Armer Teufel

12. Oktober 2025. Klaus Manns "Mephisto" taucht als Roman-Vorlage wieder vermehrt auf der Bühne auf. Als Großkünstlertypus, der einen Pakt mit den Nationalsozialisten schließt. In Luk Percevals Inszenierung ist er auch, gespielt von Christian Klischat, ein Schmerzensmann, der wie ein geblendeter Ödipus wirkt.

Von Stefan Benz

Klaus Manns "Mephisto" von Luk Perceval inszeniert am Staatstheater Wiesbaden © Mariia Shulga

12. Oktober 2025. Der Abgang ist stark: Hendrik Höfgen lamentiert über seine Rolle im nationalsozialistischen Kulturapparat. "Ich bin ein ganz gewöhnlicher Schauspieler", jammert er und geht ab ins Wiesbadener Foyer, während in der Dunkelheit des Großen Hauses seine Ausrede von draußen nachhallt. Natürlich ist Höfgen kein normaler Schauspieler. Aus der Hauptfigur des Klaus-Mann-Romans "Mephisto" von 1936 konnten Zeitgenossen leicht den Schauspieler und späteren Intendanten Gustaf Gründgens (1899–1963) herauslesen.

Das war noch nach dem Krieg Stoff für einen Skandal. Das Bundesverfassungsgericht bestätigte 1971 das Veröffentlichungsverbot gegen den Roman, weil darin Gründgens erkennbar verunglimpft wird. Schließlich ist "Mephisto" unschwer als Schlüsselroman zu dechiffrieren, auch wenn es am Schluss heißt: "Alle Personen dieses Buches stellen Typen dar, nicht Porträts."

Teuflische wie modellhafte Karriere 

Nur ist die Erinnerung an Gründgens heute verblasst, erkennt nicht mehr jeder hinter dem Panorama der Theaterfiguren eine Phalanx von Personen der Zeitgeschichte wie Carl Sternheim, Hanns Johst oder Pamela Wedekind. Der belgische Regisseur Luk Perceval gebraucht die Romanvorlage denn auch sehr konsequent für ein minimalistisches Modellstück. Er nimmt dem Stoff nicht nur das Potenzial fürs Porträt, er entkleidet die Geschichte auch von jeder historischen Staffage.

Dabei stehen am Anfang noch die beladenen Kulissenwagen auf der Bühne bereit. Als könnte das auch so ein fernsehfilmartiges Historienstück mit Hakenkreuzen werden. Doch die Ausstattung wird gleich wieder abgeräumt. Bühnenbildner Philip Bußmann fährt die Podeste in sechs Stufen empor, die Regie staffelt die Figuren auf dieser breiten Treppe. Licht, Schatten und Nebel sorgen für Konturen in der tiefen Leere des Raumes.

Mephisto1 1200 Mariia ShulgaViel Licht, Schatten und Nebel auf der Showtreppe in Luk Percevals "Mephisto" © Mariia Shulga

Was im Rückblick auf den gefeierten Mephisto-Darsteller Gründgens und seinen Teufelspakt mit den Nationalsozialisten für uns heute fern und verschwommen wirkt, präpariert die Inszenierung immer wieder gespenstisch scharf heraus. Dafür hat sich Perceval selbst eine schlanke Spielfassung geschrieben, in der das Ensemble Rollen und Erzählhaltung wechselt. So knapp der Theatertext gehalten ist, erstreckt sich der "Roman einer Karriere" doch über zwei pausenlose Theaterstunden, weil hier kein Realismus waltet.

Geblendet und voller Schmerzen

Das schaut vielmehr aus wie der Theateralbtraum eines Vorzeigeteufels, der sich an die dunkle Seite der Macht verkauft hat. Als Mephisto war Höfgen noch in der Weimarer Republik charismatisch. Für die Nazis will er Hamlet als deutschen Rächer verkörpern. Dabei ist er längst zu alt und zu pummelig. Wenn Christian Klischat am Anfang im Unterhemd an der Rampe steht, denkt man eher an einen Woyzeck. Und als sich Höfgen nach einer Stunde an die Nazis ausliefert, steigt er als nackte Kreatur von hinten herab, kippt sich unter Krampfanfällen weißes Puder über den Körper. Es ist eine Verwandlung in Mephisto, die eher an einen geblendeten Ödipus denken lässt.

