Der Diplomat - Nibelungenfestspiele Worms
Symbolisches Säbelrasseln
13. Juli 2024. Vor erleuchteter Domfassade geht es in der diesjährigen Neudichtung der Nibelungensage von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel um das Gedankenspiel diplomatischer Verhandlungen mit dem kriegerischen Hunnenkönig Etzel. Roger Vontobel inszeniert mit hochkarätigem Cast und einer zwingenden Setzung.
Von Janis El-Bira
Nibelungenfestspiele Worms: Franz Pätzold und Marta Kizyma in "Der Diplomat" © David Baltzer
12. Juli 2024. Nicht auszuschließen, dass Worms am Ende dieses Sommers Aufnahme in die Liste der Städte mit einem Blutwunder finden wird. Aber wo andernorts nur eine Ampulle mit ein paar Blutstropfen des Schutzpatrons den Aggregatzustand von fest zu flüssig wechselt, da sprudelt es am Rhein so richtig. Bis fast vor die Füße der Honoratioren in der ersten Reihe ergießt sich der immer aufgefrischte Blutstrom, bappt an, mischt sich mit Schlamm und Regen zu rotem Matsch, der zwischendrin vergebens weggekärchert wird. Unfreiwilliger Spender dieses Wunder-Fluchs ist der tote Siegfried, von Hagens Speer durchbohrt, und nunmehr aufgebahrt vor dem Wormser Dom. Immer wenn sein Mörder in die Nähe kommt, wird Siegfrieds tödliche Wunde undicht. Ein Riesenärgernis.
Randfigur zur Hauptfigur
Dem Autorenduo Feridun Zaimoglu und Günter Senkel und Regisseur Roger Vontobel, nach einschlägigen Erfolgen zum zweiten Mal bei den Nibelungenfestspielen dabei, ist mit dem Bild dieses dauerblutenden Heldenleichnams eine echte Setzung gelungen. Nicht nur, weil sich hier ein kulturhistorischer Hallraum auftut, der bis zur mehrfach abgewandelt zitierten Stelle aus dem Matthäus-Evangelium – "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!" – reicht, an der der ganze Antijudaismus des christlichen Abendlands klebt. Sondern vor allem, weil sich metaphorisch kaum sprechender von einer Gegenwart erzählen ließe, in der Wunden sich nicht mehr schließen und scheinbar Vergangenes permanent ins Heute einblutet.
Animationen auf der Domfassade © David Baltzer
Knöcheltief drin in dieser Suppe steckt bei Zaimoglu und Senkel nun eine eigentliche Randfigur des Nibelungenmythos, nämlich Dietrich von Bern. Ein entmachteter Herrscher, jetzt notgedrungen in Diensten des Hunnenkönigs Etzel und vor allem – komplett des Tötens überdrüssig. Franz Pätzold spielt ihn anfangs als Kriegszitterer mit Eishöhlenaugen, später als ruhigen Sachwalter seiner Überzeugungen. Dietrichs Erzfeindin, die Kriegerin Witta (tödlich wie ein Nazgul im Goldfummel: Marta Kyzima), erschlägt zu Beginn vor dessen Augen seinen Bruder und die Söhne Etzels. Schwer traumatisiert bekommt Dietrich daraufhin einen hübschen Yedi-Bademantel als Zeichen seiner Läuterung angezogen und vermittelt fortan zwischen dem Burgunderhof und den anrückenden Hunnen. Siegfrieds Witwe Kriemhild, der Jasna Fritzi Bauer die ihr eigene traurige Trotzigkeit mitgibt, soll Etzel als Kriegspfand zur Frau gegeben werden, damit dieser vom Einmarsch in Burgund abgehalten wird. Wer jetzt bei Kriemhild irgendwie auch an die Krim denken muss, ist wahrscheinlich nicht gänzlich falsch gewickelt…
Reden statt fechten
Zaimoglus und Senkels "Diplomat" ist ein langes Stück. Auf vielen Seiten entwirft es in erster Linie Psychogramme seiner Handlungsträger, die ihre Positionen im Machtgefüge anhand der Frage nach dem Wert des Friedens permanent neu justieren müssen. Mit den Gegebenheiten des Open-Air-Events vor der Domkulisse reibt sich die Gediegenheit dieses Textes auf gar nicht mal uninteressante Weise. Jedenfalls hört man zu und hin, als sei’s ein Kammerspiel. Und wo Regisseur Vontobel dann doch mal den ortsangemessenen Ritter-Trash aus der Rüstung lässt, wenn Langschwerter geschwungen und sich in martialisch-rammsteinigen Videoprojektionen eimerweise Blut vor den Latz geklatscht wird, da fängt die deliberative Erklärbärigkeit des Textes solcherlei Ausschweifungen schnell wieder ein.
