Dunkler Nabel der Träume

15. November 2025. Das Land, wo Zuckerwatte und Achterbahnen blühen, liegt im Nabel der Welt. Wer dorthin aufbricht, dem wird einiges abverlangt. Sarah Kilter hat ein poetisches Stück mit kunstvoll konstruierten Assoziationswelten über Migration geschrieben. Anne Habermehl hat es uraufgeführt.

Von Gerhard Preußer

"Mysteryland" von Sarah Kilter (Regie: Anne Habermehl) am Theater Aachen © Thilo Beu

15. November 2025. Unsere Gesellschaft als einen Kreis mit Zentrum und Peripherie zu verstehen, ist passender als die alten Modelle pyramidal organisierter Schichten oder sich überlagernder Milieus. Migranten kommen von außen, nicht nur von unten. Sarah Kilters neues, als Auftragswerk entstandenes Stück "Mysteryland" nutzt dieses Modell von Rand und Mitte, um eine migrantische Biographie in höchst kunstvoll verfremdeter Form auf die Bühne zu bringen.

Das Mysteryland ist ein Disneyland im Nabel der Welt. Dort leben die Menschen mit "Vergnügen und Leichtigkeit". Sarah Kilters Kunstgriff ist, dieses Land auf einige wenige märchenhafte Zeichen zu reduzieren. Dort gibt es eine Achterbahn, Zuckerwatte, ein Märchenschloss und einen Irrgarten. Und eine scharf bewachte Mauer, die das Zentrum vom Rand abgrenzt. So mischen sich die Assoziationsbereiche: Märchen, Kinderträume und aktuelle Politik.

Sehnsucht nach Zuckerwatte

In dieser Modellwelt, die doch intensiv durchsetzt ist mit bekannten Realitätspartikeln, wächst eine junge Frau im Rand auf. Ihr Vater kommt aus dem Zentrum, verschwindet aber bald wieder. Von der Sehnsucht nach Achterbahn und Zuckerwatte getrieben, macht sich diese namenlose "Sie" auf ins Zentrum. Zunächst wird sie als Security angestellt, zur Bewachung der Mauer gegen solche Eindringlinge vom Rand wie sie selbst.

Dann wandert sie weiter ins Zentrum, wo sie es zum "Head of Maskottchen" bringt, also im grotesken Flux (=Fuchs+Luchs)-Kostüm auf Kindergeburtstagen auftreten darf, schließlich sogar einen ausländischen Staatsgast so begrüßen darf. Hier wird Sarah Kilters deutsch-algerischer Hintergrund deutlich: Der greise Diktator ist ganz nach dem Vorbild des algerischen Präsidenten Bouteflika gezeichnet. Als sie endlich Achterbahn fahren darf, stellt sich "Vergnügen und Leichtigkeit" als extreme Übelkeit heraus.

Milchzähne in Dosen

Die zentrale und rätselhafteste Metapher in dieser Kinder-Märchenwelt sind: Milchzähne. Die Kinder vom Rand bewahren ihre ausgefallenen Milchzähne in Döschen auf, die Väter nehmen sie mit ins Zentrum, müssen sie aber zurücklassen, wenn sie in den Rand zurückkehren. Im Zentrum gibt es daher einen Berg aus Milchzähnen. Diese Liebesgaben der Kinder an ihre Väter sind das emotionale Kapital, der Proviant, die sie den entschwindenden Vätern mitgeben und nicht zurückerhalten.

An der Grenze: Sie (Elina Schkolnik) mit Security (Bettina Scheuritzel) und A (Torsten Borm) © Thilo Beu

In Sarah Kilters Stück ist Migration kein politisches Problem, sondern ein emotionales, die Frage, ob Aufstieg ins Zentrum sich lohnt, wo man hingehört, wenn man weder die Sprache des Rands spricht noch im Zentrum als zugehörig betrachtet wird und nur als Maskottchen zur Unterhaltung oder als Werbegag dienen kann. Für eine solche verfremdete biographische Skizze einen passenden Schluss zu finden, ist nicht einfach. Kilter entscheidet sich für leichten Optimismus: Ihre Sie-Figur findet die Dose mit ihren Milchzähnen wieder. Aber nicht den Vater, dem sie sie anvertraut hatte.

Spielfläche als Käfig

Sarah Kilter bearbeitet hier wieder den mühevollen Weg zur Selbstverständigung, die prekäre Identität der in Deutschland geborenen Migrantengeneration wie in ihrem erfolgreichen Stück "White Passing", ebenso wie zahlreiche andere halb-autobiographische Romane dieser Generation, die von den Bühnen aufgenommen wurden (etwa Fatma Aydemir "Ellbogen" und "Dschinns", Necati Öziri "Vatermal", Cihan Acar "Hawaii", Yasemin Önder "Wir wissen, wir könnten und fallen synchron", Dünçer Güçyeter "Unser Deutschlandmärchen"). Kilters Vorzug ist ihre so humorvolle wie poetische Sprache.

Die Inszenierung der Uraufführung von Anne Habermehl muss aber versuchen, diese Sprache szenisch umzusetzen. In weiten Teilen berichtet die Hauptfigur nur von ihren Aufstiegsversuchen. Dialog gibt es nur mit zwei Nebenfiguren, einer Security-Frau an der Mauer und einem Mann am Rand, der sie auffordert zurückzukehren. Die Bühne besteht aus drei altmodischen Telefonzellen und einer Gitterwand, die wie ein Käfig die Spielfläche umschließt.