Mephisto3 1200 Mariia ShulgaWirft sich für seine Figur ins Zeug: Christian Klischat als Hendrik Höfgen in "Mephisto" © Mariia Shulga

Die Angst vor dem Bedeutungsverlust wird bei diesem Künstler als Größenwahn durchbrechen: "Das Theater braucht mich", heißt es am Ende. Nun, diesen Theatertypus braucht es nicht mehr. Da ist die Inszenierung ganz klar. Und doch dosiert Perceval Spott und Satire des Romans sehr behutsam. Theophil Mader alias Carl Sternheim mag hier ein kulturpessimistischer Meckerpott sein; Nazi-Funktionär Caspar von Muck alias Hanns Johst mag halb debil, halb senil keifen; Höfgen mag ohne Rückgrat bloß als Charakterwurm kriechen. Christian Klischat aber wirft sich für seine Figur mitleiderregend ins Zeug. Dieser Theaterstar der NS-Bühne hat so gar keine Strahlkraft. Kein Talent, kein Triumph. Nur einmal blitzt diabolisches Können auf. Sonst agiert dieser Staatsschauspielwurm wie unter Watte.

Selbstverteidigungs-Modus 

Das Großkünstlerego schrumpft vor allem neben den Damen kümmerlich. Aus seiner schwarzen Domina Juliette, die Höfgen am Ende kalt verstößt, wird in Wiesbaden ein weißer Dominus in High-Heels (Lennart Preining). In der bourgeoisen Familie von Barbara (Laura Talenti) fühlt sich Höfgen sozial wie sexuell als Versager. Das kann nichts werden. Die Ehe mit Nicoletta (Süheyla Ünlü) hält in Wiesbaden nicht nur wegen ihres Vaterkomplexes, sondern auch, weil die beiden mit Mikrokabel verschnürt werden.  

Man kann Höfgen als karrieregeilen Kriecher und rücksichtslosen Treter verachten, doch in Wiesbaden tun sie viel, um Mitgefühl für ihn zu wecken. Mehr als er verdient. Höfgen wirkt oft wie ein Schmerzensmann der Selbstverleugnung. Ein armer Teufel.

Mephisto
von Klaus Mann
Regie: Luk Perceval, Bühne: Philip Bußmann, Kostüme: Ilse Vandenbussche, Komposition/3D-Bühnenmusik: Karol Nepelski, Dramaturgie: Hannah Stollmayer, Choreografie: Ted Stoffer. 
Mit: Christian Klischat, Felix Strüven, Adi Hrustemović, Laura Talenti, Süheyla Ünlü, Lennart Preining, Hannah Lindner.
Premiere am 11. Oktober 2025
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.staatstheater-wiesbaden.de

Kritikenrundschau

Perceval ziele in allererster Linie darauf ab, den Alptraum eines unsicheren, schlingernden, verkringelten, verlegenen, zugleich aber immens ambitionierten, unbefriedigten Menschen zu erzählen, schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (13.10.2025). "Die auch im Roman vage verhandelte Frage, ob Hendrik Höfgen überhaupt ein guter Schauspieler ist, bleibt hier überdurchschnittlich offen. Christian Klischat spielt glänzend und schonungslos mit sich selbst einen Schauspieler, der vermutlich Mittelmaß ist." Auch wenn die "dichte, intensive Inszenierung" gelegentlich ein Tempo-Problem habe, "sehr lange, zu lange stehenbleibt in diesen starken Momenten, geht es insgesamt zügig voran."

"Christian Klischat trägt als Höfgen über die zwei Stunden Spielzeit die chamäleonhaften Wechsel dieses Karrieremannes, die Selbstzweifel, seine geheimen Lüste und auch seine berühmtesten Rollen", schreibt Eva-Maria Magel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (13.10.2025). Der Abend habe viele starke Bilder. "Immer wieder friert die Handlung regelrecht ein in solchen Bildern, Theater kann so etwas, und in Wiesbaden wird es nun ausgekostet. Samt einer ausgeklügelten und grandios beunruhigenden Surround-Komposition, unter die Karol Nepelski Marschtritte, Flüstern, Applaus gemischt hat. Nicht immer aber, wenn Sätze x-mal wiederholt werden oder Figuren innehalten, hat das die Bedeutungsschwere, die es vorgibt."

