der Decke strahlt (Bühne/Kostüme: Norbert Bellen). J. Lewicka setzt auf visuelles Theater, das stark mit Bewegung, Musik (Duncan Ó Ceallaigh) und Masken arbeitet. So erwachsen bildgewaltige Tableaus, indem sie das Tempo verlangsamt, die Poetik einzelner Situationen ins Zentrum rückt, statt auf Handlung zu fokussieren. Es entsteht eine Inszenierung der Reflexion, da im Zuschauer Bilder und Assoziationen erwachen, in dessen Zentrum der moderne Mensch steht. Die Bildersprache Lewickas verleiht dem Menasse-Text emotionale Sprengkraft und macht diese Inszenierung für den Zuschauer zur emotionalen Erfahrung. Lewicka zielt auf unser limbisches System mit Bildern, die Emotionen erwecken und somit nachhaltige Engramme bilden. In dieser Inszenierung wird mit Stirnlupe und Skalpell gearbeitet, um die Unzulänglichkeiten der menschlichen Natur bloßzulegen und die perfiden Mechanismen populistischer Demagogen freizulegen und es wird sichtbar wie schwer es wird in einer immer mehr entmenschlichten Welt seinen Platz zu finden.
Das Ensemble (Maja Grahnert, Friederike Pasch, Dennis Habermehl, Martin Maecker, René Rollin, Aaron Rafael Schridde und Tom Wild) sind die Garanten für diesen fantastischen Theaterabend. Sie haben die Herausforderung angenommen - minutiös an jeder Bewegung, Geste, Mimik und Sprachgestaltung zu arbeiten - um bildgewaltiges Theater zu erwecken, das für den Zuschauer unmittelbar erlebbar wird. Es sei nur eines dieser gewaltigen Bilder erwähnt, die Szene vom Paradies der Ungeliebten - einer Schlangenfarm. Der Clou der Inszenierung ist, dass Lewicka die Story der Gefahr rechtspopulistischer Politiker von den paradiesverheißenden Bildern in den Köpfen ihrer Follower mit Bildern erzählt.
Das Stück endet mit Shakespeare „Der Rest ist Schweigen“ und einem entzündeten Streichholz, das erlischt – Black Out! Dieses Ende drückt Ratlosigkeit und vielleicht sogar das Unvermögen aus sich in einer Welt demagogischer Populisten zu behaupten, sofern wir nicht bereit sind, die paradiesverheißenden Bilder der Populisten zu hinterfragen und zu entzaubern. Das Publikum dankte mit starkem, rhythmischem Applaus. Bravo & Merci!
Paradies der Ungeliebten, Schleswig: Nächste Premiere am LSH
Die nächste Premiere, die am Schleswig-Holsteinischen Landestheater samt "REINGESCHAUT"-Vorspann (dabei handelt es sich um einen etwa 40 minütigen Probenbesuch mit vorheriger Stückeinführung) ansteht, ist "Bocksgesang" von Franz Werfel und soll am 1.2.2025 (um 19 Uhr) in Rendsburg statthaben, besagtes "REINGESCHAUT" am 24.1.2025 (um 17:30 Uhr). Das schreibe ich hier im Thread zu "Das Paradies der Ungeliebten", weil ich es seinerzeit in Schleswig mit dem Menasse-Stück so gehalten habe, diesen, kurz vor der Premiere statthabenden, "REINGESCHAUT"-Voreindruck und die Premiere zu besuchen und es von daher nur wärmstens empfehlen kann. Zudem wird das Stück ja wohl nicht oft gezeigt und mag auch für eine Nachtkritik erneut eine Option sein ?. Frohes und gesundes Jahr 2025 allseits !!
Paradies der Ungeliebten, Schleswig: Kommentar und Pressespiegel
Pressespiegel und Kommentar zu der in #6 von mir bereits vorangekündigten Premiere des Stückes „Bocksgesang“ von Franz Werfel in der Regie von Moritz Nikolaus Koch am 1.2.2025 in Rendsburg (siehe Leserkritik #908 von Reiner Schmedemann):