Der ewig blutende Siegried mit Aniol Kirberg und Jasna Fritzi Bauer (oben) © David Baltzer
Wenig Spielraum
Ein bisschen zehrt das freilich am Spaß und Guilty-Pleasure-Wert der Veranstaltung. Zwar wird gerade in der zweiten Hälfte zünftiger aufgefahren mit Animationen auf der Domfassade und einem ehrlich spektakulären Nebel-Tornado auf dem Höhepunkt der Entwicklungen – aber dass man herausragende Bühnenmenschen wie Marcel Heupermann (König Gunther) oder Thomas Loibl (Hagen) kaum ins Spielen bekommt, weil sie immerzu damit beschäftigt sind, Dinge aufzusagen, die das psychologisch Rundgedrehte ihrer Figuren betonen sollen, ist schade. Heupermann versucht zwar merklich, seinem Gunther einen Klecks vom Wahnsinn der Sorte Ubu beizumischen, wenn er beim Sinnieren über die Motive der Hunnen kreisförmig herumtapert. Aber die Freiheiten sind recht begrenzt.
So bleiben von dieser ausgiebig beklatschten Uraufführung vor allem jene Momente haften, in denen das Kriegsvokabular der Gegenwart aus den Nibelungenmündern fließt: "Wir wissen nicht, was der Hunne will." Oder: "Was tut Etzel, wenn Ihr ihm gebt, was er wünscht? (…) Wird er von einem Bissen satt?" Die anwesende Kulturstaatsministerin hatte da schon vorab eine konkrete Interpretation am Start. Es gäbe Diktatoren, sagte sie in der Eröffnungsrede, mit denen sei eben nicht um jeden Preis Frieden möglich. Diplomat Dietrich hin oder her. Der schüttere Beifall im traumschönen Heylshof-Garten klang da fast wie ein Echo aller Spaltungsdebatten.
Der Diplomat
von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel
Uraufführung
Regie: Roger Vontobel, Bühne: Palle Steen Christensen, Kostüm: Tina Kloempken, Licht: Súni Joensen, Video: Jonas Dahl, Clemens Walter, Musik: Keith O’Brien, Matthias Herrmann, Dramaturgie: Thomas Laue, Live-Kamera: Kate Ledina, Máté Bredán, Live-Musik: Jan-Sebastian Weichsel, Keith O’Brien, Manuel Loos, Matthias Herrmann, Sebastian Lötscher.
Mit: Franz Pätzold, Jasna Fritzi Bauer, Thomas Loibl, Felix Rech, Yohanna Schwertfeger, Cynthia Cosima Erhardt, Marcel Heuperman, Christoph Franken, Aniol Kirberg, Marta Kizyma, Anton Dreger.
Premiere am 12. Juli 2024
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause
www.nibelungenfestspiele.de
Kritikenrundschau
Es habe aus Sicht von Mareike Gries vom SWR (13.7.2024) in Worms schon spektakulärere Abende gegeben. DIesmal jedoch sei der Blick auf die heillosen Verhältnisse und die dafür Verantwortlichen besonders zwingend. Die Atmosphäre sei spukhaft und lasse von Anfang an keinen Zweifel daran, dass die diplomatischen Bemühungen um ein Ende des Blutvergießens keinen Erfolg haben werden. Aus dem "glänzenden Ensemble" hebt die Kritikerin besonders Jasna Fritzi Bauer als Kriemhild und Yohanna Schwertfeger als Brunhild hervor.