Luk Perceval finde "heutige Assoziationen, hintersinnige Zitate und starke Bilder für diesen Stoff (…), der so gut in die Zeit passt", urteilt Birgitta Lamparth im Wiesbadener Kurier (14.10.2025). Im Mittelpunkt der Inszenierung stehe "die Scham der moralisch fragwürdigen Hauptfigur, die von Erinnerungen heimgesucht wird". Es handele sich um einen "komplexern bis in die Lichtregie ausgefeilten Abend, der beim Premierenpublikum vorwiegend auf Zustimmung traf".

 

Kommentare  
Mephisto, Wiesbaden: Ratlos
Ich hatte mich auf die Vorstellung besonders wegen der Mitwirkung von Christian Klischat gefreut, der im Woyzeck den Hauptmann gespielt hatte. Dort war er der einzige Schauspieler - neben den kleinen Mädchen - der akzentuiert und verständlich sprach.
Hier, im Mephisto, wurde vor allem gebrüllt und unverständlich gekreischt. Warum eigentlich? Ich bin sehr, sehr oft im Wiesbadener Grossen Haus und weiß, es hat eine hervorragende Akustik!!!
Trotzdem wurde vorwiegend gebrüllt und die Mikrofone trugen keineswegs zur Verständlichkeit bei.
Ich erkannte sehr wohl die Spielfreude der Schauspieler, ging aber enttäuscht und ratlos nach Hause.
Beinahe schon komisch: bei der Heimfahrt erlebte ich kreischende Obdachlose auf dem Wiesbadener Hbf.
Mein Gedanke: die hätten gerade mitspielen können.
Ich werde mir wohl besser nochmal den Film mit Klaus Maria Brandauer anschauen . Schade!
PS: beim Verlassen des Theaters hörte ich Schüler ( Publikum von morgen) sagen: Und die klatschen auch noch.
Mephisto, Wiesbaden: Was taten wir hier?
Kommentar nur unterzeichnen, vor allem, was die Qualität des Sounds anbelangt. Aus diesem Grund bin ich überhaupt nicht in das Stück hinein gekommen. So ging es meinen Begleiterin dann ebenfalls. Nach circa 45 Minuten fragt wir uns, was wir hier tun, und verließen das Theater.
Mephisto, Wiesbaden: Eindrucksvoll
Der Einstieg gelingt - besonders wenn man ganz vorne sitzt: langsam fährt aus dem Bühnenboden die Glatze eines Mannes hoch, gefolgt von einem umso behaarteren Rücken. Es ist Hendrik Höfgens von hinten, direkt vor dem Publikum. Das Bühnenbild wird hinausgefahren, Stufen und eiserner Vorhang reichen aus. Und eine Menge Mikrofone, die nicht nur in der Verstärkung des Gesprochenen ihre Wirkung entfalten sondern deren Kabel auch mehrmals zum Fesseln und "binden" herhalten müssen. Die Inszenierung zeigt Hendrik Höfgen als schmerzerfüllten, geblendeten Künstler, der in einem albtraumhaften Bühnenraum zwischen Rollenwechseln und körperlicher Selbstentäußerung seine Verwandlung erlebt. Für mich daher absolut folgerichtig, dass dieser Hendrik Höfen sich splitterfasernackt den Nazis hingibt, indem er Asche über sein kahles Haupt kippt, die dann am Körper und in den Haaren haften bleibt - welche geniale Ausleuchtung in diesem Moment. Und als das Licht wieder komplett angeht, schämt sich der talentarme, fahle Hendrik ob seiner Nacktheit und ruft Mitleid hervor. Am Ende entlarvt die Regie den Künstlertypus als überholt und zeigt Höfgen als tragischen, „armen Teufel“, der sich selbst verloren hat. Vielen Dank an das gesamte Team, besonders Christian Klischat, für diesen tollem Theaterabend.
Kommentar schreiben