Es ist für meine Begriffe beinahe mit den Händen zu greifen, wie diese Premiereninszenierung die Kritik -und gewiß wahrlich nicht nur diese-in immensen „Erklärungsnotstand“ versetzt zu haben scheint. Wenn Reiner Schmedemann in seiner Leserkritik ausdrücklich den Text mit Interpretationsansätzen , der „Was kann das bedeuten?“ überschrieben ist und von dem Dramaturgen Lukas Rosenhagen stammt, lobt und ebenso ausdrücklich die Kompositionen und das E-Violinespiel von Carolin Pook, so ist das annähernd schon ein Indiz dafür, daß möglicherweise der interpretatorische Grundzug der Inszenierung etwas im Dunkeln geblieben sein dürfte und ein „Was kann das bedeuten ?“ sehr wohl konsequent am Platze scheint.

Nehme ich nun die beiden Kritiken von Sabine Tholund (KN vom 3.2.2025) und Sabini Christiani (shz vom 3.2.2025) zur Hand, so verstärkt sich dieser Eindruck zusehends. Sabine Tholund sah kaum mehr als eine Illustration des Mechanismus von Argwohn und Furcht allem Fremden gegenüber, das als Gefahr gesehen werde, weil es unbekannt sei, und untermalt werde das verstörende Spiel mit stimmig schrillen Kompositionen von Carolin Pook, die vom Rendsburger Premierenpublikum mit begeistertem
Sonderapplaus bedacht worden seien (was -vollkommen zurecht meineserachtens- auch stimmt); immerhin hebt sie die Stanja Maria Grahnerts als selbstbewußte Frau hervor, die am Ende die einzig Mutige sein würde, die das Vermächtnis des Wesens nach dessen Tod weiter in die Welt trage.

Ähnlich sah es auch Sabine Christiani in ihrer mit „Ein Kampf , der nur Verlierer kennt“ überschriebenen Besprechung, wobei sie den Abend insgesamt etwas lichter bespricht und von einer ambitionierten Inszenierung zu berichten weiß:“ Athmosphärisch getragen von Carolin Pooks expressiven Kompositionen, spürt die ambitionierte Inszenierung von Moritz Nikolaus Koch am Landestheater dem fatalen Mechanismus von Argwohn und Furcht vor dem Unbekannten nach.“

Auch zu Stanja heißt es ganz ähnlich wie oben:“Am Ende wird sie die Unerschrockene sein, die das Vermächtnis des Wesens nach dessen Tod weiter in die Welt trägt.“ Bleibt nur die Frage, worum es sich bei diesem Vermächtnis schließlich handeln soll ! Wozu bin ich als ZuschauerIn gehalten, und lohnt die ganze Ambition dieses nicht unaufwendigen Abends ?? Ich denke, daß ich an dieser Stelle durchaus mit einem „Ja“ antworten kann, allerdings hinzufügen muß, daß er allein schwerlich für sich selbst spricht, sondern von der Betrachterin/dem Betrachter geradezu verlangt, der Causa auf dem Grunde zu gehen, ähnlich wie es Lukas Rosenhagen tat oder auch in den Erläuterungen des Schauspielleiters Martin Apelt im besagten „Reingeschaut“-Probenbesuch“ zur Sprache kam. Verstörung, wie Sabine Tholund keineswegs unmotiviert dazu notiert, ist nicht das Übelste, was ein Theaterabend bewirken kann, wenn es gelingt ihr irgendwie produktiv zu begegnen, und wie könnte der Dialog zwischen dem Gospodar und seiner Frau (5. Akt, 2. Szene), den Reiner Schmedemann völlig nachvollziehbar als einen der Höhepunkte, geradezu den Kulminationspunkt der Inszenierung ausweist, nach der Katastrophe denn nicht verstören: Gospodar: “Erlöst ! - Kinder machen den Menschen nicht froh.“ Mutter:“Froh nur das Weib, solange es Milch in der Brust hat.“ Gospodar: “Aber Kind und Haus, sie wachsen und verbauen des Menschen Himmel.“ Mutter: "Und seine Liebe.“

Solch deftigen Sätze zum Nachwuchs habe ich wohl seit dem „Gott des Gemetzels“ nicht mehr gehört. Plötzlich scheinen all die Vater&Sohn-Motive aus den Werken verwandter Zeit (Franz Kafka:“Ich verurteile Dich zum Tod des Ertrinkens“ - Vater in „Das Urteil“) nicht fern oder Musils „Man ist nie so sehr bei sich, als wie man sich verliert“ („Die Schwärmer“, Thomas).