Textlastig und ein wenig bieder findet Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (15.7.2024) Roger Vontobels dritte, "unspektakulärste" Wormser Nibelungen-Inszenierung. Streckenweise langweilig sei das komplexe Diskussions- und Überzeugungsstück. Die Kameras, die das Spiel in Nahaufnahme übertragen, störten die Kritikerin: "Die Schauspieler spielen oft mehr für die Kamera als mit ihrem Gegenüber. So entsteht nicht wirklich ein Zusammenspiel, es fehlt die emotionale Nähe, die Intimität. Lauter Monaden auf blutiger Flur." Gleichwohl würdigt Dössel die Einzelleistungen, insbesondere Jasna Fritzi Bauer, die Brunhild "eigensinnig trotzig und düster, mit kannibalistisch-nekrophilen Anwandlungen ihrem geliebten Siegfried gegenüber" spiele. Sonst stimm- und spielgewaltig, sei Franz Pätzold in der Titelrolle sehr zurückgenommen, er "leuchtet als Lichtgestalt eher innerlich".
Nach ihrer archaischen Überschreibung des Stoffs 2018 waren die Erwartungen an Zaimoglu, Senkel und Vontobel hoch, schreibt Björn Hayer in der taz (15.7.2024), der die damalige "inszenatorische Signatur" wiedererkennt: eine für "emotionale Aufwallung" sorgende Band und eine starke Sängerfigur – Drud, die tote, auf Rache sinnende Gattin Etzels: "Sie ist der unstillbare Geist, die rockige Stimme, die das falsche Schweigen durchbricht." Trotz Vontobels Gespür "für Stimmung und Timbre eines Textes" überzeugt der Abend Hayer nicht. Der Vorlage fehle es an Dynamik und einer tragenden Idee. "Der Diplomat" verliere sich in einem Reigen der Affekte; das Arrangement köchle wie "eine zähle Blutsuppe" im eigenen Saft. Immerhin fange die Inszenierung – "mit äonenweitem Abstand zu Pınar Karabuluts Pop- und Comic-Desaster der letzten Saison" – die Düsternis der Saga und damit unserer Epoche ein.
Künstlerisch für den konservativen Weg entschieden habe sich die Festspiel-Leitung um Thomas Laue mit dem bewährten Text-Regie-Trio, schreibt Christian Mayer in der Welt (15.7.2024). Die Drei stellten die zeitlosen Fragen: "Pazifismus um jeden Preis? Und wann gerät die Diplomatie an ihre Grenzen?" Geantwortet habe Kulturstaatsministerin Claudia Roth in ihrer Eröffnungsrede: Frieden sei nicht um jeden Preis möglich. "Die Welt ist nach dem Besuch der Inszenierung keine Bessere", so Mayer, "aber vielleicht ist der Trost, dass man nun abendlich mit 1.200 anderen Theaterbesuchern vor dem Dom sitzt und weiß: Wir sind nicht alleine, die Sorgen teilen wir uns und noch hat niemand resigniert“.
Brachial setze Roger Vontobel den Sagenstoff in Szene, schreibt Daniel Schottmüller in der Rhein-Neckar-Zeitung (15.7.2024). "Sein Ensemble wälzt sich im Schlamm, schreit, schmiert und spuckt(.)" Für Grusel sorgten die Metal-Balladen und die Projektionen auf der Domfassade; selbst Wind und Wolken spielten mit bei diesem "Anti-Sommertheater", so Schottmüller. Der blutende "Special-Effects-Siegfried" führe gekonnt den Grundkonflikt vor Augen: Wie das Blutvergießen stoppen? "Der Diplomat" sei dennoch "aller Spannung zum Trotz zermürbend": Jeder Satz von Senkel/Zaimoglu fordere, in epischer Schwere vorgetragen zu werden. Bis auf Thomas Loibl (als charismatischer Bad Boy Tronjer) und Marcel Heupermann (als "Angsthasenkönig in Badelatschen") wirkten die Spieler*innen "eher überfordert mit diesem redundanten Mix aus Schiller-Deutsch und Gossensprache". Gnadenlos dresche die Inszenierung mit der medial ohnehin allgegenwärtigen Botschaft aufs Publikum ein: "Die Gewalt kennt kein Entrinnen!"