Schauspielerischer Höhepunkt

Eine sprachlich effektvoll pointierte Kommentarebene bietet ein Chor, der Alltagsbeobachtungen aus verschiedenen Welten gegenüberstellt: Mancherorts, vielerorts, andernorts. "Mancherorts meint man mit dem Satz 'Mein Vater ist ein Arschloch', dass der eigene Vater abgehauen ist und keinen Unterhalt zahlt – Andernorts drückt man damit aus, dass der Vater ein richtig fieser Geizhals ist, weil er wöchentlich nur 30 Euro Taschengeld zahlt und keine 50." In der Aachener Inszenierung werden diese Sätze teils mit Kinderstimmen eingespielt, teils von drei Laiendarstellerinnen in den Telefonzellen in die Hörer gesprochen. So wird das humoristische Erkenntnispotential verschenkt.

Die Inszenierung würde im Erzähltheater versickern, wäre da nicht die Hauptdarstellerin Elina Schkolnik. Sie feuert mit weit aufgerissenen Augen ihre Sehnsüchte und Frustrationen ins Publikum ab, und sie tanzt und liefert noch im monströsen Flux-Kostüm eine ballettreife Show. Wenn sie im Achterbahntaumel von erlöstem Jubel zu hysterischem Geschrei und ekstatischem Zusammenbruch übergeht und schließlich im ramponierten Plüschkostüm am Boden liegend bilanziert "Vergnügen und Leichtigkeit, und ich bin ganz leergekotzt", dann ist das nicht nur der Wendepunkt der Handlung, sondern auch der schauspielerische Höhepunkt des Abends.

Mysteryland
von Sarah Kilter
Regie: Anne Habermehl, Bühne und Kostüme: Christoph Rufer, Video: David Gerards, Licht: Eduard Joebges, Dramaturgie: Dominic Friedel
Mit: Elina Schkolnik, Bettina Scheuritzel, Torsten Borm Chor: Eva Bonse/Luise Höffner, Farnaz Ben Attou, Monika Paar
Uraufführung am 14. November 2025
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.theateraachen.de

Kritikenrundschau

"Kilter zeichnet einen Gegensatz zwischen West und Ost, größer noch zwischen der Westlichen und dem Rest der Welt," schreibt Johanna Dermory in der Aachener Zeitung (18.11.2025). "Migrationserfahrungen werden verarbeitet, ohne diesen ein konkretes Gesicht zu geben oder auf Klischees festzunageln." Hauptfigur "Sie" werde von Elina Schkolnik "überzeugend fordernd, verzweifelt und verloren zugleich" gespielt.  Kilter entlasse das Publikum "am Ende des Abends in eine sozial ungerechte Welt, wie sie manche stärker erleben, manche kaum erleben müssen."

Es sei "spannend", wie Sarah Kilters Stück aus "Märchen- und Spielzeugbildern ein poetisches Universum" schaffe, so Dorothea Marcus im Deutschlandfunk (15.11.2025). Ihre Sprache sei "humorvoll und verdichtet", die Autorin streue aber auch "geradezu intime Zeichen von persönlichem Schmerz" ein. Insgesamt gelinge mit Stück und Inszenierung "ein spannender Perspektivwechsel", so Marcus.

So sehr das alles "nach Konzept" klinge, so Christoph Ohrem im Deutschlandfunk Kultur (14.12.2025), sei dieser Text doch "gut, weil er einen doch berührt und einen nicht langweilt" und "eben nicht das Klischee reißt". Anne Habermehl gelinge ein "kurzweiliger" Abend, habe aber durchaus noch mehr "auf den Text vertrauen können", anstatt das Geschehen mit Situationskomik "aufzuhübschen". Denn gelinge es ihr, den Text so zu Geltung zu bringen, dass er einen angehe, findet der Kritiker.

Das Stück sei ein "sprachliches Virtuosen-Stück", schreibt Michael Kaminski auf Die deutsche Bühne (15.11.2025). Ihr Text vermeide "jeden Anflug von Sozialreportage, rückt das Geschehen gar in die Bezirke des Märchens". Regisseurin Anne Habermehl gelinge mit Elina Schkolnik in der Hauptrolle "Schauspielerinnentheater voll Scharfsinn, Witz und Poesie".

Kommentare  
Mysteryland: Aachen: Formulierungskunst
Sarah Kilter kann formulieren. Diese Stärke trägt das Stück. Jeden Satz, den die drei Damen in den Telefonzellen sprechen, könnte man als Motto zu einem eigenen Essay verwenden. Einerseits …

… andererseits: die Abstraktion der „Handlung“ schafft eine zu große Distanz, als dass wir (ich) emotional gepackt werde(n). Die Folge ist, ein zwar aufmerksames, aber distanziertes Zuhören des Textes, jedoch mit der Gefahr, dass er schnell verblassen könnte in der Erinnerung … immerhin ist es ein Versuch, auch über „migrantische Themen“ zu schreiben ohne das entsprechende Genre „einzusetzen“ (nur eine der Schauspielerinnen in der Telefonzelle wechselt kurz in eine „andere“ Sprache - auch wenn ich es nicht verstehe, was sie sagt, verstehe ich, worum es beim Stück auch geht (Text oder Regie Idee?) …

Die Regie schafft es immerhin, die 85 minütige Aufführung mit „Leben“ zu füllen und auf sich verselbstständigende Einfälle zu verzichten. Sie kann sich auf das Ensemble verlassen und schafft Elina Schkolnik eine schöne Grundlage, ihr schauspielerisches Können zu zeigen.
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