Womit bereits zwei Zeitgenossen Franz Werfels, eben Robert Musil und Franz Kafka , genannt wären, was ich an dieser Stelle nicht zufällig gemacht haben will, denn diese beiden gehören geradezu zu den ersten Rezipienten des „Bocksgesangs“. Franz Kafka kannte das -etappenweise, ich meine im „Prager Tageblatt“, veröffentlichte - Drama als Leser (Kafka, Tagebücher, hier 1.11.1921,
also einige Monate vor der Uraufführung), Robert Musil, seinerzeit ua. als Theaterkritiker tätig, gehörte mit seiner Uraufführungskritik zu „Bocksgesang“ vom 15.3.1922 zu den ersten, welche das Stück besprachen. Robert Musil sollte in den letzten Sätzen dieser Kritik Folgendes zu Protokoll geben:“Werfel führt seit Jahren einen energischen Kampf um vertiefte Bedeutung; er führt ihn meiner Ansicht nach zu klug, zu wenig gegen sich selbst: was nicht zu hindern braucht, daß ihm vielleicht schon diesmal der Erfolg recht geben wird.“

Nun ja, „zu wenig gegen sich selbst“, klingt angesichts der zitierten Dramenpassage, die sehr wohl auf die Interpretationsvariante, welche Lukas Rosenhagen anbietet zum „Alma Mahler“-Schuldkomplex, deutet ,zunächst überraschend, erhellt aber zugleich ein wenig, daß die Wirkung aus dem Stück heraus zu schwach ist, um seine (hier vermutete) Grundintention zu motivieren, die damit wie angepappt und aufgesetzt, logisch zu isoliert und dem Ganzen äußerlich bleibt.
Tatsächlich deutet ein Tagebucheintrag vom 21.3.1923 Franz Werfels anläßlich der tschechischen Uraufführung an, daß auch er es so bilanzierte:“Der Fehler des Stücks ist nun ganz klar. Das Tier bleibt nicht real genug.“

Mit dem (späteren) Musil gesprochen gelang also nicht die „Erfindung des inneren Menschen“, welche überhaupt erst die Entdeckung der inneren Qual des Gospodar eröffnet hätte, sondern das Stück ist quasi vorher abgebogen, noch allerlei Zeitprobleme anzuschneiden und jene Mechanismen, von denen die beiden Zeitungskritikerinnen handeln, in soetwas wie den Hafen gesicherter Bedeutung und verdienstvoll-phantasievoller Überlieferung und Zeitbildproduktion. Aber, um , so „äußerlich-historisch“ , als Drama ein gewaltiges Symbol der Zeit und nicht eine Art Opernlibretto, hätte es in sich schlüssiger, logischer, weniger sprunghaft beispielsweise sein müssen, so verstehe ich Musil, stattdessen aber läßt, ich bediene mich jetzt der Kritik von Sabine Tholund, er holzschnittartige Figuren aufmarschieren, was in Musil Satz mündet:“Im Bocksgesang“ ist vieles bedeutsam, ja manches, wie die Figur des Juden, von einer unerwarteten dramatischen Präzision, und selbstverständlich ist bei einem Dichter wie Werfel das schöne Melos auch in der Prosa. Was daneben steht, das Zweite, möchte ich eine Art Bauernkalender des Theaters nennen, ein bedenkenloses Führen von Konturen, die durch Generationen von Künstlern gegangen sind, dann volkstümlich korrumpiert wurden ... .“

Das identifiziere ich mit dem, was Reiner Schmedemann als „folkloristisch“ ausweist in seiner Besprechung. Vor diesem Hintergrund kann man die Inszenierung des Stückes in der Tat nur als „ambitioniert“ bezeichnen und für den Mut, der notwendig viel Fragliches offen läßt, nur loben. Leider geraten die meisten „Nebenpersonen“ in der Inszenierung dann doch zu sehr zur Karikatur, so sehr, daß hier weder das Zeitstück genügend Spannung aufbauen kann noch das Stück von der Erfindung des inneren Menschen, welcher das Baby immerhin zu sein verspricht, sich genügend davon lösen.
Kommentar schreiben