Vor den Trümmern ihrer Träume und vor neuer Gewalt stünden die Figuren am Ende des bitteren Antikriegsstücks, schreibt Wolfgang Jung in u.a. der Taunus-Zeitung (15.7.2024). Als "düsteres Sittengemälde" inszeniere Vontobel diese vor Hass triefende Lieblingssage der Deutschen und erschaffe mit Bühnenbildner Palle Steen Christensen "einen degenerierten Königshof" rund um Siegfrieds blutende Leiche. Franz Pätzold spiele den Dietrich "wunderbar doppelbödig", Thomas Loibl brilliere als graue Eminenz Hagen. Stark seien die Auftritte von Jasna Fritzi Bauer als rachsüchtige Kriemhild, "betörend" Yohanna Schwertfeger als Brunhild und "furios" Marta Kizyma als Kriegerin Witta. Jung zufolge gab es "viel Applaus für das Stück, das manchmal auf der Stelle tritt".
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Über 1.200 Zugereiste wurden im Vorfeld gebeten, "sich – unter Berücksichtigung der Witterungsverhältnisse – entsprechend der Veranstaltung elegant zu kleiden". [Was bedeutet eigentlich "elegant", wenn die "Veranstaltung" von Mord und Massaker und Vergewaltigung erzählt?]. Dann nahmen sie auch Platz auf der Tribüne auf den Hartplastiksitzen. Um 20:30 begann die Veranstaltung, um 21:37 war Pause und ein kräftiger Sturm begann gleich daraufhin mit Starkregen bis etwa 23:20 ohne Unterbrechung. Die meisten Zuschauer kamen nach der 40 minütigen Pause [Pausenangebot u.a. Sauermagen Burger] wieder zurück, alle in diese Plastik-Dings-Bums eingehüllt, die beim Einlass zum Preis von EUR 2,00 angeboten wurden. Es blitzte und donnerte. Es wurde auf der Bühne dann gespielt (ohne den Feuereffekt auf dem Photo). Wer Brille trug, hatte einen Nachteil. Aber ein Abbruch der Veranstaltung? Warum denn auch ...
In der Geschäftsordnung der "Festspiele" steht tatsächlich: "Die Veranstaltungen finden auch bei ungünstiger Witterung – z. B. Regen – statt. Der Veranstalter kann witterungsbedingt den Beginn einer Veranstaltung verzögern oder diese unterbrechen. Eine Veranstaltung wird nur dann abgesagt oder abgebrochen, wenn durch extreme Wetterbedingungen (z. B. bei Gewitter direkt über der Veranstaltungsfläche, Hagel, Sturm) eine Gefahr für Leib und Leben der Besucher oder der Mitwirkenden besteht.
Informationen über den Veranstaltungsablauf werden nur am Veranstaltungsort bekannt gegeben. Bitte kommen Sie deshalb auf jeden Fall dorthin."
So gesehen ein kommerzieller Erfolg das Ganze! Die Weggegangenen bekommen den Ticketpreis nicht zurück und - ehrlich - ist es auch nicht so auf Rockfestivals oder Taylor S. Konzerten? Risiko eben. Nur, dass hier Konzentration auf die Handlung [ja es gibt so etwas, schöne Überraschung] und den Text bedingt möglich ist. Schade, Roger Vontobel kann (nicht nur im Sinne von Zielpublikumorientierung) gut und ernsthaft inszenieren, eine Spannung ist zu spüren, es sind ja erstklassige Schauspieler.
Die Einwände gegen den Text kann ich nachvollziehen [die Aufführung gestern scheint ein wenig gekürzt worden zu sein gegenüber der Premierenversion, Ende um 23:30], der Pathos wirkt manchmal zu gewollt, alles wird erklärt und reflektiert, das Ganze ist aber klug gebaut und wohl auch in der 40. Reihe noch einigermaßen verfolgbar. Aber bei Dauerregen dennoch nicht zu empfehlen. Noch mal rein gehen? Dann doch nicht.